Artikel 14.03.2018

Nillson-Throwback! Die allerbesten Platten von 2008-2018: Platz 151 bis 136

In meinen zehn Nillson-Jahren hat sich eine ganz schöne Menge an Lieblingsplatten angesammelt. Die möchte ich gerne in den nächsten Wochen mit euch teilen: Lest hier über meine 151 besten Alben von 2008 bis 2018.

Ich als Jahrescharts-Spezi war in den letzten zehn Jahren verantwortlich dafür, den Autoren auf die Füße zu treten um eine standfeste Bestenliste zusammenzutragen, auszuwerten und in Rangfolge zu bringen. Das hat mir schon Spaß gemacht, da war ich noch gar kein Teil des Nillson-Teams. Was liegt da näher als die 151 besten Scheiben (plus eine außer Konkurrenz), die mir in der vergangenen Dekade zu Ohren gekommen sind, nun für euch zu ranken?

Ihr findet hier den ersten Teil einer Liste, die komplett subjektiv und ohne Allgemeinheitsanspruch gilt. So gesehen werden mit Sicherheit einige Platten fehlen, die ihr als einflussreicher, größer oder brillanter erachtet. Dafür könnt ihr euch mit mir erinnern, verlorene und vergessene Schätze bergen und eine kleine Zeitreise unternehmen. Geht los! Lest hier und heute die erste von zehn Runden und gebt euch die Plätze von 151 bis 136.

Außer Konkurrenz: Alexander Marcus - Electrolore

In den vergangenen zehn Jahren bin ich via Nillson über so manche Kuriosität gestolpert, aber am nachhaltigsten beeindruckt hat mich doch diese hier: Alexander Marcus‘ Debüt „Electrolore“ paarte 2008 übelste Schlagertexte mit amtlichen House-Beats und landete damit nachvollziehbarerweise auch in der Malle-Disse. Warum auch Gutgeschmäckler ihren Gefallen an dieser Fremdschäm-Platte mit Texten wie „Papaya, Papaya, Coconut Banana“ oder „Guten Morgen, es ist ein schöner Tag / Guten Morgen, die Sonne dir schon lacht“ fanden, lag daran, dass dieser gegelte Typ mit der weißen Hose und dem rosa Hemd die Nummer so überdreht darbot, dass klar war, dass er sich zu keinem Zeitpunkt selbst ernst nahm. So machte dann „Electrolore“ auch das, was es sollte: Nämlich Spaß.

Platz 151: Isbells - Isbells (2011)

Der Belgier Gaetan Vandewoude und seine Isbells erschienen im Jahr 2011 auf der Bildfläche und wirkten wie eine konsequent gedachte Fortsetzung der eigentlich längst in der Versenkung verschwundenen „Quiet is the new loud“-Bewegung. Tolle Konzerte beim Appletree Garden und beim Dockville machten mir aber bald klar, dass mehr dahinter steckte als ein purer Aufguss von Altbewährtem. Denn die Isbells machten mit ungeheuer fragilem Leisetreter-Folk die Menschen sprachlos vor Intensität und Brillanz. Chantal Acda, die heute über Glitterhouse wundervolle Solo-Platten veröffentlicht, gehört übrigens auch zur Band, die ihr einziges Ziel in einer der schönsten und wahrhaftigsten Zeilen des Musikjahres 2011 verpackte: „I can’t save the world with melodies, but I’ll try“.

Platz 150: Vali - Skogslandskap (2013)

Valis zweites Album „Skogslandskap“ erschien 2013 wie der Vorgänger „Forlatt“ auf dem eigentlich eher am Metal orientierten Prophecy-Label. Im Grunde spielt der Norweger reine Nischenmusik: Instrumentalen Folk mit Gitarren und Geigen, kein Wort wird gesungen, zeitlos wie aus der Zeit gefallen. Das hatte nichts mit dem nach wie vor schwer angesagten Langbart-Chic zu tun, sondern war eine Ode an die nordischen Landschaften und Mythologien, höchst atmosphärisch und tief. Ich erinnere mich an Autofahrten durchs verschneite Dänemark mit dieser Platte im Ohr, eine wie angegossen passende Untermalung von (in diesem Fall nur weitgehend) unberührten Naturpanoramen. Für solche Momente ist „Skogslandskap“ ein unvergleichlich großartiger Begleiter, nach wie vor.

