Artikel 27.08.2017

Mehr Haltung, bitte. Nillson beim Pop-Kultur Festival 2017.

Windige Zeiten für die Pop-Kultur Berlin waren das kurz vor Beginn der dritten Ausgabe auf dem Gelände der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg. Wie das Musikfestival mit der Kritik umgegangen ist, macht jedoch Hoffnung, dass 2017 das Jahr war, in dem es sich einen festen Platz in der hiesigen Festivallandschaft erobert hat. Mehr Haltung und eine klare Linie scheinen dem Festival gut zu tun.

Die Buchstaben B, D und S stehen für Boykott, Divestment und Sanktionen und sind das Kürzel jener transnationalen Kampagne, die sich gegen das wirtschaftliche und kulturelle Schaffen des Staates Israel richtet. Vom Pop-Kultur Festival gebuchte Künstler*innen rief die BDS auf, das Festival zu boykottieren, da die Botschaft des Staates Israel als Partner und Sponsor auftrat und die Reisekosten einiger Acts im verhältnismäßig geringen Umfang von 500 Euro bezuschusste. Im Zuge dessen sagten acht Musiker*innen und Bands, insbesondere aus arabischen Ländern, ihre Teilnahme ab. Die Festivalorganisatoren boten in einem Statement der Kampagne die Stirn und verzichteten darauf, für die verwaisten Slots Ersatz nachzubuchen. 

Die Reaktion des Festivals wurde in den Eröffnungsreden vom Berliner Kultursenator, Klaus Lederer, sowie der Kulturstaatsministerin des Bundes, Monika Grütters, vehement unterstützt. Wenn nur in einem gesellschaftlichen Bereich die Kraft läge, Grenzen zu überwinden und Austausch zu fördern, dann sei es in der Popkultur, so das Credo beider Reden. Es sei perfide, dass die BDS-Kampagne ein Musikfestival in einem solchen Maße für ihre politischen Zwecke ausnutze.

2017 unterstützte erstmals auch die Bundesregierung das Berliner Festival. Die bundesweite Relevanz unterstrich Monika Grütters und hob insbesondere die Ambitionen des Pop-Kultur Festivals in punkto Geschlechtergerechtigkeit hervor.

Kultursenator Lederer diskutierte im Anschluss an die Eröffnung im Soda Salon mit den Berliner Kulturschaffenden Christian Reckmann und Anke Fesel zu „Freiräumen als Motor der Kultur“. Moderiert wurde das Gespräch von der taz-Redakteurin Doris Akrap. Die Diskutierenden waren sich einig, dass es darum gehen müsse, die Stadt Berlin vor der Vollverwertung zu bewahren und Räume von Künstler*innen und Kreativschaffenden nicht in die Hände des freien Marktes zu verlieren.

Nur, wenn die Stadt wirklich noch Einfluss auf die Räume habe, könne auch eine Regulierung im Sinne der freien Szene vorgenommen werden, so Lederer. Wie es enden kann, wenn nicht die kulturpolitischen Interessen im Vordergrund stehen, veranschaulichte auf dem Festivalgelände die Installation „Teilweise Antje Øklesund“. Wie ein Mahnmal wurden Requisiten des für Berlin so bedeutenden Projektraums und Kulturortes aufbereitet. 

Die Gespräche zwischen Kulturschaffenden, Aktivist*innen und Journalist*innen waren es, die dem Festival an den drei Tagen seinen roten Faden gaben. Zum Thema „Gute Musik. Gott und Teufel“ diskutierten die Musiker*innen Sarah Brendel und Sultan Tunc mit dem Kulturjournalisten Fabian Wolff. Moderiert von den Deutschlandfunk-Moderatoren Hartwig Vens und Dirk Schneider ging es um das spannende Verhältnis von Religion und Popmusik. Dabei wurde über das Für und Wider von religiösen Symbolen in der Musik von Leonard Cohen bis Kanye West debattiert.

