Fundgrube 20.03.2012

73 Künstler sind Bob Dylan für einen Song.

Zugegeben: eigentlich müsste die Abhandlung über den aktuellen, von Amnesty International ins Leben gerufenen Bob Dylan-Tribute-Sampler "Chimes Of Freedom" in der Rezensionsrubrik zu finden sein. Wir denken: ein Sampler, auf dem Mariachi El Bronx neben Miley Cyrus, Sting neben Ziggy Marly und Joan Baez neben den Queens Of The Stone Age stehen, passt wesentlich besser in die Fundgrube.

Eines ist uns ja allen klar: Bob Dylan war ungefähr der greatest ever living songwriter. Singer vielleicht nicht unbedingt, das war Geschmackssache, aber seine Songs sind die Basis für so unfassbar vieles, das wir heute lieben, das eine Aufzählung schier unmöglich ist. Was die Beatles für die Britische Musik ist, ist Bob Dylan für die Amerikanische. Etwas anderes ist uns aber auch klar: ein Tribute-Sampler ist immer ein zweischneidiges Schwert. Bei einem solchen Lineup konnte man allerdings wohl extreme Vielfalt, kaum aber schwache Neuaufgüsse erwarten. 4 CDs, 73 Songs. Johnny Cash, Elvis Costello, Billy Bragg, Patti Smith, My Morning Jacket, Diana Krall, Mark Knopfler, Flogging Molly, My Chemical Romance, Kronos Quartet, Marianne Faithfull, We Are Augustines, Taj Mahal. Facettenreicher im Aufgebot kann es kaum sein, hochkarätiger auch nicht, exklusiver fast auch nicht. Und es geht wirklich fast immer gut. Stings "Girl From The North Country" lebt von Gordon Sumners intensiver Stimme und seiner reduzierten Instrumentierung. Ziggy Marley nimmt man tatsächlich "Blowin' In The Wind" als Reggae problemlos ab. Billy Bragg entfernt sich mit "Lay Down Your Weary Tune" nicht immens weit vom Original - die Byrds-Version war trotzdem besser. "Mr. Tambourine Man" wird mit sanftem Offbeat von Jack's Mannequin sehr stimmungsvoll neu inszeniert. Flogging Molly und "The Times They Are A-Changing", das passt eh. Daraus kann man irre gut einen Irish-Folk-Punk-Mitschunkel-Song machen. Das Guinness dazu schmeckt. Die ansonsten schreckliche Ke$ha erkennt man mit einer Stimme nah am Zerbrechen bei "Don't Think Twice, It's Alright" kaum wieder. Klasse druckvoll kommt Bad Religions Version von "It's All Over Now, Baby Blue". Die vielversprechenden Newcomer We Are Augustines erinnern auf "Mama, You Been On My Mind" frappierend ans Young Rebel Set. Und Clint Mansells Kronos Quartet, unter anderem verantwortlich für einige Darren-Aronofsky-Soundtracks, interpretieren (ebenfalls) "Don't Think Twice It's Alright" als eine Mischung aus Elfenklang und Zigeunerwalzer - strange, aber allemal spannend.

 

Alles aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. "Chimes Of Freedom" ist irrsinnig vielfältig. Ob man den Sampler braucht, sei dahingestellt; er ist allemal hochinteressant anzuhören und zeigt, wie facettenreich der Songschreiber Dylan stets war. Seine Songs lassen sich in so ziemlich jedes Genre übertragen, von zeitgenössischen wie alteingesessenen Interpreten singen, für jede Generation aufbereiten. Den jungen Leuten hilft's vielleicht, sich dem Phänomen Bob Dylan anzunähern; den alten zaubert vielleicht die ein oder andere Neuvertonung ein dickes Lächeln ins Gesicht.

 

Text: Kristof Beuthner