Fundgrube 24.08.2015

Das allerbeste Festival-Food aller Zeiten der Welt

In diesem Jahr hat es endgültig gekracht in der Festivalszene. Nein, ich rede nicht von dem Konflikt zwischen den Schwergewichten Rock am Ring und Grüne Hölle aka Rock im Revier; das ist doch kalter Kaffee. Ich rede von der Revolution der Gourmets. Auf Festivals kann man nämlich inzwischen richtig gut essen.

Ich erinnere mich noch an mein erstes Festival-Double. Rock am Ring 2005, ein Wochenende später Hurricane. McCain-Fritten, Marios Pizza, Asia-Wok. Acht kleine Frühlingsrollen mit einer Idee Soße für 4 Euro. Beim Hurricane immerhin: Mantaplatte (Currywurst-Pommes Schranke) für 4,50. Fettig, schon auch lecker, aber irgendwie einfach auch vor allem Nahrungsaufnahme um der Sache willen.

Nun hat sich in den letzten Jahren einiges getan in den Köpfen der klugen jungen Menschen dieses Landes. Wer ein verantwortungsbewusster Erdenbürger isst - Verzeihung, ist! -, begnügt sich nicht mit Vegetarismus, sondern speist nur noch vegan, damit Tiere nicht mehr ob ihres Fleisches, sondern auch ob Milch und Eiern ausgebeutet werden brauchen. Tofu und Seitan geben einen ganz guten Fleischersatz, und wer das nicht möchte, isst eben nur Produkte aus Gemüse, Getreide und Soja. Und wenn es schon Fleisch sein muss, dann bitte aus Betrieben, die sich - zurecht! - deutlich gegen die Massentierhaltung positionieren. Der kluge junge hippe Mensch von 2015 ist ein Besseresser. Leider auch manchmal ein Besserwisser, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Gerne jedenfalls soll alles am liebsten regional sein, denn wenn wir schon Fleisch essen, wollen wir auch wissen, wo es herkommt, und wenn es Eier und Milch sein sollen, wollen wir sicher sein, dass die Tiere, die uns ihre Produkte schenken, ein glückliches Leben haben. Massenproduktion stinkt und macht unsere Körper kaputt wegen all der Medikamente im Futter, und Massentierhaltung ist schlimmste Tierquälerei und somit großer Mist. Wir möchten auch keine Zusatzstoffe mehr, sondern haben die Homemade-Kultur für uns entdeckt. Das beinhaltet, dass wir ganz viel selbst herstellen, was dazu führt, dass wir immer ganz genau wissen, was wo drin ist. Das fängt bei pikanten Snacks an und geht natürlich über Kuchen und Cupcakes bis hin zur berühmten Homemade Lemonade. Und wenn es besonders schön aussieht, machen wir ein Foto und posten es bei Facebook oder Instagram. Essen ist Lifestyle und Kochen ist Kunst.

In diesem Jahr nun schießen sogenannte Streetfood-Festivals wie Pilze aus dem Boden. Jede größere Stadt hat eins. Das sieht dann so aus, dass sich regionale Köche mit ihren Food Trucks auf den Weg machen, sich jedes Wochenende woanders hinstellen und den Menschen raffinierte Gerichte für auffe Hand zaubern. Ein Food Truck ist gewissermaßen ein kleiner Lastwagen, auf dessen Ladefläche sich eine etwa 3 m² große Küche mit Verkaufsthresen befindet. Hier werden Burritos, Sandwiches, Burger, Lachs-Döner und andere Großartigkeiten ganz frisch zubereitet. So simpel die Idee, so genial ist sie auch. Die Leute jedenfalls stürzen sich drauf, und können genießen in dem Wissen, auf der guten Seite zu essen.

