Artikel 08.06.2017

Keine Flucht: Eine wundervolle Auszeit. Nillson beim Orange Blossom Special 2017

„Ihr Lieben“, würde Rembert Stiewe beginnen, und unser guter Gisbert würde fortfahren mit „Die Welt ist grässlich und wunderschön“. Eine Gefühlsgemengelage, die den Wachen permanent umgibt, der dieses Orange Blossom Special, dieses einundzwanzigste mit dem desolaten Einhorn als Mottotier, mit einem hin und wieder auch auf die Weltnachrichten gelenkten Blick begeht.

„Geht es dir gut? Du bist aber nicht bei Rock am Ring, oder?“, erreicht mich die SMS meiner Mama am Freitagabend während der Show von Louis Berry, und ich weiß sofort: Es ist etwas passiert. Während wir die Schönheit, die Familiarität, die Gemeinsamkeit des wunderschönen kleinen jährlichen Weserbergland-Wochenendes genießen, fliehen Tausende vom Nürburgring zu ihren Zelten. Nicht weil die Welt wieder wegen eines Unwetters unterzugehen scheint wie im letzten Jahr. Sondern weil der Wahnsinn inzwischen auch Deutschlands Festivalszene erreicht hat. Weil es eine Terrorwarnung gegeben hat. Die sich später auflöst, so dass Rock am Ring fortgesetzt werden kann, aber das ahnen wir ja am Freitagabend noch nicht, und so schleicht sich ein leichtes Unwohlsein in unsere Hinterköpfe, wohl wissend, wie glücklich wir uns schätzen können, uns einmal mehr für Beverungen und das Orange Blossom Special entschieden zu haben. Nicht, dass zur Debatte gestanden hätte, es anders zu machen, aber darum soll es ja hier nicht gehen.

Morgens wachen wir auf mit der Nachricht, es habe einen weiteren Terroranschlag in London gegeben. Jemand ist mit einem LKW in eine Horde Fußgänger gerast, schon wieder. Was ist nur los in der Welt? Was zur Hölle stimmt nicht mit diesen Menschen, die der Harmlosigkeit des Alltags so tiefe Schnitte versetzen wollen? Das Einhorn, dieses desolat wirkende, dem giftgrüner Speichel aus den Lefzen tropft, der Blick glasig, das Horn gebrochen, wirkte auf so viele von uns betrunken, als wir es zum ersten Mal sahen. Doch es steht sinnbildlich für eine Welt, in der das Schöne, das Verkitschte, immer mehr an Bestand verliert. Angeschlagen wie unsere Sicherheit thront es da auf den Programmheften, Aufnähern und T-Shirts im Glitterhouse-Garten, und es suggeriert uns, dass der Friede, auf den wir wieder ein ganzes Jahr gewartet haben, fragil ist.

Im besagten Programmheft zum Orange Blossom Special stehen in diesem Jahr viele weise Worte. „Die Realitätsflucht als solche hat nur Sinn, wenn man sich über die Abgründe der Realität im Klaren ist“, zum Beispiel. Oder: „Die Welt ist nicht pink. Sie ist brutal und scheiße.“ Das Einhorn wie wir es kennen, so lesen wir, steht für die Verkitschung von Hoffnung und Würde. Das Beverungener Einhorn trägt seine Narben, doch es steht immer noch aufrecht; angeschlagen ist es, aber der Rücken ist gerade. „Haltung ist also gefragt, kein pinkfarbener Eskapismus“: Lange war das nicht so wahr wie in diesem Jahr. Und abgesehen davon, dass dieses flammende Plädoyer für Entmystifizierung und Aufstehen für das Gute sich keineswegs nur an Terrorangst, sondern auch an alle anderen Ausgeburten von Populismus, Rassismus und Sexismus dieser Welt richtet: Das Orange Blossom Special ist in diesem Jahr, ob es will oder nicht, ein Festival im gar nicht so weit entfernten Angesicht von Terror und Angst - doch together we will stand. Und das geht an wenigen Orten beeindruckender als hier.

