Artikel 07.06.2011

Butter bei die Fische! - Nillson beim Immergut Festival 2011

Endlich wieder Festival, an einem dieser Wochenenden, die es sehr leicht haben, das bisher schönste des Jahres zu werden. Die Rahmenbedingungen stimmen jedenfalls. Zum Immergut geht's; das Lineup ist vielversprechend und es gibt auch diesesmal wieder ganz viel neues zu entdecken.

Außerdem gilt es dieses Jahr, ein kleines Geheimnis zu entschlüsseln: wer verbirgt sich hinter dem Namen Jane Fonda Trio? Bis dato ist das ein geheimnisvoller Act, der relativ kommentarlos als einer der Headliner in den Timetable geschleust wurde. Bis kurz vor Festivalbeginn ist jedenfalls noch nichts an die Öffentlichkeit gedrungen. Lediglich das Gerücht, dass es sich hierbei um Die Ärzte handeln könne, wurde dementiert. Aber dazu später mehr...

Das Wetter ist unberechenbar. Es sieht aus, als könnte es jeden Moment anfangen zu regnen, und dabei sind wir noch nicht mal auf dem Gelände angekommen. Auf den letzten Metern entladen sich die Wolken dann auf einen Schlag. Dazu Gegenwind. Nach 15 Minuten hört es dann plötzlich auf und irgendwie sind wir spät dran. Wir schaffen es aber trotzdem fast rechtzeitig zu Gisbert zu Knyphausen, der das Festival musikalisch für uns eröffnet. Wir haben Gisbert alle schon auf dem Reeperbahn Festival letztes Jahr gesehen, und wer ihn schon live erlebt hat, weiß eh wie gut er auf das Immergut passt. Er spielt auf dem Birkenhain, der neuen Bühne, die erst letztes Jahr auf dem Gelände eingeweiht wurde. Uns fällt auf, dass die Bühne dieses Jahr nicht mehr ebenerdig ist. Die Distanz zwischen Publikum und Künstler ist dadurch zwar minimal größer, aber das ist die gute Sicht auch in den hinteren Reihen allemal Wert. Der nächste Regenschauer beginnt fast mit Gisberts Schlußakkord. Ein besseres Regentiming gibt es nicht. Als hätte Petrus noch kurz für uns gewartet.

Der Regen wirft unseren Zeitplan etwas nach hinten und wir verbringen den Auftritt von Tino Hanekamp im trockenen Zelt. Nach den nächsten Sonnenstrahlen zieht es uns dann zu Chuckamuck, die auf der Waldbühne spielen. Nach einer Hand voll Songs beschließen wir, erstmal die Gegend zu erkunden. Für einen ausführlichen Eindruck hat bisher irgendwie die Zeit gefehlt. Wir laufen ziellos über das Gelände und versuchen, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Eindrücke aufzusaugen. Es ist wieder warm, die Luft trocken. Es fühlt sich gut an. Es hat sich eigentlich nichts verändert, und das ist durchaus positiv gemeint. Es ist nicht größer geworden, zumindest nicht augenscheinlich. Alles scheint am selben Platz zu sein. Zur Sicherheit kaufen wir uns Regencapes. Vielleicht übertreibe ich ein bisschen, aber ich glaube, genau das war der Moment, an dem sich der Regen wie eingeschüchtert verabschiedete. Es kam zwar hin und wieder etwas Wasser von oben, aber in Mengen in denen man wirklich kein Regencape braucht.

Das geheimnisvolle Jane Fonda Trio wurde mittlerweile in Holden Caulfield umbenannt. Wir sind uns ziemlich sicher, dass es sich hierbei um Bodi Bill handelt. Im Festival-Programm ist die Künstler-Seite mit einem Bild geschmückt, was aus dem aktuellen Video "Brand New Carpet" stammen könnte. Außerdem passt der Song "I like Holden Caulfield" sehr gut zum neuem Decknamen. Das wären zu viele Zufälle auf einmal. Um auf nummer Sicher zu gehen zählen wir die Bandmitglieder kurz durch und kommen zu dem Schluß, dass es ein ein Trio ist. Es muss also Bodi Bill sein. Wir beschließen, dieses Gerücht zu streuen.

Mittlerweile spielt Frank Spilker auf dem Birkenhain, und der Masse des Publikums nach zu urteilen, haben jetzt auch die letzten Besucher ihr Zelt aufgebaut und sich ein Einlassbändchen abgeholt. Der großartige Song "Manchmal sagt man vertraute Sachen vor sich hin" wird mich noch ein paar Tage als Ohrwurm begleiten.

Es bleibt weiterhin trocken. Wir lassen uns von der isländischen Indieband Who Knew in der Zeltbühne beschallen und schauen dem wilden Ausdruckstanz von Darwin Deez und seiner Combo zu. Ra Ra Riot wird dann wie erwartet eines der Highlights des Abends. Das Zelt ist bis zum Anschlag gefüllt und staut die Massen vor sich auf. Die Menge geht gut ab und der Holzboden im Zelt dehnt sich wie ein Trampolin im Takt der Beats.