Die Diskussion zum Thema „Pop-Kultur – Brauchen wir das überhaupt?“ war als Gesprächsangebot an die Organisatoren der „Off-Kultur“ gedacht, die im vergangenen Jahr in Neukölln ein Konkurrenzfestival aus der Taufe hoben, das sich gegen die Pop-Kultur richtete. Die Pop-Kultur fördere nicht die Szene vor Ort, sondern arbeite gegen etablierte Strukturen und kleine Läden, so die Macher*innen der Off-Kultur.

Wenig fruchtbar und eher von persönlichen Dissonanzen geprägt war dann allerdings die Diskussion. Michael Aniser (Off-Kultur) gelang es nicht die zentralen Kritikpunkte seiner Initiative an der Pop-Kultur greifbar zu machen. Katja Lucker, Festivalleiterin der Pop-Kultur, versuchte sich der Kritik dennoch zu stellen, verlor sich aber stellenweise in ebenso pauschalen Gegenstatements. Ihre Einwände gegen die Ansicht, dass die Pop-Kultur einzig ein Instrument zur Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung sei, waren zu undifferenziert. Die Tatsache, dass die Pop-Kultur zu weiten Teilen aus EFRE-Mitteln der Europäischen Union gefördert wird, die insbesondere zur regionalen Investitions- und Wirtschaftsförderung eingesetzt werden müssen, macht deutlich, dass das Pop-Kultur Festival trotz seines ästhetischen Ansatzes eben auch Regionalförderung ist. Diesem Punkt zu widersprechen, zeigte, dass an der Selbstdarstellung des Festivals noch weiter gefeilt werden muss.

Kontroverser ging es in den Gesprächen zu, die sich um das für die Entwicklung der Popkultur so zentrale Thema Geschlechtergerechtigkeit drehten. Mit Blick auf die Zahlen, die das Netzwerk „female:pressure“ am dritten Festivaltag zur Präsenz von Musikerinnen* bei elektronischen Musikfestivals präsentierten, blieb als Fazit leider nur: „There is still a long way to go.“

Der Anteil von female artists erreicht nur selten die 20-Prozent-Marke. Zwar kann mit Blick auf die vergangenen 10 bis 20 Jahre eine positive Entwicklung verzeichnet werden, doch ist die Musikszene leider nach wie vor eine Männerdomäne. Die Ursachen für diese eklatante Schieflage zu ergründen und Künstlerinnen zu stärken – dafür braucht es Aktivist*innen wie „female:pressure“ und gewichtige Impulsgeber wie die von Katja Lucker geleitete Musicboard Berlin GmbH. Die Veranstaltung „Gender Gap – Never Stop Questioning“ zielte in eine ähnliche Richtung und beschäftigte sich insbesondere mit der Frage, was Kultureinrichtungen und Veranstalter*innen konkret zur Veränderung beitragen können.

Wichtig und richtig ist es, dass das Pop-Kultur Festival jenen Akteuren eine Bühne bietet, die zukunftsgerichtete Kulturarbeit in der Stadt betreiben. Das Kollektiv „Ausland“, das seinen Laden seit 15 Jahren als kleines Gallien im durchgentrifizierten Prenzlauer Berg behauptet, ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie in einer innovativen Art und Weise Kultur produziert werden kann. Das Tape mit den Eindrücken, die die zwei Mitglieder des Kollektivs, Gretchen Sigrid Blegen und Tobias Herold, im Gespräch mit der Journalistin Ulrike Rechel vermittelten, sollte sich jeder kulturpolitische Entscheidungsträger Berlins anhören, wenn es darum geht, sich für kulturelle Freiräume in der Stadt einzusetzen.

Die Qualität der Gespräche stieg und fiel jeweils mit den daran Beteiligten. Insgesamt zeigte sich aber, dass das Konzept tragfähig war und es sinnvoll ist, ein übergeordnetes Thema zu finden, das alle Talks aufgreifen und das aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wird.

Und dann war da natürlich noch die Musik. Es war trotz der bereits erwähnten kurzfristigen Absagen das bisher beste und vielseitigste Lineup des noch jungen Festivals. Überzeugen konnten insbesondere die eigens für die drei Tage konzipierten und produzierten „Commissioned Works“ von ausgewählten Musiker*innen wie Balbina oder ABRA, von Romano, von Erobique oder von Andreas Dorau. Sie waren ein Alleinstellungsmerkmal des Festivals, das bestimmt auch im kommenden Jahr wieder aufgegriffen wird.