Die kleinen Festivals wie das Appletree Garden, das Jenseits von Millionen oder das Orange Blossom Special wissen das schon lange. Aber auch die Großen wie das Hurricane oder das frisch aus dem Boden gestampfte A Summer's Tale haben gut aufgepasst. Sie inszenieren das Ganze, passend zu einem Groß-Event, indem sie die Essensstände und -trucks als "Food-Lineup" anpreisen und die einzelnen Stände mit Vorabtexten bedenken wie bei den Bands. Essen ist Hauptattraktion neben der Musik geworden. Eine abgefahrene Entwicklung.

Und nun komme ich ins Spiel. Ich bin nämlich nicht nur ein leidenschaftlicher Koch, sondern auch ein leidenschaftlicher Esser. Wenn man mir eine so große Auswahl an verschiedenen Speisen bietet, dann muss ich probieren. Alles. Immer. Nur an den Lachs-Döner vom Rauch Zeichen-Stand - im Fladenbrot mit Honig-Senf-Soße und frischem Gemüse - habe ich mich noch nicht so recht herangetraut (Erfahrungswerte bitte mitteilen! Muss ich das probiert haben?).

So viel kulinarischen Input kann ich nicht für mich behalten. Darum präsentiere ich euch jetzt die Top 10 meiner größten Festivalsommerdelikatessen. Und, bevor ihr euch wundert: Nein, nicht zu allem gibt es ein Foto. Erstens lebe ich nicht nach der Prämisse, dass Dinge erst wahr werden, wenn es ein Foto von ihnen gibt. Und zweitens bin ich eigentlich Musikschreiber und kein Food-Stylist.

Also: Die Hitliste. Mit Altbekanntem und aufregend Neuem, mit Fleisch und Tofu und Seitan und allem, was dazu gehört. Schade nur, dass der Festivalsommer vorbei ist und ihr erst nächstes Jahr wieder die Gelegenheit haben werdet, das alles zu probieren. Aber erstens denke ich, dass die Entwicklung zu besserem Essen auf Festivals sogar noch zunehmen wird (wie wir, wenn wir das alles essen!), und zweitens ist doch Vorfreude bekanntlich die schönste Freude. Guten Appetit!

Außer Konkurrenz: Quarkerei

Eine riesige Schlange beim Hurricane Festival. Ich bin neugierig und schaue mal nach: Für Quaaaak. Wie bitte? Jawohl: Hier kann man sich seinen Quarkbecher entweder selbst zusammen stellen oder aus vorgedachten Mixturen wählen. Mit frischen Früchten, verschiedenen Soßen, Cookies, Krokant, Schokoladensplittern und so weiter. Für Eis-Ersatz-Sucher auch als Frozen Quark erhältlich. Geschmacklich der Wahnsinn. Man könnte den ganzen Tag damit zubringen, sich neue Kombinationen auszudenken. Trotzdem außer Konkurrenz, weil eher Nachtisch. Aber somit umso besser geeignet als Add-On zu jedem der zehn folgenden Gerichte.

Platz 10: Nice Fries

Beginnen wir die Top 10 vegan. Im Foodtruck der Nice Fries-Menschen werden handgeschnitzte Pommes zusammen mit Blumenkohl, Möhren und Champignons extrem lecker gewürzt und dann frittiert. Man kann aus verschiedenen Soßen wählen, mein Favorit ist natürlich Erdnusssoße, weil die einfach alles kolossal aufwertet. Veredelt wird das Ganze dann noch mit frischer Petersilie. Es gibt drei unterschiedliche Portionsgrößen, das Problem ist leider nur, dass nicht einmal die große Portion wirklich satt macht. Aber: Für einen Snack zwischendurch sind die Nice Fries definitiv eine super Wahl.

