Artikel 19.02.2017

"Egal, was kommt. Das war es wert." - Apples in Space im Interview.

Es gibt ein Wort, das immer genau dann ins Spiel kommt, wenn es darum geht, Bands, Platten und Musik zu bewerten oder in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Dieses Wort heißt Authentizität. Authentisch zu bleiben, wenn die große Vermarktungsmaschine anläuft und viele Menschen von einem Tag auf dem anderen wissen, was für einen selbst am besten ist – das ist wohl eine der zentrale Herausforderung für junge Bands. Musiker, die genau wissen, welchen Weg sie gehen wollen, haben es da einfacher. Sie sind weniger anfällig für scheinbare Verlockungen des Marktes. Selbstbewusstsein ist das Stichwort.

Apples in Space sind Julie, Phil, Janusz und Jonathan. Sie haben vor wenigen Monaten ihr zweites Album "The Shame Song" veröffentlicht, das es auf Platz 23 unserer Jahrescharts schaffte. Eine LP über Schicksalsschläge, Tragödien und darüber, trotz allem auf dem richtigen Weg zu bleiben. In "The Shame Song" spiegelt sich genau das Selbstbewusstsein wider, das Bands hilft, ihren Turn zu machen. Apples in Space nehmen die Aussagekraft des Folks und kombinieren sie mit der Wut des Punks. Das Ergebnis ist eine Platte mit immens hohem Wiedererkennungswert.

Wir haben die Apples zum Interview in einer Kneipe in Berlin-Moabit getroffen. Es war ein Abend mit viel Bier und guten Gesprächen über die Euphorie des Moments, über Masterpläne und ein mysteriöses Hotel in London. Aber lest selbst:

Eurem Album merkt man an, dass euch besonders die Lyrics sehr wichtig sind. Warum ist das so?

Phil: Die Texte sind tatsächlich das, woran wir am längsten arbeiten. Es gibt vielleicht ein, zwei Songs aus der Vergangenheit, hinter denen wir textlich nicht stehen. Aber grundsätzlich gilt: Eine Zeile, hinter der wir nicht komplett stehen, wird auch nicht veröffentlicht. Deswegen sind wir auch eher langsame, bedächtige Songwriter.

Julie: Wenn ich sagen müsste, was mein Beruf ist, würde ich "Autorin" sagen. Musikerin bin ich natürlich auch, aber erst in zweiter Instanz. Songwriting ist für unsere Generation das, was für die Generationen vor uns Prosa oder Lyrik waren. Mit Lyrik kann man heutzutage kein großes Publikum mehr erreichen, mit Songwriting schon. Viele unserer Songs haben einen gesellschaftlichen und politischen Stellenwert. Unser Ziel ist es, damit möglichst viele Menschen zu erreichen. Songwriting ist für uns eine großartige Methode, Sachen loszuwerden, die uns stören und die wir die Menschen hören lassen wollen. Es ist wirklich nicht die richtige Zeit, um sich hinter intellektuellen Phrasen zu verstecken, da sehr viele Sachen falsch laufen. Songs können mit einer einfachen Sprache viele Menschen erreichen. Wenn man eine Stimme hat, sollte man sie auch nutzen.

Politisches Songwriting steht ja in einer sehr langen Tradition. Auch bei euch gibt es viele Anleihen aus der klassischen "Protestsongkultur". Welche Künstlerinnen und Künstler inspirieren euch?


Phil: Da unterscheiden sich tatsächlich unser erstes und unser neues Album elementar. Bei dem ersten hat definitiv Leonard Cohen eine große Rolle gespielt. Bei "The Shame Song" hatten Julie und ich unterschiedliche Einflüsse. Ich habe zum Beispiel viel The Smiths und Morrissey gehört.

Julie: Janusz und ich mögen The Smiths nicht sonderlich.

Phil: Ich mag sie auch nicht mehr, nachdem ich wieder mal eine furchtbare Story über Morrissey gehört habe. Ich höre nur furchtbare Stories über Morrissey. (lacht) Eine große Inspiration für das Album waren für mich auch die Violent Femmes. Wir wollen den Inhalt vom Folk und die Energie vom Punk transportieren. Deswegen gibt es tatsächlich auch einige Parallelen zu 90er Jahre Folksachen, wie z.B. Neutral Milk Hotel oder The Weakerthans.

Julie: Das unterscheidet sich aber wirklich von Bandmitglied zu Bandmitglied. Als wir letzten Herbst angefangen haben, an dem neuen Album zu arbeiten, habe ich drei Sachen sehr intensiv gehört: Lou Reed, Velvet Underground und Elliot Smith. Alles drei hat mich sehr beeinflusst. Bei Janusz waren das aber ganz andere Bands...