Balbina blieb dabei jedoch leider hinter den Erwartungen zurück. Große Themen wie die Zeit, Gefühle und Glück mag sie mit ihrer Arbeit aufgreifen. Ihre Texte blieben jedoch Worthülsen, die gepaart mit der Musik zwar einen gewissen Wiedererkennungswert besaßen, aber insgesamt keinen großen Aha-Effekt boten.

Weitaus eindrucksvoller war die Performance der R&B-Musikerin ABRA. Eine perfekt kuratierte Show aus digitalen und audiovisuellen Elementen, die eine Idee davon gab, in welche Richtung die „Commissioned Works“ gedacht sind.

Auftritte von Erobique sind ja ohnehin immer ein Fest. Eigentlich hatte Carsten Meyer vor, zu seinem Gig ein paar Freunde einzuladen. Lakonisch erzählte er dann aber, dass die kurzfristig abgesagt hätten. Folglich suchte er sich Zuschauer, die ihn auf der Bühne an den Instrumenten unterstützten. Wie in einer von den guten Harald-Schmidt-Shows Ende der 1990er Jahre war das kurzweilig und unterhaltsam.

Romano steht im gewöhnlichen Leben am Späti in Köpenick und trinkt Dosenbier. Oder er steht eben mit prolliger Jacke von den New York Jets auf der Bühne im Kesselhaus und rappt über seine Mutti und darüber, dass er uns alle heiraten will. Eine Stunde Bespaßung der Anwesenden, Wortwitz und Selbstironie. Und Popkultur ist dann ja auch, sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Glatte Eins.

Andreas Dorau feiern wir ohnehin immer und überall. Wenn die Poplegende dann zwischen all seinen grundsympathischen Bandmitgliedern im Palais auf der Bühne steht und einen Refrain nach dem anderen raushaut, bekommt man eine Idee davon, wie Popmusik funktioniert. Am Anfang steht immer noch die von Olli Schulz besungene Hookline, nach der jeder verrückt sein muss.

Dorau wirkte, als sei es im stellenweise selbst ein wenig unangenehm, dass er in einem einzigen Leben im Stande ist, so viele Hits zu schreiben. Man freute sich darauf, ein Video vom Doraus Auftritt der Oma, dem Opa, der Tante, dem Onkel und der gesamten Verwandtschaft zu zeigen. Der größte gemeinsame Nenner in diesem Land ist Andreas Dorau.

Wir waren fasziniert von der Wut der Münchener Friends of Gas, die mit ihrer blitzgescheiten Haltung und ihren hartnäckigen Songs im Gedächtnis bleiben werden. Wir freuten uns sehr über die Rückkehr der Schotten von Arab Strap. Wir blieben bis zum Ende sitzen beim Dokumentarfilm „Bunch of Kunst“ über die großartigen Prolls von Sleaford Mods. Da stand irgendwo geschrieben, dass Popkultur für die Arbeiterklasse und die einfachen Leute sein soll. Und die Sleaford Mods sind eine Band für diese Leute. Uns schwante bereits vorher, dass das ein schöner Auftritt der Folkmusikerin Shirley Collins zusammen mit Ian Keary werden sollte. Aber dass das so schön würde, hätten wir nicht gedacht.

Das wunderbare Pop-Kultur Nachwuchsprogramm war noch so ein Alleinstellungsmerkmal. Wissen weitergeben, Wissen produzieren und gemeinsam an Songs zu basteln, sollte immer unterstützt werden.

Das war eindrucksvoll, liebe Pop-Kultur, und wir sehen dir gerne weiter beim Erwachsenwerden zu. Wir freuen uns auf noch mehr Haltung, noch mehr rote Fäden und neue Commissioned Works im nächsten Jahr.

Andreas Dorau würde sagen: „Nächster Refrain bitte!“


Text: Daniel Deppe
Titelfoto: Annett Bonkowski
Foto 1: Janto Djassi
Fotos 2, 4 und 5: Roland Owsnitzki
Foto 3: Camille Blake