Rezensionen 01.02.2012

Kurzkritiken #16: Enter Shikari // Jenny Abrahamsson // Niila // Hellsongs u.v.m.

Knapp einen Monat nach Eintritt ins neue Musikjahr ist der erste Kurzkritikenplattenstapel so groß geworden, dass sich wieder ein Abarbeiten lohnt. Also wird es wieder Zeit für eine der beliebten musikalischen Reisen, dieses Mal mit den Zwischenstopps Schwedenpop, Elektrotrash, Klangwelt, Chartselektronik, Trancecore, Metalfolk, Songwritersweetness und Opulenzrock.

Jenny Abrahamsson - The Sound Of My Beating Heart [How Sweet The Sound / Cargo]

Schweden, das Vaterland des Pop (wenn man annimmt, dass das Vereinigte Königreich die Mama ist), hat wieder ein Sternchen hervorgebracht, namentlich Jenny Abrahamsson, und die räumt derzeit mächtig ab in der skandinavischen Musikpresse. Definitiv Grund genug, auch hierzulande mal ein Ohr zu riskieren. Ein zweites gönnen werden ihr aber wohl vermutlich vorwiegend die Radiomenschen. Denn Abrahamssons Debüt "The Sound Of My Beating Heart" beinhaltet ausnahmslos Formatpop, clever produziert und charmant präsentiert, aber eben auch recht glatt und austauschbar bei all der Nettigkeit. Tut keine Sekunde lang weh, ist gefällig und hat mit der Single "Hard To Come By" auch eine Nummer mit Wiedererkennungswert dabei. Kann man sich anhören - muss man aber nicht.

Enter Shikari - A Flash Flood Of Colour [PIAS / Rough Trade]

Ebenfalls was neues gibt es von Enter Shikari, deren immense Popularität sich mir immer noch nicht so ganz erschließt. Nach dem letztjährigen Live-CD-Ausflug gibt es nun mit "A Flash Flood Of Colour" auch ein neues reguläres Studioalbum auf die Ohren. Aber die Band ist nun auch nicht unbedingt eine, die sich auf jeder Platte neu erfindet. Es gibt den gewohnten Mix aus Trance und Hardcore bzw. Screamo, und das geht wie immer durchaus gut klar. Druckvoll und frickelig und auf der Single "Sssssnakepit" sogar mit Elementen aus Dubstep und Grime, was einigermaßen flasht - also alles beim Alten bei den Herrschaften aus St. Alban. Trotzdem hat man sich an "Flash Flood" kurioserweise sehr schnell überhört. Aber ich räume durchaus ein, dass auch diese Platte wieder ihre Fans finden wird.

Hellsongs - Long Live Lounge [Tapete / Indigo]

Ganz ähnlich verhält es sich ja mit den schwedischen Hellsongs, die von irrsinnig vielen Menschen heiß und innig geliebt werden für ihr sich stets wiederholendes Rezept, Stücke aus dem Metal- und Hardrockgenre in herzallerliebste Folksongs umzufunktionieren. Andere finden, der Witz war nach dem ersten Album erzählt. Und werden die Hitsammlung, die von der Band auf "Long Live Lounge" vor begeistertem Publikum präsentiert wird, vermutlich sehr schnell in die Ecke stellen. Wer das aber mag und sich nach wie vor mächtig daran ergötzt, nicht auf den Songtitel zu linsen und erst beim Refrain wissend in sich hineinzulächeln, wird seine helle Freude haben, da das Album äußerst fein produziert ist und somit die Atmosphäre eines Hellsongs-Gigs sehr treffend wiederspiegelt.

Niila - abheutsindwirnichtmehralleine [Timezone / Timezone]

Kommen wir von Schweden zu Niila. Die sind benannt nach einer Figur aus dem sehr guten Film "Populärmusik aus Vittula" und somit erstmal sympathisch. Die Platte "abheutsindwirnichtmehralleine" (ja, alles klein und ohne Punkt und Komma): so was wie ein Konzeptalbum vom Zusammensein und von der Liebe, die - das ist ja allgemein bekannt - nicht immer so ganz einfach ist, und neben den schönsten Erinnerungen häufig auch aus den schlimmsten besteht. Das alles eingefangen in Sound, in Lethargie und Impulsivität, laut und leise, hart und weich passt natürlich ganz trefflich. Die Braunschweiger machen das gut und man hört ihnen gerne zu, die Lyrics sind völlig unpeinlich und hin und wieder fast schon Klez.e-esk verkopft. Abgleich mit der eigenen Liebeshistorie erwünscht: diese Band darf man sich ruhig mal merken.

