Artikel 05.10.2016

Leoparden-Sakkos und Schlangen von innen: Nillson beim Reeperbahn Festival 2016

Vier Tage Musik, vier Tage Hamburg: Mehr als in den letzten Jahren saugten wir bemerkenswerte Eindrücke auf und verzweifelten an den langen Schlangen vor den Clubs. Aber beim Reeperbahn Festival kommt es eh immer anders, als man denkt. Und das ist nach wie vor gut so.

Europas größtes Showcase-Festival erfordert schon Wochen zuvor viel Zeit. Sich allein am täglich verteilten Timetable zu orientieren, ist schier unmöglich. All die vielen Überschneidungen, die zwangsläufig entstehen wenn Hamburgs schönste Amüsiermeile ab 19.30 über zwanzig Türen gleichzeitig öffnet, sind eine Sache - durch intensives Vorhören, Klicken, Liken und Wiederhören bekommt man den in jeder Hinsicht nötigen Überblick über all das, was da an vielversprechenden Neuzugängen zwischen Nochtspeicher und Terrace Hill darauf wartet, entdeckt zu werden.

Klar kann man das Reeperbahn Festival auch ganz anders organisieren. Wer fleißig Formatradio hört, bekommt vom Hamburger Lokalmatador N-Joy eine ganze Latte mainstreamtauglicher Bands (dieses Jahr unter anderem: Louane, Walking On Cars oder Maxim) angeboten, die man in den großen Läden auch einfach abfunktionieren kann. Aber wer will das?

Nein: An diesem einen Wochenende im September geht es für die Entdecker und Goldschürfer unter den Musikmenschen neben dem fleißigen Networken und Wiedertreffen alter Freunde vor allem darum, sich in die durch Streaming-Dienste wie Spotify immer undurchsichtiger werdenden Untiefen der alternativen Popmusik zu graben. So viel vielversprechende Sounds, junge neue Bands und heißen Shizzle von übermorgen bekommt man nirgendwo in so kurzer Zeit so konzentriert aufgeboten. Klar, dass da Hektik und auch hin und wieder mal Frustration vorprogrammiert sind. Aber so ist nun mal das Game. Das gehört eben auch dazu.

Und auch wir hatten 2016 mehr als in den letzten Jahren Zeit, uns eine Schlange von innen anzuschauen. Wer zu spät ist, den bestraft das Leben, und manchmal bestraft es auch den, der ganz früh da ist. So verpassten wir die neuesten Vorstellungen des Hamburger Labels PIAS (noch nie habe ich am Nachmittag eine solche Menschenmasse vor einem Club gesehen) oder die finnischen Trashpunker Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS?, die wir uns eigentlich fest auf die Fahnen geschrieben hatten. Dass beim spontanen Trio-Gig von The Slow Show, die im Imperial Theater ihr neues Album „Dream Darling“ vorstellten, kein Durchkommen war, war hingegen erwartbar gewesen.

Blöd ist dann, wenn selbst die lang erwarteten Highlights, die man natürlich dann doch auch unbedingt mitnehmen will, sich als Enttäuschung entpuppen. Die Berliner Oum Shatt gehören dazu. Vor zwei Jahren hinterließen sie ausschließlich begeisterte Gesichter bei einem umjubelten Auftritt im St. Pauli-Vereinsheim. Jetzt ist die Platte draußen; umso größer war die Begeisterung über ihre Rückkehr. Doch beim Auftritt in der Prinzenbar läuft gar nichts zusammen: Der Soundcheck zieht sich ewig, Sänger Jonas Poppe ist maulig, die Songs lassen seltsamerweise Groove vermissen und die Band wirkt wie ein Trupp verwöhnter Berliner Kunstjüngelchen. Ärgerlich nur, wenn einem mit jeder Sekunde klarer wird, das man gerade vermutlich irgendwo anders auf der Reeperbahn glücklicher wäre. Gott gebe uns die Gelassenheit, Dinge zu ertragen, die wir nicht ändern können - das könnte ein Wahlspruch für dieses Festival werden.

