Artikel 11.04.2017

CANDELILLA – Interview zum Tourauftakt

Am anstehenden Osterwochenende starten CANDELILLA ihre Tour zum neuen Album CAMPING [Trocadero/ZickZack]. Anlässlich dessen hat nillson sich mit der Band über die Songs und Texte des neuen Albums und die anstehende Live-Premiere der neuen Stücke unterhalten.

AK: Glückwunsch euch erst einmal zum neuen Album. Ich bin sehr begeistert von CAMPING, zumal das Album für mich vor allem textlich inmittender Veröffentlichungen anderer neuerer deutschsprachiger Bands der letzten Zeit sehr heraussticht. Was mir speziell auffiel, ist eine Selbstbezogenheit, die sich in den zehn Songs ausdrückt. Während andere aktuelle Texte oft mit einen gewissen Appell an geteilte Erfahrungen und manchmal auch Du-Funktionen arbeiten, spiegeln die Texte auf CAMPING, auch wo Du- oder Wir-Formen benutzt werden, offenbar primär persönliche und damit vielleicht eher schwer kommunizierbare Erfahrungen wider. Hattet ihr beim Schreiben dennoch die Hoffnung, dass sich die Hörer*innenschaft in den Texten irgendwie wiederfinden könnte oder ging es tatsächlich vielmehr um die auf sich selbst sich konzentrierende Bearbeitung bestimmter individueller Zustände?

 

C: Ja, das stimmt, auf CAMPING konzentrieren wir uns oft auf einzelne Situationen und Empfindungen, aber wir hoffen schon, dass einige Bilder über das Private hinaus reichen können. Beispielweise die Hook von HAND „Berühre meine Hand / Ha Ha Ha Ha“ können wir schon auch als Aktions-Parole lesen im Sinne von lass uns zusammen los gehen jetzt und wenn dann darauf folgend vier mal nur der erste Teil des Wortes HAND wiederholt wird, dann erzählt das doch auch etwas über das gruselige Gefühl, das starke Parolen verbreiten. Hier bleiben sie Mira im Hals stecken und kommen nicht ganz raus, bleiben auf der Schnittstelle zwischen Sprechen und Schweigen und beschrieben damit doch auch Schwierigkeiten der Rede, gerade wenn es politisch wird. Der Zugang ist eben eher ein sinnlicher.

 


AK: Die Zustände, die ich ansprach, sind auf CAMPING ja vor allem körperliche, was sich schon am Cover, am Musikvideo zu INTIMITÄT etwa oder vor allem auch am Vokabular auf dem Album, welches mir an vielen Stellen sogar deleuzianisch geprägt vorkommt, zeigt. Beim Schreiben geht es mir selbst oft so, dass das Schreiben über Körperlichkeit ein recht naheliegendes Vorgehen ist, da den Texten allein dieses Themas wegen schon eine gewisse Stoßkraft zuzukommen scheint. Soll heißen: Wenn man über etwas von Bedeutung schreiben will, ist es weniger mühsam Lieder und Texte über Körper zu schreiben als etwa über gesellschaftliche oder politische Zustände oder sowas. Dennoch habt ihr euch sicherlich länger mit den Texten auseinandersetzen müssen, um sie in passender Weise mit der restlichen Musik zu verbinden. Ich würde gerne wissen, ob ihr beim Schreiben der Songs direkte Verbindungen zwischen textlicher und instrumenteller Ebene aufzubauen versucht oder ob wie ihr die beiden in Einklang bringt.

C: Bei uns ist es nicht so, dass ein Text da ist und dann wird dazu musiziert. Gerade die Songs auf CAMPING sind über Jahre hinweg entstanden, Text und Musik haben sich aufeinander zu bewegt. Man könnte sagen, dass wir Schicht um Schicht übereinander gelegt haben, oder auch andersherum, dass wir immer tiefer in die jeweilige Situation oder das jeweilige Empfinden eingetaucht sind. Dabei haben sich sowohl die Musik als auch die Texte immer wieder stark verändert. Wir haben schon das Gefühl, dass Text und Musik ziemlich deutlich miteinander kommunizieren. Beispielsweise das durchgehende Alarmsignal das von Keyboard in den Strophen von TROCKEN UND STAUBIG kommt, gibt dem beschriebenen Szenario etwas aufgewühltes, oder die vielen harten Pausen in INTIMITÄT, die auf die Stille zwischen den Hauptwörtern verweisen will. Auch hier ist es dann aber doch nicht so oft ein kausaler Zusammenhang, sondern eher eine Art instinktiver.

