Artikel 13.06.2014

Ein Festival namens Hingabe: Nillson beim Orange Blossom Special 2014

Ich war viel zu lange weg. Das merke ich eigentlich schon vorher, ganz genau gesagt sogar schon von dem Zeitpunkt an, als ich die Sachen ins Auto lade, also am Donnerstagnachmittag. Das Orange Blossom Special in Beverungen mausert sich, nun auch ganz offiziell mit Hingabe, immer mehr zu einer Insel.

Ja, mit Hingabe. Das diesjährige Motto passt einfach mal wieder so vorzüglich zu dem, was Glitterhouse da Jahr für Jahr in seinem Garten veranstaltet. Nun lesen sich die Themen der letzten Orange-Blossom-Jahre schon fast wie ein gesprochener Satz, ja gar wie ein Appell: "You're At Home, Baby! Hömma!! Bleiben!! Hingabe!!" Alles, was wir machen, so steht es auch im gewohnt liebevoll gestalteten Programmheft, sollten wir mit Hingabe tun. Dann wird die Welt ein bißchen besser. Ganz ohne abgehobenes Eigenlob: Das dürfen sich die Beverungener gerne tätowieren. Das haut als Prämisse gut hin.

Denn wenn die Tage wärmer werden, wenn die Tage kommen, an denen das Bier, das Grillgut und die Zigarillos noch besser schmecken, wo sich die Musik besser anhört als sonst und sich Gespräche mit Freunden dreimal mehr lohnen, da ist es beruhigend und unglaublich wohltuend, wenn einen jemand an die Hand nimmt, der all diese Dinge ohne werbewirksamen Popanz halt genau so als Grundbedürfnis empfindet, das nach Versorgung lechzt; der den Außenblick auf sich selbst nicht verloren hat; sich Bands bucht, die er selbst verehrt und mit seiner Begeisterung dafür in höchstem Maße ansteckt. Der sich bemüht, trotz schmalem Budget etwas besonderes zu bieten. Was, wenn nicht das, bedeutet Hingabe?

Das Wetter macht auch mit an diesem irrsinnig heißen Pfingsten. Die erste Festivalbräune des Jahres 2014 will hart erarbeitet werden. Durch nimmermüdes Sonnencreme-Auffrischen, durch sehr sorgfältiges Abwägen zwischen Sonnenstunden vor der Bühne und Coolness spendendem Schatten. Doch die Sonnenstrahlen wecken - insbesondere im Direktvergleich mit dem völlig vermatschten OBS 2013 - die Lebensgeister und beflügeln schon auf der Hinfahrt durch das idyllische Weserbergland. Es ist einfach so derbe schön hier. Alles so grün. Der Himmel so blau. Man hat die Spoonful-Sounds vom Stag-o-Lee-Stand schon im Ohr, den Geschmack der langsamsten, aber vom freundlichsten Personal der Welt (ja, auch diese Leute arbeiten spürbar mit Hingabe) zubereiteten Camp Burger schon im Mund. Jetzt kann es losgehen.

Die musikalischen Gewinner des Freitags, ja wenn nicht sogar des gesamten Wochenendes, spielen nicht einmal auf der Hauptbühne. AnnenMayKantereit aus Köln dürfen zwei Umbaupausen füllen, doch die Art, wie sie das machen und wie auf sie reagiert wird, ist neu beim Orange Blossom Special. Es ist kaum ein Durchkommen zur kleinen Bühne hinten im Publikum. Die Leute drücken sich und drängeln; sie feiern zwei absolut mitreißende Performances, von der das blutjunge Trio selbst irgendwie gar nicht fassen kann, dass es sie abgeliefert hat. Und dann diese Stimme von Sänger Henning May: Das ist einfach unfassbar. Klingt, als würde dieser Typ, der aussieht wie ein frischgebackener Abiturient, jeden Tag mit Whisky gurgeln. Weil die Songs aber auch jede Menge können und die teils deutsch, teils englisch gesungenen Texte beeindruckend nahbar sind, hat Rembert Stiewe völlig recht, wenn er prognostiziert: "Diese Band werdet ihr vielleicht zum letzten Mal so aus der Nähe sehen". Wieder ist es auch schön, zu sehen, wie überwältigt eine Band vom ungemein respektvollen und ehrlichen Zuspruch des OBS-Publikums ist.

