Artikel 28.06.2017

It's A Little Bit Of History Repeating: Nillson beim Hurricane Festival 2017

Ein Donner, ein Blitz, ein Tropfen, ein Wolkenbruch. Und du denkst dir: Das kann doch nicht wahr sein. Nicht schon wieder. Warum konnte FKP Scorpio das Ding nicht einfach "Sunshine Festival" nennen? Dann hätten wir doch nicht Jahr für Jahr die gleichen Probleme! Aber nein, es musste ja unbedingt "Hurricane" heißen.

Eigentlich sollte es Donnerstag schon losgehen Richtung Scheeßel. Die Planung war gut, doch die Welt hatte mal wieder etwas dagegen. Es ist ein Déjà-Vu der besonderen Art: Schon im inzwischen legendären Seuchenjahr 2016, als das Hurricane Festival wegen stundenlanger Gewitter und sintflutartigen Regengüssen sogar für einen ganzen Tag hatte aussetzen müssen, kämpften wir mit allem, was wir an Goodwill und Festivalvorfreude aufzubieten hatten, gegen die Widrigkeiten der Unbeeinflussbarkeit. Und 2017 steht in der (nach wie vor übrigens vorbildlich geführten) Festival-App wieder etwas von „Unwetterwarnung“ und „Bleibt in euren Autos, helft einander, passt auf euch auf“. Ein schlechter Scherz, könnte man meinen, wurde doch im vergangenen Jahr aus der Not eine Tugend gemacht und aus „Am sichersten seid ihr im Auto“ durch das selbsternannte Hurricane Swim Team sogar eine veritable Festival-Begleitsingle kreiert.

Aber nein, es ist kein Scherz. Die, die schon da sind, schreiben, dass sie jetzt eben im Auto sitzen und Bier trinken, während es draußen um die Mittagszeit Nacht wird und dann der Himmel zusammenbricht und die Welt sich dramatisch gen Untergang zu neigen scheint. Ein Baum stürzt direkt zwischen unseren Grundstücken um und trifft zum Glück weder Mensch noch Auto oder Gebäude; bei der anderen Nillson-Hurricane-Hälfte läuft der Keller voll und es muss bis in die Nacht hinein Wasser geschöpft werden. Unsere Abreise nach Scheeßel verschiebt sich auf unbestimmte Zeit. Es ist schier nicht zu fassen. Die Bilder vom letzten Jahr - tiefe Furchen auf den Parkplätzen, Bauern auf Traktoren, die sich die Hände reiben ob der unerwarteten Zusatzeinnahmen, Typen in Boxershorts, die in gigantischen Pfützen auf Luftmatratzen treiben und Schnaps trinken, Schlammwüsten vor den Bühnen - sind noch allzu präsent.

Dabei hat das Unwetter von 2016 die Hurricane-Macher mächtig beschäftigt. Es begann damit, dass Teile des Ticketpreises für den Ausfall am Samstag zurückerstattet wurden - damit zusammenhängend mussten aber noch größere Ausfallversicherungen abgeschlossen werden, die dazu führten, dass der Ticketpreis inzwischen in der Spitze bei 199,00 Euro lag - und zwar nicht für die befestigten, luxuriösen „Resorts“, in denen man an befestigten Wegen und mit Stromanschluss seinen Rausch ausschlafen darf. Noch mehr Kräfte, Strohballen und Säcke voll Holzschnitzel lagen bereit, um im Fall der Fälle die ganz große Katastrophe abwenden zu können. Den höheren Aufwand zahlt der Fan: Das Hurricane ist inzwischen mit Verpflegung, Anfahrt und Co. locker einen einwöchigen Urlaub wert. Doch es blieb nicht allein bei dieser Änderung.

