Rezensionen 31.08.2017

Hammock - Mysterium [Hammock Music / H'Art]

Wie fängt man an, über ein solches Album zu schreiben? Über ein Requiem in Streichern, in Chören, in weltfernen Ambient-Elegien, das den Tod eines Jungen thematisiert, der für eines der beiden Mitglieder von Hammock war wie ein eigener Sohn?

Schon auf dem im letzten Jahr erschienenen Hammock-Album „Everything And Nothing“ war der Tod allgegenwärtig - oder besser: Die Relativität des Lebens. Von der einen und der anderen Seite erzählte es, nicht klar definierend, von wo aus geschaut wird. In der zwischen Ambient und Postrock mäandernden Musik des Duos aus Nashville fand sich keine Klärung; es hätte von der Seite der Toten aus erzählt worden sein können, oder von der Seite der Lebenden, mit einem Blick hinüber aufs andere Ufer. Es ist konsequent, dass das neue Album von Hammock „Mysterium“ heißt.

Und „Mysterium“ ist in seinem Duktus eindeutig. Clark Kern war für Hammocks Marc Byrd wie ein Sohn, sein ganzes kleines Leben lang, bis eine aggressive Krebsform es im letzten Jahr viel zu früh beendete. Oh ja, „Mysterium“ steht eindeutig und mit jedem Ton still und erhaben an der Seite und trauert, voll von Schmerz, voll von den Unerklärlichkeiten unserer Existenz, hadernd mit ihren Ungerechtigkeiten, die Zähne fest zusammengepresst. Der Hammock-typische Postrock ist aus dem Sound der Band vorübergehend verschwunden, er hält sich zurück, er möchte die Andacht nicht durch störende Schlagzeuge stören oder durch Soundwände, sie sind hier fehl am Platz. Statt dessen erklingen elf episch-katharthische, stille und elegische Stücke, die Marc Byrd zusammen mit dem anderen Hammock-Mitglied Andrew Thompson, dem Berliner Toningenieur Francesco Donadello, der schon mit Olafur Arnalds und A Winged Victory For The Sullen arbeitete, dem Hamburger Filmkomponisten Roman Vinuesa und dem Streicherkomponisten Bobby Shin, unterstützt vom Budapest Art Choir, als Totenwache konstruiert und aufgenommen hat. Die Ambient-Flächen legen eine schwebende Weltferne unter die gespenstisch im Hintergrund klagenden Chöre, die Streicher legen eine Hand aufs Herz, beruhigend und aufwühlend zugleich. Wer schon mal einen geliebten Menschen verloren hat, wird dieses Gefühl kennen. All das ist keinesfalls ausschließlich dunkel und schwarz gefärbt, wie Verlust niemals rein aus Trauer besteht, sondern auch aus liebevollen Gedanken und wohligen Rückbesinnungen auf die gemeinsam verbrachte Zeit, aber es liegt eine andächtige Ruhe über dieser Musik, sie lässt die Weinenden weinen, die Grübelnden grübeln und die Erinnernden leise lächeln. „When The Body Breaks“, „Things Of Beauty Burn“, „I Would Give My Breath Away“ oder „Remember Our Bewildered Son“ heißen die Stücke, sie schmerzen in ihrer Intensität, machen einem vor Wehmut das Atmen schwer, und doch wird klar, warum die Marc Byrd sie genau so hat arrangieren müssen.

Man mag sich nicht anmaßen, über die Gefühle Marc Byrds zu sprechen, denn sie bleiben in ihrer Tiefe nicht nacherfahrbar. Wohl aber werden sie nachvollziehbar durch diese unfassbare Musik, die zutiefst berührt und bewegt, das Andenken an einen wichtigen Menschen in unvergleichlicher Würde bewahrt und so zum bereitwillig angebotenen Halt für alle die da draußen wird, die gerade ähnliche Trauer bewältigen müssen wie Marc Byrd im letzten Jahr.


Text: Kristof Beuthner