Rezensionen 24.03.2016

Lontalius - I'll Forget 17 [Partisan Records / Rough Trade]

Das Leben mit 18 ist nicht einfach, aber es ist wenigstens ein klein wenig besser als das mit 17, weil man halt mehr darf und es Zukunft verspricht. Wissen wir alle. Dass man die Zeit davor also gerne vergessen möchte, sei ebenfalls nachvollzogen: Schaffen wir also zusammen mit Lontalius den Absprung.

Lontalius heißt eigentlich Eddie Johnston und kommt aus Neuseeland. Eigentlich ist er auch gar kein Unbekannter mehr, immerhin veröffentlicht er schon seit dem zarten Alter von 13 Jahren Musik, vornehmlich Coverversionen; melancholische Interpretationen von bekannten R&B-Songs, Beyoncé, Pharrell, sogar Justin Bieber. Aber die Songs anderer Leute zu singen, entleert die eigene Seele nur mäßig, und irgendwann war Johnston eben soweit, seine Geschichte selbst zu erzählen statt sie in Worte anderer zu kleiden. Und da ist als Teenager so vieles, was in einem wohnt und verbalisiert werden möchte: Liebe, ein erster Hauch eines Gedanken an die eigene Vergänglichkeit (so wie das immer irgendwo mitschwingt, wenn man einen dieser ominösen großen Lebensschritte erreicht), die vage Ahnung, was an Problemen auf uns wartet in der großen weiten Welt, die direkt vor der Haustür beginnt und erst weit hinter dem Horizont endet.

„I’ll Forget 17“ ist demnach zugleich das Hintersichlassen einer schmerzvollen, von Unsicherheit und Melancholie geprägten Lebensphase wie auch der Aufbruch in neue, noch diffus umrissene Gefilde. So entsteht ein Statement, das zwischen den Welten steht und folglich nicht allein in Traurigkeit versinken kann - wohl aber intim und introvertiert erzählt ist. Eddie Johnston kleidet seine Betrachtungen des Lebens wie es vor kurzem noch war, gerade ist und bald vielleicht sein wird in ein Gewand aus dezent angejazztem Pop und weichem, elegant nachtviolettem James-Blake-Elektronik-Soul. Überhaupt dürfte Blake ihm für seinen Sound Inspiration gewesen sein; die weich gestreichelten Beats, an die sich Johnstons sonore, hier und da weltfern verfremdete Stimme schmiegt, erinnern nicht selten an ihn. Die Kompositonen Johnstons klingen dabei überraschend reif und pointiert; von jugendlicher Leichtfüßigkeit ist nur insofern etwas zu spüren, weil die Lyrics häufig über repetitive Muster funktionieren und somit das Denken eines sehr jungen Menschen wiederspiegeln, dessen Gedanken sich immer und immer wieder um sich selbst drehen. So ist das Album eine kathartische und intensive Angelegenheit geworden, die sich durch ihren Pop-Charme aber keinesfalls einem größeren Publikum verschließen dürfte - es ist Zeit, die Welt zu sehen. Lontalius ist übrigens der Name einer Schmetterlingsgattung: Eddie Johnston dürfte es gelingen, mit „I’ll Forget 17“ sein Leben, wie er es kennt, hinter sich zu lassen und die Flügel auszubreiten. Schön, dass wir dabei sind.


Text: Kristof Beuthner