Denn weil die Welt in diesen Tagen eine unsichere ist, wurde auch für die allgemeine Sicherheit und Wohlfühligkeit an einigen Schrauben gedreht: Restriktionen bei der Taschengröße (nur noch eine Bauchtasche oder Brustbeutel, maximal im Din-A5-Format), bei der Getränkemitnahme aufs Gelände (TetraPaks nur noch leer, alternativ faltbare Plastikflaschen, dafür ein Upgrade an kostenlosen Trinkwasserstellen) und noch intensivere Sicherheitskontrollen an den Schleusen. Wer sich auf dem Gelände belästigt, panisch oder einfach nur allgemein unwohl fühlte, konnte sich unter dem Motto „Wo geht’s nach Panama?“ an speziell geschultes Bar-, Sicherheits- oder Crewpersonal wenden und wurde dann in einen sicheren Bereich geführt. Wobei grade die neuen Getränke-Regeln bei den 138.000 Besuchern nicht nur auf Gegenliebe stießen (FKP Scorpio wurde verdächtigt, damit vor allem den Getränkeverkauf an den Bierständen ankurbeln zu wollen, weil leere Tetras natürlich auch bedeuteten, dass keine alkoholischen Mischen mitgenommen werden konnten). Dennoch: Insgesamt waren beide Neuerungen absolut zu begrüßen. Man hat sich was einfallen lassen und das hat man gut gemacht.

Und weil die Wasserkatastrophe dann insgesamt doch nicht so arg ausfällt wie im Vorjahr, und weil das Team rund ums Festival tatsächlich einen noch besseren Job macht und sich vorausschauend so bemüht, etwaige Unwegbarkeiten gar nicht erst entstehen zu lassen, kommen wir nach ausführlicher Raffelung tatsächlich völlig problemlos am Freitagmittag auf unseren Campingplatz und brauchen für die erste Reise aufs Gelände nicht einmal Gummistiefel, sondern können entspannt mit dem ersten Kaltgetränk des Wochenendes in der Hand einen Festivalauftakt nach Maß erleben. Für den sorgen die großartigen Irish-Folk-Punks von Skinny Lister, deren überschäumende Live-Energie jede noch so kleine Restskepsis aus den Köpfen der Zuschauer spielt. Klar wird das ein super Wochenende! Und wer Louis Berry im Zelt gesehen hat, nimmt direkt noch einen neuen Lieblingskünstler mit nach Hause. Wir haben dem Jungen schon beim Orange Blossom Special zuschauen dürfen. Dieser fulminante, hochmelodische Working-Class-Rock mit deutlich britischer Note wird von dem jungen Liverpooler in Perfektion zelebriert, da sind Hits, da ist Energie, da ist so viel Klasse. Und das Publikum hat sich informiert: Auch, wenn das Album erst im nächsten Jahr erscheinen soll, kennen die Leute vor der Bühne die Songs und singen mit, wovon Mr. Berry sichtlich beeindruckt ist. Großes Tennis!

Dann ist es Zeit für den ersten Künstler, der im letzten Jahr dem Unwetter zum Opfer gefallen ist: Frank Turner. Dieser Typ definiert den Begriff Rampensau neu und spielt eine ungeheuer mitreißende Show, die gespickt ist mit mitsingfähigen Folkpunk-Stücken und irre viel Charme. Er beschwört einen Circle Pit und die „Wall of Hugs“ - wozu sich gegeneinander beulen, wenn man sich genauso gut drücken kann? Die Welt ist scheiße genug! - und schmeißt sich zum umjubelten „Recovery“ sogar selbst für einen ausgedehnten Crowdsurf in die Massen. Danach gehen wir zurück ins Zelt und machen einen kurzen Abstecher zu Kodaline. Die Iren sind von der Textsicherheit ihres Publikums deutlich beeindruckt und werden stürmisch gefeiert, trotzdem bleibt der Gesamteindruck eines Boyband-Konzerts mit Gitarren. Ihr Coldplay-naher Bombastpop ist insgesamt einfach zu seicht und zu programmatisch hymnisch und überraschungsarm; das Formatradio winkt schon.

