Artikel 08.08.2018

Nichts ist schöner als das. - Nillson beim Appletree Garden 2018

Wo die großen Festivals Jahr für Jahr ihren Standpunkt als Feeder von Eventtourismus und Hedonismus festigen, wächst die Liebe zum Detail bei den Kleinen. Nach einem Jahr Pause geht es endlich wieder zum Appletree Garden nach Diepholz, um diese These zu untermauern. Nichts ist schöner als das.

Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel, so dass die sommerliche Schönwetter-Euphorie ganz kurz vorm Kippen ist. Seit Wochen jeden Tag über 30 Grad, das hat sich keiner so vorgestellt, das ist gänzlich unbekannt. Jede Bewegung sorgt für Schweißausbrüche, Schwimmbäder platzen aus allen Nähten, die Ventilatoren helfen nicht wirklich, sie wirbeln nur heiße Luft auf. Kein Mensch kommt auf die Idee, sich bei diesem Wetter unter Sonnenstichgarantie vor eine Festivalbühne zu stellen. Kein Mensch? Nicht ganz! Denn wer Festivals liebt, der trotzt dem Wetter in jede mögliche Richtung. Ob Dauerregen oder Eiseskälte oder eben diese krasse Hitze im Sommer 2018: Wir sind dabei.

Und das Appletree Garden in Diepholz erweist sich abermals als ein überraschend guter Ort, um Witterungen auszusitzen. Vor drei Jahren bildeten die hohen Bäume in Diepholz‘ Bürgerpark einen Kessel, der die mächtigen Sturmböen abhielt, die auf dem Campingplatz die Zelte aufscheuchten. Dieses Jahr spenden sie Schatten, fast überall auf dem Festivalgelände. Nur ein Streifen vor der Bühne wird von der Sonne beschienen, fragt mal bei Ilgen-Nur nach: Die spielt nämlich, so scheint es, nur vor dem halben Publikum, das ausschließlich auf der linken Seite vor der Bühne steht, um keine Sonne auf den Kopf zu kriegen. Starker Anblick.

Für uns persönlich hat die Rückkehr zum Appletree Garden etwas Emotionales. Immerhin feiern wir unser Zehnjähriges! Es ist ja kein Geheimnis, dass dieses Festival eines der optisch schönsten - wenn nicht das schönste - Festival dieses Landes ist. Das liegt natürlich vor allem an der Liebe und Hingabe, mit der das Team die Lichtung im Bürgerpark Jahr für Jahr in einen Zauberwald verwandelt, in dem die bunten Lichterketten, die eigens gebastelten Blütenlampen und all der andere leuchtende und strahlende Schmuck in den Bäumen eine Crowd illuminiert, die vor den Bühnen auch unbekannte Acts friedvoll und freundlich abfeiert, sich auf dem Spielplatz mit Slackline, Hula Hoop-Reifen, Diabolos und Seifenblasen austobt oder sich einfach nur in den Schatten der Bäume auf die aus Paletten gefertigten Sitzgelegenheiten zurück zieht, um ein Buch zu lesen. Das Appletree-Erlebnis ist eine Form von Eskapismus und Alltagsflucht, die selbst das allumfassend beschäftigende und im vergangenen Jahr mit dem Helga!-Award für das beste junge Festival ausgezeichnete A Summer’s Tale in dieser Form nicht hinbekommt.

Nachdem wir im letzten Jahr aus Gründen hatten pausieren müssen, ist es wahnsinnig schön, wieder da zu sein. Es hat sich ein bißchen was verändert im Apfelbaumgarten - der Campingplatz ist inzwischen von Bauzäunen umstellt, man kann jetzt nur noch mit Ticket drauf. Das hält die Diepholzer Partycrowd fern, die mit dem Festival gar nichts zu tun hat, sondern nur ein Abdreh-Wochenende sucht und zwischen den friedlichen Campern mit Abschussgarantie herum marodiert. Wir sind nicht für Zäune, aber das wurde zuletzt doch recht anstrengend. Das Gelände betritt man ebenfalls nur über den Campingplatz durch eine in Regenbogenfarben mit Leuchtschrift erstrahlende Schleuse. So steigt beim Weg durch all die schönen Menschen, die sich unter ihren Pavillons auf das Wochenende vorbereiten, direkt die Vorfreude. Das hier wird wieder besonders.

Noch bevor wir die Lichtung betreten, fällt der Blick auf eine weitere Neuerung: Das Spiegelzelt. So wunderschön das alte „Caroussel“-Zelt auch von außen anzusehen ist, wir können uns vorstellen, welche Temperaturen dort drinnen herrschen. Verheißungsvoll geht an diesem Wochenende anders, aber das ist dem Wetter geschuldet. DJ Sets, Lesungen, Stand Up Slams und intimere Konzerte bekommen dadurch definitiv einen würdigen Rahmen. Und, wie sollte es anders sein, im Dunkeln erstrahlt das ehrwürdige Zelt zwischen den Bäumen in edlem Glanz.

