Neuigkeiten 16.08.2017

Alles über Han Hans "Pru pru"

Der in Leipzig ansässige Han Han tritt morgen mit seinem Soloalbum "Pru pru" an die (vorerst nur digitale) Öffentlichkeit und es gibt sehr wahrscheinich nur eine handvoll Leute, die darauf gespannt sind. Neben denjenigen, die sowieso mit ihm bekannt sind, möglicherweise noch die, die ihn mal auf einem seiner ausgewählten Konzerte - damals unter dem Namen Han Han Huhman Man - in Leipzig, Wien oder Sulzbach-Rosenberg sehen konnten. Leider sind das, wie gesagt, nur wenige. Obwohl Han Han Lieder schreibt, die sich allen Vergleichen mit anderen derzeit wieder auf deutsch textenden Musikern entzieht.

Han Hans Konzerte waren für mich immer von einer Eindringlichkeit, wie sie sonst am ehesten in der Musik von Slint und co. zu finden ist oder wie ich sie sonst nur in Filmen über Jugend und Isolation wie »The Reflecting Skin« finde. Das hat zu tun, mit einem Spüren, dass nichts Konkretes, aber irgendetwas zuende und weg ist; ein Gefühl von Anfängen und Enden. Dann wollte ich immer, dass alle anderen das auch hören können, aber ich war mir nie sicher, ob das, was ich gehört habe, in der Form überhaupt da war oder eher eingebildet. Leider gab es nie veritable Aufnahmen, um das weiter zu prüfen – nur mal einen Live-Mitschnitt und einige Aufnahmen von Han Hans früheren Projekte aus der Zeit als er noch in Lüneburg Tierchen aus Suralin geknetet hat: etwa die Phosphene Parties LP, die den Han-Han-Stücken musikalisch bereits recht nahe steht mit ihrer Codeine-Gitarre und den vielleicht von Robert Wyatt inspirierten stimmlichen Erkundungen.






Außerdem weiß ich, dass Han Han David Thomas Broughton, Scott Walker und Mark Hollis mag und, wenn man will, kann man die auf seinem Soloalbum "Pru pru" allesamt raushören. Han Hans Stücke, die live bisher meist nur solo mit Gitarre vorgetragen wurde, werden auf dem Album um Klimpereien, Synthesizer, Noise-Ausbrüche etc. erweitert und klingen doch nach Einzelgänger-Pop.

Ich habe mir Han Han immer zuhause in einer schmucklosen, weißen Wohnung vorgestellt, wo man die meiste Zeit alleine mit seinen paar Gebrauchsgegenständen ist, die dastehen und manchmal vor sich hingluckern, wie die Filterkaffeemaschine, die Han Han schon vor Längerem im Stück »Maschine« thematisiert hat und jetzt im Eröffnungsstück von »Pru pru« wiederauftaucht. Ansonsten sind in diesem imaginären Quartier eine Gitarre und diverse Zweifel über das eigene Verhältnis zu den Nahestehenden: »sich voneinander zu entfernen / um einander kennenzulernen«, »du bist meine Mutter / ich bin dein Vater«. Oder hin und wieder ein paar Betrachtungen mit Abscheu, der aber kein richtig böswilliger ist, da Han Han am Ende immer nur von sich spricht. Das Negative ist in seinen Songs so kleidet, dass ich mich nach Han Hans Konzerten immer irgendwie versöhnt gefühlt habe mit den Sachen, die sonst belastend oder abstoßend sind. (Schließlich weiß ich auch, dass er Max Müller und Jens Rachut mag, bei denen das oftmals schon ähnlich ablief.)

 

 






So ist auch »Pru pru« wie ich es gehofft habe und obwohl die deutschen Texte oft so schwer wiegen, durchgehend schön. Im Abschlusssong, dem fünften Akt, gibt es für alles, was vorher nur Entmutigung versprach, ein paar Zeilen auf portugiesisch, die nach den vielen Widersprüchen und Hemnissen klingen als wäre Han Han aus diesen ganzen Widrigkeiten nun entwunden. Der Trick dabei ist vielleicht sogar ganz offensichtlich. »Conquistadora, colonize me...«