Das würde sicherlich auch Claudius Pratt unterschreiben. Der bis ins Mark exaltiert predigende Sänger der Reverend Shine Snake Oil Co., die am Abend das Publikum mit einem äußerst explosiven Mix aus Rhythm'n'Blues und Rocksteady intenstivst unterhalten haben, spaziert noch nach dem Headlinerauftritt von Golden Kanine - wie gewohnt brillant, vielleicht sogar mit noch einer Schippe drauf, hochemotional, waidwund, aber energetisch - über das Festivalgelände und unterhält sich mit den Besuchern, von deren großem musikalischen Wissen er merkbar beeindruckt ist, als ich ihm auch kurz im Vorbeigehen meine Bewunderung zum Ausdruck bringe. Ein so respektvoll zugetanes und musikbewandertes Publikum, das trotzdem so begeistert vor der Bühne feiert, hat er selten erlebt, sagt er.

Momente wie dieser entschädigen auch dafür, dass einmal mehr die Auftaktband verpasst wurde, weil man sich wieder irgendwo festgequatscht hat mit Leuten, die man lange nicht gesehen hat. Schade ist, dass das dieses Jahr Rah Rah aus Kanada sind. Die letzten zwei Songs lassen darauf schließen, dass es ein würdiger und warmherziger Opener war. Warmherzig können die tollen Lingby aber auch. Ihr "Like A Stone" war letztes Jahr sicherlich nicht nur Festivalchef Remberts meistgespielter Song, und das Ding ist einfach auch live unfassbar fantastisch. Der Rest des hymnisch zwischen Indiepop und Folk pendelnden, aber mit herrlich schwerfälligen Riffs und tollen Harmonien versehenen Sounds der Band macht mächtig Appetit auf das in diesem Jahr erscheinende neue Album.

Der Samstag beginnt mit Dangers Of The Sea aus Dänemark, und so verzaubert war man um 11.30 am Vormittag hier bisher nur beim Surprise-Auftritt von Washington 2011. Dass diese Band aus Mitgliedern von Efterklang und Saybia besteht, hört man auch: Das ist elegisch, versponnen und höchst erwärmend. Es folgen The Animen, die die komplette Rocknummer drauf haben: Optisch mit sehr schnell durchgeschwitzten Anzügen, soundtechnisch mit allem, was jüngere Zuschauer spätestens seit den frühen Mando Diao kennen. Nicht falsch verstehen: Das ist alles total klasse. Das geht äußerst steil nach vorne, und wer hier still steht, hat keine Füße.

Die höchste Eisenbahn ist natürlich eine Herzensangelegenheit. Moritz Krämer, Francesco Wilking, diese Songs, das ist ungemein einnehmend und hochsympathisch, zumal sie mit echt viel gutem Humor Rembert Stiewes Ansage hinsichtlich der Idioten, die leider auf dem Weg zu Rock am Ring falsch abgebogen sind und den nächtlichen Zeltplatz mit Feuerwerk erleuchtet haben, persiflieren und einige Seifenblasenbläser verwarnen. Man muss ja mal schimpfen dürfen, aber danach muss man auch wieder lieb sein. A propos lieb: Sind Mozes & The Firstborn nicht. Brauchen sie auch nicht sein. Passt nicht so zu der herrlichen Attitüde, mit der sie ihre rumpeligen 70s-Garagen-Songs präsentieren. Das ist sehr gut so. Fantastische Musik für sonnige Nachmittage wie diesen.

