Artikel 30.08.2016

Glühwein mit Schuss im August - Nillson beim A Summer's Tale 2016

A Summer’s Tale? Das hätte ja was werden können. Mitte August, in idyllischster Umgebung. Ein Traum von einem Lineup, strahlender Sonnenschein. Eines dieser Dinge erfüllte sich nicht. Genossen haben wir trotzdem jede Sekunde.

Als das Summer’s Tale im vergangenen Jahr in Luhmühlen zum ersten Mal seine strahlend grüngelbe Flagge hisste, war die Vorfreude groß. ZU gut klang dieses Konzept: Vier Tage lang auf einem großen Gelände im Grünen, eingesäumt von beleuchteten Bäumen, eine riesige Liste illustrer Bands erleben (u.a. Yann Tiersen, Get Well Soon, Damien Rice, Roisin Murphy) und in der Zwischenzeit in verschiedensten Workshops, auf Kanutouren und bei Lesungen oder Performance-Kunst die Seele baumeln lassen. Die Kinder bringt man einfach mit - ein eigenes kleines Lineup für die kleinsten Menschen gab es nämlich auch, inklusive großer Spielwiese, damit es keinem an etwas fehlt. Verpflegt wird man nebenher an einem tollen Foodruck-Aufgebot mit großer internationaler Vielfalt und Fokus auf biologischer und regionaler Herstellung der Lebensmittel.

Doch so schön sich das Ganze anließ, das Feedback war allenthalben nicht nur gut; genauso wenig wie der Run auf die Tickets, die mit rund 140 Euro für einen Festivalsommer-Neuling recht teuer waren, zumal sich Kosten für Camping in etlichen Luxusklassen und Parken noch dazu summierten. Es sollte eben ein Wochenend-Allrounder sein, bei dem sich jeder so wohl fühlen konnte, wie er mochte - und bezahlen konnte. Außerdem sollte es ein Festival sein, das der Nachhaltigkeit dienen sollte - im Festivalticket ist die Bahnfahrt das ganze Wochenende über inkludiert; wer der Umwelt durch Autoabgase schaden möchte, der muss eben extra zahlen.

Dazu kam, dass das Festival zwar familienfreundlich war, dagegen aber noch wenig familiär wirkte. Auch hatte das Ganze diesen gewissen Touch der Exklusivität: Sind hohe Kinderfreundlichkeit, ein jeden Tag stattfindendes Drei-Gänge-Menü in der Festival-Cuisine (zu entsprechenden Preisen, versteht sich) und Yoga-Workshops wirklich noch Festival? Nun muss man allerdings rückwirkend anheim stellen: Familiarität entsteht eben auch nicht sofort beim ersten Anlauf. Vielleicht waren einfach bei all den großen Prämissen die Erwartungen den entscheidenden Tick zu hoch. So ist das doch immer: Triffst du dich zum ersten Mal, ist die Stimmung eben eher verhalten. Noch nicht ganz so freundschaftlich. Es gibt noch keine gemeinsamen Anekdoten zum Teilen. Noch nicht die Großzahl an Leuten, die man wiedertrifft. Woraus eventuell Verabredungen für jedes Jahr entstehen. Das muss wachsen, genau wie ein Konzept, das einfach mal anders ist als der immer mehr Einzug erhaltende Ballermann-Festivaltourismus mit seinen explodierenden Ticketpreisen. Das braucht Zeit. Und: Das muss sich rumsprechen.

Das wussten auch die Organisatoren und fuhren zur zweiten Aufgabe noch ein ganzes Stück mehr auf: Mehr Workshops, damit noch mehr Menschen teilhaben können, mehr Programm, mehr große Namen, so wie sich das Summer’s Tale selbst einen erhoffte, und an der Spitze ein exklusives Deutschlandkonzert der magischen Sigur Rós. Das Festival sollte seinen guten Namen in der Welt festigen durch Überzeugung an der Sache an sich auf der einen Seite, durch aktive Mundpropaganda der Begeisterten vom letzten Jahr auf der anderen: „Wie großartig das war. Was ‘ne super Zeit.“

Und die anderen? Wer Kritik übt, hat immer zwei Möglichkeiten, danach weiterzumachen: Man macht dicht und entscheidet sich gegen das Kritisierte oder überzeugt sich von eventuellen Verbesserungen persönlich. Das Konzept an sich war auch letztes Jahr schon unterstützenswert; die Idee wunderschön und bemerkenswert. Eine zweite Fahrt zum Summer’s Tale? Wir mussten eigentlich nicht lange überlegen.