Und so geht zwar ein Schlucken durch die 2.800 Besucher starke OBS-Gemeinde, doch im gleichen Atemzug eben auch eine riesige Dankbarkeit darüber, an diesem Wochenende ausgerechnet hier zu sein; der eigenen, nie zuvor wichtigeren Haltung zweifelsfrei bewusst, vor allem aber glücklich, drei ganze Tage lang dem Irrsinn in ein zwar optisch nicht immer schönes, aber ungemein erbauliches und stützendes Idyll entfliehen zu können. Und im Vergleich zum rattenkalten Vorjahr spielt ja 2017 sogar das Wetter mit. Wenn wir alle fünfzehn Meter auf der Fahrt durch die wunderschönen Berge und Täler erst das Auto, dann die Welt anhalten wollen um schon diese Momente tief in uns einzusaugen, darauf eingestellt, in den kommenden Tagen die Seele von erhebenden Klängen streicheln zu lassen, brennt sich das Motto dieses einundzwanzigsten Orange Blossom Special nur umso dringlicher in unsere sehnsüchtigen Synapsen: Nothing this beautiful.

Die Schönheit dieses Festivals bestand dabei nie aus einer verklärten Verkitschung. Pink und niedlich war hier noch nie irgendwas, nicht einmal das fliegende Fabelhaft-Schwein oder die Raketenschnecke aus dem letzten Jahr. Hier trifft man immer noch keine Festivalhipster mit Glitzer im Gesicht und Blumenketten im Haar zur fluffigen Bluse aus dem Modekatalog. Die, die hier vor der Bühne stehen, haben ihre Schlachten in Rockmusik geschlagen, in teuflischem Blues und sehnsuchtsvollem Country, und durch die Musik mit so manchen inneren Dämonen, die sie - bewältigt oder unbewältigt - hierhin mitbringen dürfen, um ihnen drei Tage lang gemeinsam zu zeigen, dass sie keine Macht haben. Hinter dem Labelgebäude von Glitterhouse, das in Beverungens Industriegebiet selbst ein wenig so wirkt wie ein angeschlagenes Einhorn, finden sie einmal im Jahr einen Ort, an dem völlig egal ist, wie alt und verwittert oder wie jung und neugierig sie selber sind, welche Band auf ihrem Shirt steht und wie dick oder dünn, gestylt oder zerzaust sie aussehen. Was zählt, ist die Liebe zur Musik, die Utopie von einem Wochenende, das nur ihr gehört. Nichts ist so schön.

The Builders & The Butchers entpuppen sich dabei als ideale Startband, weil sie mit ihrem kantigen Folk genau für dieses Bild steht. Hier sind die Harmonien eben auch nicht nur klar (wenngleich das neue Album der Band aus Portland sich dahingehend etwas mehr geöffnet hat) und der Grundton schön düster, aber das ist gut so, dass zeigt die Abgründigkeit im Schönen, das ist gut gewählt und ähnlich schön wie 2014, als das Quintett schon einmal den Glitterhouse-Garten im Sturm nahm. Steve Waitt spielt die Schönheit im herrlichsten 70s-Americana-Folk dann in voller Breitseite aus, definitiv eine der Entdeckungen dieses Wochenendes.

Doch nur eine kleine im Vergleich zum Briten Louis Berry, der in diesem Sommer neben dem Orange Blossom Special nur beim Hurricane/Southside-Zwilling spielen wird. Was tief blicken lässt: Hier ist Großes im Gange, und das weiß nach seinem fieberhaft-energiegeladenen Auftritt endgültig jeder, der dabei war. Das ist britischer Working Class-Rock’n’Roll mit heiserer Stimme und unbändiger Intensität, vor allem ist hat dieser Typ jetzt schon ein schier unerschöpfliches Repertoire an Hits, von denen das abschließende „She Wants Me“ und das wunderbare „Restless“ ganz besonders im Gedächtnis bleiben. Louis Berry ist wieder einer dieser Künstler, von denen man ahnt, dass man sie hier im Glitterhouse-Garten vermutlich zum ersten und zum letzten Mal in so kleinem Rahmen gesehen hat.