 

AK: Im Vergleich zu eurem ersten Album »Heart Mutter«, das aufgrund seiner Vielstimmigkeit und Wechselhaftigkeit fast schon wahnhaft oder psychotisch klang, sind die Songs auf »Camping« im Vergleich, auch wenn es immer noch genug Noise, Rauschen und Verwirrungspotential in ihnen gibt und sie sich ebenfalls nicht leicht und schnell erschließen lassen, doch etwas konzentrierter oder jedenfalls greifbarer. Ich würde gerne kurz wissen, wie die Zusammenarbeit bei der Entstehung der Songs des Albums war und ob das vielleicht damit zu tun hat. Erarbeitet ihr Song-Ideen eher individuell oder als Band oder auch in Zusammenarbeit mit den ausführenden Produzenten Hannes Plattmeier und Tobias Levin?

C: Ja, es war schon eines unserer Ziele ein Album zu machen, das nicht mehr ganz so polyphon ist und sich ein Stück weit tiefer rein traut in einen bestimmten Zusammenhang. Tobias Levin ist ziemlich früh in den Songwriting-Prozess mit eingestiegen und hat die Struktur von Songs wie TROCKEN UND STAUBIG mit geprägt; so linear hätten wir ihn als Vierergruppe sicher nicht stehen lassen können. Wenn ich den Song jetzt - so zusagen - von außen sehe, gefällt er mir sehr gut. Hannes kam erst zu den Aufnahmen selbst dazu und war ein echter Segen für die Produktion.

 

AK: Euer Video zu »Intimität« ist so betont performativ, dass ich gerne fragen möchte, welche Faktoren euch in Hinblick darauf, dass ihr eure Songs demnächst live spielen werdet, beschäftigen. Offenbar habt ihr CAMPING ja auch zu Teilen live eingespielt. Werdet ihr die Songs für die Konzerte abändern? Sind euch Momente des Spontanen beim Spielen der Songs wichtig oder eher das Choreographierte?

 

C: Für die Tour zu HEART MUTTER haben wir uns einen Performance-Gerüst überlegt, das uns irgendwie dabei geholfen hat, in die Musik zu tauchen und sie zu spüren, wenn wir sie live spielen. Das war sicher auch eine Art Schutz, weil wir als Band doch sehr eigen sind und mit einigen Konventionen im Rockbiz nicht ganz konform gehen können. Ob wir für CAMPING choreographieren werden? Wir wissen es nicht nicht so genau, das finden wir gerade raus...

 

CANDELILLA - CAMPING 2017 TOUR
präsentiert von ByteFM, Intro, Musikblog, taz, taz pop blog

15.04.2017 München, Milla (Record Release Show)
16.04.2017 Kusel, Willkommen um Dschungel Festival
18.04.2017 Oberhausen, Druckluft (mit Villages)
19.04.2017 Dresden, Ostpol
20.04.2017 Leipzig, Spnkelue (mit Wambel)
21.04.2017 Berlin, Berghain Kantine (mit Petula)
22.04.2017 Hamburg, Golem
24.04.2017 Erfurt, Frau Korte (mit Ghost Pony)
25.04.2017 Frankfurt, Klapperfeld Ex-Gefängnis
26.04.2017 Nürnberg, MUZ (mit Friends Of Gas)
27.04.2017 Karlsruhe, Kohi
28.04.2017 Saarbrücken, Theaterschiff Maria Helena
29.04.2017 Schorndorf, Manufaktur
01.06.2017 Salzburg (AT), Rockhouse (mit Friends Of Gas)
02.06.2017 Regensburg, W1

Interview: Aiva Kalnina