Rezensionen 18.09.2017

Alvvays - Antisocialites [Transgressive / PIAS / Cooperative]

Vor drei Jahren erschien das Debüt der kanadischen Band Alvvays (ja, mit zwei „v“ statt einem „w“); es wurde zur Sommerplatte schlechthin, so bittersüß, aber gleichsam sonnendurchflutet kam es daher. Der Nachfolger zeigt: Auch im Spätsommer funktioniert diese Musik noch ausgezeichnet.

Ein Song, ein Hit: Seit dem Sommer 2014 kommt man auf keiner Indie-Party mehr ohne „Archie, Marry Me“ aus. Auch wenn mir persönlich ja damals das etwas temporeichere, an Belle & Sebastian erinnernde „Adult Diversion“ besser gefallen hatte, konnte ich die Hitwerdung von „Archie“ gut anerkennen. Ohnehin war das tüchtig verdient: Die ungekünstelt himmlisch-hohe Stimme von Molly Rankin über den melodieverliebten, an den richtigen Stellen nach Lo-Fi und in Garagen oder auf weiten Feldern aufgenommenen Betrachtungen klingenden Songs über die Gemeinheit des Liebeslebens zwischen Folk, Pop und Shoegaze: Das war ein großes neues Ding, das da über uns kam, und es holte gleichsam die Typen und die Mädels ab, die Zooey-Deschanel-Mädels, die mit ihrem Pony in der Stirn zur Musterbluse und Schottenrock zu den selbstbemalten Chucks.

So ein Nachfolger kann es nur schwer haben, das ist so sonnenklar wie der Sound, dem Alvvays nach wie vor die Treue halten, und deswegen wollten sie es auch besonders gut machen mit „Antisocialites“, für das sie sich satte drei Jahre Zeit ließen und es uns nicht als Begleiter für den warmen Sommer und die Tage am See an die Hand geben, sondern für die ersten bunten Blätter im goldenen Herbst. Was aber vollkommen klar geht. Denn auch die zehn neuen Stücke finden wieder die perfekte Schnittstelle zwischen First Aid Kit, Belle & Sebastian und The Pains Of Being Pure At Heart. Molly Rankin und ihre Band legen sogar noch eine Schippe drauf, gönnen sich eine Portion mehr Grip und schieben die ganz so arge Verträumtheit einen Schritt nach hinten. Das Rezept geht auf, besonders „Your Type“ oder „Plimsoll Punks“ werden dadurch zu wahnsinnig starken Stücken im Emo-Girlpop. Da werden sich die Spitzenwertungen für den besten Song der Platte mit dem Opener „In Undertow“ teilt.

Auch „Antisocialites“ gewinnt keine Innovationspunkte, das ist völlig klar und das hat die Platte mit ihrem Vorgänger locker gemein, aber es holt definitiv abermals den Schönspieler-Preis für den größtmöglichen Charme, die feinste Melodieverliebtheit und die mitreißendste Hitproduktion des Spätsommers. Schön, dass Alvvays wieder da sind.


Text: Kristof Beuthner