Überhaupt - mit den Konzerten, die wir verpasst haben, könnte man ein Buch füllen. Doch was bringt es, sich zu ärgern? Steht der persönliche Timetable erst fest, gleicht auch nur das kleinste Abweichen der Geschichte vom Flügelschlag eines Schmetterlings und einem Tornado. Bricht die eine Ecke weg, stürzt die ganze Brücke ein. So haben wir Konzerte gesehen, die uns über die Maßen begeistert haben; gehen mit einer Handvoll Neuentdeckungen aus diesem bemerkenswerten Musikwochenende und behalten Bands, die wir leider nicht mehr unterbekommen konnten (Venom Is Bliss, Dead!, Moose Blood) eben auf dem ganz persönlichen Radar. Und erzählen natürlich trotzdem allen, dass wir nicht wiederstehen konnten, einen Blick auf den R’n’B-Künstler Craig David zu werfen, den man in seiner Jugend dann halt doch irgendwie ganz fancy fand und der ins stylishe Mojo passte wie die Faust aufs Auge, dort Justin Biebers „Love Yourself“ coverte und tatsächlich unerwartet sympathisch eine Brücke von der Popmusik vor zehn Jahren ins Jetzt schlug.

Es folgen nunmehr: Zehn Bands und Künstler, die wir entdeckt und auf die wir uns gefreut haben, die uns frustriert und euphorisch ins grelle Licht der Reeperbahn zurücktaumeln ließen, die seitdem auf Heavy Rotation laufen und die wir nicht unbedingt wiedersehen brauchen. Wir freuen uns jetzt schon so sehr aufs nächste Jahr. Denn keinen Stress gönnt man sich als Musikmensch lieber, als den auf dem Reeperbahn Festival in Hamburg.

Kytes (Sommersalon)

Die Kytes sind eine der aufstrebenden Indie-Pop-Bands dieses Landes mit Reichweite bis in die Radio-Stationen. Klar, dass wir uns das anschauen müssen. Von Platte spielt die Band sommerlichen dancy Pop mit internationalem Appeal; live löst sie im rappelvollen Sommersalon ihr Versprechen nicht so recht ein. Zu ähnlich die Songs, zu uninspiriert die Vorstellung: Der Sänger wirkt, als hätte diese Musikrichtung gerade so herumgelegen und er hätte sich einfach bedient; man nimmt der Band ab, dass sie ins Radio will, nicht dass sie ihre Musik verkörpert. Sie hätte genauso gut Kraftklub entdeckt haben können, dann klänge sie wahrscheinlich wie OK Kid. Dazu zaust er sich die süß zerzausten Haare immer wieder ganz besonders wild ins Gesicht und wirkt dadurch unfreiwillig komisch. Hat er das vor dem Spiegel geübt? Jeder Griff sitzt. Die Band wird mit ihrem Sound sicherlich erfolgreich sein, der kommt nämlich präzise und tight und trifft mit Sicherheit den Nerv nicht weniger unbedarfter Chartskinder mit Lust auf was Wildes - Besonders im Gedächtnis bleibt Leuten, die sich schon länger mit Musik auseinander setzen, aber nichts.

The Boxer Rebellion (Knust)

Was haben wir uns auf Nathan Nicholson und seine Band gefreut. The Boxer Rebellion sind so eine Art ewiger Geheimtipp, und so werden sie am von NDR Kultur kuratierten Abend im Knust auch angekündigt. Das sind sie zu Unrecht: Ihr Sound zwischen den Editors und Sigur Rós schwelgt in tiefer Melancholie, und auch, wenn die Band sich in ihrer fünf Alben umfassenden eigenen Diskografie immer mehr dem Pop zuwandte (was in dem zugegeben schwer erträglichen, in diesem Jahr erschienenen Longplayer „Ocean By Ocean“ gipfelte), tat sie das stets mit Stil und schuf Momente, die ganz lange nachhallten. Ihr Konzert im Knust gehört leider nicht dazu: Das neue Album und das ebenfalls eher schwächere „The Cold Still“ stehen im Vordergrund, zu „No Harm“ begibt sich Nathan Nicholson ins Publikum, nicht um den Kontakt zu suchen, einfach um dort zu singen - ein irgendwie seltsamer Move. Es entsteht kein Band, die stärksten Songs fehlen (beispielsweise die unvergesslichen „Evacuate“ oder „Red Flashing Lights Mean No Go“ vom Über-Album „Union“, von dem nicht ein einziger Song gespielt wird) oder werden uninspiriert zwischen die anderen gebastelt (das göttliche „Diamonds“). Es bleibt ein schales Gefühl gegenüber einer Band, die einem so sehr ans Herz gewachsen ist in den letzten Jahren. Wir probieren es sicherlich nochmal wann anders.