Wir bleiben gleich da, denn es folgt mit Xavier Rudd ein Künstler, der die Friedfertigkeit eines solchen Großevents beschwört und damit eine ungeheure Zahl an Herzen gewinnt. Mit seinem blonden Zopf zum wuscheligen Kinnbart, die Jeans-Latzhose über den muskulösen, nackten Oberkörper drapiert, ist der Australier optisch ein Abziehbild des reiselustigen Surfers, der die Natur so liebt wie das Dope in seinen Zigaretten, und ja, seine Reggae-Songs sind alle ziemlich ähnlich. Doch wenn er zum wummernden Bass das Didgeridoo in technoid-psychedelischer Manier wie eine Waffe der Liebe in die Luft reckt und zu den eher folkigen Nummern wie „Follow The Sun“ die Gitarre flach auf seinen Knien liegend spielt, sorgt er für beseelte, glückliche und sogar ein Tränchen der Freude verdrückende Gesichter und ein wunderbar inniges Gefühl.

Dann ist es schon Zeit für den ersten großen Headliner. Green Day sollen satte zweieinhalb Stunden spielen? Die müssen sich vertippt haben im Planer. Haben sie nicht. Billie Joe Armstrong und seine Jungs wollen die große Rockshow, scheitern aber an ihren eigenen Ansprüchen. Dass die Pyro-Einlagen ein Witz sind und wirken, als hätten Rammstein im letzten Jahr ein paar leichtere Feuerkonserven stehen lassen, aus denen Green Day sich nun bedienen, ist noch zu verschmerzen. Und das die eingestreuten Knalleffekte eher so klingen, als würde irgendwo hinter der Bühne jemand in der Nähe eines Mikrofons einen China-Böller zünden, ist sogar unfreiwillig komisch. Aber der Sound ist für einen so großen Namen schlicht eine Frechheit. Direkt vor der Bühne, so hören wir später, sollen sich Songs wie „Holiday“, „Boulevard Of Broken Dreams“ oder das berühmte „Basket Case“ besser angehört haben, aber für uns, die wir im Gesamtpulk eher mittig an der Seite stehen, klingt dieses Konzert wie durch einen halbdefekten Kinder-Kassettenrekorder abgespielt. So sehr sich die Band um Nahbarkeit bemüht und immer wieder Zuschauer zum Mitsingen oder sogar Mitspielen auf die Bühne holt - das halten wir keine zwei Stunden durch. 

So beschließen wir unseren Tag eher unfreiwillig mit dem Konzert von Clueso, um den wir eigentlich einen weiten Bogen machen wollten, bei dem die Klangqualität dafür aber unantastbar gut ist. Seine Band ist breit aufgestellt und klingt wunderbar tight, das muss man neidlos anerkennen, aber Cluesos Songs sind und bleiben unbeeindruckender Radio-Deutschpop mit nur einem Quäntchen mehr Seele als bei Max Giesinger und Konsorten. Dann doch schon lieber noch die Rave-Nummer mit Herz von Frittenbude, die den Abschluss-Slot auf der Red Stage gewohnt feierfreudig ausfüllen und den Massen wenigstens noch ein paar inhaltliche Weisheiten zum wummernden Bass mit auf den Weg geben. Wir gehen schlafen. Der Tag war aufregend genug.

Der Samstag beginnt für uns mit dem Konzert von Baroness. Die spielen nur vor ein paar hundert Leuten, und das zeigt ganz gut, in welche Richtung das Hurricane publikumstechnisch unterwegs ist. In schönster „Früher war alles besser“-Manier konstatieren wir, dass solche Musik vor zehn Jahren noch nicht mit so wenig Interesse bedacht wurde und gewiss einen späteren Slot erhalten hätte, aber die Kids von heute können mit dieser filigranen wie brachialen und klassisch-melodiösen Version von Metal-Rock nichts anfangen. Zum Schaden der bestens aufgelegten Band soll das freilich nicht sein: Die genießen den Zuspruch der wenigen Anwesenden in vollen Zügen, denn die sind nur für sie da und feiern das dreiviertelstündige Konzert völlig zurecht ab.