Und so machten wir uns auch dieses Jahr wieder auf nach Luhmühlen um fantastische vier Tage zu erleben. Dass es schon bei unserer Ankunft spürbar fröstelt, nehmen wir achselzuckend zur Kenntnis. Dass dieser Festivalsommer wettertechnisch keine Offenbarung ist, damit haben wir uns eigentlich schon abgefunden. Und doch breitet sich das Gelände mit all dem Grün und den liebevollen Details (inklusive der sorgsam abgezäunten Heidewiesen, die nicht betreten werden dürfen) so herzlichst vielversprechend vor uns aus, dass der Vorfreudemodus sofort anspringt.

Wie könnte man in so ein langes Wochenende dann besser starten als mit dem Südafrikaner Jeremy Loops? Der ist zwar hierzulande noch keine große Nummer, aber er ist unsere Festivaleröffnung am Mittwoch. Von seinen Qualitäten auf der Bühne hat er uns im Februar in Hamburg im ausverkauften Knust schon überzeugt; wir wissen, was wir hier tun und warum wir das sehen müssen. Live loopt er (wie der Name schon sagt) Mundharmonika- und Gitarrenparts, legt sie übereinander, lässt unheimlich zwingende Popsongs dadurch entstehen und ergänzt das Ganze noch durch eine höchst sympathische Liveband wie den Bassisten Mr. Sakatumi oder den Rapper Motheo Moleko. Das hat sich inzwischen herumgesprochen; nicht wenige können hier und heute mehr Songs mitsingen als die Single „Down South“. So viel Charme, so viel Spielfreude auf der Bühne - nein, besser kann man so ein Sommerwochenende wirklich nicht beginnen.

Da trübt es die Stimmung nicht, dass das Wetter inzwischen noch weniger nach "Summer’s" Tale aussieht. Grau, bezogen, kalt. Das passt so gar nicht zu der bildschön vor uns ausgebreiteten Lichtung, auf der riesige Buchstaben, eine Kunstinstallation, uns erzählen, ob wir uns gerade auf der Hauptbühne, am Zeltraum oder dem Festival-Atelier befinden, wo die Woodworking-Workshops stattfinden und wir die Siebdruck-Posterausstellung der Posterkrauts oder von Grace Helly betrachten (und die Exponate auch gleich mitnehmen) können. Das aus einer nahen Brauerei stammende Summer’s Ale schmeckt genauso gut wie der eigens gekelterte, mit einer großen Probierkommission gekostete und für gut befundene festivaleigene Grauburgunder. Eine schöne Zeit ist, was du draus machst!

Und so wandern wir zur großen Bühne, die dankenswerterweise auf dem sandigen Teil des Areals steht, das eigentlich ein Turnierplatz für Pferdesport ist. Hier wird der Boden auch bei Regen nicht tief; Gummistiefel, die wir dieses Jahr wahrhaftig schon mehr als oft nötig hatten, können bei jeder Witterung zuhause bleiben. Und hier spielt jetzt José Gonzalez für uns, ganz alleine und ohne Band, und es ist beeindruckend, wie der Schwede mit argentinischen Wurzeln es mit diesen intensiven Songs und dieser unvergleichlichen Art, zu singen und Gitarre zu spielen schafft, die Menge so in seinen Bann zu ziehen. Auch, wenn es sicherlich im Sitzen auch schön anzusehen gewesen wäre: Ein ganz und gar wunderschönes Konzert.