Platz 149: The Decemberists - What A Terrible World, What A Beautiful World (2015)

Nachdem ich Mitte der 00er Jahre die Decemberists durch ihre Durchbruchsalben „Picaresque“ und „The Crane Wife“ lieben gelernt hatte, verlor ich mit den darauf folgenden Platten „The Hazards Of Love“ und „The King Is Dead“ den Bezug. Die Band um Colin Meloy wurde mir zunächst ZU theatralisch (wenngleich das Theatralische in ihren großartigen Folk-Songs ja durchaus den Reiz der Decemberists ausmacht) und dann zu beliebig in der Nische zwischen Folk und Country. Mit „What A Terrible World, What A Beautiful World“ veröffentlichte die Band aus Portland dann 2015 aber endlich wieder ein durch und durch starkes Album, das vor allem endlich wieder richtig starke Songs beinaltete - alleine „Philomena“ und „Cavalry Captain“ sollten im Gesamtoeuvre der Band zu Klassikern aufsteigen.

Platz 148: Talons' - Songs For Babes (2009)

Zu den großen Entdeckungen meiner Nillson-Zeit gehört das Label Own Records aus Luxemburg, das nach wie vor zu meinen absoluten Lieblingslabels zählt. Emile Hengen, Helio Camacho und Valentin Sanchez veröffentlichten mit unfassbarer Stilsicherheit und Finesse grandiose Platten zwischen Ambient, Neoklassik, Field Recordings und minimalst fragilem Folk; ich werde in dieser Liste noch häufiger darauf zurückkommen. Zu letzterem Genre gehört Mike Tolans Projekt Talons‘, dessen Debüt „Songs For Babes“ 2009 erschien und den Frauen in Tolans‘ Leben kleine Liebesbekundungen darreichte. Am meisten in Erinnerung bleibt mir nach wie vor das pure Gänsehaut evozierende „Maddy“, an dessen Ende von fern ertönende Polizei-Sirenen darauf schließen lassen, dass die Geschichte trotz des Versprechens „If you need some time, I will wait for you“ nicht gut ausging.

Platz 147: Delbo - Grande Finesse (2008)

2008 war ein tolles Jahr für das Berliner Label Loob Musik, präsentierte es doch zunächst mit Lichter eine formidable Neuentdeckung, das dritte Klez.e-Album stand in den Startlöchern und Delbo präsentierten sich mit ihrer ebenfalls dritten Platte auf der Höhe ihres Schaffens. Bei „Grande Finesse“ war der Albumtitel Programm: Verschachtelte Rhythmen, Mathpop-ähnliche Strukturen und verkopft-suggestive wie poetische Lyrik ergaben zusammen eines der besten deutschsprachigen Alben dieses Jahres, der Song „Belvedere“ landete mit Auszeichnung auf meinem Jahres-Mixtape. Solche Musik wird heute gar nicht mehr gebastelt. Und wird es von Delbo definitiv nicht mehr werden: Als 2012 Bassist Florian Lüning starb, beschlossen Daniel Spindler und Tobias Siebert die Band nicht fortzuführen. So bleibt „Grande Finesse“ auch irgendwie ein Abschiedswerk.

Platz 146: Die Türen - Popo (2008)

Okay, es ist leicht geschummelt, denn „Popo“ erschien schon Ende 2007, aber in diesem Fall nehme ich das ganz bewusst nicht so genau.Staatsakt-Chef Maurice Summen und seinen Türen hatte ich nie so recht Gehör schenken wollen, doch im Jahr 2008 in einem Nillson-Team mit Volker zu sein und sich mit dieser Band nicht auseinander zu setzen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Vermutlich ist „Popo“ aber auch ihr bestes Album, so gesehen bin ich vielleicht genau zur rechten Zeit eingestiegen. Zwischen scheinbaren Gaga-Texten fand sich immer auch viel Wahrhaftiges und eine Menge Sozial- und Szenekritik, wofür ganz besonders das nach wie vor fantastische „Sei schlau, bleib dumm“ und das brillante „Indie Stadt“ stehen. Auf letzterem wird der ungebrochen große Rush in die Musikstädte Hamburg und Berlin herrlich amüsant thematisiert: „Ich will in die große Stadt, ich hab die kleine satt. Ich will mal ne ganz große Nummer werden. Eins, zwei, drei, vier.“

Platz 145: Twin Atlantic - Free (2012)

Als ich 2012 an einen Punkt kam, an dem ich erstmals von den Entwicklungen der hippen Indiepop-Szene erschöpft war, die sich nur noch auf 80er-Referenzen mit verhallten Stimmen, knalligen Drums und Synthesizern zu konzentrieren schien, retteten mir die Schotten von Twin Atlantic das trist gewordene Hörerleben. Grund war die Single „Make A Beast Of Myself“, die mir die lauten Gitarren, die starken Riffs und den herrlich breiten Brit-Akzent zurück gaben, den ich vermisst hatte. Das dazugehörige Album heißt „Free“ und steht der starken Auskopplung in nichts nach; noch besser geriet sogar die Debüt-EP „Vivarium“. Klar war natürlich auch, dass diese Art von Rockmusik in die Stadien und auf die großen Bühnen drängte, was die Band heute auch geschafft hat, leider zu Lasten ihrer damals unwiderstehlichen Lässig- und Dringlichkeit.

