Fundgrube 30.05.2015

Mir gehn nimmi nuff. Oder: Gedanken eines frustrierten Fußballfans.

Einmal im Jahr durchbreche ich die Phalanx der Musikaffinität unseres kleinen Fanzines und lasse mich über die zweitschönste Sache der Welt aus: Über Fußball. Es wird das letzte Mal sein. Ich bin raus. Definitiv. Wahrscheinlich. Vielleicht.

Denn ich hab die Schnauze voll. Ich hab genug. Ich boykottiere den Profifußball. From now on. Es reicht. Ich schaue nicht länger Relegation, Pokalfinale, FIFA-Turniere, dann ab August wieder Bundesliga, beziehungsweise zweite Bundesliga. Meine Sommerpause wird bis immer dauern. Ich habe es satt. Warum?

Zunächst einmal ist Willi weg. Willi heißt eigentlich Willi Orban und war in der letzten Saison zum Kapitän meines Lieblingsvereins, dem 1.FC Kaiserslautern, aufgestiegen. Warum ich als Ostfriese dem FCK die Treue halte, kann ich ja wann anders nochmal erzählen, wenn ich wieder über Fußball schreibe. Willi Orban jedenfalls. Jungspund, gebürtiger Lauterer, seit der Jugend ein roter Teufel. Seit seinem Amt als Mannschaftskapitän Identifikations- und Gallionsfigur für einen Fußballverein, der als Zweitligist immer noch von den Großtaten vergangener Jahre träumt und, nicht zuletzt wegen klammer Kasse, mit guter Jugendarbeit und Tradition dem Schreckgespenst des Konzernfußballs entgegen zu wirken. Nun ist der Junge abtrünnig geworden. Nicht zu irgendeinem Club, bei dem er die Perspektive hätte, im kommenden Jahr Bundesliga, vielleicht sogar in Europa zu spielen. Nein, Willi Orban wechselt zum Ligakonkurrenten aus Leipzig.

Ich weiß nicht, ob ich erklären muss, warum das so schlimm ist. Ich mach's trotzdem. Einige, die hier nur wegen der Musik sind, interessieren sich vielleicht nicht für Fußball und haben sich bisher gefragt: Wo ist das Problem? Kommen und gehen gehört doch zum Leben dazu! Nun ja. In Leipzig, dort, wo Willi Orban hingeht, regiert ein österreichischer Energiebrause-Hersteller namens Red Bull. Deren Boss, Dietrich Mateschitz, hat es sich zum Hobby gemacht, Fußballmannschaften als Franchise für seine Marke überall auf der Welt zu platzieren. Fans gibt es nicht, Tradition auch nicht, zudem noch sehr dubiose und undurchsichtige Vereinsstrukturen. Dafür aber jede Menge Geld.

Wenn einer von Kaiserslautern dorthin wechselt, dann ist das für den Fan ein Hochverrat. Am eigenen Club, na klar, aber auch an der guten Sache, die Fußball immer noch für viele ist. Und wenn ich euch jetzt sage, dass Fußball schon längst keine gute Sache mehr ist? Also: Fußball an sich schon, aber nicht der Profifußball? Damit überrasche ich wahrscheinlich auch keinen, der sich mit der Materie eingehend auseinandersetzt. "Wissen wir", sagen die dann. Aber einfach aussteigen? Geht das?

In der ersten Bundesliga hat Borussia Dortmund den FC Bayern so geärgert, dass er die Büchse der Pandora geöffnet hat und nun seit Jahren und auf Jahre hinaus an der Spitze festgetackert sein wird. Schön für Anhänger des Vereins aus München, der - das muss man ja neidlos anerkennen - wohl gerade weltweit den besten Fußball spielt. Aber weil Fußballfansein nicht gleichbedeutend ist mit Rationalität, ist das natürlich blöd für alle, die den Club nicht mögen und auf Spannung im Rennen um die Meisterschaft hoffen. Soll ja ein paar geben.

Aber was ist diese Meisterschaft überhaupt noch wert, wenn nicht nur die Meisterschaft, sondern auch die Plätze zwei und drei für den Start in der Champions League, einen Wettbewerb, in dem ursprünglich mal nur die Meister starteten, berechtigen - und der vierte Platz auch noch durch eine Qualifikation geht und dann auch teilnehmen darf? Wie groß ist die Motivation, nicht einfach nur um eben diese Qualifikationsplätze zu spielen und den Freistaat einsam seine Kreise ziehen zu lassen? Kohle gibt's doch trotzdem! Und nicht zu knapp!