Ins Zelt zu Michael Kiwanuka stolpern wir nach einem ausgiebigen Foodtruck-Festessen eher zufällig, verstehen aber sofort, wieso dieser Mann so gefeiert wird: Sein Soulpop ist intensiv und innig, charmant und höchst präzise und in jeder Hinsicht seinen Wurzeln bewusst. Wir sehen den Rest von einem wahnsinnig tollen Konzert mit brillanter Liveband, von dem wir wirklich gerne mehr erlebt hätten. Die anschließende Headliner-Show von Garbage betrachten wir aus einiger Entfernung: Wir hatten gar nicht gewusst, dass es die Band um Shirley Manson überhaupt noch gibt. Die Dame hat fraglos nichts von ihrem Charisma eingebüßt, findet aber zwischen Pink und der frühen Gwen Stefani einen zur heutigen Zeit vor allem nostalgische Gefühle hervorrufenden Look und wirkt mit ihrer Band seltsam aus der Zeit gefallen. Wir frieren bei inzwischen 12 Grad Celsius und machen uns auf den Heimweg.

Das Summer’s Tale mag nicht mit vielen aktuell für die hypesehnsüchtige Indiepopgamemaschine relevanten Bands aufwarten: Ein schönes Wiedersehen ist ein schönes Wiedersehen. Und so stellen wir uns am Donnerstag sehr gerne zu Friska Viljor, auch wenn es in Strömen regnet und noch kälter ist als gestern. Aber seit es nicht mehr sturzbetrunken auf der Bühne steht, hat das um eine Liveband ergänzte Duo einiges von seiner melancholischen Strahlkraft zurück gewonnen; die Songs kennt man, spätestens bei „Wohlwill“ und der Zugabe „Shotgun Sister“ singt der ganze Platz. Das reißt natürlich alles heute keine Bäume mehr aus, ist aber einfach immer wieder klasse.

Während die eine Hälfte von uns die Siebdruckposter-Hamsterkäufe vor dem immer mehr zunehmenden Regen in Sicherheit bringt, entdeckt die andere, dass der im Zeltraum spielende Neil Finn der Sänger einer eigentlich längst vergessenen Band namens Crowded House ist. Seine eigenen Songs sind wunderbar präziser Folkpop, allein das wäre schon sehenswert gewesen, aber wenn das ganze Zelt die Evergreens „Don’t Dream It’s Over“ und natürlich „Weather With You“ unisono intoniert, dann hat das trotz aller Nostalgie etwas von großer Erhabenheit. Definitiv ist das einer der Momente dieses Wochenendes.

Ein Wiedersehen mit Thees Uhlmann schafft dieses Nostalgiegefühl nicht mehr. Nach dem letzten Tomte-Album „Heureka“ vor acht Jahren bin ich abgesprungen; die Songs seiner Soloplatten erreichten mich einfach nicht mehr. So ist es einfach nett, ihn mal wieder zu sehen und kurz zu winken; beim einen Tomte-Song „Schreit den Namen meiner Mutter“ kommt ein wenig vom alten Gefühl zurück, doch insgesamt ist es einfach nicht mehr das selbe. Und das ist auch in Ordnung so, das muss man einfach so stehen lassen und aushalten. Gut, dass der Design-Markt mit tollen Handmade-Produkten, vornehmlich Shirts, Taschen und Schmuck, auf angenehmste Weise Schutz vor dem Regen bietet.

Inzwischen hat es sich so drastisch abgekühlt, dass wir uns in unsere vorsorglich mitgebrachte Wintermontur (dicke Jacke, Schal, Handschuhe) mummeln müssen und an den Ständen plötzlich Glühwein ausgeschenkt wird. Auf 9 Grad soll es sich noch abkühlen an diesem Abend: Wahrhaftig, A Winter’s Tale wäre ein passenderer Name gewesen. Natürlich schmälert das den tollen Auftritt von Glen Hansard in keinster Weise. Der bekannterweise höchst sympathische Ire spielt ein großartiges Konzert, melancholisch, kraftvoll, intensiv. Und die Leute goutieren das. Es ist ohnehin ein deutlich geschmackssicheres Publikum hier als das, was man von Scorpios Flaggschiff, dem Hurricane-Southside-Doppel inzwischen kennt. Wer in seinen späten Teenie-Jahren Ende der 90er beim Hurricane war, ist an diesem Wochenende beim Summer’s Tale und freut sich über Bands, die er heute in Scheeßel oder Neuhausen ob Eck nicht mehr zu sehen bekäme, weil K.I.Z., Trailerpark und Cro den Platz eingenommen haben und eine ganz neue Zielgruppe entertainen. Für das Event-Publikum ist ein Konzert der Klasse eines Glen Hansard nun mal nichts.