Da haben Jimmy Eat World mehr Glück, aber die haben auch mehr Hits. Der Bereich vor der Bühne ist rappelvoll und die Sonne scheint, das passt zum inzwischen recht poppigen Früh-Emo-Sound der Band, die auf ungemein sympathische Weise viele neuere Stücke präsentiert, aber auch die liebgewonnenen Hits der frühen Alben nicht auslässt. Zum Über-Hit „In The Middle“ stehen wir zweimal wie durch Zufall direkt zwischen zwei sich bildenden Circle Pits. Neben uns zieht ein hünenhafter, an einen Wikinger erinnernder Typ sein Shirt aus und wirft sich ins Getümmel. Wir sind froh, nicht mittendrin zu sein, machen uns klein und singen leise mit. An der Green Stage bleiben wir stehen und erleben eindrucksvoll, warum alle Welt sich gerade so um Royal Blood reisst, die einen weiteren überwältigenden Beweis liefern, dass man für eine unheimlich druckvolle, mitreißende Performance nicht mehr als eine E-Gitarre und ein Drumkit braucht. Das Duo schafft die ganz große Soundwand und feuert eine Stunde lang die Hits ihrer bisherigen zwei Alben ab, und es besteht gar kein Zweifel, dass diese Jungs das Potenzial besitzen, beim nächsten Mal einen noch späteren Slot im Timetable mit genauso viel Bravour auszufüllen.

Im Zelt holen derweil die Schotten von Twin Atlantic ihren im vergangenen Jahr wegen des Unwetters entfallenen Auftritt nach. Live besitzt der zwischen Indierock und Britpop angesiedelte Sound der Band noch mehr Druck und Kraft; mit Songs wie „Heart & Soul“ oder „Make A Beast Of Myself“ haben die Jungs inzwischen auch eine gute Zahl an Hits gesammelt, die ihr Publikum lautstark mitsingen kann, und das abschließende „No Sleep“ singt bzw. schreit Sam McTrusty auf dem Rücken liegend, getragen von seinen Fans. Doch der ganz große Gewinner des Tages ist Nathaniel Rateliff, der mit seiner Band The Night Sweats den anschließenden Slot auf der Zeltbühne spielt. Mit seinem in jeder Hinsicht einnehmenden Stilmix aus Blues, Folk, Soul und Country und seiner Performance, die von einer wahren Liebe und intensivem Gefühl für diese Art Musik zeugt, zaubert dieser bärtige Typ in Anzug und Hut ein ganzes Zelt voller strahlender Gesichter. Da gerät auch der Letzte irgendwann ins Tanzen, und nach dem Finale singen die Menschen noch weiter in großer Gemeinsamkeit, als sie schon längst wieder draußen im Sonnenlicht stehen. Das ist genau die Stimmung, die man auf Musikfestivals für ein großes Gefühl von Zusammenheit und Freiheit braucht und an die man sich lange erinnert - gerade auf Großfestivals ist das so schwer zu erreichen, aber Nathaniel Rateliff hat es heute geschafft.