Die Zeit vergeht viel schneller als sonst; der Freitag ist bereits ein Samstag und Mogwai soll den ersten Festival-Tag sprichwörtlich ausklingen lassen. Ich habe die schottische Postrock-Combo erst vor kurzem in Hamburg gesehen und die Tatsache, dass der reservierte Timetable-Platz in etwa dem des Konzertes entspricht vervielfacht meine Vorfreude. Um es kurz zu machen, sie werden all meinen Ansprüchen gerecht. Ich gebe zu, dass Postrock an sich relativ wenig Potential für eine abgedrehte Bühnenshow hat, aber die einmalige Soundkulisse, die sich dann über die Festivalnacht legt, kann die etwas runtergespielt wirkende Performance viel mehr als nur ausgleichen.

Bodi Bill. Mittlerweile habe ich die erste offizielle Bestätigung im Twitter-Stream von MotorFM gefunden. Nach einem gutem Frühstück und ausreichend Kaffee geht es in die Stadt; ein paar Besorgungen machen. Mit einem ortskundigen Neustrelitz-Insider in unserer Reisegruppe machen wir uns auf den Weg. Leider verpassen wir dadurch das traditionelle Fußballspielen. Wir haben erst später erfahren, dass es dieses Jahr erstmalig bereits am Samstag stattfindet. Ich kann also nichts über das Immergutzocken sagen. Bestimmt war es gut.

Nach unserer kleinen Stadtführung und mit den wohl besten wohl leckersten Pfannkuchen im Bauch (Bäckerei Lange!!) geht es wieder zurück. Durch eine kleine Planänderung verschiebt sich der Auftritt von Touchy Mob etwas nach hinten. Wir nutzen die Zeit um ein wenig über das Gelände zu streifen. Ein bisschen shoppen im Labelzelt, mal kurz bei der Fotoausstellung vorbei und dann noch den letzten Worten der Jürgen Kuttner-Lesung lauschen - die keine echte Lesung ist, wie uns der Herr Kuttner beibringt: lesen können wir ja schließlich auch selber.

Das Gelände füllt sich langsam wieder und Touchy Mob ist schließlich doch noch rechtzeitig angekommen. Es folgt ein wirklich sympathischer Auftritt von einem wirklich sympathischen Herren. Sein Programm wird mit einer spontanen und humorvollen Lesung abgerundet in der er in mehreren Strophen die Nummernschilder der Autos vorträgt die in Kürze abgeschleppt würden, wenn einer der potentiellen Fahrer nicht zufällig unter den Zuhörern weilen sollte.

Unser nächster musikalischer Zwischenstopp soll Herrenmagazin sein; für mich persönlich die beste deutsche Band der letzten Jahre, und das ist keineswegs so dahin geschrieben. Ich habe die Jungs mittlerweile schon so oft live gesehen und ich werde wirklich nicht müde, mir das immer wieder zu geben. Die vier Hamburger treffen musikalisch einfach ins Schwarze und haben mit dem aktuellem Album "Das wird einmal alles dir gehören" auch den letzten Skeptiker überzeugt. Mögliche Restzweifel werden dann allerspätestens auf der Bühne ausgeräumt. Die Menge ist am toben und das Zelt, in dem die Bühne steht, wird schon beim ersten Song auf die bisher härteste Probe des Wochenendes gestellt. Die Band nimmt die Euphorie des Publikums auf und wandelt sie direkt in Energie um. Ein wirklich grandioses Konzert.

Danach brauchen wir erstmal eine kleine Pause und beschließen, Balthazar bei einem "kleinen Snack" am Burgerstand zu begutachten. Außerdem hatten wir längere Zeit kein Bier mehr.

Es ist bereits dunkel geworden und wir schauen den Roadies gespannt beim Aufbauen des Bodi Bill Sets zu. Wir freuen uns über jedes Detail was uns auf den geheimen Künstler schließen lässt, obwohl es längst kein Geheimnis mehr ist. Ich finde jedes Festival braucht einen Secret Act. Das bringt etwas Spannung in den Timetable und fördert die Kommunikation. Nach endlosem warten ist es dann soweit. Bodi Bill on Stage! Mein letztes Bodi Bill Konzert ist eigentlich nur ein Jahr her und ich erkenne trotzdem kaum etwas wieder. Man kann fast von einer Bühnenshow sprechen. Es gibt Requisiten, kleine schauspielerische Einlagen und sogar mehrere kleine Kostümwechsel. Die Jungs sind wirklich gut vorbereitet; die Setlist ist ein sehr guter Querschnitt aus Bewährtem und Neuem und prägt sich als ein wirkliches Highlight in unser Langzeitgedächtnis.

Direkt im Anschluss sorgt Retro Stefson für einen nahtlosen Übergang und zieht die von Bodi Bill infizierte Masse einfach nach Nebenan zur Zeltbühne. Hier gibt es noch keinerlei Anzeichen für ein mögliches Festivalende. Den Ausklang soll dann dEUS aus Belgien auf der Hauptbühne geben. Bei der aktuellen Messlatte eine wirklich schwierige Ausgangssituation. Ich hatte das Gefühl, dass die Band nicht so wirklich als Headliner angenommen wurde. Ich persönlich konnte mich nicht so ganz mit der Musik anfreunden. Aber vielleicht war die Luft an dem Abend auch einfach schon raus.

Das Fazit des Wochenendes wird dann am Folgetag in einer mehrstündigen Zugfahrt Richtung Heimat ausführlich besprochen und in aller Kürze zusammengefasst: Grandioser Auftakt in die Festivalsaison. Danke Immergut. Bleib so wie du bist. Bis nächstes Jahr.

Text und Fotos: Stefan Kracht

Links zum Thema: Immergut Festival