Fundgrube 26.05.2013

FluxFM zeigt uns Popkultur. Kompakt. Fluch, Segen oder beides?

In Zeiten wie diesen, in denen man im Stress förmlich ertrinkt und es nur mühsam schafft, sich durch den Plattenberg auf seinem Schreibtisch zu hören - UND aus diesem Berg auch noch Songperlen zu filtern, die gekommen sind um zu bleiben, gibt es nur wenig wertvolleres als einen auf den Punkt kompilierten Sampler.

FluxFM (ehemals MotorFM) könnte da ein guter Ansprechpartner sein. Die Damen und Herren dort sind für gewöhnlich geschmackssicher und tragen das Musikherz am rechten Fleck. Platz für Musik abseits des Mainstream, sagt ein anderer großer Radiosender - bei FluxFM passt es eher. Was für ein Zufall, dass nun auch mit "Popkultur kompakt" die erste Ausgabe des hauseigenen Samplers am Start ist, gar nicht indie-like über Polydor/Universal veröffentlicht, aber wer will schon Haare spalten, wenn der Mix stimmt.

Und der stimmt. Zwei CDs lang gibt es alles, was derzeit in punkto Gitarren- und Elektropop Rang und Namen hat, Hand in Hand gehen hier Entdeckenswertes und Etabliertes. Und klar gibt es auch den ein oder anderen Ausfall, die haken wir schnell pro forma ab - Passengers "Let Her Go" haben wir satt, und dass Capital Cities' "Safe And Sound" ein Reißer ist, wissen wir Bescheidwisser schon von der King Kong Kicks aus dem letzten Jahr, und nicht erst, seit ein großer Handyunternehmer sich die Nummer vor den Karren gespannt hat und sie bei den Wenigerbescheidwissern plötzlich auf Platz 1 der Charts gestürmt ist. Leslie Clio wirkt mit ihrem Trallala-Girlpop wie ein Fremdkörper. Außerdem gibt der Sampler die traurige Gewissheit, dass Patrick Richardt wirklich der unspektakulärste Künstler ist, den das Grand Hotel van Cleef je verpflichtet hat. Er möchte so sehr klingen wie andere und bedient sich sogar Gisbert zu Knyphausens lakonischen "Ja ja"s zwischen zwei Zeilen. Das verstehe ich wirklich nicht.

Die FluxFM-Menschen teilen ihren Sampler fein säuberlich auf. CD 1 ist eher für die Popmenschen, CD 2 eher für die Clubber. Aber der Mix, die Zusammenstellung, kann sich sehen lassen.

Klarer Gewinner auf CD 1 ist Bastille mit "Pompeii", eigentlich einer glasklaren Popnummer, die aber wunderbar funktioniert und sich mit ihrer Melodie tief in die Gehörgänge bohrt. Auch Woodkid, einer der großen Hypes dieser Tage, beweist, dass Hype und Qualität sich keineswegs ausschließen. "I Love You" ist einer der Hits dieses Jahres, und das zurecht. Famos kommen auch Abby, die ich letztes Jahr bereits auf dem Appletree Garden Festival für gut befand und die sich mit ihrer Omnipräsenz an allen wichtigen Musikorten derzeit förmlich aufdrängen. Von denen wird man viel hören, "Streets" ist eine der besten hiesigen Visitenkarten für Popmusik, die man momentan bekommen kann.

Vieles an Songs ist bekannt, stammt aus dem letzten Jahr und oder hat es eben geschafft, sich in die Charts zu manövrieren. Wie die Folknummer "Ho Hey" von den Lumineers, bei denen ich den Hype nach wie vor nicht ganz nachvollziehen kann. Groß sind aber natürlich The XX, die hier mit ihrer Single "Chained" vertreten sind, und "King & Lionheart" hilft mir, endlich einen Zugang zu Of Monsters And Men zu finden, deren Superhit "Little Talks" ich vergangenes Jahr ganz schön unerträglich fand (was aber auch einfach an seiner konsequenten Überdudelung lag). Auch Me & My Drummer kann ich plötzlich hören, "You're A Runner" ist einfach ein tolles Stück, wenn auch ebenfalls schon ein Jahr alt. Sizarrs "Boarding Time" war auch 2012 schon spitze. Und über Kid Kopphausens "Das leichteste der Welt" muss ich wohl wenig sagen. Das ist nicht mehr und nicht weniger als ein großes Vermächtnis von Gisbert und dem schmerzlich vermissten Nils Koppruch.

