Artikel 29.03.2016

Sounddusche - Deafheaven und Myrkur in Köln

Schweigen im Wald – Gaahl, der Sänger der norwegischen Black Metal Band Gorgoroth, blickt seinen Interview Partner vom Vice-Magazin nur sinister an. Im Raum steht die Frage nach der nihilistischen Kernidee seines Genres. Ein starrer Blick und ein Loch in Raum und Zeit müssen als Antwort reichen. Black Metal ist seit je her ein umstrittenes Musikschlachtfeld, dass mit bloßem Schweigen jedoch nur unzureichend beschrieben ist. Zu Recht aufgrund rassistischer Aussagen einiger Ursuppe-Bands kritisiert, zu undifferenziert als faschistoider Stuss verschrien, wenn pauschal ein Deckel auf den brodelnden Topf gesetzt wird. Durch Bands wie Wolves In The Throne Room, Liturgy und eben Deafheaven, gestaltet sich das Genre durchlässiger und breiter aufgestellt denn je. Ausverkauft steht an diesem Abend Ende März an der Tür vom Gebäude9. Bemalt ist niemand.

Myrkur, die elfengleiche Sirene aus Dänemark stellt als Support ihre Black Metal-Spielart unter Beweis. Leider jedoch aufgrund des Besucherandrangs ohne unsere Anwesenheit. Amalie Bruun veröffentlich seit zwei Jahren über das US-Lable Relapse-Records, wo alte Grind und Death-Recken wie Obituary und Brutal Truh ein neues zu Hause finden, aber auch experimentierfreudige Acts wie Locrian unter Vertrag sind. In einem Parallel-Leben ist Bruun Model für Chanel und hat für die Marke in einem von Scorsese produzierten Commercial mitgewirkt. Hier und heute ist sie in ihrer Rolle als selbsternanntes ‚Black Metal Girl form the Heart‘ und vereint zaghafte Gesänge mit geradem Riffing und teils keltisch-angehauchten Melodiebögen. Wie in der Kunstfigur Bruun/Myrkur wirken die Brüche in ihrer Musik teils sehr konstruiert. Eventuell setzt sie ihre musikalische Waldwanderung jedoch auf der Bühne stimmig um, aufgrund des fehlenden Live-Eindrucks kann ich mir leider kein abschließendes Urteil erlauben. Deafheaven Sänger George Clark hat sich zu Beginn seines Sets noch mal in aller Form bei Myrkur für die Performance bedankt. Szenenapplaus – dann scheint es ja in Köln geklappt zu haben.

Besagter George Clark hält den Mikroständer in der Mitte der Bühne mit beiden Händen fest umgriffen. ‚And when that door opened, I just wanted more of it, I wanted to see how far down the rabbit hole it went,’ erklärt er sich in einem Interview mit dem Guardian im letzten Jahr. Die Tür wurde ihm als Teenager durch Thrash- und Death-Bands wie Slayer und Morbid Angel geöffnet, die konkrete Forschungsreise begann mit der Gründung von Deafheaven 2010 mit seinem High School-Buddy Kerry McCoy. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Forschungsergebnisse Songs wie ‚Brought To The Water‘ und ’Baby Blue‘ des im Oktober erschienen dritten Albums ‚New Bermuda‘. Der Sound basierte seit dem Debüt ‚Roads To Judah‘ 2011 auf den Black Metal typischen rauschenden und repetitiven Riffs und Knüppel-Beats und wurde beim aktuellen Output mit akustischen Parts und differenzierteren Stakkato-Gitarreneinsätzen erweitert. Clark kreischt in desparater Manier sein Persönlichstes ins Publikum und bangt auch bei ruhigeren Passagen ekstatisch das akkurat gestutzte Haupthaar. Eine Wall Of Sound bricht auf die Anwesenden hernieder.

Das Gros reagiert eher andächtig lauschend. Nur vereinzelt werden auch im Publikum Köpfe geschüttelt. Ob der Enge ist Körperkontakt nicht auszuschließen. ‚Deine Haare in meinem Gesicht, das ist schon ziemlich krass‘ höre ich jemanden seinen Vordermann maßregeln. Ein weiteres Indiz dafür, dass hier keine Metal-Show im ureigenen Sinn stattfindet. Die Stilmittel werden auf der Bühne und auch in vorderen Reihen gerne in Kauf genommen, generell wird das Gebotene aber lieber in einem Beobachtungsmodus als Kunstform wahrgenommen. Beides steht an diesem Abend diametral gegenüber und zwischen den Antipoden spannt sich das Forschungsfeld Clarks. Man versteht seine Worte nicht, die zu seiner Soundreise in innere Abgründe und das Erfinden neuer musikalischer Kontexte einladen wollen. Was man versteht ist jedoch, das Deafheaven in der Lage sind gleichzeitig ein Gefühl von Weite und Distinktion zu schaffen. Dementsprechend in sich versunken stehen die Anwesenden zu Salzsäulen erstarrt der Akustikwelle entgegen, bis der Sturm abrupt aufhört. Schweigen, diesmal bei den Zuschauern, keine Zugabe, Licht an - Hiphop-Beats aus dem Lautsprecher lassen uns unsanft wieder auftauchen. Ich komme mir irgendwie vor wie frisch geduscht.