Und dann kommen AnnenMayKantereit zurück, deren Verpflichtung für den Freitagabend man als Coup bezeichnen müsste, wenn sie das Ganze nicht selbst initiiert hätten. Das verwundert auch wenig, wenn man sich daran erinnert, wie die Kölner vor drei Jahren mit offenen Mündern auf der Mini-Bühne erleben durften, wie ein ganzes Festival sich ihnen förmlich zu Füßen warf, sie gar nicht mehr loslassen wollte und nach ihren zwei Umbaupausen-Gigs den Merch leer kaufte. So zuhause wie hier kannst du dich als Band fast nirgendwo anders fühlen. Und so stehen sie nun da, mit einer noch stärker gewachsenen Fangemeinde im Rücken, mit unzähligen ausverkauften, immer größer werdenden Hallen und den spürbar überschatteten Auftritten bei Park und Ring in Sicht unter dem Kronleuchter und sind immer noch diese guten Jungs, die so altersweise Wahrheiten zwischen Studentenlifestyle und Liebesschmerz raushauen. So groß und gefeiert Henning, Christopher, Severin und Malte inzwischen sein mögen - es fühlt sich immer noch genauso unmittelbar an wie immer, nur dass alle inzwischen deutlich tighter an ihren Instrumenten geworden sind, ganz besonders Severin Kantereit, der für seine Bongo-Einlage bei „Sunny“ verdienten Extra-Applaus bekommt. Einziges kleines Manko: Es gibt nur einen neuen Song, womit die Frage, mit was für Themen die Band im Zuge des Erfolges auf einem zweiten Album aufwarten wird, immer noch nicht geklärt wird.

Der Samstag beginnt wunderbar beschaulich mit Wayne Graham und ihrem beschaulichen Country-Folk, der einen herrlich entspannt in den Tag starten lässt. Das angekündigte Gewitter lässt auf sich warten, die Leute sind entzückt, besser kann es kaum sein. Christine Owmans düstere Psychedelik bildet danach einen guten Kontrast, wenngleich die Dame auch die Intensität des Auftritts der ähnlich gearteten Josefin Öhrn & The Liberation aus dem letzten Jahr nicht erreicht. Mit einem Dröhnen in den Ohren gehen wir erstmal was essen.

Währenddessen spielen Messer, die zu den derzeit wichtigsten deutschsprachigen Bands gehören - wenn Haltung das Thema des Wochenendes sein soll, ist wohl kaum eine Band dafür besser geeignet als die Mannschaft um Hendrik Otremba, deren Galligkeit und Theatralik eine überaus dringliche Soundsymbiose ergeben. Das tut weh, und das soll es auch. Vollkommen faszinierend gerät der Auftritt des Norwegers Moddi, der auf seinem aktuellen Album „Unsongs“ Lieder neu vertont hat, die in ihren Herkunftsländern verboten sind. Logischerweise hat der Blondschopf zwischen den einzelnen Songs eine Menge zu erzählen; sein Konzert gerät somit auch zu einer Lehrstunde über musikalisches Aufrührertum und Kunstzensur; ein in jeder Hinsicht spannendes Happening, das mit einer hinreißend rührenden Version von Pussy Riots „Punk Prayer“ einen größtmöglich intensiven Höhepunkt findet. Diese Platte sei hiermit ganz dringend zum Nachhören zuhause empfohlen - nicht nur wegen ihres hochspannenden Themas, sondern auch wegen ihrer wunderschönen Musik.

Gewinner des Tages sind die Finnen von Teksti-TV 666, deren massiver Mix aus Krautrock, Shoegaze und Punk mit gleich vier E-Gitarristen und ungebremster Energie für offene Münder sorgt, soweit das Auge reicht. Still stehen ist bei dieser unfassbaren Kraftdemonstration schier unmöglich; eigentlich ist ziemlich schwer zu fassen, was man hier geboten bekommt, und weil diese Jungs vorher keiner kannte, nimmt jeder, der’s gesehen hat, eine neue Lieblingsband mit heim.