Die Holländer von Mister & Mississippi holen uns wieder runter. Was für schöne Musik das ist: Tatsächlich positioniert sich diese Band irgendwo zwischen Indie-Folkies, der Zerbrechlichkeit von Bon Iver (dem frühen) und der Flächig- und Seltsamkeit von Sigur Rós; so hatte ich's vorher gelesen, doch glauben kann ich das erst, als ich es auch sehe. Besonders Maxime Barlag begeistert mit ihrer intensiven Präsenz; es fährt das Publikum spürbar ein bißchen runter und sorgt für die angenehmste Form von Erholung. Die brauchen wir auch, für die Österreicher von Naked Lunch, deren Rückkehr gleichzeitig fasziniert und verstört. Es ist ein Jammer, dass solche Musik heute kaum noch gemacht wird und erinnert an eine Zeit, in der alternative Musik tatsächlich noch polarisiert hat. Schier grandios.

Für The Builders & The Butchers fehlt mir danach ein bißchen das Gefühl. Anders kann ich mir nicht erklären, dass das Publikum die Band einhellig feiert, aber der Funke bei mir einfach nicht überspringt. Aber irgendwann muss man ja auch mal was essen. Gewohnt hochklassig gerät dafür der Headliner-Auftritt von David Eugene Edwards alias Wovenhand. Das ist ja nun wirklich nicht jedermanns Sache und teilweise in seiner Intensität schwierig zu erarbeiten, aber es ist in höchstem Maße faszinierend, diesem Mann beim Musizieren zuzuschauen. Höchst charismatisch, in seiner Präsenz zutiefst beeindruckend steht Edwards da, den Hut tief ins Gesicht gezogen, und sprechsingt seine Lieder; man kann den Blick nicht abwenden und ist wenn schon nicht begeistert, dann wenigstens seltsam überwältigt.

 

Ein bißchen hin und her gerissen hinterlässt mich der mittlerweile obligatorische Surprise Act am Sonntagmittag. Das sind nämlich The Great Crusades, die am Donnerstag noch ein exklusives Opening-Konzert für das Orange Blossom Special in Höxter gegeben haben, das nicht wenige Besucher als Einstieg ins Festivalwochenende nutzten. Ein bißchen doppelt gemoppelt, das Ganze; da wäre vielleicht ein bißchen mehr Überraschung schön gewesen. Aber ohne Frage: Die Band ist so etwas wie ein Dauergast in Beverungen, natürlich passt sie ganz wunderbar hier hin und natürlich ist ihr Auftritt klasse.

Und sich so richtig auf Bühne und Musik zu konzentrieren, fällt bei 32° ohnehin schwer; mir jedenfalls. Ich brauche Schatten. Und eine Band wie Rue Royale, die eine so wundervolle Version von Pop spielt, ohne übermäßig anzustrengen oder zu fordern, dass sie den perfekten Soundtrack für unverdrossene Sonnenanbeter und kühlungsbedürftige Schattengewächse zugleich gibt. Ha, und dann: Das erste große Sonntagshighlight namens Keston Cobblers' Club. Faszinierend, wie die Briten immer mehr Zuschauer in die knallende Sonne locken, und mit ihrem polkaschwangeren Indie-Folk ihre neuen Fans auch noch zum tanzen bringen. Es wird sich bewegt, und das freiwillig? Das ist frisch entflammte Liebe. Entsprechend schreckensbleich sind viele Gesichter, als die drei CDs, die beim Merch zu finden sind, natürlich sofort weg sind, bis auf einmal erlösende weitere drei Kartons davon auftauchen. Glück gehabt: Die Rückfahrt ist gerettet.

Weder David Lemaitre, der allerdings stimmlich und charmetechnisch brilliert, noch die Pink Mountaintops können das überbieten. Bei letzteren ist das allerdings unglücklich: Gerade, als man sich so richtig eingefunden hat in die psychedelisch-rootsigen Gebilde der Band, verlässt sie eine Viertelstunde vor dem offiziellen Ende ihres Konzerts die Bühne, kommt nicht wieder und hinterlässt Verwirrung. Später erfahre ich, dass ihnen der Bass kaputt gegangen ist. Hätten sie sich doch bestimmt einen leihen können! Wobei: Nicht von Birth Of Joy, die haben keinen. Dafür jede Menge Rockposen, die bei den meisten anderen Bands aufgesagt und abgenutzt wirken würden, doch nicht bei diesem Trio. Du meine Güte, was für ein grandioser Lärm, was für eine Energie. So funktioniert Rockmusik, immer noch und für immer.