Aktuellere Nummern kommen von Atoms For Peace, dem Megaprojekt von Radioheads Thom Yorke, die mit "Judge, Jury And Executioner" vertreten sind. Das finde ich nach wie vor spannend in seiner schweren Zugänglichkeit. Da möchte ich die Platte hören. A propos hören: Hören wird man von San Cisco sicherlich auch noch einiges. "Rocket Ship" ist eine weitere äußerst hübsche Visitenkarte des jungen Duos. Außerdem dabei: We Are Augustines, Alabama Shakes, Urban Cone, Walk The Moon und IAMX. Gute Nummern, guter Sound.

CD 2 ist, wie gesagt, die elektrische von beiden. Drauf ist das Who is who der Nische zwischen Mainstream und Underground. Fritze Kalkbrenner natürlich, Boys Noize natürlich, Wankelmut natürlich, Whomadewho natürlich und DJ Koze natürlich. Alle mit tollen Nummern, alle ja mit nachgewiesen großer Qualität. Spannender sind hier aber die Newcomer. Theophilus London zum Beispiel, der gerade bereits auf dem neuesten Kitsuné-Sampler reüssiert hat. Oder Solomun, deren plakativ betiteltes "Kackvogel" aber unverschämt groovt. CHVRCHES, die talk of the town sind, und deren "Recover" die zweite Runde mit tollem Elektropop und jeder Menge Schmiss eröffnet. Oder Roosevelt, der gerade anfängt, überall Festivalslots abzuräumen und der, wenn er so weitermacht, sich nicht unbedingt mit den kleinen Tanzzelten zufrieden geben muss.

Schön ist auch ein Wiedersehen mit alten Größen wie SBTRKT, vor allem aber mit Justus Köhnke, ex-Lado und -Whirlpool Productions, einem der besten hiesigen DJs, der mit "Timecode" die jugendlichen Nacheiferer immer noch lässig abschüttelt.

Kommen wir zur Frage, was dieser Sampler möchte. Das ist aber eigentlich ziemlich schnell deutlich. Da wir Bescheidwisser das Gros schon im Bewusstsein haben, weil wir indie-technisch am Zahn der Zeit leben, ist diese Compilation für uns ein schönes Update, weil sie doch vielleicht mal die ein oder andere Nummer bietet, die uns durchgerutscht ist. Durch den Fokus auf die Chartsnummern von Capital Cities, den Lumineers und natürlich Passenger, der auf CD 2 sogar noch mit einer unplugged-Nummer aus den FluxFM-Sessions aufwarten darf, ist klar, dass hier Hörer ins Boot geholt werden sollen, die durch die genannten Künstler auf den Geschmack gekommen sind bzw. kommen sollen.

Dass Indie der neue Mainstream wird, stellte schon Musikexpress-Autor Albert Koch 2006 in seinem Buch "Der Tod des Indierock" fest. Heute sind wir mittendrin. Ein Konglumerat aus Mode und Musik vereint Chartspop mit Untergrund, Kalkül mit Hipsterchic. Und eine Abgrenzung von irgendwas ist eigentlich gar nicht mehr möglich. Seit Frickler wie Atoms For Peace oder Alt-J die Musiklandschaft bestimmen, ist man ja sogar als Versteher und Geilfinder von aufgelösten Songstrukturen nicht mehr alleine. Festivals schießen allerorten aus dem Boden und sind lange vor Beginn ausverkauft. Indie ist endgültig zum Event und Happening geworden.

Aber das soll nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass FluxFM uns hier einen wirklich gut zusammengestellten Sampler hingestellt haben, den man in einem Rutsch durchhören kann und auch will. Wer sich Gedanken machen möchte darüber, ob man für Abgrenzungen nicht sowieso ein bißchen zu alt ist oder wird, kann das tun, es ist ja was dran, genauso aber auch am Berechtigungswunsch, mit seiner Musik für sich zu sein und höchstens ein paar Eingeweihte um sich zu haben. Ein frommer Wunsch, den Sampler wie dieser für die nahe Zukunft als Hirngespinst herabwürdigen.

Viel Spaß beim Lauschen!

 

Text: Kristof Beuthner