Janusz: Bevor ich mit Apples in Space unterwegs war, habe ich sehr wenig mit Indie- und Folkmusik zu tun gehabt. Elliot Smith kannte ich gar nicht. Von The Smiths hatte ich schonmal gehört, mochte sie aber nicht sonderlich. Ich höre eigentlich eher Punk- und Modsachen, die rhythmisch schnell, aber auch melodisch sind, wie The Jam und The Lambrettas oder The Clash. Und dann gibt es immer wieder Bands, auf die wir alle uns sehr gut einigen gucken, wie zum Beispiel Pixies. Für mich ist es sehr bereichernd, in einem für mich neuen Genre unterwegs zu sein und in diesem Genre mit den unterschiedlichen Einflüssen, die wir haben, unseren ganz eigenen Sound zu kreiieren. Wichtig ist, dass wir uns alle mit der Musik wohl fühlen und komplett hinter all dem stehen. Das ist der Fall.

Nachdem Julie und Phil vorher ja längere Zeit als Duo unterwegs waren... Was war der ausschlaggebende Grund für dich, Janusz, bei Apples in Space einzusteigen?


Janusz: Das wichtigste war, dass Jonathan, Julie und Phil schon ewig lang meine Freunde sind. Jonathan kenne ich am längsten. Wir waren zusammen in der Schule. Phil habe ich mit 16 kennengelernt und Julie, als sie nach Berlin gekommen ist. Das war 2010, bevor es anschließend Julie und Phil gemeinsam gab. Es ist großartig, wenn man nicht nur zusammen in einer Band spielt, sondern auch befreundet ist. Zu dem Zeitpunkt, als die beiden mich gefragt haben, ob ich dabei bin, lief mein Studium nicht gut. Ich hatte Bock, neue Weichen zu stellen und Musik hatte ich ohnehin immer gemacht. Mit Menschen, die ich sehr gerne mag, gemeinsam Musik zu machen, war dann einfach konsequent.

Ich musste bei eurer Musik direkt an einen Soundtrack für einen Arthouse-Film denken, weil jeder Song eine besondere Stimmung und Bilder transportiert. Habt ihr beim Songwriting schon bestimmte Bilder im Kopf, die euren Sound zu dem machen, was er ist?

Phil: Tatsächlich ist es ein großer Traum von uns, Filmmusik zu machen. Wir arbeiten momentan viel mit jungen italienischen Regisseurinnen und Regisseuren zusammen. Die eine Regisseurin arbeitet zur Zeit an ihrer erstem Spielfilmproduktion und da wären wir sehr gerne mit unserer Musik dabei. Julie und ich sind große Filmfans, vor allem des Film Noir. Unser letztes Album war ziemlich noirinspiriert

Julie: Wenn ich nicht weiß, wie etwas geht, probiere ich es einfach aus. Für mich spielt der Do-It-Yourself-Gedanke eine große Rolle. Es ist nicht so, dass ich diese oder jene Bilder produzieren oder transportieren möchte. Das entsteht alles im Prozess. Es startet immer mit Emotionen. Emotionen sind mein Initialpunkt, um Songs zu schreiben. Und dann fühlt sich ein bestimmter Weg einfach richtig an.

Phil: Es gibt Songs, die tatsächlich aufs Visuelle zugespitzt sind und andere Songs entstehen einfach so, ohne dass wir vorher ein visuelles Grundgerüst im Kopf haben. Ich sammle zum Beispiel ganz häufig Zeilen, die mir einfallen, wenn ich spazieren gehe, und verwerte sie, wenn es passt.

"Manor Hotel" von eurem neuen Album ist so ein Stück, das für mich sehr gut eure Art des Songwritings reflektiert. Die Referenz zum Chelsea Hotel in New York, in dem viele großartige Songs in der Künstlergemeinschaften Künstlerinnen und Künstlern entstanden sind, ist da bestimmt ganz bewusst gewählt. Wie ist die Geschichte zu diesem Song?

Phil: Als wir noch zur Schule gingen, sind Julie und ich gemeinsam nach London gefahren, um zu einem Konzert in der Royal Albert Hall zu gehen. Das einzige Hotel, das wir uns leisten konnten, war das "Manor Hotel". Das sah aus wie eine Opiumhöhle und hatte etwas von einem Sherlock-Holmes-Film. Nachts haben Leute an unsere Tür geklopft, wir haben aufgemacht, aber niemand war da. Solche ungewöhnlichen Sachen sind dort die ganze Zeit passiert. Wir haben noch in London beschlossen, dass wir irgendwann mal einen Song à la "Chelsea Hotel No. 2" über dieses Hotel schreiben werden.

