Fundgrube 01.09.2012

Du magst keinen Reggae? Thees Uhlmann soll helfen.

Ein weiterer Beitrag zum Thema "Sampler, die die Welt nicht braucht, die aber trotzdem irgendwie ganz lustig sind"; welche Freude! In diesem Fall kommt jener Beitrag von einem gewissen Herrn Guido Craveiro, der sich gedacht hat: Hey! Trimmen wir doch mal eine ganze Latte deutschsprachiger Popsongs fett auf Reggae!

Dafür gibt es doch bestimmt einen Innovativitätspreis! Dachte er sich wahrscheinlich so. Und warum nun Reggae, und warum nennt er das Ganze dann auch noch so selbstironisch "I Don't Like Reggae"? Nun: vermutlich liegt es daran, dass Reggaemusik weitestgehend irgendwie verschrieen ist als kitschig, pathetisch-folkloristisch und von A bis Z hippieesk und verkifft. Dass das Quatsch ist und es auch hierzulande eine große Menge talentierter Reggae-Künstler gibt, dafür steht ja unter anderem auch das tolle Rootdown-Label. Die müssten doch wissen, dass es anders geht. Trotzdem zeichnen sie promotechnisch für "I Don't Like Reggae", der unter der Flagge des Majorgiganten Warner segelt, verantwortlich. Woher kommt der Antrieb?

Will man die Popper auf seine Seite ziehen? Oder einfach nur zeigen, dass Reggae auch total gute, ehrliche Texte ohne Krieg-und-Frieden-Kitsch oder Drogenromantik haben kann? Was zum Henker soll das? Guido Craveiro ist immerhin einer der arriviertesten Genreproduzenten des Landes. Soll das hier wirklich eine Herausforderung sein, oder ist es einfach nur ein unseliger Majorgedanke, wie bei so vielen Remixplatten? Hat Craveiro das nötig, und wenn ja, warum? Hat ihm das wirklich Spaß gemacht? Immerhin muss man ja Songs der gruseligen Juli, Revolverheld, Jennifer Rostock, Tim Bendzko, Andreas Bourani oder Frida Gold ja erstmal überhaupt hören, um einen Remix daraus zu basteln! Wer will das denn?

Nun sollen also die Fans dieser schaurigen Chartsprodukte Reggae hören lernen. Und ich habe auch so einen Sampler auf meinem Tisch liegen. Bei mir läuft's da eher andersherum: Ich mag Reggae, aber ich kann den hier versammelten Interpreten nicht das Geringste abgewinnen, zumindest dem deutlichen Großteil. Ich muss also, um mich dem mal anzunähern, mein Wissen aus dem Kopf tilgen, dass ich ja genau weiß, wo ich hinkucken bzw. -hören muss, wenn ich guten, deutschsprachigen Reggae brauche.

Sind aber ja auch ein paar von meinen Freunden versammelt. Thees Uhlmann mit seinem "Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf", was hat denn das hier zu suchen? Dann die Locas In Love, auch vom Papier her ein Fremdkörper. Marteria und Cro, okay, HipHop und Reggae sind eh nicht so weit auseinander. Also angeschaltet, Chance gegeben. Und ja, das Ganze klingt wirklich nicht so fürchterlich, wie man hatte annehmen müssen. Das ist dem Herrn Craveiro zuzuschreiben, der natürlich weiß, wie man schicke Tunes bastelt und feine Beats. Thees auf Reggae ist schon eine Erfahrung der besonderen Art, die aber überraschend gut funktioniert. Und auch die anderen Songs bestehen tatsächlich gegen den Vorwurf der Folklorisierung. Der Bendzko macht langweilige Musik, aber er hat eine gute Stimme, die auf guter Musik ja eigentlich gemäß der mathematischen Regel Plus mal Plus wieder Plus ergibt, oder?

Jupiter Jones mit ihrem grauenhaften, revolverheldigen "Still" sind die größte Überraschung. Das passt wirklich zum Sonnenuntergang und ein paar netten Cocktails und verliert nicht einmal seine "Tiefe". Auch die 2raumwohnung-Nummer geht äußerst gut klar. Ich bin verblüfft. Aber warum man Maxim, eigentlich ein Rootdown Resident, überhaupt auf Reggae trimmen muss, darf Guido Craveiros Geheimnis bleiben. Sein Beitrag ist einfach deshalb hier am authentischsten, weil er auch sonst kaum etwas anderes macht als gute Reggaesongs schreiben.

Klar - aus Revolverheld, Juli und Jennifer Rostock machst du auch mit gutem Background keine tolle Musik mehr. Das fällt ab, das braucht kein Mensch. Wie natürlich diesen ganzen Sampler im Grunde kein Mensch mit Musikgeschmack braucht. Wer welchen hat, weiß eh woher er seine guten Sachen kriegt. Wer Chartsradio hört und sich für open-minded hält, kann hier mal lauschen und vielleicht über die ihm sicherlich unbekannten Künstler seinen Horizont erweitern.

Aber ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich mich beim Durchskippen der vierzehn Tracks echt nicht gelangweilt habe. Das ist weit mehr, als so ein Sampler bei mir auszulösen den Anspruch haben kann.



Text: Kristof Beuthner