The Head & The Heart (Docks)

Das Konzert von The Head & The Heart aus Seattle beginnt mit einer der größten Peinlich- und Affigkeiten, die ich in meiner Vita als Konzertgänger je erlebt habe. Weil das Ganze nämlich auf dem Hamburger Formatradio-Sender N-Joy übertragen werden soll, kommt fünf Minuten vor Beginn der Aufnahme ein Moderator auf die Bühne, der das bis dahin noch mäßig gefüllte Docks auffordert, doch bitte in fünf Minuten für die Band mal so richtig auszurasten. Organisierter Enthusiasmus, damit das Mainstream-Publikum weiß, es verpasst hier aber mal so richtig was - ich schäme mich fremd bis weit unter den Erdboden. Aber nun ja, Jonathan Russell und seine Band haben sich eben spätestens mit ihrem neuen Album vom Gutherz-Folkpop zum Radio-Sorglos-Pop transformiert, und da muss so was eben sein. Das täuscht nicht darüber hinweg, dass wir ein wirklich schönes Konzert sehen, bei dem die alten Stücke wie das großartige „Lost In My Mind“ in neuem, goldhell glänzenden Bombast mit Bläsern und Streichern erstrahlen, was The Head & The Heart durchaus gut steht. Dazu ist die Lichtshow wie schon so häufig im Docks erlebt über jeden Zweifel erhaben und zaubert in ihrem schönsten Moment einen Sternenhimmel an die Decke. Die Band hat Spaß und wirkt sehr sympathisch - nur Russell selbst macht über die komplette Spielzeit den Eindruck, als habe er kurz vor der Show mit Anlauf in eine Zitrone gebissen. Das ist ein wenig schade.

Shred Kelly (Spielbude)

Aus Gründen kommen wir zu Shred Kelly eigentlich viel zu spät. Dafür schämen wir uns etwas; wäre doch der gesamte DanCan-Showcase am Mittwochabend, der kanadischen Bands schön zentral gelegen, in der Spielbude nämlich, eine Bühne bietet - halb Open Air, bei den angenehmen Temperaturen ist das ein Segen - sehr sehenswert gewesen. Über Shred Kelly hatte ich zuvor gelesen, sie klängen wie Mumford & Sons in gut - in Wirklichkeit haben sie mit Marcus Mumford und seinen Söhnen aber nur die Verortung im Folk gemeinsam. Die Kanadier verbreiten ungeheuren Spaß von der Bühne aus, energetisch, vielköpfig, mit tollem zweistimmigem Gesang. Das kann DanCan, ein Ableger von DevilDuck - tolle, unbekannte Bands aus Kanada pushen, und das Publikum weiß das zu schätzen. Es ist kaum ein Platz zu finden und die Begeisterung ist groß, alles tanzt und wippt und singt mit, so gut es ohne Kenntnis der Songs eben geht. Am nächsten Tag soll die Band nochmal im kukuun ein kleines halbstündiges Nachmittagskonzert spielen, das verpassen wir leider auch (due to the allgemeine Überreizung), aber uns ist klar, dass wir diese Truppe im Auge behalten müssen.

Matthew Logan Vazquez (Molotow)

Beim Shred Kelly-Konzert wird uns vom DevilDuck-Chef persönlich Matthew Logan Vazquez wärmstens empfohlen. Der Delta-Spirit-Frontmann hat im vergangenen Jahr hier sein erstes Solo-Album veröffentlicht und spielt eigentlich am selben Abend noch im Grünen Jäger - in Amerika tritt der Texaner seit Jahren auf großen Festivals auf, hier sind es lediglich die ganz kleinen Clubs, denn seine Bekanntheit muss er sich hierzulande noch erspielen. Weil wir natürlich etwas anderes vorhaben, ist das Thema eigentlich schon zu den Akten gelegt, doch dann hilft uns einen Tag später der Zufall. Weil der Auftritt von Isaac Gracie im Molotow kurzfristig ausfallen muss, springt Vazquez ein und spielt vor einer Handvoll Leuten (hat halt niemand auf dem Zettel gehabt) spontan noch eine zweite Show. Da verstehen wir, warum wir das unbedingt sehen mussten: Nicht nur, dass das ein echt sympathischer Typ ist, der sich mit seiner Band für kein Texas-Klischee zu schade ist - sein Sound, irgendwo zwischen Tex-Mex-Melancholie (nur ohne Mariachi-Bläser) und 90s-Alternative ist höchst zwingend und intensiv. Gut, dass das Reeperbahn Festival einem immer wieder diese unvorhergesehenen Momente beschert. Finden wir und nehmen ein tolles Konzert und eine echte Neuentdeckung mit nach Hause.