Das gilt auch für Nada Surf, eine Band, die optisch spürbar mit ihrem Publikum gealtert ist, in diesem Jahr aber mit einem neuen Klasse-Album bewiesen hat, dass sie sich immer noch sonnige Ohrwürmer locker-leicht aus dem Ärmel schütteln zu können scheint. Das rappelvolle Zelt kann sie alle mitsingen, die alten wie die neuen. Der in Würde ergraute Matthew Caws wirkt immer noch wie der nette Junge aus dem Studentenwohnheim-Nachbarzimmer und man ist sich in wohliger Sicherheit bewusst, dass Daniel Lorca sich niemals seiner Dreads entledigen wird. Ein wunderbares Wiedersehen.

Aber sie alle spielen nicht an gegen die mystische Magie der Isländer von Sigur Rós, die in Dreierbesetzung mit einer bombastischen Lichtshow vielleicht für das Konzerterlebnis des Jahres sorgen. Es ist schon immer wieder einfach faszinierend, wie eine solche Musik in all der Zeit, in der es diese Band schon gibt, eine so große Fanbase für sich gewinnen konnte, so seltsam weltfern, so sehnsüchtig leuchtend ist diese Musik immer gewesen, immer geblieben. Das hier heute ist ganz großes Konzertkino, der Sound ist brillant, die Setlist führt durch alle Phasen der Band, vom Durchbruchsalbum „Agaetis Byrjun“ über das elegisch-dunkeldüstere Klammeralbum und den kommerziellen Erfolg mit „Takk“ bis hin zum aktuellsten, tiefschwarzen „Kveikur“, und auch eines ihrer stärksten Stücke, das neuneinhalbminütige „Festival“, zelebriert diese Band in ihrer kleinen Besetzung ohne Orchester und Streichquartett mit so ungeheurer Brillanz, dass es einem einfach die Schuhe auszieht. In der Mitte hält Jonsi Birgisson einen seiner ohnehin unfassbaren Falsetttöne in ungeahnter Länge, bevor die Nummer mit ihrem stampfenden Beat in himmlische Höhen auffährt - dieses Konzert in klirrender Sommerkälte ist ein so eindrucksvoller Beweis für die gigantische Unerreichbarkeit der Band Sigur Rós, dass man zeitweise das Gefühl bekommt, man würde nur existieren um Konzerte wie dieses mitzuerleben. Es gibt danach eine gute Stunde nichts zu sprechen, nur nachzusinnen. Was für ein irrsinniges Finish der ersten zwei Festivaltage.

Und wenn man ganz ehrlich ist, muss man zugeben, dass das Summer’s Tale - und wie sollte es auch? - an seinen verbleibenden zwei Tagen hier musikalisch nicht viel hinzufügen kann. Nicht Noel Gallagher, dessen Auftritt mit seinen High Flying Birds ein weiterer Beweis dafür ist, wie unrelevant sein künstlerisches Schaffen seit dem Split von Oasis ist - nicht zuletzt wird das dadurch deutlich, dass die vier Oasis-Songs im Repertoire („Champagne Supernova“, „The Masterplan“, natürlich „Wonderwall und „Don’t Look Back In Anger“) die mit Abstand am meisten gefeierten sind. Zum Glück gab es vorher bei Funny van Dannen, der am Nachmittag noch eine Lesung gehalten hatte, wenigstens ein bißchen was zu lachen, beispielsweise über „Schilddrüsenunterfunktion“ und „Posex und Poesie“. 

Selbstverständlich gelingt das auch The Slow Show (noch) nicht, die aber in der Form, in der sie hier am Samstag auflaufen, den großartigen Donnerstag mit Hansard, Nada Surf und Sigur Rós zu einem unerreichbaren Festivaltag gemacht hätten. Diese wunderbar sonore Stimme über den majestätisch-tieftraurigen Songs (etliche geben einen guten Vorgeschmack auf das Ende September erscheinende zweite Album „Dream Darling“), diese feierliche Stimmung - hier wird man Zeuge, wie sich eine junge Band mit ungeheurer Grandezza nach und nach ein immer größeres Publikum erspielt.

