Artikel 24.08.2010

Der öffentliche Raum ist die Leinwand

Streetart verwandelt die Stadt in eine urbane Zauberwelt. Doch was will dieses "neue" Kunstphänomen und wen kann es erreichen?

Ein kleiner Waschbär steht mit Zylinder und Gehstock in einer Nebenstraße. Er hält seinen Stock in die Höhe und wirkt ein bisschen, wie ein alter Mann, der sich mal wieder über die laute Jugend beschwert. Keine drei Straßen weiter ruft die knallgrüne Schildkröte, dass sie keine Zeit zum hetzen hat - und das gerade in einer Fußgängerzone, die die Verbindung zwischen Einkaufsstraße und Post bildet. Geht man diese Einkaufsstraße hoch, sieht man einen riesigen Wasserhahn, der pinkes Wasser auf die Straße gießt. Und in einem kleinen Park kriecht eine herrenlose Hand unter einem Stein hervor und hält protestierend eine Spraydose in der Hand. 

Eine urbane Zauberwelt, in der Tiere an den Häuserwänden herumklettern, kleine Mädchen freche Sprüche deklamieren und dunkle Gesichter in fast jeder Einfahrt lauern. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um die Straßen aus einem Märchen, sondern um Hamburgs Straßen und Einfahrten. 

Neben den zahlreichen Werbestickern, Antifa-Plakaten und Graffitis versucht sich noch etwas an den Häuserwänden, gepflasterten Straßenzügen und Haustüren durchzusetzen: Streetart. Kunst im urbanen Raum. Und wie es in der heutigen Zeit gang und gebe ist, sind auch der Streetart kaum Grenzen oder Regeln auferlegt. Alles kann Streetart sein, vom aufgesprühten Spruch bis zur aufwendigen Outdoor-Installation. Anonym oder mit Künstlernamen versehen, provokant-öffentlich oder so platziert, dass es nur der aufmerksame Fußgänger sieht. Und plötzlich scheinen auch immer mehr Menschen aufmerksam zu werden: Galerien laden Streetart-Künstler ein, die Redaktionen der Feuilletons suchen nach Interviewpartnern und große Firmen, wie z.B. Sony, versuchen Streetart als kommerzielles Werbemittel einzusetzen. 

Doch wen will Streetart eigentlich erreichen und welche Neuerungen und Kulturentwicklungen bringt dieses Kunst-Phänomen mit sich?

Der Streetart-Künstler wartet nicht darauf, dass sich eine Galerie dazu "herablässt", seine Werke auszustellen, er hofft nicht auf Förderer, er druckt keine Einladungen für seine Vernissage und er fragt meistens nicht um Erlaubnis. Er nimmt sich einen Raum, der uns allen gehört: den öffentlichen. Und fungiert somit gleichzeitig ganz nach dem Motto: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg kommen. Denn Hand aufs Herz, der Gang ins Museum, ins Theater oder gar zu kleinen Off-Theater- und -Galerieveranstaltungen scheint immer schwerer zu werden, und somit bleiben die Besucherzahlen meist überschaubar. Moderne Kunst scheint sich auch immer mehr dem Verständnis der meisten Zuschauer zu entziehen oder aber der Wille, dem Kunstobjekt aufmerksam, reflektierend und zeitintensiv entgegenzutreten nimmt ab. Diesem Trend scheint die Streetart-Bewegung entgegen zu wirken. Sie trifft den Zuschauer dort an, wo er eigentlich nicht mit Kunst rechnet - oder wenn überhaupt, dann nur mit irgendwelchen protzigen Bronzemahnmalen: auf seinem Arbeitsweg, beim Spazierengehen oder dem wöchentlichen Großeinkauf. Genau mit diesem Umstand spielen viele Streetart-Künstler. Sie versuchen den stumpfen Blick des Alltagsgefangenen mit bunten Motiven- die oft an Comic- oder Pop-Art erinnern- zu fangen, provokante Sprüche sollen die ewiggleiche Gedankenwelt aufwühlen und Installationen versperren manchmal sogar den gewohnten Weg. Somit wird der urbane Raum wieder entdeckenswert, unser Blick - schon längst durch das Überangebot von Werbung verschleiert - wird wieder geschärft für unsere Umwelt und ganz nebenbei beginnt man plötzlich, sich mit seiner Umgebung, seinem Lebensraum, seiner Stadt auseinander zu setzen. Und genau dies sind häufig die Hauptpunkte der Streetart: 

die Stadt als Lebensraum, Gentrifizierung und Kommerzialisierung.

Streetart ist in vielen Fällen auch etwas Politisches. Alleine der Umstand, dass sie meistens im Aktionsfeld des zivilen Ungehorsams geschieht, gibt ihr einen politischen Beigeschmack. Somit braucht es gar keine provokanten Forderungen, Streetart sucht sich seinen Weg eher über eine verspielte Art des Protests. Protestplakate und wütende Aufschreie überlässt man den radikalen Gruppierungen und versucht eher mit Charme, Mut und Kreativität vorzugehen. 

In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts begann Kunst abseits von kommerziellen Medien zu funktionieren. Performancekunst, Rauminstallationen und vergängliche Materialien gaben dem Zuschauer die Möglichkeit etwas zu "konsumieren", was sich nicht besitzen lässt. Geld machte der Künstler nicht mehr durch den direkten Verkauf seiner Kunstwerke, sondern durch Eintrittsgelder und Förderer. Mit Streetart entwickelt sich auch eine Kunst abseits von kommerziellen Vorstellungen, sie ist unverkäuflich, es wird kein Eintritt genommen und jeder kann sich zu ihr Zugang verschaffen. Somit ist Streetart in ihrer Form absolut sozial und klassenübergreifend, denn selbst wer auf Grund seiner persönlichen Entwicklung und seines Umfeldes nie mit Kunst in Berührung gekommen ist, findet nun einen leichten und oft unaufdringlichen Kontakt zu ihr. Sie wird Teil seines Lebens, indem sie sich heimlich und illegal in seinen öffentlichen Interaktionsraum schleicht. Streetart zeichnet sich auch durch ihre extreme Vergänglichkeit aus (viele der Objekte sind nur ein paar Tage zu sehen, bevor sie jemand entfernt oder die Witterung ihnen zusetzt).

Es geht nicht darum, ein Kunstwerk zu schaffen, was Jahrzehnte überdauert. 

Unsere Zeit ist schnelllebig und wechselhaft und Streetart ist es auch. Viele Blogger haben es sich zur Aufgabe gemacht, Streetart zu suchen, zu fotografieren und in ihren Blogs "auszustellen". Somit bekommt Streetart eine weitere, noch uneingeschränktere Zugangsweise und eine dauerhafte Plattform. Völlig kostenlos und international im Netz. Allerdings beruht ihr wahrer Charme natürlich auf der visuellen Entdeckung des tatsächlichen Kunstwerks. Oft ist der Moment, in welchem man an einem grauen Tag in einer noch graueren Straße ein kleines buntes Bildchen entdeckt ein magischer.

Streetart verwandelt unsere Umgebung in eine Zauberwelt, es gibt endlich wieder Dinge zu entdecken. Dinge, über die man nachdenken kann aber nicht muss. Dinge, die nicht unbedingt einem Zweck folgen, die einem zu nichts überreden wollen, die wie Blumen sind: am schönsten ist es, sie einfach nur anzuschauen, man kann sie nie wirklich besitzen, denn reißt man sie aus, verlieren sie sehr schnell ihren Charme, ihre Schönheit und auch ihre Bedeutung.

Text und Fotos: Lasse Scheiba

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