Wir nehmen noch eine mit, auch wenn Ove schon vorher eine Herzensangelegenheit waren. Die Installation der sogenannten Walking Acts beim diesjährigen Orange Blossom Special erweist sich sowieso als Riesenidee; während unser aller Lieblings-Schrottwichtel Rocco Recycle sich mit seinem vom Chopper aus mit selbstgebauten Instrumenten dargebotenen Arschrock „mal hier, mal da“ ein weiteres Mal als Entertainer höchster Klasse beweist, sind die Auftritte (u.a. auf dem Campingplatz)  der alten Freunde des Hauses, Ove Thomsen und Sönke Torpus, die seit Jahren immer auch privat beim OBS vorbei schauen, mit ihrer Band so viel fürs Herz, dass man sie spontan am Samstag noch einmal die Mini-Bühne, auf der zuvor The Great Joy Leslie zaubern und Schreng Schreng & La La schrammeln durften, entern lässt. Den Jungs, die während des Wochenendes sukzessive den Backstage-Kühlschrank leertrinken, ist es ein riesengroßes Fest, so charmant und humorvoll hauen sie uns ihre nordisch trockenen wie liebevollen Weis- und Wahrheiten um die Ohren. Das Strahlen will gar nicht mehr verschwinden aus Oves Gesicht, und der ganze Garten singt. Mit „Was dem Rücken gut tut, tut der Liebe gut“ tätowieren wir uns den prägnantesten Satz imaginär ums Handgelenk. Die dürfen gerne wiederkommen.

Dann ist es Zeit für die Kanadier von Wintersleep, die nicht nur von uns heiß erwartet wurden. Der Drive, den die Band in ihrem überaus zupackenden Indierock entfacht, wirft lediglich die Frage auf, warum Wintersleep nicht längst auf den größten Bühnen zuhause sind - eine Antwort könnte sein, dass nicht alle Songs die Klasse der deutlich ähnlich gearteten Weakerthans erreichen, was insgesamt dann doch auf Kosten der Intensität geht. „Amerika“ vom neuen Album „The Great Detachment“ hinterlässt den größten Eindruck und erinnert an „Where Is My Mind“ von den Pixies - das dürfte den Weg aufs Jahres-Mixtape finden. Den Abend beschließt Johannes Simons alias Blaudzun, dessen Präsenz schier beeindruckend ist. Er spielt ein wahnsinnig mitreißendes Konzert, das ziemlich klar werden lässt, warum man sich nach diesem Mann inzwischen auch international die Finger leckt.

Über den obligatorischen Surprise Act wurde relativ wenig spekuliert; nicht zu vergleichen jedenfalls mit dem letzten Jahr, als es galt, das Erbe von Gisbert zu Knyphausen anzutreten. Es sind in diesem Jahr The Dead South, deren traditionell-purer Country im Zusammenspiel mit der Optik der Band wie immer ein faszinierendes Erlebnis ist. Die Kanadier spielen gewohnt hochklassig, es ist ein absolut gelungener Start in den letzten Festivaltag.

Es folgen Gurr, die schon beim letzten Reeperbahn-Festival dick auf unserem Zettel standen und bei denen uns nur der Einlassstopp in der Prinzenbar aufhielt. Das ist herrlich dringlicher Riot-Grrrl-Punk, hochmelodiös und pointiert und zu meiner großen Freude deutlich rougher als auf Platte. Rein dramaturgisch hätte man den Slot der Mädels gerne mit The Desoto Caucus tauschen können, deren zurückgelehnter Desert Rock im Sitzen am besten genossen werden kann und der zu diesem sonnigen Sonntagmittag passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.