Ya-Ha! - Immer und überall [Ya-Ha-Musik / Soulfood]

Bleiben wir noch ein bißchen in hiesigen Gefilden und sprechen über Ya-Ha!, das Elektropopprojekt von Blumentopfs Flo Schuster und der Sängerin/Schauspielerin Janna Wonders. Und stellen leider fest, dass man sich so ziemlich in keiner Sekunde des gemeinsamen Debütalbums "Immer und überall" fühlt, als hätte man auf diese Platte gewartet oder als wäre sie diejenige, die einem zwingend in seiner Sammlung fehlt. Die Beats reißen keine Bäume aus, die Lyrics und der Gesang sind süß, aber alles andere als neu. Das war schon zuletzt bei 2raumwohnung nicht mehr frisch. Songs wie "Robotermädchen" oder "F.C.C. (Fake Coco Chanel)" haben sicherlich durchaus Chartpotenzial, das will ich gerne zugestehen, aber wer sich in deutschsprachiger Musik ein bißchen auskennt und auch schon ein bißchen was gehört hat, dürfte hier schnell gelangweilt "eject" drücken.

Bondage Fairies - Bondage Fairies [Audiolith / Broken Silence]

Wenden wir uns also lieber Elektronik zu, die richtig Spaß macht. Und da landen wir schnell bei den Roboterkäfern a.k.a. Bondage Fairies, die mit ihrem neuen Album "Bondage Fairies" ungefähr alles richtig machen. Will sagen: ihre Elektronik knallt massiv, ihre Melodien - irgendwo zwischen 80s-Pop und Glamstyle - sind mitreißend und ihr C64- und Gameboy-Gefiepe amüsiert und entertaint. Es ist einfach schön, wenn man schon in den ersten Momenten so spürt, dass hier eine Band ein Album gemacht hat, an dem sie irrsinnigen Spaß hatte und bei dem sie einen Riesenwert aufs feine Detail legt. Gemessen an den energetischen Liveshows kommt die Platte vom Tempo her fast schon zahm daher, was dem Hörer allerdings auch mehr Möglichkeit zum Entdecken gibt. Klasse geworden ist das!

Willamette - Always In Postscript [Own Records / Al!ve]

Auch inzwischen legendär: die unermessliche Liebe zu Own Records aus Luxemburg, bei denen einfach jedes Album ein musikalischer Seelenstrip ist - oder eine Reise in weiteste Klangwelten. Die neueste Veröffentlichung ist dabei nicht nur musikalisch etwas für Feinschmecker. Willamette dürfen ihr Album "Always In Postscript" nämlich ausschließlich über Vinyl an den Liebhaber bringen, und dieses Releasekonzept ist auch völlig konsequent. Der Streifzug durch die unendlichen Sphären und Felder dieses Sounds, flächig und weitläufig, scheinbar strukturlos und meditativ, wäre zu schade, um ihn auf CD einfach nebenher laufen zu lassen. Alle Sinne müssen das aufnehmen, weil es einfach so wundervoll ist. In sich gehen, Ruhe finden - dieses elegische Postrockkunstwerk braucht Platz, Zeit und Liebe. Und zwischendurch die Vinyl umdrehen. Nicht vergessen!

Laura Gibson - La Grande [City Slang / Universal]

Schließen wir die Kurzkritikenecke mit einem letzten Tageshighlight. Namentlich: Laura Gibson aus Portland, hach ja. Und das ist wirklich ein Highlight, eines, an dem sich die vorhin erwähnte Frau Abrahamsson ein Beispiel nehmen könnte. Frau Gibson macht Popmusik, auch mit großem Folkeinschlag und tollen 60s-Percussions, aber sie tut das mit ihrer wundervollen, immer leicht brüchigen und dennoch kraftvollen Stimme so einnehmend, dass man ihr gerne zuhört auf ihrem neuen Werk "La Grande", das treffender nicht betitelt sein könnte. Sie hat den Schmiss und die Erotik einer Nancy Sinatra und bringt ihn in Einklang mit der Zerbrechlichkeit einer Leslie Feist. So klingen spannende Künstlerinnen, so klingen Januaralben. Und das mittlerweile schon aufdringlich in den Medien als Schmiede junger Musikgöttinnen und -götter platzierte Portland ist tatsächlich schon wieder um eine Attraktion reicher.

Text: Kristof Beuthner