Platz 144: Prawn - Kingfisher (2014)

Im Jahr 2014 entdeckte ich das amerikanische Topshelf-Label und meine Leidenschaft für grandiose neue Emo- und Alternative-Bands, die den Weg nach Deutschland noch nicht oder nur in kleinem Stil gefunden hatten. Dazu gehörten auch Prawn, die ich allerdings erst zwei Jahre später so richtig bemerkte, als ein guter Freund „Kingfisher“ auflegte, nachdem wir in den frühen Morgenstunden seines Geburtstages immer noch zusammen hockten und er mir diese Band gerne ans Herz legen wollte. Wir hörten die Platte durch und ich bestellte sie mir noch in derselben Nacht. Immer noch finde ich es großartig, dass man Musik manchmal so überschwänglich verfallen kann. Prawn spielen auf „Kingfisher“ recht stimmungsvollen, rauen, aber eher im Midtempo angesiedelten Alternative Rock der guten Seite, wie das wohl nur Bands aus Amerika schaffen.

Platz 143: Alcest - Shelter (2014)

Hätte ich mir ja nicht träumen lassen, dass es eine Black Metal-Band schafft, Einzug in irgendeine meiner Bestenlisten zu halten, aber bei Alcest ist das aus Gründen anders. Es reichte ein Song: „Voix Sereine“, ein knapp sieben Minuten langer Postrock-Traum mit entrückt-engelsgleichem Gesang und einem unfassbar einprägsamen Riff, das bis zum Schluss auf ganz famose Weise mit den althergebrachten Laut-Leise-Variationen diesen Song nach Hause bringt. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht, dass Alcest früher eher im Black Metal daheim waren; das konnte ich aber bei einem Konzert in Hamburg Ende 2016 eindrucksvoll erleben. Ich wusste auch nicht, dass der Sänger sich Neige, also französisch für Schnee, nennt - zu der geheimnisvollen Aura, die dieses Album, mit dem sich Alcest zu neuen Ufern aufmachten, umgab, passte es aber vortrefflich.

Platz 142: Trouble Books - The United Colors Of Trouble Books (2008)

Da wären wir wieder bei Own Records und dem ersten regulären Album der Trouble Books aus Akron, Ohio, die zuvor vor allem schwer limitierte Schlafzimmer-Recordings veröffentlicht hatten. „The United Colors Of Trouble Books“ war wie ein kleines Sammelsurium aus dem, was die Band zuvor an Experimenten gewagt hatte. Aufgenommen auf Kassette präsentierte das Album auf wunderbar feinfühlige Weise einen Querschnitt aus Ambient, Experimental-Pop und Minimal-Folk, das auch durch seine Entstehungszeit - die Platte entstand im Winter - ein wenig an Leo Lionnis Geschichte von der Maus Frederik erinnerte, die in den warmen Monaten Geschichten, Lieder und Farben für die kalten Tage sammelte, um seinen Mäusefreunden das Herz zu wärmen.

Platz 141: Frittenbude - Nachtigall (2008)

So ganz habe ich den großen Hype um das Hamburger Label Audiolith nie verstanden, aber 2008 war ohne Frage DAS Jahr für Lars Lewerenz und seine Crew. Bands wie Egotronic („Raven gegen Deutschland“), Supershirt („8000 Mark“) oder Juri Gagarin fanden sich plötzlich in den Lineups von Rock-Festivals wieder; die Indielektro-Welle hatte würdige Vertreter aus hiesigen Gefilden gefunden, die sich nebenbei auch politisch klar positionierten, aber für mich war das nichts. Mit Ausnahme von Frittenbude, die auf „Nachtigall“ den Mix aus Technobeats und deutschem Sprechgesang mit einer unwiderstehlichen Prise Pop anreicherten und mit „Elektrofikkke“ und vor allem „Mindestens in 1000 Jahren“ zwei Hits für die Ewigkeit an den Start brachten, die auch heute noch auf jeder Indie-Party die Tanzböden füllen.

