Fundgrube 30.09.2013

"My song has no flag, my song has no party."

Warschau, 2013. Seit mittlerweile 58 Jahren ragt der Kulturpalast im Zentrum der polnischen Hauptstadt unübersehbar hervor. Ein Geschenk Stalins. Für viele Warschauer und Polen ist der „Stalinstachel“ aber vor allem ein Symbol der totalitären Unterdrückung des Landes durch die Sowjetunion. Vergangenheit und Geschichte werden in Polen hofiert; die Zeit des sowjetischen Fremdeinflusses würde von vielen Polen aber gerne in der hintersten Ecke des Geschichtsschranks verstaut werden. Mit dem Kulturpalast als mächtigem Überbleibsel hat man sich gewissermaßen arrangiert. Heute beherbergt das höchste Gebäude Polens unter anderem eine Universität, Museen, Theater, sowie eine Konferenzhalle und ist 2013 eine liberale Quelle in der Metropole an der Weichsel.

Am 22. März 1985 betritt ein Mann die Bühne der Konferenzhalle. Er ist Kanadier und heißt Leonard Cohen. Cohen und seine Band machen zwischen Auftritten in Schweden und Italien Station in Warschau. Der Protagonist trägt einen Anzug. Er trägt eigentlich immer einen Anzug. An diesem Freitag trägt er ihn aber besonders würdevoll.

 

Leonard Cohen macht Halt in einem Polen, das in diesen Tagen, Wochen und Monaten zerrissen ist ob der ungewissen Zukunft. Das Land steht vier Jahre vor seinen ersten freien Wahlen. Mitte der 1980er Jahre deutet allerdings noch wenig auf die staatliche Unabhängigkeit hin. Just 1984 wurde ein kirchlicher Unterstützer der Gewerkschaft Solidarnosc vom staatlichen Geheimdienst ermordet. Das kommunistische Regime scheint seinen Führungsanspruch notfalls blutig durchsetzen zu wollen.  

Es hat im Vorfeld einige Probleme mit der Bewilligung des Konzerts durch die polnische Regierung gegeben. Polen ist 1985 wahrlich kein Paradies für Konzertgänger. Umso diplomatischer richtet sich Cohen mit den Worten „And I would like to say to you, to the leaders of the left, and the leaders of the right. I sing for everyone. My song has no flag, my song has no party.“ an das Publikum.

Wer schon einmal bei einem Konzert von Leonard Cohen war, weiß, dass der Kanadier seine Worte mit Bedacht, ja fast mit Vorsicht wählt. Er spricht über seine Jugend in Montreal, er zollt den polnischen Nationalhelden Chopin, Kopernikus und Walesa seinen Respekt, er trauert um das zerstörte jüdische Leben in Warschau und Polen. Dabei fällt er kein Urteil über die Geschehnisse in den 1980er Jahren in Polen und ergreift keine Partei. Mit diesem Konzert zu dieser Zeit hat Leonard Cohen allerdings seinen kleinen Teil zum Umsturz des Regimes beigetragen, indem er durch seine Worte Hoffnung und durch seine Anwesenheit den Menschen ein Gefühl von Freiheit gegeben hat.

„It was very nice of the Russians to build this hall for me. My mother came from Russia, she spoke very highly of those people. It is a beautiful hall. And I thank your authorities for allowing me to play here. I wish we had a hall like this where I come from. I would throw a huge party here. I would invited everyone. Maybe I'd just live here alone by myself. I need a lot of space.” Ja, lieber Mr. Cohen, man kann sich das wirklich gut vorstellen. Von den 42 Etagen des Kulturpalasts ist mit Sicherheit noch eine für Sie frei.

 

Hörbeispiele, ein ausführlicher Bericht, Fotos und allerhand weitere Informationen zu diesem denkwürdigen Konzert sind unter Leonard Cohen in Warschau (1) und Leonard Cohen in Warschau (2) zu finden.





Text: Daniel Deppe
Farbfoto: Daniel Wyszogrodzki
Schwarz-Weiß-Fotos: Lelek