Platz 9: Falafel

Das hat sich lange gehalten und ist ob des zunehmenden Veganismus mehr up to date denn je. Falafel aß ich beim Hurricane 2005 zum ersten Mal und seitdem in immer unterschiedlichen Variationen auf verschiedenen Festivals. So gelange ich bei Falafel zu der EInschränkung, dass nur dieser sechseckige gelbe Stand, auf dem "Das Original aus dem Libanon" steht, es wirklich beherrscht, die Dinger richtig lecker zu kombinieren. Das geht so: Wrap, Harissa (für mich gerne viel!), eingelegte Gurken, Tomatenscheiben, Falafel, Sesamsoße, ganz viel frische Petersilie. Aufgerollt, fertig. Wenn ihr diesen Stand auf einem Festival seht: Hin da. Sofort.

Platz 8: Handbrot

Das Handbrot müsste grundsätzlich eigentlich auf Platz 1 stehen. Es gibt Abzüge dafür, dass es inzwischen in der Festivalszene derartig weit verbreitet ist, dass es eigentlich schon nichts besonderes mehr ist. Für die, die es noch nicht kennen: Brotteig, gefüllt wahlweise mit wahnsinnig viel Käse und Schinken oder wahnsinnig viel Käse und Champignons, zusammen gebacken. Ein Klecks Sour Cream und Schnittlauchröllchen drauf. Fertig ist das Festivalessen, dass am nachhaltigsten sättigt und auch was fürs Auge ist: Dieser geschmolzene Käse und wie er sich so herrlich in Fäden ziehen lässt, ist pure Food-Erotik.

Platz 7: Banh Mi

Wiederholt fand ich in diesem Sommer Food Trucks mit vietnamesischem Street Food, zum Beispiel von "Kiezküche" aus St. Pauli. Beim Haldern Pop gab's das ausschließlich vegan, ansonsten sind auch Kombinationen mit Rind- und Hühnchenfleisch möglich. Also angestellt, gegen das Curry und die Teigtaschen entschieden. Banh Mi klang klasse und war es auch: In einem Reismehlbrot, getoastet, finden sich frittierter Tofu, eingelegtes Gemüse, Salat, gebratene Zwiebeln, frische Kräuter und Chili-Soße und ergeben eine echte Geschmacksexplosion (dass ich so etwas mal über Tofu sagen würde, hätte ich vorher auch nicht gedacht. Aber frittiert ist ja fast alles genial). Der einzige Haken am Banh Mi ist, dass es leider nicht so recht sättigt und somit auch eher was für den feinen Gaumen ist als für den großen Festivalhunger.

Platz 6: Langos

Vorsicht, jetzt wird's fettig. Die nächste Spezialität kommt aus Ungarn und ist nichts für Leute, die zu Sodbrennen neigen, dafür aber ein umso besseres Katerbekämpfungsmittel. Ein frittierter Teigfladen, bestrichen mit Knoblauch-Öl und saurer Sahne und dann bestreut mit allem, was glücklich macht. In meinem Fall: Ungarische Salami und geriebener Käse. Geht aber auch in süß mit Nutella oder Puderzucker. Macht wahnsinnig satt, schmeckt unglaublich lecker. Nur hat man das Gefühl, beim Essen den kompletten Fettgehalt eines ganzen Wochenendes zu sich genommen zu haben. Egal. Ist Festival.

Platz 5: Holy Dogs

Zu Hot Dogs auf Festivals habe ich seit dem BootBooHook 2009 eigentlich ein ganz besonders inniges Verhältnis. Da gab es damals Toms Original Hot Dogs, einen kleinen roten Wagen, bei dem man 2,50 Euro bezahlte und sich alles an Relishes, Soßen, Gemüse und sonstigen Goodies selbst drauflegen konnte. Perfekter ging Preis-Leistungs-Verhältnis nicht, und dazu schmeckte es auch noch königlich. Seit 2011 habe ich nicht mehr so gute Hot Dogs auf einem Festival gegessen. Bis in diesem Jahr auf dem Appletree Garden bei "Holy Dogs": Im selbstgebackenen Hot-Dog-Bun liegt eine Rinderhack-Rolle an fruchtiger Salsa, Guacamole und Salat und wird bestreut mit Chili-Fäden. Der Santamaria: Definitiv der beste Hot Dog dieses Sommers.

