Rezensionen 19.07.2017

Max Richard Leßmann - Liebe in Zeiten der Follower [Caroline / Universal]

Ein Junge wird erwachsen: Kaum zu glauben, dass der erst 24jährige Max Richard Leßmann ein so reifes, weitläufig-koloriertes Stück Chanson-Pop zu Stande gebracht hat und sich damit scheinbar im Handumdrehen das letzte bißchen Vierkanttretlager-Kaltschnäuzigkeit abstreift.

Dereinst, MS Dockville, Hamburg, Sommer 2009. Diese garantiert noch nicht volljährigen Jungs namens Vierkanttretlager spielen um die Mittagszeit vor einer Handvoll Neugieriger und ihren Familien, die extra aus Schleswig-Holstein angereist sind um diesem magischen Moment für diese kleine Band beizuwohnen. Das dazugehörige Album: Rotzig, jugendlich leichtsinnig, gleichwohl lässig und versiert. Der Band fliegen die Herzen zu - die ganz große Popularität bleibt zunächst aus. Kleiner Zeitsprung, drei Jahre später, Appletree Garden. Hochgradig gespannt stehe ich vor der Bühne und warte, wie diese Jungs nach ein wenig Reifeprozess klingen. Genauso cool wie damals - aber was bitte hat dieser Sänger genommen? Das sympathische Understatement Max Richard Leßmanns ist einer (scheinbar) drogen-, womöglich auch alkoholschwangeren Hybris gewichen, was für mich deutlich auf Kosten der Intensität geht. Ich lege Vierkanttretlager und auch Herrn Leßmann zu den Akten. Schade.

Jetzt tritt ebendieser Max Richard Leßmann fünf Jahre später aber doch wieder in mein Blickfeld. Mit einem Solo-Album. Und immer noch ist der Typ verboten jung: 24 Lenze zählt er, und untätig ist er nicht gewesen, nein: Für und mit Madsen, OK Kid oder Casper hat er in der Zwischenzeit gearbeitet, hat also das who is who der deutschsprachigen (Indie-)Szene durchdekliniert und ist dabei offensichtlich wie zwangsläufig gereift. Vom Überschwang, vom Rock’n’Roll, von der Atemlosigkeit seiner Band hat er sich verabschiedet. Statt dessen verneigt er sich auf „Liebe in Zeiten der Follower“ tief vor den Granden des französischen Chanson, Charles Aznavour oder Gilbert Becaud; auch vor dem großgestigen Schlager eines Udo Jürgens und der Tiefe von den beiden Genres nicht fernen Element Of Crime. Dass ein 24jähriger so etwas zustande bringt und dabei schlicht jede Peinlichkeit umschifft, ist aller Ehren wert, und dieses Album könnte für ihn der Beginn von etwas Großem sein. Denn: So nonchalant und präzise, wie er seine Liebeserklärungen hier formuliert - die Idee zur Platte, an der auch die Madsen-Brothers Sebastian und Johannes mitarbeiteten, kam ihm im Anschluss zu einem Liebesbrief, den er einst an seine Freundin schrieb - erweckt Leßmann zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, als verfüge er nicht über einen irrsinnig auschweifenden eigenen Backkatalog, der ihn hat erwachsen werden lassen. Die Bläser, die schmissigen Arrangements, der lässige Flow: Das ist alles schön und gut, aber die Texte - mal liebevoll andächtig wie in „Keine Langeweile“, mal mitsingfähig-frivol wie auf „Sie trinkt“, mal hingebungsvoll tragisch wie auf „Ein Lied aus dir“ („Du machst dir nichts aus mir / also mach ich mir ein Lied aus dir“) - sind in ihrer Wahrhaftigkeit über jeden Zweifel erhaben. Ob ich den Kerl nochmal live sehen muss, weiß ich nicht, und böse Zungen könnten durchaus auf die Idee kommen, dieses Album sei so konzeptionell inszeniert, dass ihm die Authentizität abgeht. Und ja: Ganz unberechtigt ist das insofern nicht, da die Idee „Liebe in Zeiten der Follower“ schon auch von etablierten Künstlern hätte kommen können, die einfach mal Bock auf ein Chanson-Album hatten, sich diesen musikalischen "Anzug" quasi überstreifen und auf dem nächsten wieder Country oder sonstwas spielen. Doch sind wir mal nicht so hart: Bis auf die unsägliche Kneipen-Nummer „Einen im Tee“ hat Max Richard Leßmann die Emanzipation von seiner Jugendlichkeit mit Bravour vollzogen und eine Platte aufgenommen, die Spaß macht und durchweg schön anzuhören ist. Ein Album, mal bittersüß, mal swingend-frisch, ganz wie gemacht für einen leidenschaftlichen Spätsommer.


Text: Kristof Beuthner