Durch das schon bekannte große hellblaue Monstermaul betreten wir die Lichtung und werden erstmal nass. Denn überall am Eingang sind Sprühdüsen angebracht, die den überhitzten Festivalbesucher mit einem herrlich kühlenden Film aus Wassertröpfchen überziehen. Das ist eine perfekte Idee, die auch die Handbrot-Menschen verstanden haben, auch über ihrem Stand hängt ein Schlauch, der für die erhoffte Abkühlung sorgt. Doch die Monsterkulisse unterstreicht auch so das märchenhafte Flair des Appletree Gardens: Auf der Lichtung spielt nichts, was außerhalb von ihr liegt, noch eine Rolle. Da ist Musik, da sind gute Leute, da ist sehr gutes Essen. Spielen, Ausspannen, Tanzen - Appletree is what you make it. Und die vernichtend kleine Menge an hedonistischen, laut grölenden Party People unter den im Schnitt sehr jungen und sehr hippen Menschen spielt keine Geige. Hier ist man tatsächlich für das Lebensgefühl, nicht für den Lifestyle am Start.

Lineup-technisch wirkt das Appletree Garden auf den ersten Blick nicht so stark besetzt wie in den Vorjahren, wenngleich mit Granden wie Olli Schulz und dem erst kurzfristig nachgerückten Dendemann natürlich Publikumsmagneten par excellence dabei sind - ersterer verwandelt die Bühne und alles drumherum mit Konfettikanonen und den bekannten Entertainer-Qualitäten in einen gigantischen Kindergeburtstag und spart trotz all den lustigen Anekdoten (kann er halt!) und dem Gaga auch nicht an politischer Haltung. Gegen die AfD und ihre Schergen kann man tatsächlich nicht laut genug werden. Dendemann wird seinem großen Namen auch gerecht; als er die Bühne betritt, strömen die Scharen aus allen Richtungen herbei, als wäre er der Rattenfänger von Diepholz. Dende ist lange genug im Geschäft um zu wissen, wie man es richtig angeht: Da ist viel Energie, da sind viele Hits, und er braucht keine Band, weil er um seine Aura weiß. Das hätten die Glass Animals, die er im Aufgebot ersetzt, so gut nicht hinbekommen.

Der Gewinner des Wochenendes ist der Multikulturalismus und die Freude daran. Es beginnt mit Altin Gün, der Band des Holländers Jasper Verhulst, der auf Reisen in die Türkei die Liebe zur dortigen Folklore entdeckte und sie, verstärkt um weitere holländische und türkische Musiker, mit 70er-Jahre-Funk und Psychedelia mixt. Das entfaltet einen ungeheuren Groove, hält den Spannungsbogen und sorgt für den ersten Plattenkauf des Wochenendes. Ebenfalls äußerst stark: 47Soul, ein in Jordanien gegründetes Quartett, dass einen äußerst aufregenden Sound zwischen traditonellem jordanischen Dabke und elektronischem Rap spielt. Das ist wahrlich mitreißend und äußerst tanzbar. Ein überragendes Aufgebot an Drums mit schneidenden Synthesizern und mal arabischen, mal englischen Punchlines faszinieren immens, auch hier, Plattenkauf.

Von Acid Arab hatte ich mir persönlich mehr versprochen. Das Duo aus Paris bringt das Appletree Garden am Samstagabend als letzter Waldbühnen-Act nach Hause, aber der Mix aus wummerndem Acid und orientalischen Synthie-Lines tut mehr weh in den Ohren, als dass er neugierig macht. Mehr Traditionalismus hätte hier gut getan, das Konzept, Techno und nordafrikanische Harmonien zum Culture Clash zu verschmelzen, ist klasse - womöglich ist es aber nur die Müdigkeit nach einem heißen Wochenende, die mich nicht in Begeisterungsstürme verfallen lässt.

Aber den stärksten Eindruck von allen hinterlässt das Kölner Kollektiv Bukahara. Das ist eine große Party, eine ehrliche, wahrhaftige Demonstration von gelebter Weltoffenheit. Der mit tanzbar eigentlich noch viel zu vage beschriebene Sound dieses Quartetts speist sich aus Indiepop, Reggae, Folk, Ska und Balkan Beats mit ebenfalls unüberhörbarem arabischen Einschlag; das entwickelt einen derart unwiderstehlichen Vibe, dass Stillstehen vollkommen unmöglich ist. Es ist eine riesengroße, vereinende Party von Menschen, die gemeinsam auf der guten Seite stehen, und es ist eine Message, dass Grenzen nur Schall und Rauch sind. Das Bild vom größeren Tisch statt der höheren Zäune drängt sich in den Vordergrund und es ist wunderschön.