Platz 4: Seitan Burger

Beim Jenseits von Millionen in Friedland gibt es die herrlichen Seitan-Burger. Für die, die nicht wissen, was Seitan ist: Das ist Weizenfleisch, gut gewürzt, schwer verrufen unter dem Motto: "Ey, entweder ihr esst Fleisch oder ihr esst keins, diese Imitationen sind doch Selbstbetrug". Schmeckt so ähnlich (und sieht auch so aus) wie gehobeltes Schwarzbrot, was jetzt erstmal nicht lecker klingt, im Baguette mit Tomaten- und Senfsoße, Salat, Essiggurken, Apfelscheiben, gebratenen Zwiebeln und Chili aber ungelogen echt der Hammer ist. Vor allem, wenn es am Ende noch mit einem Löffel voll Knoblauchöl beträufelt wird.

Platz 3: Harakiri Burger

Beim Orange Blossom Special steht der Camp Burger-Wagen. Hier wird die Liebe zum Burgerbraten voll ausgekostet: Alles Bio, alles nachhaltig, alles sehr hingebungsvoll. Da wird jede Tomaten- und jede Gurkenscheibe einzeln kunstvoll zwischen die Fladenbrothälften drapiert, so dass man sich fürs Anstehen gerne eine Band im Lineup aussuchen darf, die man nun nicht ganz so unbedingt sehen muss. Aber ohne Flachs, allein der Harakiri-Burger ist es wert: Rindfleisch (auf Nachfrage auch gerne zwei Lagen!), süße Chili-Soße, Ananas-Aioli, Tomaten, Gurke, Röstzwiebeln und Sojasprossen. Was für eine wahnsinnig gute Kombination. Nachschärfen? Klar, hausgemachte Extra-Soßen stehen am Thresen bereit. Sogar meine geliebte Erdnuss-Soße! Gibt's auch mit veganem Bratling (auf Nachfrage gerne auch zwei Lagen!).

Platz 2: NYC Sandwich

Über das Summer's Tale kann man sagen, was man will, aber das Food-Lineup, wie man ja mittlerweile so schön sagt, ist der absolute Wahnsinn. Man setzt ausschließlich auf regionale Anbieter, wie den Degenhof aus dem nahen Egestorf. Und da bekam ich das sogenannte NYC Sandwich, und es haute mich völlig aus den Socken: Baguette mit hausgemachter Koriander-Mayonnaise, dazu Salat, Bourbon BBQ- und Chilisoße, aber dieses Fleisch! Pastrami, also ganz fein geschnittenes und ewig lange niedrig gegartes Rindfleisch, wahnsinnig gut gewürzt (man wollte mir nicht verraten wie), und wirklich derartig zart, dass es auf der Zunge zerging. Wenn ich Essen heiraten könnte, würde ich das NYC Sandwich ehelichen...

Platz 1: Pulled Pork

...und es ziemlich sicher mit der Nummer 1 betrügen. Pulled Pork. Allein beim Gedanken daran läuft einem das Wasser im Mund zusammen, sofern man kein Vegetarier oder Veganer ist: Schweinefleisch, zwei Tage mariniert und dann 18 Stunden lang im Smoker bei niedriger Temperatur gegart. Dadurch wird das Fleisch so zart, dass man es mit der Gabel abzupfen kann - daher kommt dann auch der Name. Das Fleisch wird alsbald mit einer speziellen BBQ-Soße vermengt und mit Cole Slaw, diesem amerikanischen Krautsalat, und Aioli in ein Brioche-Brötchen gebettet. Das sieht leider nicht atemberaubend aus, und es zu essen ohne dass die Hälfte herunterfällt oder -tropft ist schier unmöglich, aber die Leckerness ist einfach komplett ohne ernsthafte Konkurrenz.

Lasst es euch schmecken!
Der nächste Sommer kommt bestimmt.

 

 

Text und (ähem) Fotos: Kristof Beuthner