Und weil es für die Teilnahme an der Champions League so viel Kohle gibt, und weil da eigentlich immer die gleichen Mannschaften mitmachen, wird die Schere zwischen armen und reichen Fußballclubs jedes Jahr breiter. Und das nervt, weil dadurch eigentlich keine Konkurrenzfähigkeit mehr bei kleineren Clubs gegeben ist, es sei denn, es kommt ein Konzern und hilft nach, was aber auch nicht die Lösung sein kann. Dass ein Verein wie der 1.FCK 1998 als Aufsteiger Meister geworden ist, scheint in heutigen Verhältnissen wie eine Utopie aus dem Wolkenkuckucksheim. Underdogs wie der FC Augsburg oder Mainz 05, die mit kontinuierlich guter Arbeit Erstaunliches leisten und sich inzwischen in der Bundesliga etabliert haben, sind da die berühmte Ausnahme.

Dass Geld allein aber auch nicht glücklich macht, sieht man unter anderem in Hamburg, wo seit Jahren gruselige Arbeit geleistet wird, Trainer verschlissen werden und Kohle für lustlose Stars verschossen wird. Die Fans können einem leid tun dort, denn alle anderen wünschen ihrem Lieblingsverein endlich den Abstieg. Seit ein paar Jahren schrammt der ehemalige Spitzenclub stets knapp daran vorbei, kann sich jedoch immer wieder retten und im nächsten Jahr genau den gleichen Quatsch fabrizieren. Schuld daran ist etwas, das Relegation heißt.

In der Relegation spielt der Drittletzte der ersten Bundesliga gegen den Drittplatzierten der zweiten Bundesliga um Abstieg oder Aufstieg. Hin- und Rückspiel. Beides wird natürlich im TV übertragen. Und darum, so deucht mir, geht es einzig und allein. Früher ist der Drittletzte aus Liga 1 direkt abgestiegen und der Drittplatzierte aus Liga 2 direkt auf. Heute wird Wohl und Weh einer ganzen Spielzeit in einem Hin- und einem Rückspiel entschieden. Der Erstligist kann in zwei Spielen jede Schande der vergangenen Spielzeit vergessen machen, wenn er unter großem Getöse und mit lediglich etwas weniger spielerischem Geömmel als vom zweitklassigen Gegner doch noch die Liga hält. Der kleine Zweitligist wird im Zweifel in zwei Spielen um die Früchte seiner harten Arbeit gebracht, weil er eben noch ein bißchen ömmeliger spielt als der Erstligist. Tagesform, vielleicht Glück, sind maßgeblich für das erfolgreiche oder -lose Ende einer ganzen Spielzeit. Ist das fair? Nur, wenn der Zweitligist mal Red Bull Leipzig heißt und verliert. Das ist klar. Fußballfansein ist nicht rational, oder sagte ich das schon?

Ich musste diesen Käse bisher einmal erleben. Als der FCK nämlich im Sommer 2013 nach zwei Spielen gegen die TSG Hoffenheim auch nicht aufstieg, sondern in Liga 2 bleiben musste. Hoffenheim ist das badische Gegenstück zu Red Bull Leipzig. Dietmar Hopp, Inhaber der Firma SAP, fand eines Tages, dass es zwischen Heidelberg und Heilbronn Erstligafußball geben müsste, pumpte Unsummen in einen unbedeutenden Provinzclub, ließ eine Arena errichten und hievte die TSG innerhalb von drei Jahren aus dem Niemansland in die Beletage.

Nun kann man natürlich verlieren, wenn das eigene Team sportlich schlechter war. Wie aber sieht es aus, wenn man auf lange Sicht durch das Einmischen von Konzernen ins Fußballgeschäft einfach unterlegen ist, weil die einem immer die Spieler wegkaufen können? Ist da noch Wettbewerbsgleichheit? Es beschleicht einen schon seit geraumer Zeit das mulmige Gefühl, dass diese Konzernclubs das zukünftige Bild des Profifußballs bestimmen werden. Wolfsburg (powered by VW), Leverkusen (Bayer) und Hoffenheim (SAP) spielen seit Jahren in der Bundesliga, mit dem FC Ingolstadt (Audi) kommt nun ein weiterer konzernunterstützter Verein dazu.

Da sind wir wieder bei Red Bull Leipzig, dessen Durchmarsch in die Bundesliga durch die derzeitigen Investitionen und die finanzielle Potenz nur noch eine Frage der Zeit ist. Und der damit trotz Mangels an Werten, die dem Fußballfan so wichtig sind, anscheinend für den Kapitän eines Pfälzer Traditionsvereins attraktiver ist, als ein Verbleib bei seiner Jugendliebe. Und das ist ein bitteres Gefühl.

Dabei musste der FCK sich eigentlich für die vergangene Saison nicht schämen. Fünf U21-Nationalspieler hatte der Club da in seinen Reihen, davon drei aus der eigenen Jugend und zwei Leihspieler. Mit dem geringsten Durchschnittsalter im hiesigen Profifußball hat der FCK bis zum Ende um den Aufstieg in die Bundesliga gespielt, bis vor drei Wochen sogar noch sehr aussichtsreich. Das ist doch eigentlich echt beachtlich und toll. Da es nun am Ende aber nicht gelangt hat, werden Leistungsträger wie Willi Orban, die durch ihre Jugend und ihre konstant starken Leistungen natürlich Begehrlichkeiten geweckt haben, den Verein verlassen. Auch die Leihspieler müssen zurück zu ihren Stammclubs.

