Rezensionen 21.01.2016

Isbells - Billy [Zealrecords / Cargo]

Das ist schon eine tolle Erfolgsgeschichte von Gaetan Vandewoude und seinen Isbells: Aus dem Schatten der Folkpop-Kleinkunst via Arztserien-Airplay und Werbespot-Begleitung hinein in die Herzen von Liebhabern warmherzig-stilvoller Leisemusik.

Hätte jemand ernsthaft gedacht, dass dieser kleine, schmächtige Mann mit der Halbglatze seine Musik in solchem Maße über Belgiens Grenzen hinaus etablieren würde? Ich meine: Die Isbells waren nie Loudspeaker; ihre Musik könnte man, wenn man es böse meinte, unter vielen anderen Genrekollegen, die international durch entsprechende Presse schnell höheres Renommée erlangten, durchaus leicht auch einfach übersehen. Zumal im Zweifelsfall die Großmächte USA, UK oder Schweden in der (Folk-)Popwelt eine weit größere Ausstrahlung haben und der Benelux als Exportland da eine eher untergeordnete Rolle spielt. Doch wer die Isbells schon länger verfolgt, wird auch festgestellt haben, dass gerade die Live-Präsenz der Band sich vom, na, sagen wir, niedlichen Leisetreterfolk über die Jahre zur strahlenden Brillanz gewandelt hat. Und Gaetan Vandewoude schreibt eben auch zum Sterben schöne Songs, das ist so. Das war auf dem nach der Band selbst betitelten Debüt von 2009 schon so, mehr noch aber auf dem 2012er Werk „Stoalin‘“, dessen Kernstück „Elation“ es nicht von ungefähr so weit gebracht hat. Wer bei der Werbung nicht entnervt zappte, konnte an dem Stück nicht vorbei, schon gar nicht, wenn man ein Interesse an auf Reisepreisvergleiche spezialisierte Websites hatte.

Da ist es vielleicht auch ganz gut, dass die Band in punkto Understatement stets weit vorne war, denn das macht sie auch 2015 noch zur Wundertüte und zum Festschmaus für Entdecker. Denen präsentiert Vandewoude sich nun auf der vorläufigen Höhe seines Schaffens: Die Songs auf dem dritten Album „Billy“ sind deutlich feinziselierter, voller instrumentiert und vielleicht nicht zwingend in sich lauter, dafür aber in ihrem Songwriting merkbar präsenter. Der Ausflug in den Pop unter dem Alter Ego Sweet Little Mojo hat den Meister nicht glücklicher gemacht; es sind die feinen, kleinen Hymnen zur akustischen Gitarre, flankiert von dezenten Bläsern und Pianos und wirklich hübschen Knister- und Flickersounds, die ihm helfen, sein Innerstes nach außen zu kehren, und so ist es kein Wunder, wenn Vandewoude bei „Billy“ von seinem persönlichsten Album spricht. Manchmal muss man eben erst weg sein, um zu wissen, wohin man zurück will. Herausgekommen ist eine Platte voll wunderschöner, feingeistiger Harmonien, getragen von Gaetan Vandewoudes einprägsam-schmeichelnder Stimme, die von menschlichen Unzulänglichkeiten erzählt, von Ängsten und Sorgen und dem täglichen Kampf mit sich selbst. Dass er seiner Band für ihr drittes Album mehr instrumentale Wärme gönnt, steht „Billy“ gut; die Songs wirken voller und bei weitem weniger zurückhaltend; sie entsprechen der Live-Transformation der Isbells in ein kleines Orchester voll Wärme und Brillanz. Immer noch traurig, immer noch in gewissem Maße in sich gekehrt, aber die Isbells haben die Hand zum Hörer inzwischen weiter ausgestreckt. Der dürfte sie dankend annehmen, denn wer offene Ohren hat für diese Art Musik, kann an diesem Album in den nächsten Monaten definitiv nicht vorbeischauen. Qualität setzt sich eben doch auf Dauer durch.


Text: Kristof Beuthner