Artikel 09.06.2010

Krawall und Remmidemmi

Krawallkultur und ihre Deformierung des politischen Protests

Die Sonne scheint grell und bereits herbstlich durch die Fenster der U-Bahn. Ein junger Mann sitzt mir gegenüber. Er trägt ausgewaschene Jeans und ein hellblaues Hemd. Sein Telefon klingelt: "Hi. Wie geht es dir?... Mhm… Ich geh nachher mit ein paar Leuten in die Schanze… Na, da ist doch Schanzenfest und das heißt heute Abend machen die wieder ordentlich Krawall da… Nee, ich mach bei so was nicht mit. Wir wollen nur zuschauen. Ist lustig. War letztes Jahr auch schon da. Hätte fast ne Flasche gegen den Kopf bekommen. Voll krass… Ja, geil oder? Komm doch auch mit! Wir zischen ein paar Bier und schauen denen beim Barrikaden bauen zu."  Sternschanze steige ich aus und lasse mich von dem Menschenstrom mitreißen. In der Bartelsstraße steht der erste DJ. Direkt vor „Omas Apotheke“ legt er minimalistischen Elektropop auf, daneben ein kleiner Tapeziertisch, übervoll mit Mädchenklamotten. „Alles nur 1€“, rufen die Mädchen, die ihre Klamotten zum Verkauf anbieten, und schwingen dabei ihre ASTRA-Flaschen im Takt der Musik. 

In das alternative Viertel Hamburgs eingebettet, bildet das Schanzenfest einen angenehmen Gegenpol zu den gängigen Straßenfesten 

und das nicht nur, weil es seit 2004 unangemeldet stattfindet. Anstelle von Bier- und Grillzelten haben es sich Privatleute oder auch die ansässigen Lokale zur Aufgabe gemacht, den Besucher mit unterschiedlichsten und meist relativ preiswerten Essen und Trinken zu versorgen. Auch fehlen fast gänzlich die Ramschläden, bei denen man ansonsten auf jedem Straßenfest Plastiksonnenbrillen oder Ketten kaufen kann. Stattdessen haben Anwohner der Schanze ihren Haushalt geplündert und verkaufen diesen nun auf der Straße. Die kleinen oft indisch geprägten Läden bieten selbstgemachten Schmuck und farbenfrohe Tücher an und immer wieder sieht man Stände und Personen, die für politische oder künstlerische Interessen werben. Das Stichwort der Stunde ist „Gentrifizierung“. Vor allem hier in der Schanze, wo sich ein Armenviertel in ein szeniges Quartier mit stetig steigenden Mieten verwandelt hat.

Vor der Roten Flora, dem autonomen Zentrum und Wahrzeichen von Hamburg, ist eine kleine Bühne aufgebaut. Gerade gibt eine alternde Punk-Band ihren bissigen Sound zum Besten und nicht weit entfernt, in der Rosenhofstraße, steht ein weiteres DJ-Pult. Wieder drängt sich elektronische Musik an den Hauswänden hoch und überflutet die tanzenden Menschen. 

04. September, 15.30Uhr: Das Schanzenfest verläuft wie immer ruhig und friedlich. Bis die Sonne untergeht…

Seit 2003 kommt es nach dem Schanzenfest regelmäßig zu Ausschreitungen und Straßenschlachten. Ein politischer Hinter- und Beweggrund ist immer weniger zu erkennen. Es geht scheinbar lediglich um Aggressionsabbau und das Erlebnis „Revolution“. Jugendliche und junge Erwachsene verhüllen sich in dunklen Kapuzenpullovern, zünden Autos an, zerwerfen Schaufenster mit Steinen und gehen gegen die „Staatsgewalt“ an. Scheinbar „just for fun“. 
Ein relativ peinliches Unterfangen, dem sich mittlerweile sogar die stark linksorientierten Anwohner der Schanze entgegenstellen. 
Doch eine weitere Vergnügungskultur hat sich um die Schanzenfestrandale gebildet: die Zuschauer. 
Während die Besucher der Schanze im ersten Jahr der Randale noch reihenweise aus der Schanze flüchteten, sind die Bürgersteige heutzutage proppenvoll. Das Schanzenfest ist durch seine Randale zu einem weit über Hamburgs Grenzen bekannten Spektakel geworden und die antike Lust, sich an Gewaltakten zu ergötzen, scheint kein bisschen an Brisanz verloren zu haben. 

Plötzlich wird die Schanze zum Kolosseum, in dem man sich an den Kämpfen zwischen Polizei und Randalierern erfreuen kann.

Dies ist eine relativ bedenkliche Entwicklung, nicht nur im Sinne der moralischen Entwicklung unserer Gesellschaft, auch die symbolhafte Wirkung könnte auf beiden Seiten eine verheerende Wirkung haben. Viele der Randalierer werden sich durch das „Publikum“ bestätigt fühlen. Plötzlich bewegen sie sich in ihrem Kampf auf einer Bühne und werden Schauspieler in einem pseudopolitischen Machtkontext. Das Gefühl, Menschen stehen hinter ihnen, gibt ihnen die Möglichkeit sich weiter einzureden, dass ihr Kampf einer revolutionären und höchst politischen Intention folgt. Und selbst bei denen, die vielleicht wirklich eine politische Ideologie vertreten wollen, bildet sich das Gefühl, verstanden zu werden und den richtigen politischen Protest gewählt zu haben.
Das „Publikum“ hingegen bekommt mitunter nicht selten Lust selbst mitzumachen. In unterschiedlichsten Kreisen hört man, wie Personen, die dem linken Block vorher wahrlich nicht nahe standen, plötzlich selbst zu Flasche griffen. Nicht, weil sie der Meinung sind, damit ihrem Missmut oder ihrer politischen Handlungsfähigkeit Ausdruck verleihen zu können, sondern weil Zuschauen oft den Trieb nach Handeln weckt.

All das trägt zu einer unangenehmen gesellschaftlichen Veränderung bei. Wenn Formen des Protests immer mehr zu kulturellen Vergnügungsveranstaltungen verkommen, schrumpft unsere politische Glaubwürdigkeit. Folgen sind stärkere Regulierung und Kompromisslosigkeit der Politik. Die Aufgabe ist es politischen Protest stärker zu definieren. 
Vor allem linksorientierte Ideen und Proteste müssen sich von den sinnlosen Krawallakten, die sich in einem pseudolinksideologischen Gewand präsentieren, abgrenzen. Sonst sinkt ihre Glaubwürdigkeit enorm und bietet somit immer größeren Angriffsraum für rechtsradikale Gruppierungen. 
Dieses Jahr haben die Anwohner und Lokalitäten des Schanzenviertels ein erstes deutliches Zeichen gesetzt: während viele Bars, Cafés und sogar die Rote Flora um 22:00Uhr schlossen, um somit den Randalierern keine Zufluchtsstätte zu gewähren, haben die Anwohner selbstständig Feuer gelöscht und Barrikaden weggeräumt. 

Nicht zuletzt bleibt auch die Aufgabe das Schanzenfest klar von den Randalen abzugrenzen. Es ist ein Lichtblick im Bereich der Straßenkultur und zeigt, dass öffentliche Feste auch heutzutage ohne Konsum- und Profitstreben funktionieren können. Man kann nicht umhin, sich mehr solcher Straßenfeste zu wünschen. Feste, die ganz ohne Bierzelt, Pommesbude und Ramschladen auskommen. 

Text: Lasse Scheiba