Fundgrube 25.06.2013

The Postal Service. Oder: Die Schwierigkeit, sich selbst zu übertreffen.

Von kaum einer Band, nein, besser: Von kaum einem Projekt wartet man so sehnlich auf neues Material wie von The Postal Service, der Kollaboration von Death Cab For Cuties Benjamin Gibbard mit Jimmy Tamborello.

Doch je mehr Zeit nach dem einzigen Album des Duos, dem 2003er Wunderwerk "Give Up", verging, wuchs ein Gedanke in uns. Und dieser Gedanke implizierte die leise Ahnung, dass ein zweites Postal-Service-Album vielleicht gar nicht so gut wäre. Ein Meisterwerk, und das war "Give Up" ohne Frage, überbieten zu wollen, das geht in der Regel schief. Sich einzig deswegen künstlerisch wieder zu vereinen, weil mittlerweile Millionen Fans danach lechzen, wäre sicherlich auf den ersten Blick ehrenhaft, liefe aber eben auch Gefahr, den Mythos von Perfektion - im Popbusiness ohnehin quasi nicht erreichbar - zu zerstören.

Gibbard und Tamborello fanden also den beliebten Zwischenweg, taten sich für ein paar Konzerte wieder zusammen und veröffentlichten ihr Hitalbum als Anniversary Edition zum zehnjährigen Jubiläum. Disc 1 mit allem Bekannten, Disc 2 spröde wie wahrheitsgetreu mit "Everything Else" betitelt. Und da Disc 1 vermutlich eh alle Musikgourmets im Regal stehen haben, lohnt sich bei dieser Neuauflage natürlich vor allem der Blick auf Disc 2. Unveröffentlichtes Material! Remixes! B-Seiten! Rarer Stuff! Livemitschnitte! Da schlägt das Fanherz doch sofort höher.

Und die "Everything Else"-Seite beginnt dann auch gleich standesgemäß mit zwei zuvor unveröffentlichten Stücken. Da ist es endlich, das noch nie gehörte Postal-Service-Material. "Turn Around" und "A Tattered Line Of String" erklingen erstmals, remastered und aufbereitet für die 2013er Ohren. Das erste kommt knallig, hektisch, etwas frickelig. Das zweite kommt dem Gewohnten schon näher, hat eine etwas prägnantere Melodieführung, der Refrain ist sogar ziemlich poppig; es hopst aber auch ziemlich. Doch die wirklich schlimme Nachricht: Beide zünden nicht so recht.

Gehen wir weiter. Wir gelangen sofort in die B-Seiten-Ecke. "Be Still My Heart" von der "We Will Become Silhouettes"-EP. Das ist hörbar von 2004. Daran wurde nicht geschraubt. Da springt der Funke sofort über. Das ist irgendwie direkter, hatte diese Unmittelbarkeit, die uns inmitten der Elektronik an "Give Up" schon so fasziniert hatte. "There's Never Enough Time" von der "Such Great Heights"-Single geht einen ähnlichen Weg, startet mit einem hübschen, kleinen Loop. Dann setzten die Vocals ein, doch sie sind nicht so prägnant und vordergründig wie sonst, sondern spukig, verhuscht. Das ist mal was neues, das kennen wir so noch nicht. "Suddenly Everything Has Changed", ebenfalls eine B-Seite, ist ein Flaming-Lips-Cover. Ich kenne das Original nicht, kann daher die Neuinterpretationsklasse nicht bewerten. Aber es ist ein hübscher, leicht angedrogter Postal-Service-Song mit etwas Schlagseite geworden; im Hintergrund frickeln die Drums und treiben ein wenig Unstetigkeit in die Harmonie.

Und dann? Phil Collins. Jawohl! "Against All Odds", einer der größten Schmachtfetzen der Popgeschichte, recycled von Gibbard und Tamborello. Schöne Idee, doch der Song wird vor allem postal-serviced, das braucht in Wirklichkeit kein Mensch. Es ist nicht einmal witzig. Ach so, wir sind aus der B-Seiten- direkt in die Cover-Ecke gerutscht. Nun "Grow Old With Me", eine Lennon-Nummer, die TPA 2007 für einen Benefiz-Sampler eingespielt haben. Leider so rein musikalisch auch nur nett, nicht toll.

Vielleicht machen uns ein paar Remixe glücklich. Der erste in der Reihe stammt von John Tejada, seines Zeichens die eine Hälfte von I'm Not A Gun und große Honoration. Er hatte sich 2003 dem großen Hit, "Such Great Heights", angenommen und lässt Gibbards Gesang nun leicht verschleppt am etwas knalligeren Soundgerüst vorbei schweben. Ein schöner Effekt. Aus dem gleichen Jahr stammt DJ Downfalls Persistent Beat Mix von "The DC Sleeps Alone Tonight", der dem Stück nicht die Quintessenz nimmt, es vor allem umarrangiert und um den ein oder anderen formschönen Loop ergänzt. Gelungen! Der Nobody-Remix von "Be Still My Heart" ist ebenfalls gut geglückt, lässt die Drums schleppend antreiben und nimmt somit ein wenig das Tempo raus. Und wir sind noch nicht durch, es folgen Matthew Dears Remix von "We Will Become Silhouettes" und die Styrofoam-Version von "Nothing Better"; beides sind Profis, das hört man, und beide Interpretationen funktionieren.

Nach dem Live-Mitschnitt von "Recycled Air" kommen dann die tatsächlich eigentlichen Highlights der "Everything Else"-CD: Die beiden Cover von "We Will Become Silhouettes" (The Shins) und "Such Great Heights" (Iron & Wine), die es beide für sich ebenfalls zu einiger Berühmtheit gebracht haben und damals offenbarten, wie viel herzensstarker Pop in diesem wundervollen Album gesteckt hatte.

Doch wenn das Fazit einer Anniversary-Beilage lautet, dass die stärksten Stücke zwei Cover und zwei B-Seiten von 2004 sind, dann liegt der Verdacht nahe, dass The Postal Service vielleicht tatsächlich alles einfach so lassen sollten, wie es ist. Die zwei unveröffentlichten Stücke waren ja vielleicht nicht von ungefähr bis dato versteckt geblieben, Remixes und Live-Aufnahmen sind halt Geschmackssache und die Cover sind nett, aber unnötig. Es ist eben ein Fan-Pleaser, und wer alles von The Postal Service haben möchte und muss, der wird hiermit glücklich, einfach weil es einfach mal wieder etwas noch ungehörtes ist.

Die Sehnsucht nach neuem Output hat "Everything Else" nicht unbedingt gestillt; wohl aber womöglich die Erwartungshaltung gedämpft. Ein Effekt, der Ben Gibbard und Jimmy Tamborello vielleicht schlussendlich sogar recht wäre.

 

Text: Kristof Beuthner

Foto: Sub Pop