Die Protagonisten im damaligen Chelsea Hotel hatten immer eine gewissermaßen "kaputte", vom Leben gezeichnete Aura, fühlten sich selbst irgendwie fehl am Platz. Glaubt ihr, dass es diese Perspektive von Außenseitern braucht, um gute Musik zu schreiben?


Phil: Ja. Julie und ich haben ja in Oslo auch eine Weile auf der Straße gelebt und da waren Punkte in unserer beider Leben, an denen vieles auf der Kippe stand. Deswegen trifft das gut zu und diese Mittellosigkeit und Außenseiterrolle kann immer auch einen Kreativschub bringen.

Inwiefern ist für eure Kreativität und euer gemeinsamen Wachsen eine Band wie Element of Crime wichtig, mit der ihr auf Tour wart und auch bei Produktionen zusammengearbeitet habt?


Julie: Puuh, wo soll ich anfangen? Bevor Element of Crime sich entschieden haben, uns als Support mit auf ihre Tour zu nehmen, hatten Phil und ich so gut wie keine Konzerte zusammen gespielt. Wir hatten gerade einmal eine EP als Apples in Space veröffentlicht und überhaupt keine Vorstellung davon, was uns auf einer Tour erwartete. Auf einmal spielten wir in diesen großen Hallen mit einer Band, von der ich zuvor niemals gehört hatte. Eine der ersten Sachen, die sie mir gesagt haben, war, dass es großartig ist, einen Platz in der Musikindustrie zu haben, wenn man von den richtigen Menschen umgeben ist. Musiker sollten sich gegenseitig unterstützen und Element of Crime haben uns das Gefühl gegeben, dass es in der Musikindustrie einen Platz für Musiker wie uns gibt. Es war toll, dass sie eine so kleine Band aus dem Nirgendwo mit auf Tour genommen haben.

Phil: Wenn man auf einmal, wie wir damals, zu zweit, vor 800 Leuten steht, dann muss man einfach sehr schnell besser werden als Performer. Dave, der Bassist von Element of Crime, hat zum Beispiel gesagt: "Singt nicht für die Leute da vorne, singt für die in den hinteren Reihen."

Julie: Unser erstes Album haben wir mit Richie (Richard Pappik) aufgenommen. Er arbeitet auf eine sehr intuitive Art und ist daran interessiert, neue Wege zu gehen. Zu Beginn waren wir eine Woche bei ihm zuhause und haben Demos aufgenommen. Danach haben wir für einen Monat jeden Tag geprobt. Er hat uns mit seinem Van abgeholt und wir sind gemeinsam jeden Tag nach Pankow gefahren, um uns im Proberaum von Element of Crime für die Produktion vorzubereiten. Das Positive an Richie ist, dass er wirklich an allem interessiert ist. Er hat uns den Raum gegeben, jede Idee zu verfolgen. Element of Crime haben uns mit ihrer ganzen Erfahrung auf jeden Fall sehr bei den Auftritten geholfen und waren für uns allesamt die perfekten Mentoren. Jeder von ihnen stand 100 Prozent hinter dem, was wir gemacht haben. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie glücklich wir uns schätzen können, diese Begegnung mit Element of Crime als junge Band gehabt zu haben.

Wie kam es nach den guten Produktionen mit Richard Pappik dazu, dass ihr euch entschieden habt, euer zweites, aktuelles Album in Eigenregie zu produzieren?


Julie: Als Janusz und Jonathan zur Band stießen, haben wir gemeinsam komplett neue Soundideen entworfen. Wir haben so viel zu viert an den Songs gearbeitet, dass es selbstverständlich war, das Album als Band zu produzieren. Auch Richie hat gesagt, dass wir es selbst produzieren sollen: "Versucht es! Ihr habt so viele gute Ideen. Ihr habt eine klare Vision von dem, wie es klingen soll."

Phil: Der Punkt ist, dass wir eine radikal andere Vorstellung von dem haben, was unsere Musik ist, als wie sie tatsächlich wahrgenommen wird. Wir wollen unsere Folkmusik mit Punkelementen verbinden. Das hätte kein Produzent so gesehen, wie wir es letztendlich angegangen sind. Natürlich wird die Musik noch immer nicht in der Art und Weise von Menschen reflektiert, wie wir sie konzeptionell umsetzen wollen. Aber das wird vielleicht auch niemals so sein. Wir haben alle eine sehr klare Idee, von dem, wie ein Song sein soll. Ein Produzent hätte deswegen auch gar keinen Platz gehabt, weil wir einfach viel zu viele Ideen hatten.

