Rezensionen 09.08.2017

Manchester Orchestra - A Black Mile To The Surface [Caroline / Universal]

Durch die akustische Aufbereitung ihres letzten Albums „Cope“ entdeckte die Band aus Atlanta ihre Liebe zu weniger brachialen, aber umso epischeren Arrangements für ihren ausladenden Emo-Rock. Ihr neues Werk ist dadurch umso inniger und intensiver geraten.

Es hat schon so viele Musiker, deren Größe sich vor allem dadurch bemaß, traurige, große Musik zu machen, im privat positiven Sinne aus der Bahn geworfen, wenn sich ihr Leben zum Guten wendete. So ging es auch Andy Hull, der nach dem letzten Manchester Orchestra-Album „Cope“ und der organisch-reduziert aufbereiteten Neuauflage „Hope“ Vater wurde und sich plötzlich glücklich fühlte. Wie geht man als musikalischer Trauerkloß mit dieser Veränderung um, ohne sein Trademark zu riskieren? Wer bitte will von einer Band, die so herrlich emotional-traurige Songs schreibt, auf einmal ein Feelgood-Album hören?

Zum Türöffner wurde die Arbeit am Soundtrack zum Film „Swiss Army Man“ mit Paul Dano und Daniel Radcliffe, den Andy Hull und sein Gitarrist Robert McDowell ganz ohne Instrumente aufnehmen sollten. Eine ziemlich spannende Herausforderung - rein mit ihren Stimmen bewaffnet fanden die zwei eine ganz neue Annäherung an das Schreiben von Musik, die zwar nichts mit dem zu tun hat, was wir nun auf dem neuen und inzwischen fünften Manchester Orchestra-Album zu hören bekommen, aber die Offenheit und Bereitschaft, klanglich neue Pfade zu betreten, war geschaffen. Sicherlich hat auch nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass Manchester Orchestra mit „Hope“, das die Songs von „Cope“ in einem langsameren und leiseren Gewand präsentierte, schon einmal einen Ausflug in gemäßigtere Klanggefilde unternommen hatten, und so blieb der bandtypische Sound zwar auf „A Black Mile To The Surface“ erhalten, emotionale wie klangliche Ausbrüche sind aber Mangelware. Mit seiner besonders in den Refrains ins Falsett gehobenen Stimme und den eher folknahen, aber vertrackt-melodischen Stücken der neuen Platte erinnert Hulls Band nun eher an Justin Vernon (Bon Iver) und sein Seitenprojekt Volcano Choir, was Hardliner nicht verschrecken sollte - die Innigkeit, mit der Hull vom Leben erzählt, ist die Gleiche, und auch wenn der Plan existierte, mal keine Manchester Orchestra-eske Platte zu schreiben, ist „A Black Mile To The Surface“ trotzdem unverkennbar genau das geworden. Der bildgewaltige Emo-Pomp der Band hat seine Brachialität heruntergefahren; hinter den gefallenen Soundwänden liegen bildschöne Songlandschaften, aus denen die Single „The Alien“ hervorsticht - einen schöneren Song hatte dieses Jahr bisher kaum eine Platte im Gepäck. Das neue Manchester Orchestra-Album, das in „The Moth“ oder dem überwältigenden Closer „The Silence“ übrigens noch mehr ganz starke Bandmomente in petto hat, ist kein bißchen weniger melancholisch als der vorherige Band-Output, aber er wechselt die Standpunkte. Die Welt ist schlimm, grausam und zuweilen sogar unerträglich, aber Andy Hull betrachtet mit dem anderen Auge den Frieden seines Heimes, die Liebste an seiner Seite und sein schlafendes Kind im Bett, das von all dem noch nichts ahnt. Diese Prämisse macht die Musik vom Manchester Orchestra nur noch inniger: Weil Glück fragil ist und der Gedanke an seinen Verlust die Kehle nur noch mehr zuschnürt. Dann ist der Fall nur tiefer, wenn das Dunkel der Welt seine Klauen wieder um dich schlingt.


Text: Kristof Beuthner