The Paper Kites (Knust)

Ähnlich wie The Head & The Heart haben auch The Paper Kites aus Australien einen kleinen Wandel in Richtung Mainstream vollzogen; auch hier klang das erste Album nach lupenreinem, in voller Pracht erstrahlendem Warmherz-Folk; Stücke wie „Bloom“ sind fest in unseren Playlists verankert. Das neue Album hört sich synthetischer an und poppiger, auch hier ist deutlich, dass man gerne neue und breitere Menschenmengen erreichen möchte, aber im Gegensatz zu The Head & The Heart versprühen die Paper Kites zu jeder Sekunde immense Spielfreude. Wir thronen auf der Knust-Empore in weichen Sesseln, lehnen uns zurück und genießen ein Konzert, das die alten Stärken der Band mit ihrem neuen Sound wunderbar vereint, die Folk-Stücke schmiegen sich ins Ohr und die eher Synthie-poppigen wie das sanfte „Renegade“ kommen live wesentlich feingliedriger als von Platte. Nach unserer Boxer-Rebellion-Enttäuschung sind The Paper Kites, die im Anschluss spielen, eine Wohltat; die Band ist hierzulande noch keine ganz große Nummer und deutlich dankbar für all die Zuwendung, die sie vom äußerst zugewandten Knust-Publikum heute erfährt. Das war sehr, sehr schön.

Bombay (Kaiserkeller)

Holländische Bands haben beim Reeperbahn Festival gute Tradition; die Dutch Impact-Showcases sind legendär. Als wir das Trio am Donnerstag Abend im Kaiserkeller sehen, hat es schon zwei Konzerte hinter sich, einen viel umjubelten Instore-Gig und einen Showcase-Auftritt am Nachmittag im Molotow zusammen mit Black Oak. Bei beiden konnten wir nicht zugegen sein - umso zwingender ist, dass wir der Band nun ein Ohr leihen. Wir hören herrlich scheppernden, grungigen Garagenrock mit einem ungeheuren Gespür für einprägsame Melodien; Songs wie „Gold Rush“ oder „Dolly Doensn’t Want To Face The Facts“ kennt man schon von Radiosendern der guten Seite, das zwingende „Love Your Enemies“ sollte seinen Weg aufs Jahres-Mixtape finden dürfen. Ohne Punkt und Komma bekommt der leider nur mäßig gut gefüllte Kaiserkeller hier ein starkes Stück nach dem anderen um die Ohren, das macht unheimlich viel Spaß und wer da ist, sieht ein absolutes Highlight-Konzert und bewegt alles, was er hat. Dass der Gitarrensound der 90er wieder so viel Zulauf erhält, liegt unweigerlich daran, dass Bands wie Bombay ihn auf so hohem Niveau zelebrieren. Das aktuelle Album „Show Your Teeth“ wird noch tagelang bei uns im Auto laufen nach diesem Abend.

Haux (Imperial Theater)

Das Reeperbahn-Festival ist jedes Jahr aufs Neue wieder ein Garant dafür, unbekannte Künstler in bemerkenswertem Ambiente vorstellen zu können. Im kuscheligen Imperial-Theater mit seinen roten Plüschsitzen hat man schon so viele Konzerte der leiseren Gangart gesehen; der Londoner Haux ist wie gemacht dafür. Durch zwei ungeheuer sanfte, mit ganz dezenten elektronischen Flächen durchzogenen Leisetreter-Gitarrenpop-EPs hat der junge Mann im Vorfeld ganz findige Musikmenschen im Internet auf sich aufmerksam gemacht, doch auf das, was er hier auf die Bühne bringt, war wohl niemand eingestellt. Trotz seiner großen Schüchternheit - vor so vielen Menschen wie am Samstagabend hat er noch nie ein Konzert gespielt - bringt Haux eine immense Präsenz auf die Bühne; sein Konzert ist ein Seelen-Striptease der innigsten Art. Immer wieder kämpft er mit den Tränen, seine Songs handeln vom Aufbrechen, vom Verlassen und Verlassenwerden und sind, wie wir mit Wucht erkennen, in höchstem Maße kathartisch und sensibel. Haux erntet großen Applaus und beendet sein eigentlich auf 40 Minuten angelegtes Konzert bereits nach deren 25 - indem er sich immer wieder entschuldigt, er habe nun mal noch nicht mehr Songs. Das wird sich hoffentlich bald ändern. Diese 25 Minuten bleiben im Gedächtnis.