Beim Schweizer Senkrechtstarter Faber habe ich kein neues Problem. So herrlich druckvoll der von Bläsern getragene Folkpop dargeboten wird, so kalt lassen mich nach wie vor die Texte und die tendenziell theatralisch-affektierte Performance dieses Typen. Aber das ist meine Sache, das Publikum goutiert die Show und die mit Palmen dekorierte Bühne, also halte ich still und freue mich lieber über die Coolness von Julia Jacklin. Dass sie den Bereich vor der Bühne sukzessive leer spielt, liegt sicher nicht an ihr, sondern daran, dass es sich inzwischen einregnet, was klar auf Kosten der Gemütlichkeit geht.

Der mächtige Noiserock der Nürnberger von Heim holt sie alle zurück. Dass das Trio, das live um ein Deutliches rauer und energischer zu Werke geht als auf dem famosen Debüt „Palm Beach“, das Anfang des Jahres beim Indiepop-Wunderland Tapete erschienen ist, schon deutlich früher mit seinem Konzert fertig ist als geplant, wird ihm nicht übel genommen - wenn alles gesagt ist, ist eben alles gesagt. Wozu das Ganze künstlich in die Länge ziehen? Außerdem kommt des der anderen Band zu Gute, die wir vermutlich zum letzten Mal in einem so kleinen Rahmen erleben durften: Den Giant Rooks. Deren Sänger Frederik Rabe war als Kind schon zu Besuch beim Orange Blossom Special; dass er nun mit seiner Band die Mini-Bühne bespielen darf, macht ihn sichtlich glücklich. Es ist überhaupt immer wieder sensationell zu sehen, wie diese Jungspunde - zwei Bandmitglieder drücken immerhin noch die Schulbank - so versiert und filigran auf der Klaviatur der tanzbaren, Haken schlagenden Popmusik spielen. Allein deswegen werden sie völlig zurecht gefeiert; diese Band ist auf dem Sprung in die Radiostationen dieses Landes, die Hitdichte ist groß, nicht einmal am Cover eines Bob Dylan-Songs scheitert sie.

Nach so viel Pop-Schmiss finden wir zu Yes We Mystic nicht so recht Zugang. Was aber auch daran liegt, dass ich den Auftritt von Immanu El so herbeisehne. Vor fünf Jahren war die Band schonmal hier, fand damals aber nicht überall Anklang. Wohl aber bei OBS-Chief Rembert Stiewe, der den damaligen Gig aus einem anderen Grund ganz besonders in Erinnerung behalten wird: Am selben Tag machte er seiner jetzigen Frau einen Heiratsantrag; mit schöneren Gedanken kann man den schwelgerisch-tiefen Post-Pop der Schweden wohl kaum verbinden. Nach einer mühsamen, entbehrungsreichen Zeit, in der das Quartett um die Strängberg-Zwillinge Claes und Per einen aufreibenden Rechtsstreit um die Alkoholausschanklizenz bei einem Konzert in Göteborg ausfechten musste, der die Band nervlich und monetär an den Rand der Existenz brachte, ist Anfang des Jahres endlich das vierte Album „Hibernation“ bei Glitterhouse erschienen. 2017 haben Immanu El Heimspiel. Waren sie damals eher dem Postrock zugewandten OBS-Gästen ein Begriff, kennt sie nun jeder hier. Und da dieses vierte Album sich eine gute Prise mehr im Pop bedient, ist auch die Stärke der Songs weit präsenter, vom wundervollen „Voices“ über das immer mehr zu einem Live-Favoriten aufsteigende „Astral Days“ vom Debüt „They’ll Come, They Come“ bis zu „Omega“, dem einzigen Song der Band, der es jemals bis ins Radio geschafft hat - in Italien, wie Claes Strängberg verrät. Es ist ein überwältigender, ein gewaltiger Abschluss des einundzwanzigsten Orange Blossom Special; einer, der zum Schweigen bringt und zum Innehalten. Würdiger kann ein solches Wochenende nicht enden.