Wir freuen uns jetzt auf den nächsten großen Namen im Tableau: Blink 182. Deren musikalischer Ideenreichtum passt natürlich in einen Fingerhut, aber wer von uns hat als Teenie nicht zu den Songs von „Enema Of The State“ getanzt? Da versprechen wir uns natürlich eine große Punkshow voller Energie und Hits, Hits, Hits. Die Band tut auch fraglos ihr Möglichstes, aber der Sound macht dem Erlebnis wieder einen Strich durch die Rechnung. Wie schon gestern bei Green Day kommt nur wenig von dem an, was auf der Bühne passiert. Wenn wir mitsingen, singen wir lauter als die Band, und zwischendurch bricht der Sound sogar ganz weg. Das ist nicht, was wir von einem so großen Festival erwarten können; es nimmt uns den Spaß und verwandelt Vorfreude in Ernüchterung. Also bewegen wir uns früher als geplant zur Blue Stage und dem Konzert der Editors, deren edle Mixtur zwischen Postpunk und Indierock immer einen Blick wert ist. Diese Meinung teilen außer uns leider nicht viele - der Bereich vor der Bühne ist für ein Großfestival-Konzert um 22:15 Uhr zum Teil erschreckend leer. Tom Smith und seine Band stört das nicht, sie spielen mit großer Geste und dringlicher Performance; es ist das beste Editors-Konzert, an dem ich je teilhaben durfte, und ich freue mich offen gestanden, endlich mal ein bißchen Platz zum Stehen und Zuschauen zu haben.

Vermutlich sind alle drüben auf der Green Stage geblieben, denn da spielen heute noch Linkin Park, denen wir gerne aus dem Weg gehen. Für ein paar Songs schauen wir aber doch mal herüber und erleben eine Band, die den Druck und die Brachialität ihrer immer schon popnahen, aber für das Nu Metal-Genre zugegebenermaßen unverzichtbaren Hits auf matschigen Stadionpop heruntergebrochen haben und damit das letzte Mü an Dringlichkeit verlieren. Als wir die pompöse Pianoballade als „Crawling“ identifizieren, sind wir endgültig froh, uns diese Band nicht unter dem Motto „na ja, wenn sie schon hier sind kann man sie auch mal gesehen haben“ in den Laufplan geschrieben haben. Wir begeben uns zurück zur Blue Stage und stellen nicht unbeeindruckt fest, mit welcher Wucht EDM inzwischen Einzug auf die großen Festivals gehalten hat. Axwell & Ingrosso haben ein Bassgewitter und eine wirklich beeindruckende Video-Show auf einer überdimensionalen LED-Wall mitgebracht. Das muss man keinesfalls mögen, aber man kann wirklich nicht abstreiten, dass das eine unfassbare Energie transportiert, die völlig zurecht für eine Unzahl tanzender und springender Körper sorgt. 

„Wir haben schon lange nichts mehr übers Wetter gehört - wie war das eigentlich?“, höre ich eure Köpfe fragen. Eigentlich nicht der Rede wert. Während sich am Freitag und am Samstag strahlender Sonnenschein mit gelegentlichen Wolkenbrüchen und Nieselregen noch gut die Waage gehalten hatten, bricht der Himmel am Sonntag dann doch wieder zusammen. The Dirty Nil, die mit ihrem Mix aus Weezer-Collegerock-Harmonien und hartem, dreckigem Noiserock vor überraschend vielen Menschen (es ist immerhin erst 12:00 Uhr!) spielen, können wir noch entspannt und trocken verfolgen. Aber beim heiß erwarteten Kanadier Leif Vollebekk kennt der Himmel keine Freunde mehr und es gießt in Strömen. Die ohnehin nicht zahlreichen Frühaufsteher winken dankend ab und verziehen sich in die sicheren Unterstände; so stehen wir schließlich mit schätzungsweise fünfzig anderen Unverdrossenen im prasselnden Regen vor der jetzt plötzlich riesig wirkenden Blue Stage und erleben das musikalische Highlight unseres Wochenendes. Der deutlich mitleidsvolle, ungemein sympathische Künstler wirft sich mit solch enormer Spielfreude und so schmerzhafter Intensität in seine in Bob Dylan-Organ wahlweise zum Synth-Piano oder rein zur E-Gitarre vorgetragenen, dezent angejazzten Katharsis-Folk-Songs, dass einer dieser großen Musikmomente entsteht, in denen durch die Symbiose aus Künstler, Sound, Wetter und Gesamtsituation plötzlich die Synapsen knallen, alles zu einem großen Ganzen verschwimmt und einfach alles passt. Die halbe Stunde ist viel zu schnell vorbei. Den eigentlich geplanten Ausflug auf die Red Stage zu Moose Blood schaffen wir nicht. Der klangliche Sprung wäre zu heftig.

