Rezensionen 29.01.2016

Get Well Soon - Love [Caroline / Universal]

Alles wieder gut: Das vierte Album von Konstantin Groppers Get Well Soon kommt wieder im Januar, darf uns wieder durch ein Jahr tragen von Anfang an. Es geht um Liebe, aber wer denkt, der Himmel hinge hier voller Geigen, kennt Get Well Soon nicht.

Sind wir ehrlich: Liebe ist wunderschön und grausam. Sie hält uns oben und lässt uns tiefer fallen als irgendetwas anderes auf der Welt. Sie bringt uns im besten und im schlechtesten Sinne schlaflose Nächte; wegen ihr hinterfragen wir uns schlimmer als sonst, leiden, geben, opfern uns auf. Fühlen uns als die tollsten Menschen oder als größte Versager. Es wäre vollkommen vermessen, zu glauben, man könne sich diesem - zugegeben - größten Thema der Popmusik nur auf eine einzige Art und Weise nähern; als gebe es hier nur schwarz und weiß. Im Pop läuft das in der Regel so, dass Musik über Liebe vor allem zwei Ausprägungen hat: Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Er/sie liebt mich, er/sie liebt mich nicht (mehr). So weit, so gut, so stereotyp.

Doch Konstantin Gropper einen stereotyp arbeitenden Musiker zu nennen, wäre Hochverrat, und genau wie er sich bisher all seinen Themen von verschiedenen Seiten und Blickwinkeln aus genähert hat, hält er es auch mit der Liebe. Dass er ein Album darüber schreibt, ist konsequent, denn Konstantin Gropper war in allem, was er bisher veröffentlicht hat, zuhause im Pop und seinem Facettenreichtum, auch wenn er es unter dem Mantel der Düsternis, des Stoizismus, des intensiven Selbstzweifelns und pompösen Weltuntergangsszenarien gut verborgen hat. Doch er ist sicherlich einer der derzeit Kreativsten, wenn es darum geht, verschiedene Spielarten des Pop zu einem alles umarmenden Ganzen zusammenzusetzen (auch als Produzent hat er das gezeigt, immerhin war er unter anderem für Caspers Nummer 1-Album „Hinterland“ verantwortlich). Was in der Musik schon Ausdruck fand, findet nun also auch thematisch statt.

Das schöne an allen drei Get Well Soon-Alben war bisher, dass keines so klang wie das andere. Natürlich gibt es einen gewissen Grundsound, der allen inne ist, und selbstverständlich ist Konstantin Groppers düstere, sonore Stimme, die häufig selbst wie ein Instrument funktioniert, ein großes Erkennungsmerkmal, doch „Rest Now…“ war nicht „Vexations“ war nicht „The Scarlet Beast“. Und so klingt auch „Love“ wieder anders, wieder neu. Fröhlicher soll es sein, liest man allenthalben, im Sinne von heller in Sound und Melodie, und da ist sicher erst einmal was dran. Es ist nicht ganz so sehr von dieser bedrohlichen Dunkelheit durchzogen, die tief in die Seele ihres Interpreten blicken ließ; zumindest springt sie einen hier nicht sofort an und hüllt einen in wohliges Schwarz, aber darum ist „Love“ noch lange kein silbrig strahlendes Wohlfühlalbum geworden. Ahnen musste man das schon vorher, als er im Videoclip zur Vorab-Single „It’s Love“, auf dem im Refrain die Chöre flöten und die Trompeten strahlen, eine Geschichte von einem Mädchenentführer und seinem Opfer erzählte, mit Udo Kier in der Hauptrolle. Der Kloß im Hals war inklusive, und die Zeilen „It’s love - and I can’t get rid of it / but I can’t believe in it“ zeigten gleich noch zwei weitere schlimme Facetten von Liebe: Besessenheit und Abhängigkeit. It’s love, na wie schön.

Ja, aber es stimmt schon: „Love“ ist bei weitem nicht so getragen wie etwa das düstere „Vexations“; diesen Trend hatte es aber auch auf „The Scarlet Beast O’Seven Heads“ schon gegeben. Es strahlt auch nicht die feierliche Ernsthaftigkeit von „Rest Now, Weary Head, You Will Get Well Soon“ aus. Konstantin Gropper landet erstaunlich oft im Midtempo auf seinem vierten Album, man höre beispielsweise nur mal „It’s A Mess“; „I’m Painting Money“ schwelgt im Walzertakt, auf „It’s A Catalogue“ fällt er erstmals einen kompletten Song lang ins Falsett  und „Marienbad“ schwingt sich mit der Tagline „All we have is love“ in himmlische Höhen auf. Doch weil Konstantin Gropper auch akribisch im Einsatz von Ironie ist, ist die Öffnung zur Eingängigkeit nicht selten Fassade und ein weiteres Indiz für den schmalen Grat, auf dem Liebe wandelt. Die Abgründe liegen dahinter und in den Texten. Wie gerne er sich für seine Musik mit Einflüssen aus Film und Literatur auf Metaebenen herumtreibt, zeigt das an den Pop der 80er angelehnte „Young Count Falls For Nurse“, das mit einem Filmzitat beginnt: „Let’s not talk about disastrous scenarios“, haucht ein Mann seiner Geliebten zu. Bloß, weil wir nicht gerne darüber sprechen, sind desaströse Szenarien in der Liebe zwischen zwei Menschen aber eben immer Option und darin allgegenwärtig. „Love“ lässt daran zu keinem Zeitpunkt einen Zweifel zu.

Das tragischste Stück der Platte ist sicherlich das akustisch gehaltene „33“, das den Leidensweg im Liebesleben einer jungen Frau nachzeichnet, das in verzweifelten Tränen auf der Taxifahrt nach Hause endet, den weisen Trost „Love is an awful enemy, my dear“ bereit hält und mit den Worten „This year you are 33, but when you cry, you still look 16“ schließt. Liebe und Liebeskummer sind ohne Alter, sie reduzieren uns wieder auf das Kind in uns in unserer absoluten Hingabe und unserer vollkommenen Hilflosigkeit.

Das Gute im Tragischen: Wäre das nicht so, würden solche Songs wie die auf „Love“ und unzählige andere wohl nicht mehr geschrieben. Und da Musik uns selbst hinterfragt und wiederspiegelt, brauchen wir das auch genau so. Weil jedes Scheitern auch die Gelegenheit zu einem Neuanfang bietet, ist eine so vielfältige Auseinandersetzung mit dem Thema Liebe, wie Konstantin Gropper sie sich zum Sujet gemacht hat, umso richtiger und wichtiger. Und wenn im abschließenden „It’s A Fog“ dann zum Ende hin doch wieder die Bläser wärmend und umarmend den bombastischen Höhepunkt einer abermals großartigen Get Well Soon-Platte bestreiten, wenn der letzte Tusch verklungen ist, fühlen wir uns in jeder Facette unseres bisherigen Liebes- und Leidenslebens ein großes Stück nachvollzogener - mit der schwachen, aber präsenten Ahnung, dass vielleicht am Ende doch alles gut wird, auch, wenn es dafür bisher ziemlich oft grausam sein musste.


Text: Kristof Beuthner