Janusz: Ein fünfter Einfluss eines Produzenten neben unseren vier Herangehensweisen hätte auch alle Diskussionen in die Länge gezogen und den Prozess erheblich gehemmt. Wir vier sind so gute Freunde, dass wir wissen, wie wir miteinander kommunizieren und Entscheidungen treffen können. Das war bei der gesamten Albumproduktion sehr wichtig. Wenn eine fünfte Person dabei wäre, wäre das ganze bestimmt weniger direkt und es würde länger dauern, zum Punkt zu kommen.

Ihr habt gesagt, dass ihr sehr vom Punk beeinflusst seid. Punk ist ja immer auch eine gewisse Unperfektheit. An welchem Punkt sagt ihr euch, dass ein Song, dass ein Album fertig ist?

Julie: Phil und ich sind ziemlich schlecht darin, das zu entscheiden. Janusz kann das besser. Wir waren zusammen im Urlaub in Frankreich, irgendwo auf einem Berg weit weg von der Zivilisation, als wir uns gemeinsam den letzten Mix des Albums angehört haben und entschieden haben, dass das die finale Version ist.

Janusz: Julie und Phil sind, dadurch dass sie die Songs von Beginn an entwickeln, eher nicht so entscheidungsfreudig. Wenn Jonathan und ich unseren Part einbringen, gibt es immer schon das Grundgerüst. Dadurch haben wir zu Beginn auch einen Blick als "Außenstehende" auf die Songs, was es für uns vielleicht manchmal einfacher macht zu sagen, dass ein Song fertig ist.

Ihr habt die Band in den letzten Jahren permanent weiterentwickelt. Welche Ziele habt ihr für die nächsten Jahre? Gibt es eine Art Masterplan?


Phil: Masterpläne sind nicht so unser Ding. Rein künstlerisch möchte ich ein komplexes, großes Album machen, wenn man das so sagen kann. Ich möchte auf jeden Fall immer ein besseres Album machen, als das davor. Ein Album veröffentlichen, das für manche Leute das wird, was meine Lieblingsalben für mich sind, das Menschen durch ihre Jugend und durch Schicksalsschläge oder den ersten Herzschmerz bringt. Ein Album, das für einige Leute wirklich wichtig ist.

Julie: Eine Sache, die wir alle gemeinsam haben, ist, dass wir in unserer ganzen Arbeit sehr idealistisch sind. Ich habe keine konkreten Ziele, sondern eher Träume. Vor anderthalben Jahren habe ich gesagt, dass ich in drei Jahren eine Tour in den Staaten machen möchte. Das wäre also in anderthalb Jahren. (lacht) Ich bin mir sicher, dass wir das eines Tages auch machen werden. Der Unterschied zwischen meinem 19-jährigen Ich und der Person, die ich nun mit 24 Jahren bin, ist, dass ich mit 19 keine Sorgen im Sinne von "Was war das nochmal genau, was ich mit meinem Leben machen wollte?" hatte. Die Frage stelle ich mir jetzt immer häufiger. Also fange ich ganz bewusst an, Sachen zu tun, um den Träumen von damals näher zu kommen.

Janusz: Es ist ein großes Privileg, dass wir uns gefunden haben und dass wir es schaffen, das so durchzuziehen. Es würde mich wirklich sehr freuen, wenn es die Möglichkeit gibt, etwas zu hinterlassen. Wenn wir noch nicht für dieses Album für den Grammy nominiert werden, ist das aber auch ok. (lacht) Ich gebe Phil recht, wenn er sagt, dass es großartig wäre, wenn unsere Musik bei Herzschmerz oder Schicksalschlägen helfen oder unterstützen kann. Es müssen aber nicht immer persönliche Geschichten sein. Wenn jemand Songs für Videosequenzen sucht und dann einen unserer Songs unter die Filmaufnahmen legt, weil gerade dieser oder jener Song von uns die spezielle Stimmung der Aufnahmen unterstützt - das fände ich auch spitze, wenn ich das später mal auf YouTube finde. (lacht)

Julie: Die letzten Jahre mit Apples in Space waren die Zeit unseres Lebens. Und egal, was kommt, diese Zeit allein war es schon wert.


Interview und Text: Daniel Deppe
Fotos:
Isa Zappe, Philine Barbe