„Die Welt ist grässlich und wunderschön“ - und sie hat uns an diesem Wochenende beide Seiten ihres Gesichts gezeigt. Von der ersten haben wir nur durch die Kraft unserer Imagination, gefüttert von den Bildern, die wir in den Nachrichten Woche für Woche sehen, oder durch Newsfeeds auf unseren Mobiltelefonen erfahren. Gott sei Dank. Denn der Fleck dieser Welt, an dem wir uns drei Tage lang befunden haben, ist noch in Ordnung, wie man so schön sagt, und wie wir nicht müde werden, unseren Kontakten außerhalb von Beverungen kundzutun, wenn sie fragen, ob bei uns alles gut ist während bei Rock am Ring die große Ungewissheit herrscht und London schon wieder nicht weiß wohin mit sich.

Wo das diesjährige OBS-Vorwort im Programmheft die Realitätsflucht als nur dann probates Mittel beschreibt, wenn man sich der Abgründe der Realität im Alltag bewusst ist und ihnen gegenüber Haltung zeigt - hier und an diesem Wochenende war sie eben deswegen so nötig, weil die Welt um uns herum zu diesen Zeiten einfach nicht zu fassen ist. Die Realität streckte in ihrer Grausamkeit ihre Klauen nach uns aus, aber wir ließen sie nicht zupacken. Vor Montagmorgen steigen wir da nicht wieder ein. Wir brauchten eine Pause. Und hier in Beverungen ist die Welt womöglich nicht optisch wunderschön und glattpoliert, aber zuhausig und gemeinsam und umarmend und darin so sehr erhaltenswert. Ein Rückzugspunkt vor dem Wahnsinn dieser Welt - auch und gerade wegen des Bewusstseins darüber.

Mit diesen zugewandten, aufopferungsvoll ein perfektes Festivalwochenende organisierenden Menschen, die freundlich zueinander sind, die miteinander und füreinander vor und hinter der Bühne arbeiten, die diejenigen vermissen die in diesem Jahr nicht dabei sein können weil sie zum Beispiel ein Baby bekommen haben, die lachen und tanzen und schwelgen und Bier trinken, ohne dass böse Worte fallen; ohne dass ausgelacht und ausgegrenzt wird, ohne dass Dinge unmöglich scheinen. Mit einem Publikum, dass so affin, so dankbar und offen wieder einmal alle Grenzen der Fassbarkeit gesprengt hat, mitgesungen hat und früh aufgestanden ist, um ein bis dato völlig unbekanntes Duo aus Kentucky beim Country spielen zuzusehen oder einer Band, von der man noch gar nicht wusste, wer sie wohl sein würde.

Wir haben Freunde getroffen und neue gefunden, Lachs- und Saté-Burger gegessen, die Herrlichkeit von Bratkartoffeln mit Speck und Pilzrahmsoße wiederentdeckt, Geburtstage gefeiert, in großen Gesprächen die für uns bedeutsamen Unwegbarkeiten verhandelt und Musik, Musik, Musik gehört. Dafür brauchten wir keinen Kitsch, keine Illusion, keinen die Augen verschließenden Eskapismus - und auch keine niedlichen Mottotiere. Wir alle, die um dieses Festival herum Bands gebucht, eine Bühne gebaut, Zeilen geschrieben, Essen gekocht, Bier gezapft, Zelte geflickt, mit Kindern im Mitmachzirkus jongliert, Boule gespielt, Platten gekauft, dann über diese und andere Platten gequatscht und auf der Bühne gestanden haben um Musik zu machen oder Witze zu erzählen, haben unseren Teil zu einem unvergesslichen Wochenende beigetragen. Uns ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass die Welt brutal und scheiße sein mag, wir aber alle die Kraft in uns haben, all dieser Brutalität und Scheißigkeit mit Liebe im Herzen entgegen zu treten.

Gerne auch mit dem desolaten Einhorn als Wappentier auf den verwitterten Schilden.



Text: Kristof Beuthner

Fotos: Christina Schoh