Fundgrube 25.05.2014

Yacht Rock Resurrection: Too Slow To Disco

Manchmal ist es wirklich seltsam, welche Wege gewisse Musikstile gehen, wenn sie erst in die Jahre kommen. Yacht Rock? Anyone? Hm, irgendwie nicht so richtig, oder? Der "Sound of L.A." war zum Ende der 70er ein ziemlich heißes Ding und verschwand danach sehr schnell in der Kitsch-Ecke.

Was auch nicht wirklich verwundert, wenn man sich mal vergegenwärtigt, was das ganze eigentlich sollte. Da ging es schließlich um nicht viel mehr, als den "Best Song Ever" zu kreieren, und das ist ja mal schon so vom Grundsatz her ein ziemlich heißes Vorhaben, aber noch heißer wird es, wenn man sich überlegt, was einen solchen Song wohl ausmachen muss. Der müsste ja eigentlich alles vereinen, was Leute an Musik mögen. Müsste so catchy sein, dass es wirklich jeden packt; müsste aber auch genau dieses Maß an Glätte haben, das die Gourmets nicht unter- und die Normalos nicht überfordert. Was für ein irrsinnig schmaler Grat das ist.

Ein Vorhaben, das in den meisten Fällen wohl rückblickend eher schief gegangen ist; ansonsten wäre es den Kompilatoren von "Too Slow To Disco" auch nicht so schwer gefallen, für die erste Ausgabe ihrer Westcoast-Pretiosen-Sammlung einen Abnehmer zu finden. Und als es dann mit How Do You Are doch ein Label gab, nahm City Slang den Sampler promotechnisch unter seine Fittiche. Was natürlich ein absoluter Glücksfall ist; ist City Slang schließlich eine der besten Indie-Adressen. Und damit landen die neunzehn Stücke nicht beim nächstbesten Supermarkt-Beschaller, sondern zwangsläufig in den Ohren musikinteressierter Menschen mit dem Herz am rechten Fleck.

Und wie klingt der nun, dieser Yacht Rock? Dass er heißt wie er heißt kann man jedenfalls schnell verstehen. Bei dieser ungemein relaxten Mixtur wünscht man sich sehr schnell wahlweise an einen Liegestuhl an Deck oder mit einem Drink an die Bar. Bei Sonnenuntergang, versteht sich. Bis in die Nacht hinein. Ein kitschiges Bild? Na ja. So ganz ohne Kitsch geht es tatsächlich nicht. Doch es ist diese seltsame angenehme Art von Kitsch, diese süßlich-einlullende Art, nicht die klebrige, peinlich berührende.

Der Sound auf "Too Slow To Disco" ist ein richtig schöner Mix aus Pop und Soul mit ungemein zupackendem discoiden Touch. Nicht mit der zappeligen Art; die neunzehn Nummern von den Doobie Brothers, Fleetwood Mac oder der Jan Hammer Group und (mir) unbekannteren Interpreten wie Photoglo, Rupert Holmes und den Alessi Brothers sind alle zurückgelehnter und langsamer Gangart und somit tatsächlich too slow to Disco. Oft ist es ja so, dass man rückwirkend dann doch die Spreu gut vom Weizen trennen kann und mit angemessenem Abstand Perlen findet, wo man früher im Wust der Releases nicht gleich welche sah. Dieser Sampler ist ein perfektes Beispiel dafür.

Die Gitarrenlicks sind ungemein sexy, die Stimmen glasklar und schnörkellos, die Beats groovy und touchy, ein Saxofon (!) hier und da bringt den verruchten Nachtclub-Flair und die Melodien sind feingliedrig und eingängig, ohne sich anzubiedern. Ob die Bands und Künstler es nun geschafft haben, Perfektion zu erreichen, sei mal dahingestellt, aber "Too Slow To Disco" ist eines dieser Sampler gewordenen Geschenke voller neu zu erschließender Diamanten, das man zudem bedenkenlos zur Abendgestaltung nutzen kann, ohne das jemals Langeweile aufkommt. Da wollen wir gerne mehr von hören.


Text: Kristof Beuthner