Fundgrube 08.11.2013

Siebzehn Songwriter im Märchenland: Es war einmal... und wenn sie nicht.

Winterzeit ist Märchenzeit. Na ja, auch ein stürmischer Herbsttag kann mit Regen, Märchen und Kakao ganz wunderbar sein. Diese Weisheit ist beinahe so alt wie Grimms Märchen selbst. Und a propos Grimm: Wir feiern ja 2013 das Grimm-Jahr. Und zwar unter anderem mit einem Hörbuchprojekt, das die Märchen lebendig und intensiv wie lange nicht mehr präsentiert.

Wolfgang Müller, seines Zeichens Liedermacher oder Songwriter oder wie man möchte, hat sich da etwas ausgedacht: 17 Märchen der Gebrüder Grimm, der originale, alte Text, gelesen von 17 Kollegen seiner Zunft; veröffentlicht bei seinem eigenen kleinen Label Fressmann. Das ist als Idee schon so genial, dass wir bei der Ankündigung von "Es war einmal... und wenn sie nicht" schon Gänsehaut bekamen. Die prägenden Erzählungen unserer Kindheit, vorgetragen von den Erzählern, die uns heute prägen. Nicht nur eine Huldigung an die große Kunst des Märchenerzählens, sondern für uns auch eine Brücke zwischen damals und jetzt. Mit dabei wären: Gisbert zu Knyphausen. Jan Plewka. Clickclickdecker. Thees Uhlmann. Marcus Wiebusch. Francesco Wilking. Tom Liwa. Moritz Krämer. Olli Schulz. Die Crème de la crème quasi. Markus Berges. Desirée Klaeukens. Cäthe. Pohlmann. Enno Bunger. Tex. Niels Frevert. Und natürlich Wolfgang Müller, der Initiator, selbst. Crème de la crème, sage ich ja.

Und so lesen sie uns also Grimms Märchen, diese Stimmen, die wir ansonsten vorwiegend in Begleitung von Gitarren kennen, und jeder von ihnen macht es auf seine ganz eigene Art. Moritz Krämer wirkt wie geschaffen für das Märchen "Von dem Tode des Hühnchens", das er mit brüchiger Stimme herrlich lakonisch vorträgt. Es passt zu seiner tragisch-komischen Beobachtungsgabe, die sich auch in den Stücken seines Albums "Wir können nichts dafür" wiederfindet. Gisbert zu Knyphausen hat sich dem "Froschkönig" angenommen, auch hier spiegelt sich der Erzählstil seiner Songs in der Art wieder, wie er spricht, wie er betont. Thees Uhlmann liest "Der Wolf und die sieben jungen Geisslein" und interpretiert die einzelnen Figuren mit verstellter Stimme. Seit er selbst Vater ist, ist er gut im Training, und man kann den Spaß, den er hatte, förmlich greifen. Es ist spürbar, dass all die Leser auch in ihren Songs Erzähler sind. Ihr Duktus ist nicht weit von der täglichen Kunst entfernt, die sie ausüben. So authentisch und ehrlich, so alltagsgebunden und -tauglich hat man Märchen lange nicht mehr gehört.

Überhaupt ist es der Intensität der Vorträge sicherlich zuträglich gewesen, dass sich jeder der Leser sein Märchen selbst ausgesucht hat. Und es werden nicht nur (aber auch) die allseits bekannten Märchen gelesen. Klar darf "Dornröschen" (Tom Liwa) nicht fehlen, genauso wenig wie "Rapunzel" (Olli Schulz) und "Aschenputtel" (Tex), aber es sind auch weniger verbreitete und nach wie vor entdeckenswerte Geschichten dabei, wie etwa "Der faule Heinz" (Niels Frevert), "Der Löwe und der Frosch" (Francesco Wilking), "Der Zaunkönig und der Bär" (Wolfgang Müller) oder "Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein" (Jan Plewka). Trotz Tourstress und wenig Zeit hat jeder sein eigenes Märchen ausgewählt und eingelesen, das zeugt von großer Liebe zur Materie und von hohem Respekt für das Projekt, und das kann man auch hören.

Und unbedingt muss Dinesh Ketelsen erwähnt werden. Der ehemalige Fink-Gitarrist rundet mit seinen Improvisationen auf der Akustikgitarre die Erzählungen ab; komplettiert das Bild und lässt den Hörer nach dem Verklingen der jeweiligen Stimme das Gehörte noch ein bißchen weiter denken. Ohne sein Spiel wäre "Es war einmal... und wenn sie nicht" auch schon grandios; in Verbindung damit wird es zum Meisterwerk.

Einem Meisterwerk, dass man vielleicht nicht am Stück weghören kann, aber das muss man ja auch nicht. Die Portionen eignen sich optimal für den kleinen Märchenhunger zwischendurch, eine kurze Verschnaufpause mit Lust am Zuhören oder den Becher heißen Tees am Feierabend. Es ist ein Zeugnis dafür, wie wenig Märchen an Strahlkraft verloren haben, wenn man sie nur richtig vorliest, und wie viel man mit dem Vorlesen von Märchen und Geschichten übermitteln kann.

So ist "Es war einmal... und wenn sie nicht" im Grunde viel mehr als eine Hommage an die Grimmsche Märchenkunst. Es ist eine Zeitreise; ein Impuls zum Weiterlesen; eine Anregung, selbst mal wieder vorzulesen; ein Geschenk. Dieses Hörbuch wird den Winter verschönern, die langen Abende bereichern. Es ist gut, dass Wolfgang Müller diese Idee gehabt hat.


Text: Kristof Beuthner