So stehen wir noch kurz bei den Norwegern von Kakkmaddafakka, deren äußerst tanzbarer Indiepop abermals viel Spaß macht, entscheiden uns jedoch gegen das Ausharren und für Songwriter-Folk. Den bekommen wir von Stu Larsen, der mit langen blonden Haaren und Rauschebart zu Karo-Hemd und Cap ganz allein mit seiner Gitarre und einer Mundharmonika auf der Bühne steht um seine wunderbar-feinfühligen Weisen zu singen, doch der Sound von draußen klaut der Ruhe dieses Konzerts die Intensität. Wir schauen mal nach, was da los ist und sehen: Seasick Steve ist los. Und das ist überaus sehenswert. Dieser alte Kerl mit Rauschebart und Sonnenbrille transportiert mit seinem treibend-lärmigem Bluesrock eine unheimliche Energie und ist an der E-Gitarre eine Klasse für sich. Sein Drummer schmeißt nach dem letzten Song seine Becken kaputt und Steve hält sich erstmal die Rotwein-Pulle an den Hals. Liebe Kinder: So geht Rock’n’Roll. Dieser Typ weiß es.

Derart fulminante Rock-Momente, die keine Show sind sondern echtes Lebensgefühl, kriegen wir beim Hurricane inzwischen leider nur noch selten geboten. Zu stark ist die Masse der Besucher über die Jahre gewachsen, die dieses ursprünglich als Musikfestival konzipierte Wochenende als Äquivalent zum versoffenen Mallorca-Trip verstehen und entsprechend bespaßt werden wollen. Anders kann man sich eine Band wie die 257ers im Lineup nicht erklären, deren größter Hit „Ich und mein Holz“ heißt. Ihre anderen Ergüsse suhlen sich ironiefrei in frühpubertären Pups- und Sexwitzchen; ein weiterer bekannter Song heißt „Baby, du riechst“ - gemeint ist natürlich keine Stinkerei, sondern „Baby, du riechst so gut“. Irgendwie total witzig. Nein? Nein. Zwischendurch sprühen sie Schaum aus einer großen Kanone und es kommen Ansagen der Marke: „Ich möchte im Publikum ein Loch sehen wie zwischen Lisas Beinen! Das ist so groß, da kannste ne Yacht drin parken!“, und am Ende verabschiedet sich die Band, weil sie kacken muss. Die Masse johlt und rastet völlig aus - vor zehn Jahren wäre ein solcher Zirkus an Schlechtigkeit vermutlich mit Ansage vom Gelände gejagt worden. Ich fühle mich uralt, in meiner musikalischen Intelligenz zutiefst beleidigt und plötzlich schrecklich alleine. Wie man eine Menge mit Spielfreude, Energie und musikalischer Aussagekraft wirklich zum Toben bringt, zeigen parallel zur Peinlichkeiten-Parade der 257ers auf der Green Stage Gogol Bordello - schätzungsweise mengenmäßig vor einem Drittel derer, die über die Pupse der 257ers gelacht haben. Jedem Publikum das, was es verdient.