Unheilsschwanger läuten Gallon Drunk den Festivalendspurt ein. Das ist schwierige Musik: Beeindruckend, ja, aber auch sehr fordernd. Ein total energetischer Auftritt; aber außer Schwere und Düsternis wenig, wo man als Nichtkenner ohne weiteres einhaken kann. Muss ich mir auf meine Nachbereitungsliste schreiben, denke ich mir, und möchte schon den Keston Cobblers' Club als absoluten Sonntagshöhepunkt ausrufen - doch Wallis Bird macht mir einen Strich durch die Rechnung. Sicherlich war nicht nur ich skeptisch, ob die Irin es schafft, als Sonntagsheadliner das Orange Blossom Special standesgemäß auszuläuten, doch sie übertrifft sogar alle positiven Erwartungen, die man an sie hat richten können. Man will ja gar nicht immer Energiebündel zu ihr sagen, aber ihre Zappeligkeit und ihre so völlig einnehmende Intensität, die sie dabei trotzdem erreicht, sind wirklich bemerkenswert und lassen weder Fragen noch Wünsche offen. Die Dame macht und kann alles, treibender Rock, tief balladesken Folk. Und dazu noch irre sympathische Ansagen im amüsant-liebenswertesten Denglisch seit langem. Ihr Konzert bringt alle nach Hause, wirklich alle.

Dass es nach Wallis Bird vorbei ist, ist das traurigste am ganzen Wochenende. Man hätte locker nochmal drei Tage dran hängen können. Oder wenigstens den Pfingstmontag. Diese ganze einhellig gute, zutiefst freundliche und entspannte Stimmung; die Leute, die man immer wieder trifft und die, obwohl man vielleicht gar nicht mit ihnen spricht, den familiären Charakter dieses herrlichen Festivals einfach unheimlich mitprägen, einfach weil man weiß, dass sie jedes Jahr da sind. Aber eben auch: Der Campingplatz an der Weser, bei dessen Schönheit das Zelten gleich viel weniger lästig ist. Die exquisit ausgewählten und appetitanregend angerichteten Bands, die nach wie vor zum großen Teil eher unbekannt sind und den Garten mit 2000 neuen Fans im Rücken verlassen. Ja: Eigentlich sind drei Tage da echt zu wenig. Das Orange Blossom Special ist die vielzitierte Insel, auf die man immer nur drei Platten mitnehmen soll, die einem dann das Leben retten - nur dass hier die ganze gute Musik schon da ist.

Schön ist aber auch, dass sich die durchaus spürbare Festival-Overkill-Verdrossenheit in Beverungen nicht einstellt. Der Grund ist klar: Von Overkill keine Spur. Die einzigen, die hier filmen, sind die Herrschaften vom Rockpalast, doch heraus kommt kein Livestream, sondern eine liebevoll zurechtgemachte einstündige Dokumentation, die man sich dann später im Jahr zu nachtschlafender Zeit anschauen darf (oder alternativ im Anschluss in der Mediathek). Das Orange Blossom Special ist klein und familiär und bleibt trotz der Geländeerweiterung im vergangenen Jahr genau das, nur dass es nun etwas geräumiger ist. Glitterhouse wird belohnt durch ein treues Publikum mit einem großen Kern von Stammgästen, der jedes Jahr hinfährt, aber nicht, um eben auf dem Campingplatz Sonne und Alkohol zu genießen, sondern aus Vertrauen in das gute Bookinggespür. Wer aus Beverungen nach Hause fährt, nimmt mindestens eine neue Lieblingsband mit.

Und mehr denn je ist dieses Festival eben ein herrlich konsequentes Kontrastprogramm zu all den Wochenend-"Events", die alles wollen und alle ins Boot holen möchten, ohne sich dabei um Profil und Tiefe zu kümmern. Ja: Das Motto "Hingabe" ist wirklich vollkommen perfekt gewählt und allumfassend wahrhaftig für das Orange Blossom Special.

Und es besteht nicht der geringste Zweifel, dass das nächstes Jahr nicht anders werden wird - egal was dann vorne drauf steht.



Text und Fotos: Kristof Beuthner