Rezensionen 18.09.2017

Arcane Roots - Melancholia Hymns [Easy Life Records / Red Essential]

So rein von der Quantität her verwöhnt uns das britische Trio Arcane Roots nicht gerade mit seinem Output: In zehn Jahren brachte es die Band auf zwei Mini-Alben und ein reguläres. Doch, und das ist das Entscheidende: Die Qualität zählt. Und was das angeht, ist auch „Melancholia Hymns“ wieder über jeden Zweifel erhaben.

Andrew Groves und seine Jungs beherrschen das gute alte Laut-Leise-Spiel aus dem Effeff, ohne jemals in Verdacht zu geraten, simplen Show-Off zu betreiben. Das sorgte durch das Album „Blood & Chemistry“ und die beiden EPs „Left Fire“ und „Heaven & Earth“ dafür, dass die Band sich in zehn Jahren eine nicht unbeträchtliche Fanbase erspielte und sich die Bühne unter anderem mit Combos wie Biffy Clyro, Muse und Enter Shikari teilte - allesamt Bands, denen Arcane Roots stilistisch durchaus ähnlich sind, ohne sich ihre auch negativen Merkmale angeeignet zu haben. Man stelle sich Biffy Clyro ohne den ganz argen Pop-Appeal, Muse ohne den neu erworbenen Kitsch im Pomp und Bombast und Enter Shikari ohne die wilden Schrei-Attacken vor! Doch weil die Dinge so liegen wie sie liegen, sind Arcane Roots eben nicht nur der kleinste gemeinsame Nenner, sondern die Quintessenz aus all den Qualitäten, die da noch übrig bleiben. Und weil das Trio auf dem völlig zurecht „Melancholia Hymns“ genannten neuen Werk auch noch eine Spur Sigur Rós-Elegie in ihr Oeuvre mischt, klingt die Mixtur inzwischen sogar noch unwiderstehlicher. Unter Zuhilfenahme eines fleißigen Synthesizers, der immer wieder sphärische Ambient-Flächen unter die schleppenden Drums mischt, zu denen Andrew Groves sich mal mit engelsgleicher, mal mit exhaltiert-leidender Stimme um sein Leben singt, bevor sich die Gitarrenwände aufschichten und in sich zusammenfallen, zelebrieren Arcane Roots die pure Katharsis. Zwischen stoischer Ruhe und eruptiven Ausbrüchen klagt und schreit, schwelgt und leidet sich Groves durch zehn auf faszinierende Weise ineinander verwobene Stücke, die von Weltschmerz und Verlust handeln. Elektronische Frickel-Passagen, komplexes Riffing, große Rock-Geste, durchgängig hohe Intensität: „Melancholia Hymns“ packt das alles - ich will nicht sagen „mühelos“, denn dass dieses Album ein ganzes Stück Arbeit war, hört man jedem der zehn Stücke, die Arcane Roots hier übers Herz gebracht haben, in jeder Sekunde an. Dieses Album ist bar jedes hervorstechenden Songs, der in irgendeiner Art „besser“ oder „empfehlenswerter“ wäre als die anderen. Es ist eine hochfaszinierende Tour de Force, an dem jedes Rädchen an der richtigen Stelle sitzt und die in jeder Hinsicht klar macht, wie gut es ist, sich für seine Musik Zeit zu nehmen.


Text: Kristof Beuthner