Rezensionen 27.03.2013

Melodia - Saudades [Own Records / Al!ve]

Darauf haben wir lange warten müssen: Beim ersten Release von Own Records seit etwa einem halben Jahr vereinen sich zwei uns aus dem Kosmos der Luxemburger bekannte Musiker und kreieren ein gefühlsintensives Meisterwerk.

Es handelt sich dabei um Tomoyoshi Date und Federico Durand, die mit ihren Soloalben beide sehr spezielle Gefühlswelten mit innigen Klängen unterlegten. Bei Dates "Otoha" ging es um das stille Warten des Vaters auf die Ankunft seiner neugeborenen Tochter, bei Durands "El Extasis De Las Flores Pequenas" um Kindheitserinnerungen im Haus der Großeltern. Beide Alben lebten von ihrer Stille, von ihren kleinen Klangkaskaden und den vielen winzigen Details; die Stücke stellten eher atmosphärische Soundscapes dar als nachvollziehbar harmonische Konstrukte und wurden dadurch für jeden, dessen Sache das war und der sich da hineinversetzen konnte, zu unbezahlbaren Kleinodien. Auf einer Tournee lernten beide sich kennen; ein gemeinsames Album ist mehr als nur die logische Folge. Da haben sich zwei gefunden, die über ein bis zur Verschmelzung ähnliches Verständnis von Musik und Klangwelten verfügen, und die es wie vorher lange niemand mehr verstehen, das Unterbewusstsein, Erinnerungen, Momentaufnahmen, Traumlandschaften, Eindrücke und Augenblicke von Lethargie, Leichtigkeit und purer Schönheit in Ton zu fassen. Die portugiesischsprachigen Menschen haben ein Wort für diesen Zustand zwischen Glück und Melancholie, der sich wie ein sanfter Schleier über dieses Album legt: Sie nennen es "Saudade"; eine jede Übersetzung in eine andere Sprache wird dem Gefühl nicht gerecht. Es ist kurios, dass Tomoyoshi Date und Federico Durand ihr gemeinsames Projekt Melodia nennen, denn auf Melodien verzichten sie wieder fast vollständig auf den fünf zusammen geschriebenen Stücken. Themen werden angedeutet und verlieren sich wieder; Strukturen scheinen erkennbar und verwehen doch. Es ist ein Sammelsurium aus synthetischen Soundtupfern, hier und da minimalst elektrischen Bits, Field Recordings und instrumentalem Allerlei, und der Frickler kann sich lange damit beschäftigen, die einzelnen Komponenten zu identifizieren und aufzulisten - die Musik von Melodia funktioniert allerdings wie schon die Solowerke der beiden Künstler vor allem auf der emotionalen Ebene. Dabei entbehrt diese Musik jeden New-Age-Kitsches; es sind stimmungsvolle Töne, die vor allem über den Hörer individuell Sinn ergeben. Ein Klappern, ein Knistern, Stimmengewirr, das Rauschen von Blättern - es ist, als schwebe man in einer großen Seifenblase unsichtbar durch sein tägliches Leben und fände endlich einmal die Möglichkeit, zuzuhören. "Saudades" ist ein Geschenk, eine heilsame und meditative Reise ins Selbst.

 

Text: Kristof Beuthner