Rezensionen 14.02.2012

John K. Samson - Provincial [Grand Hotel van Cleef / Indigo]

Ein Getriebener reist durch die Gegend und verarbeitet das Gesehene und Erlebte in Songs - was auf den ersten Blick erstmal klingt wie die Voraussetzung für eines von wirklich vielen Singer/Songwriter/Folk-Alben, erscheint in einem ganz anderen Licht, wenn man sich anschaut, wer es ist, der da reist. Und zwar John K. Samson, besser bekannt als die Stimme der fantastischen Weakerthans, die wir seit ihrem 2008er Album "Reunion Tour" schmerzhaft vermissen.

Nachdem aus dem Dunstkreis der Band bereits im vergangenen Jahr das Debütalbum der Imaginary Cities via GhvC das Licht der Welt erblickte, veröffentlicht Samson dort nun nach zwei EPs seinen ersten Longplayer. Den Fan im Regen stehen lassen ist nicht - sich selbst auf wirklich existenziell neue Wege begeben aber auch nicht. Muss ja auch nicht sein. Wer weiß, mit welcher Schärfe Samson schon mit den Weakerthans Beobachtungen zu Leben und Lieben in seiner Heimat Kanada, besser noch: Manitoba, in großartige Songs verwandelt hat, dem schmeckt dieser alte Wein auch heute noch ganz vorzüglich. "Provincial" wandelt musikalisch auf keinerlei anderen Spuren, lebt durch seine Nähe zum Folk, wirkt durch die gegenüber der Hauptband deutlich abgespeckte Besetzung allerdings nicht so mächtig, sondern nahbarer und ein ganzes großes Stück intimer. Der Opener, "Highway 1 East", kommt gar mit Stimme, Bläsern und Streichern aus. Es sind eben nun seine Songs, die er für sich schreibt, die von ihm kommen und die von Dingen erzählen, die Samson und eben nur Samson durch seinen speziellen Blickwinkel sieht. Dazu gehören ein Song über GPS-Systeme und einer über den Eishockeyprofi Reggie Leach alias The Riverton Rifle und die Entscheidung über dessen Aufnahme in die Hall Of Fame des Eishockey. Also bleibt Samson auch seinen skurrilen Songtiteln treu. Trotzdem steht "Provincial" genau da, wo man es schließlich haben wollte, nämlich keineswegs auf dem Lückenbüßerpodest in der Wartezeit auf neue Weakerthans-Kost, sondern als eigenständiges Werk eines stilsicheren und pointierten Songwriters, das man aufgrund seiner Direktheit äußerst schnell lieb gewinnt.

 

Text: Kristof Beuthner