Platz 140: Arcane Roots - Melancholia Hymns (2017)

Andrew Groves und seine Band hatten das Wechselbad aus laut und leise schon auf ihren vorhergehenden Alben perfekt beherrscht, doch mit „Melancholia Hymns“ lieferten sie ihr Opus Magnum ab. Vor allem darum, weil mit dem Klavier ein wichtiger organischer Bestandteil Einzug in ihre Trauer-Epen hielt, der Arcane Roots eine gewisse Erdung verschaffte und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit bot, sich auch in Sigur Rós-nahen Elegien zu verlieren. Vor allem aber schlug das Album in die Schnittstelle zwischen Muse- und Biffy Clyro-Bombast und kompromissloser Härte und schuf, wie ich in meiner Review schrieb, „eine hochfaszinierende Tour de Force, an dem jedes Rädchen an der richtigen Stelle sitzt und die in jeder Hinsicht klar macht, wie gut es ist, sich für seine Musik Zeit zu nehmen“.

Platz 139: Immanu El - Moen (2009)

Die Schweden von Immanu El wurden zu einer meiner absoluten Lieblingsbands, vom Debüt „They’ll Come, They Come“ bis hin zum grandiosen „In Passage“ (zu beiden später mehr) und dem Neuanfang im vergangenen Jahr bei unseren Freunden von Glitterhouse und dem vierten Album „Hibernation“. Dass das zweite Werk der Band, „Moen“, nun nicht weiter oben steht, soll nicht seine Großartigkeit schmälern - alles, was Immanu El veröffentlicht haben, ist auf seine Weise fantastisch; sei es der engelsgleiche Harmoniegesang der Strängberg-Zwillinge Claes und Per und die feinfühlig drapierten Postrock-Epen. Auf den ersten beiden Alben deutete sich nur an, was später offensichtlich wurde: Die Strängbergs standen nur vordergründig Genre-Epigonen wie Sigur Rós oder Explosions In The Sky nahe; das Unwiderstehliche an ihren Songs stammt von einer unverkennbaren Liebe zum Pop.

Platz 138: The Night Terrors - Pavor Nocturnus (2014)

Als ausgewiesener Liebhaber von stimmungsvollen Horrorfilm-Soundtracks und insbesondere als Bewunderer der italienischen Progrock-Combo Goblin, die unter anderem für die Untermalung von George A. Romeros „Dawn Of The Dead“ verantwortlich zeichnete, war ein Album wie „Pavor Nocturnus“ von den australischen The Night Terrors natürlich ein gefundenes Fressen. Tatsächlich hatten The Night Terrors sogar schon im Vorprogramm von Goblin gespielt, so war dieses Album, das mit einer großen Orgel, einem Theremin und düster-gotischen Progrock-Eskapaden die perfekte Hommage war, selbstverständlich Ehrensache. „Pavor Nocturnus“ ist bis heute ein großer nostalgischer Spaß, herrliche Halloween-Musik und immer noch dringlichst empfehlenswert.

Platz 137: Life In Film - Here It Comes (2015)

Es war ein kurzes Vergnügen mit Life In Film, aber eines, auf das man sich lange hatte freuen dürfen: Seit im Jahr 2011 der Song „Get Closer“ auf einer King Kong Kicks-Compilation enthalten war, war ich auf ein Album der Briten neugierig, denn sie verbanden auf sehr faszinierende Weise die Romantik von The Pains Of Being Pure At Heart mit der Tanzbarkeit der lange dahingeschiedenen Class Of 2005 um Franz Ferdinand und Maximo Park. Als dann ein Jahr später mit „The Idiot“ die nächste Vorab-Single erschien, war ich endgültig angefixt und verfolgte fieberhaft jeden Hinweis auf einen möglichen Longplayer. Der erschien dann schließlich erst 2015, als die Band schon am Ende war und ihre Hits schon kaum einer mehr auf dem Zettel hatte. Im Anschluss lösten Life In Film sich auf, was bis heute ein wenig schade ist.

Platz 136: Teen Daze - All Of Us, Together (2014)

Ich fand dieses Album bei meinem gehassliebten Winter Sale des Webshops anost.net, der unter anderem die Platten von Morr Music, Sinnbus, Denovali oder Karaoke Kalk vertreibt und bei dem ich jeden November leider viel mehr Euros lasse, als mir lieb ist - die Auswahl ist einfach zu gut. Über Teen Daze wusste ich nicht das Geringste, aber ich fing schon beim Reinhören Feuer, und bis heute hat die Platte einen festen Platz in meinem Auto, wenn es auf Reisen geht. Der Sound, den man am ehesten als Balearic House bezeichnen könnte - womit ich meine, dass die fließenden Beats von flirrenden Synthies und teilweise mitreißenden Gitarren begleitet werden, was eine gewisse Inselstimmung nicht verleugnen lässt - macht nach wie vor jede Menge Spaß, auch wenn die Mischung nicht eines gewissen Kitschfaktors entbehrt.



Texte: Kristof Beuthner