Schon gar nicht schaffen das der ewige Teenie-Liebling Adam Green und der Klamauk-Hamburg-Nachdenker Olli Schulz, dessen Auftritt aber wenigstens wie gewohnt richtig viel Spaß macht. Zu Amy MacDonald genießen die Menschen endlich wieder ein wenig Sonne und tanzen, bevor der nächste Regenschauer umso unerbittlicher zuschlägt. Billy Bragg steht allein auf der Bühne, das ist schöne Summer’s Tale-Tradition (hier haben wir doch schon mal eine!), und der alte Brite hat das ganze Zelt hinter sich. Leider kommen wir zu spät auf den Trichter, dass hier gerade etwas richtig großes im Gange ist, und gesellen uns nur für die letzten drei Songs dazu. Parov Stelar bringt das Festival mit seinem Elektroswing nebst energetischer Liveband inklusive reichem Bläseraufgebot nach Hause - da kann natürlich nochmal das Tanzbein geschwungen werden, aber auch, wenn das durchaus Spaß macht: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass alle Stücke doch ziemlich gleich aufgebaut sind, nach dem selben Muster verfahren. So setzt sich vom letzten Act des Wochenendes nichts zum mit nach Hause nehmen im Kopf fest, und das ist ein wenig schade.

Aber nun gut: Das Summer’s Tale ist ja nun mal eben nicht nur was für Musik-Addicts. Es bietet ja so viel andere Beschäftigungsmöglichkeiten. Blöd für uns ist nur, dass wir versäumt haben, uns online für einen der zahlreichen Workshops zu registrieren. Zwar wird das Platzkontingent durch Voranmeldung immer nur halb gefüllt, doch wer hier noch kurzfristig dabei sein will, muss früh sein und sich in Verzicht üben. Beim Wein-Workshop hilft selbst eine Stunde vorher anstehen nichts; auch zum Woodworking, zu den Sommercocktails oder dem Fritz-Flaschenkunst-Workshop lässt man uns nicht mehr. So stellen wir uns halb aus der Not heraus an die bis dahin sträflich vernachlässigte Waldbühne und lernen, Swing zu tanzen - was zu einer der besten und lustigsten Dreiviertelstunden des Wochenendes wird. Soll niemand sagen, wir hätten uns nicht genug bewegt: Das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Schade nur, dass wir unser frisch gelerntes step-step-down-down bei Parov Stelar nicht anwenden können. Aber niemand soll sagen, wir hätten es nicht versucht.

Den guten Eindruck beim zweiten Summer’s Tale, mit dem wir uns nachts zum letzten Mal auf den Heimweg machen, kann aber sowieso nichts schmälern. Dem furchtbar unwürdigen Wetter zum Trotz gab es so viel anzuschauen und zu genießen, allem voran die bemerkenswert gute und entspannte Stimmung, mit der die Erwachsenen unbeschreiblich gute Musik genossen, während ihre Kinder in der Zirkusschule lernen konnten, einen Handstand zu machen, oder es sich mit einem Frozen Quark bei einem Live-Hörspiel gemütlich machten. Der Rocktyp in mir schreibt das nur ungern, aber die vielen (!) Sitzmöglichkeiten sorgten auf sehr angenehme Weise dafür, dass man trotz regennassem Boden hervorragend zwischendurch abschalten und Energie tanken konnte für alles, was da noch wartete; unter den erleuchteten Bäumen, die schon beim Appletree Garden immer so schön sind und auch hier das Gelände märchenhaft einrahmten.

