Rezensionen 28.09.2014

Die Sonne - Die Sonne [Tapete / Indigo]

"Ich hab mich neu erfunden, jetzt steh ich außer Konkurrenz". Nein, die von Nillson seit jeher heiß geliebten Wolke haben sich nicht aufgelöst. Sie haben sich nur in einen neuen Kontext gestellt. Der Himmel ist nicht länger verhangen, es scheint für Sie: Die Sonne.

Es ist ja eigentlich ganz einfach: Nach dem letzten Wolke-Werk "Für immer" haben Benedikt Filleböck und Oliver Minck in gewohnter Akribie an neuen Songs gefeilt und bemerkt, dass diese neuen Lieder sich in einem ausgefüllten Band-Aufgebot einfach viel besser, voller und richtiger anhören als im altbekannten und - wie gesagt - heiß geliebten Drummachine-Piano-Sound. Boris Rogowski, Roland Münchow und Claus Schulte rückten mit E-Gitarre, Bass und Schlagzeug hinzu und fertig war Die Sonne, eine völlig folgerichtige Bandnamenerweiterung, wenngleich auch natürlich nicht ganz unironisch, so wie man das schon von Wolke kannte und - wie gesagt - liebte. Das fängt beim Cover-Artwork an, das keinesfalls in sonnig-warmen Gelbtönen erstrahlt sondern in kühlem Schwarzweiß. Und einer solchen Platte ein Stück wie "Neu erfunden" voranzustellen, in dem derartig süffig ein ganzheitliches Makeover zelebriert wird, ist ein zuckersüßes Bonbon für alle Rezipienten, die genau solche Sätze über eine Band sagen wollen, die einmal Wolke hieß und nun Die Sonne heißt. Textlich dreht sich das Album um den Minck und Filleböck so eigenen Kosmos aus (Lebens-)Weltbetrachtung, Herzschmerz und Gesellschaftsverdruss ("Wir sind Touristen, wir schauen uns das alles hier nur an, [...] Die ganze Welt ist nur Kulisse"). In Gestalt einer Taube visualisieren die beiden erlebte Ausgrenzung und Lebenslust gleichermaßen, in "Der Nebel" macht sich der Tod in Gestalt eines Krokodils bemerkbar, das unaufhaltsam auf dich zukriecht und dich zärtlich verspeist. Erlösung verspricht Jesus Christus in persona, der einen schließlich am aller-aller-aller-allerliebsten hat - ein Song, der in seiner süßlichen Vertrauensseligkeit fast schon schmerzhaft ist.

Natürlich klingt der Sound voller und satter und intensiver, allein die Mariachi-Bläser auf "Es gibt Gründe" waren die Bandwerdung wert. Vielleicht ist es aber auch total müßig, überhaupt über so etwas wie Bandwerdung und eventuelle Umstrukturierung zu fabulieren, denn im Vordergrund steht, dass Oliver Minck einem mit seiner wundervoll-intensiven Sing-, nein, Erzählstimme immer noch alles versprechen und wieder wegnehmen kann, und dass er einfach einer der feinsten Beobachter und Texter ist, den wir hierzulande haben. Ob das dann Wolke heißt oder Die Sonne ist ja im Grunde nur für die alphabetische Sortierung im Plattenregal wichtig. Das hier ist wieder ein Album, das lyrisch in seiner unermesslich hohen Wertigkeit nahtlos an alles, was wir von Wolke kannten, anknüpft und musikalisch über jeden Zweifel erhaben ist. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. So soll es immer bleiben.


Text: Kristof Beuthner