Giant Rooks (Kaiserkeller)

Immer mal wieder trifft man auf unverschämt junge Bands, nach deren Konzert man mit der Gewissheit nach Hause geht, den Startschuss zu einer großen Karriere miterlebt zu haben. So eine Band sind auch die Giant Rooks aus Hamm. Ihr Durchschnittsalter (und das muss man sich mal bitte auf der Zunge zergehen lassen) beträgt gerade einmal 17,5 Jahre. Wenn man bedenkt, dass ihre selbstproduzierte EP „The Times Are Bursting The Lines“ schon im letzten Jahr fertig gestellt wurde, ist das umso unglaublicher. Vor allem, wenn man dann hört, mit welcher ungeheuren Finesse und Präzision diese Jungs ihre Musik auf die Bühne bringen. Frederik Rabe hat eine immens einprägsame Stimme; die Songs bewegen sich auf Platte zwischen arty Elektropop à la James Blake und grenzenloser Grandezza; live hat das Ganze weit mehr Druck und Energie. Da steht uns der Mund offen vor Staunen. So versiert, so stilsicher, so unique haben wir eine so junge Band noch nie gehört. Und die Schritte sind gemacht: Vorband-Slots für Kraftklub und Joris (ja, ich weiß…) wurden gespielt, der Booking-Riese Four Artists hat das Quintett unter seine Fittiche genommen. Ja, wir sind uns wirklich absolut sicher: Wir haben hier tatsächlich den Startschuss zu einer großen Karriere miterlebt.

Fil Bo Riva (Mojo; St. Pauli-Kirche)

Berlin, Dublin, Rom - gleich drei Referenzstädte für den beim diesjährigen Reeperbahn Festival umtriebigsten Künstler und den unterm Strich großen Gewinner unseres langen Musikwochenendes. Fil Bo Riva ist gebürtiger Italiener, gelebt und Musik gemacht hat er überall. Vorzugsweise zunächst auf der Straße - nicht das einzige, was ihn mit AnnenMayKantereit vereint, für die er schon Supportshows gespielt hat. Auch stimmlich ist das - wenigstens von Platte - Henning May sehr ähnlich, und auch thematisch spielt der 23jährige mit den Kölner Überfliegern in einer Liga. „If You’re Right, It’s Alright“, die Debüt-EP, die am Reeperbahn-Wochenende das Licht der Welt erblickte, erzählt von einer gescheiterten Liebe und enthält nicht einen einzigen Filler. Songs wie „Like Eye Did“ oder „Killer Queen“ transportieren mit tiefer Reibeisenstimme den Schmerz eines Gescheiterten - dazu will die seltsame Optik (Riva und seine Band treten in Leopardenmuster-Sakkos auf) zunächst nicht passen, doch die sparsam instrumentierten Konzerte (Gitarre, Tom, Bass, später ein Schlagzeug), bei denen Fil Bo Rivas Stimme durch seine langgezogenen Vokale immer mehr mit der Musik (eine brillante Verbindung von Folk, Pop und Soul) verschwimmt und so ein äußerst intensives Ganzes bietet, sind emotionale Ausbrüche epischen Ausmaßes. Man spürt zu jeder Sekunde, wie Fil Bo Riva sich seine Verflossene von der Seele schreit. Da trübt es das Gesamtbild nicht ein bißchen, dass Moderieren eines Konzertabends nicht zu seinen Stärken gehört. Fil Bo Riva eröffnen unser Wochenende im Mojo und beschließen es in der St. Pauli-Kirche - dazwischen hätten wir ihn noch zweimal sehen können, beim PIAS-BBQ im Molotow Backyard und beim Intro Intim in der Superbude, scheiterten aber an den langen Schlangen zum Einlass. Es dürfte sich herumgesprochen haben, was für ein spannender Künstler sich hier anschickt, etwas Großes zu werden. Für uns ist er definitiv die ganz große Neuentdeckung des Reeperbahn Festivals - wir sehen uns wieder!


Text: Kristof Beuthner

Fotos: Kristof Beuthner und Christina Schoh