Rezensionen 15.04.2016

Hein Cooper - The Art Of Escape [Ferryhouse Productions / Warner]

Die Sonne glitzert auf dem türkisblauen Meer. Schemenhaft wird eine Silhouette sichtbar. Es ist ein junger Kerl auf einem Brett, die nassen blonden Haare fallen ihm ins Gesicht. Am Strand liegt eine Gitarre. Noch Lust, weiter zu lesen? Keine Angst. Könnt ihr ruhigen Gewissens tun.

Oh ja, der Typ macht unzweifelhaft eine ganze Menge richtig, um mit seiner Platte für einen Sommer am Meer gut in Position zu stehen: Sieht aus, ist Australier, Surfer natürlich, und hat einen stilecht maritimen Vornamen, der dazu auch noch cool ausgesprochen wird (nämlich Heyn, nicht Hein wie in den Shantys). So gut, so klischeebeladen, könnte man einwerfen, und wer das Video zur Single „Rusty“ gesehen hat, kann mit voller Kraft in genau diese Scharte schlagen und Herrn Cooper so vorhersehbar wie langweilig finden, aber so einfach ist das nicht. Zu versiert spielt der Song mit Versatzstücken aus heruntergefahrenem Sommernacht-Sound, Chris Isaak-Laszivität und Chris Rea-OTB-Strandromantik. Das geht schon nicht glatt runter sondern ins Ohr, zumal die Nummer über nicht unbeträchtliche Ohrwurmqualitäten verfügt. Und überhaupt, wie oft sind in der Musik Klischees wenigstens eine Zeit lang auch ganz hilfreich, um sich an etwas festzuhalten; wie erhaben das Gefühl, wenn man dann beim Genuss der angeblich so prätentiösen Platte doch eines besseren belehrt wird?

Nun müssen wir Hein Cooper allerdings auch nicht mehr Strahlkraft zugestehen, als er tatsächlich besitzt, und das ganz große Überraschungsei ist „The Art Of Escape“ dann eben auch nicht geworden. Aber wer glaubt, der Junge gibt hier mit Passion den relaxten Surferboy, die blonden Haare schräg in die Stirn hängend, in der einen Hand das Brett, in der anderen die Sechssaitige, bekommt eben auch nicht Recht. Zu nachdenklich präsentiert sich Hein Cooper auf seinem Debüt, zu waidwund fällt er in sein Falsett, zu stark leidet er auf Stücken wie „Curse My Life“ unter den Widrigkeiten des Lebens und der Liebe. Selbst wenn er wie bei der zweiten Single „Overflow“ das Tempo auspackt, ist seine Version von Songwriter-Pop keine zum Wellenreiten, sondern eher für die verträumten Sonnenstunden mit Blick auf den Horizont, das Meer, die untergehende Sonne - na gut, sind wir doch wieder bei Klischees gelandet. Dann muss das Songwriting punkten, und das tut es. „The Art Of Escape“ klingt emotional und ausdrucksstark bei all seiner Poppigkeit; das macht das Gesamtpaket schön greifbar. Songs wie das schon erwähnte „Rusty“, „Dopamine“, „Polar Bears“ und der Titeltrack sind richtig klasse, schöne entspannte Popnummern mit genug Tiefgang, um nicht neben anderen Genre-Epigonen mit Blick aufs Formatradio in der Irrelevanz zu versanden. Kann man mehr erwarten von einem australischen Surferboy, von dem man ob all der angeblichen Vorhersehbarkeit so gar nichts oder nur wenig oder nur das ohnehin offensichtliche halten wollte? Vermutlich nicht.


Text: Kristof Beuthner