Kurzum: Man muss wieder von vorn anfangen. Einen neuen Kader zusammenstellen. Durch das Fernbleiben aus der Bundesliga und daraus resultierende Einbußen an den immer wieder auftauchenden TV- und Sponsorengeldern steht der Club nun finanziell nicht länger in der Spitze der Liga. Alles neu ist die Devise, aber mit bescheidenen Mitteln. Man könnte ja wieder auf die Jugend zurückgreifen. Aber wenn die Jungs ein gutes Jahr gespielt haben, kommt doch sowieso wieder irgendein potenterer Club und kauft sie weg und dann steht man wieder am Anfang. Muss man sich das jetzt echt jedes Jahr wieder geben? WILL man sich das jetzt echt jedes Jahr wieder geben? Einen Kampf gegen Windmühlen, ein Geschäft, in dem es nur noch um Geld geht? Denn wenn du keins hast, wirst du auf lange Sicht durchgereicht.

Und a propos Geld und so: Die Wiederwahl Sepp Blatters zum Präsidenten der FIFA ist ja auch nicht in Ordnung. Wenn Deutschland nicht grade Weltmeister geworden ist, sind doch, wenn man ehrlich ist, alle nur noch genervt und angeekelt von dem Scheiss, der da so zu Tage gefördert wird. Mehr will ich dazu gar nicht sagen, das tun andere derzeit schon genug.

Da investiert man als Fußballfan jedes Wochenende Zeit, Energie und Nerven, um sich im Stadion oder zuhause am Fernseher die Haare zu raufen. Da versucht man, so etwas wie Identifikation mit einem Club aufrecht zu erhalten, dessen Identifikationsfigur sich vom puren Bösen des zeitgenössischen Profifußballs (die FIFA mal ausgenommen) abwerben lässt. Da freut man sich eigentlich auf große Weltfußballturniere, obwohl man über die äußeren Umstände und alle Begleiterscheinungen eigentlich nur noch brechen könnte. Muss das sein? Kann man nicht auch was anderes mit seiner Zeit anfangen?

Man könnte hinausgehen in die freie Natur, im Park liegen mit einem guten Buch, mit Freunden kochen oder mit Kopfhörern und guter Musik die Welt vergessen. Das sind doch Ideen! Darauf kann man doch aufbauen! Das wäre doch was!

Doch der größte Feind der Anti-Haltung von Fußballfans ist die Liebe zum Fußball. Leider. Klar kann man zum lokalen Landesligisten fahren, da kann man auch Fußball schauen, Bratwurst essen und drei bis acht Bier verhaften. Und anschließend eine Thekenmannschaft gründen. Aber zeigt sich da auch die Finesse, die Schönheit des Spiels, all das, was wir am Bundesligafußball so mögen? Ist man da auch so überwältigt, wie wenn man den Betzenberg erklommen hat und es einem von der Lautstärke der Westtribüne fast die Sprache verschlägt? Ach Manno. Natürlich nicht.

Und das ist die Crux. Jetzt gerade bin ich bedient. Von der vergangenen Saison und von den Entwicklungen seit ein paar Jahren und von der FIFA und von allem, was irgendwie mit Profifußball zu tun hat. Jetzt meide ich kicker.de und alles, was gerade an entscheidungsträchtigen Spielen im Fernsehen übertragen wird. Ich will nicht mehr mitmachen.

Aber vermutlich werden mir so gegen Ende Juli die Beispiele Augsburg und Mainz einfallen. Ich werde dann immer noch wissen, dass nichts wieder so wird wie es mal war, denn ohne Marketing und großes Geschäft wird es den Profifußball eben nicht mehr geben. Aber der Gedanke wird sich vielleicht - erst ganz klein, aber immer größer werdend - Bahn brechen, dass der FCK sich womöglich doch ein ganz gutes neues Team zusammenkauft oder von mir aus auch -leiht, die Bayern von Gladbach um den Titel gebracht werden, Arminia Bielefeld mit einem 2:0 über Leipzig am letzten Spieltag dem Brauseclub den Aufstieg versaut. Dass Hamburg und Kiel gute Adressen sind, mal wieder zum Auswärtsspiel zu fahren, könnte mir dann auch in den Sinn kommen, und ich könnte meine Freunde in Berlin anrufen, ob wir nicht hin wollen. Und es war ja auch ein echt schöner Trip nach Köpenick zu Union dieses Jahr... Verdammt.

Gut jedenfalls, dass jetzt Sommerpause ist. Da wird man wenigstens nicht ständig in Versuchung gebracht, zum Neinsagen nein zu sagen. So viel ist nämlich klar: Ich bin raus. Für immer. Definitiv. Wahrscheinlich. Vielleicht.



Text und Foto: Kristof Beuthner