Ja und überhaupt: Was, wenn man das Summer’s Tale tatsächlich als eine Art Gegenentwurf zur schnelllebigen (Mainstream-)Festivallandschaft betrachten sollte und es als solches immer mehr zu schätzen wissen muss? Natürlich gibt es in ganz Deutschland inzwischen eine unfassbar große Zahl an liebevoll organisierten, familiären kleinen Festivals, bei denen man nach zwei Besuchen selbst das immer gleiche Thekenpersonal kennt und gelernt hat, sich zuhause zu fühlen, und es ist sicher richtig, dass dieses Gefühl - von allem absolut vorhandenen Wohlbefinden abgesehen - noch nicht so ganz in letzter Konsequenz da ist. Aber während alle großen Festivals sich immer mehr an den Massengeschmack anbiedern und ihre Bands nach Radio-Airplay buchen; während dort die wenigen möglichen Aktivitäten von schwedischen Klamottenläden oder Autoreifenherstellern gesponsert und organisiert werden, ist das Summer’s Tale eine stilvolle, sehr freundliche, warmherzige, auf erfrischende Weise eben nicht stylische Alltagsflucht, nur eben gegenüber etwa dem Orange Blossom Special, dem Appletree Garden oder dem Maifeld Derby in groß.

Das Lineup ist über jeden Zweifel erhaben, für die Besucher ist es ein Trip, den sie als Familienausflug organisieren können, bei dem jeder, gleich welchen Alters, auf seine Kosten kommt - einzig, dass es ein nach wie vor immens teurer Spaß ist, wenn man die volle Komfortversorgung nebst teilweise wirklich happig berechneter Verpflegung mit einbezieht, und die Zielgruppe, die sich das leisten kann, durchaus eine finanziell potente ist (und sein muss), mögen da die Begeisterung ein bißchen trüben. Doch jeder soll doch bitte selbst entscheiden dürfen, was ihm so ein Wochenende wert ist. Haben wir uns als Studenten die 120 Euro fürs Hurricane nicht damals auch mühsam vom Bafög abgespart, obwohl unsere Eltern fanden, dafür sollten wir uns doch lieber mal wieder ein anständiges paar Socken gönnen oder mal eine Woche lang was anderes essen als Toastbrot oder Pasta? Jeder soll auf die Insel reisen, die er für lohnenswert befindet.

Wen all das trotzdem stört - die Zusatzkosten, die teuren Stände (auch Getränke sind leider absolut im hohen Preisniveau anzusiedeln); das wenig individuelle Corporate Design bei Bierbuden und vor allem beim Merch (Festivalshirts für 30 Euro sind absoluter Mainstream-Festival-Wucher), das so gar nicht zum Selfmade-Charakter, den das Summer’s Tale versprühen möchte, passen will - der kann sich immer noch dagegen entscheiden.

Doch 2016 hat endgültig gezeigt, dass das Summer’s Tale ein Wochenende verspricht, das sich auf wohltuende Weise vom Gigantismus der Großfestivals abhebt. Natürlich - die Zielgruppe ist, wie erwähnt, eine andere, aber so hat eben jeder was von seinem Festivalsommer, und wer es etwas ruhiger, beschaulicher und als Wochenendausflug kompletter möchte, der fährt eben jetzt nach Luhmühlen. Den großen Mainstreamern geht ihr Publikum ja nicht aus.

Wachsen muss und wird das Festival noch, wenn es überleben möchte - speziell vor der großen Bühne fiel immer wieder auf, wie licht die Reihen im Publikum besetzt waren; von Gedränge keine Spur, außer vielleicht bei Sigur Rós, was mit Sicherheit der Exklusivität der Show geschuldet war. Doch es dürften in diesem Jahr etliche neue Überzeugte hinzu gekommen sein, die sich vier Tage lang pudelwohl gefühlt haben und das ihren Freunden zuhause erzählen. Und auch wir möchten diese Aufgabe gerne hiermit in aller Form übernommen wissen. Es gibt noch so viel zu entdecken und zu sehen, dass wir nächstes Jahr natürlich wiederkommen müssen.

Vielleicht wird dann ja auch das Wetter endlich mal wieder gut, so dass dieses wunderschöne Festival seinem Namen auch in dieser Hinsicht alle Ehre macht. Wir geben die Hoffnung nicht auf. Und wenn alle Stricke reißen, trinken wir eben auch nächstes Jahr wieder Glühwein in Luhmühlen.



Text: Kristof Beuthner

Fotos: Christina Schoh