Wir lassen uns durch den Restsonntag treiben. Feiern ein Wiedersehen mit Mando Diao - warum klingt eigentlich der neue Hit „I Need Somebody“ genau so wie ihr größter, „Dance With Somebody“? Sind den Schweden die Ideen ausgegangen? - und You Me At Six, deren Rocksound inzwischen deutlich im Stadion angekommen ist, Hoobastank und Incubus lassen grüßen. Alt-J haben schon wieder mehr Leute vor der Bühne als beim letzten Mal; die Band empfiehlt sich auf ein Neues als angehender Festivalheadliner (dann hoffentlich mit besserem Sound). Und weil die lange Abreise wartet, sind Me First & The Gimme Gimmes mit ihren Coversongs auf Punk die letzte Band, die wir für dieses Jahr zu sehen kriegen. Ein würdiges Finish, das Spaß macht und uns gut nach Hause bringt - finden wir und machen uns auf den Heimweg.

Was bleibt nun an großen Erinnerungen an dieses Festivalwochenende? Nun: Bei allem Klagen über die Ballermannwerdung von Großfestivals und damit einhergehendem Einzug von Event- und Kirmeskultur auf Musikveranstaltungen (neben Riesenrad und Bungee-Jumping gab es 2017 auch erstmals die große Bayern-Rutsche!) muss man FKP Scorpio gerade in der zweiten Reihe ein ausgezeichnetes Booking bescheinigen. Das Gute bei so vielen Bühnen an einem Wochenende ist ja, dass man sich mit unterschiedlichem Musikgeschmack ganz vortrefflich aus dem Weg gehen kann. Ich mag über Bands wie die 257ers, SDP oder (nicht zu vergessen, für ein Rockfestival eigentlich die ganz große Booking-Schande) Gestört aber Geil entgeistert den Kopf schütteln - Fans dieser Truppen tun das mit meiner Musikauswahl unter Garantie genauso. Leben und leben lassen - mit dieser musikalischen Vielfalt und unserem Umgang damit bildet das Hurricane-Wochenende unsere Gesellschaft eigentlich ganz gut ab. So bleibt vor allem im Gedächtnis, wie friedlich alles war, wie gut und unverdrossen diese vielen, vielen Menschen mit den erneuten Wetter-Widrigkeiten umgingen und wie wenig sie sich ihre Laune vom grauen Himmel vermiesen ließen, den sie sich nicht einmal mit aufs Gelände mitgebrachtem Vodka-O schönpicheln konnten. Wer die große Party und das Event wollte, kam genauso auf seine Kosten wie die Gourmets und die stillen Zuhörer. Trotz einiger ärgerlicher aber darin natürlich zwangsläufiger Überschneidungen (Red Fang vs. Baroness und Editors vs. Maximo Park taten am meisten weh) konnte jeder nach seinem Gusto ein absolut ertragreiches Musikwochenende basteln, mit Bildern, die er mit nach Hause nehmen kann und Bands, die er vielleicht neu entdeckt oder nach langer Zeit endlich mal wieder gesehen hat. Oder überhaupt zum ersten Mal, weil ihm die horrenden Eintrittspreise bei einer Stadionshow von Green Day, Blink 182 oder Linkin Park den Spaß nie wert wären.

Die in ihrer Ausrichtung so friedliebende Festivalszene hat durch die Ereignisse rund um Rock am Ring Risse erhalten. Umso erhebender ist es für Besucher wie Veranstalter, wenn an einem Wochenende wie beim Hurricane 2017 einfach mal alles gut ist. Wenn der ganze Ärger aus ein paar besoffenden Kiddies und Regen besteht, hat man sonst keine Sorgen. 138.000 Menschen haben sich in den Armen gelegen, gegrillt, Unmengen Bier getrunken, gefeiert und genossen. Das ist, was ein Großfestival im Idealfall - bei allen gegebenen und sicherlich auch angebrachten Vorbehalten gegen Massenevents dieser Art - erreichen soll. Das hat das Hurricane in diesem Jahr wieder bravourös geschafft.

Das ist der Grund, warum wir jedes Jahr gerne wiederkommen - bis uns der Zirkus vielleicht irgendwann doch zu viel wird. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.


Text: Kristof Beuthner

Fotos: Kristof Beuthner und Christina Schoh