Noch eine Gewinnerin ist Jade Bird. Die Engländerin kommt mit Jetlag in weißem Shirt und Latzhose ohne Band auf die Zeltbühne, es ist unerträglich heiß dort, die Leute sitzen, und weil die 20jährige nur mit ihrer Gitarre dort steht, erwarten alle ein ruhiges, folkiges Americana-Konzert - doch weit gefehlt. Schon beim dritten Song sitzt keiner mehr, dieses (optisch) kleine Mädchen entfaltet eine so ungeheure Energie in ihrem Sound, dass sich alles bewegt und die Temperatur noch mehr ansteigt, und sie kann das, was sie da auslöst, scheinbar auch gar nicht so richtig fassen. Danach muss man dringend an die Luft, aber man verlässt das Zelt glücklich und beseelt. Von dieser Dame wird man noch hören, so viel ist sicher.

Auch von den Leoniden muss abermals erzählt werden. Die sind nicht umsonst Deutschlands tighteste junge Band, nicht nur auf Platte, vor allem live, und die Energie, die sie mit ihrem unkategorisierbaren Mix aus Funk, Pop, Rock, Emo, Elektronik und was weiß ich noch entfalten, ist unbeschreiblich. Was Gitarrist Lennart da auf der Bühne veranstaltet, wie er sich immer wieder windet und wirft, die Gitarre herumwirbelt und sie sich auf den Kopf legt, ist schon ein Schauspiel für sich, und man merkt schnell, dass diese Energie bei einer derartigen Hitze stark anstrengend ist, aber das Publikum ist textsicher und die Band grundsympathisch, Jakob Amr alias Zinnschauer wird ein immer präsenterer und stärkerer Frontmann, und im Herbst kommt schon die neue Platte. Was für ein Abriss.

Und dann sind da ja noch die fantastischen Notwist, die alten Heroen, die zwischen atmosphärischem Indiepop und exhaltierten Lärmausbrüchen changieren und damit zwar für einen steten Wechsel aus benommenem Lächeln und verwunderten Stirnfalten sorgen, aber definitiv über jeden Zweifel erhaben sind. Die Band um Markus Acher ist sicherlich die musikalisch versierteste an diesem Wochenende und macht sich nichts draus, auch den ein oder anderen vor den Kopf zu stoßen. Ähnlich übrigens wie Die Nerven, wie Dendemann spontan nachgerückt, die sowieso gar nicht allen gefallen wollen und das, wie man allenthalben hört, auch nicht tun. Dafür sind Performance und Lyrics dringlich und zwingend, wer sich drauf einlassen mag, kommt wieder.

Von wegen Lisbeth bringen die Massen am deutlichsten zum Toben, die immer noch blutjungen Berliner waren vor zwei Jahren schon einmal hier und werden immer besser, die Hits sind zahlreich, die Leute begeistert, alles tanzt und hüpft und singt. Diese Band ist eine sichere Nummer, sie weiß was sie tut und hat ein geniales, mit Pflanzen beranktes Bühnenbild. Mir persönlich ist das immer noch ein wenig zu Berlin und textlich einfach nicht mehr in meiner Altersklasse daheim, das muss ich schweren Herzens anerkennen, aber wie sich diese Jungs immer weiter nach vorne spielen, verlangt mir großen Respekt ab.

An dieser Stelle muss einmal mehr das Appletree-Publikum abgefeiert werden. Wo Auffallen bei Großfestivals wie dem Hurricane sich durch Kostüme und Pöbelei, Jumpsuits und Perücken, peinliche Schilder und Shirts definiert, stellen sich die Apfelbäumler mit ihrer Kreativität voll und ganz in den Sinn der Veranstaltung. Viele haben Stangen gebastelt, an deren Ende beeindruckende Kreationen von Licht und Farbe stecken; sie haben Regenschirme verziert und Laternen in Tierformen, das irrste ist ein Kugelfisch mit Leuchtauge, aber es gibt auch fliegende Haie, Frösche und Marienkäfer, Quallen und Maibäume, alles verziert mit batteriebetriebenen Lichterketten, was vor allem im Dunkeln ein irres Bild ergibt, wenn diese Stangen vor der Bühne in den Himmel gereckt werden. Es unterstützt das Spielerische, das Kunstvolle und das Märchenhafte dieses Festivals auf kongeniale Weise - toll auch, dass sie mit diesen Dingern aufs Gelände gelassen werden und man ihnen die Stangen nicht als potenzielle Verletzungsgefahr für andere gleich wieder abnimmt. Man lässt sie zurecht gewähren. Denn zum einen sind eh alle friedlich miteinander, zum anderen würde das Appletree Garden einer ganz wichtigen, gemeinschaftlichen und schlicht wundervollen Komponente beraubt.

Doch wo Gewinner sind, gibt es natürlich auch Verlierer. Zwar ist 80s-referenzieller Indiepop mit viel Synthesizer und halligen Drums nach wie vor ein popkulturell großes Thema, doch dieses Jahr scheint er sich abzunutzen. Die Isländer von Vök und die Briten von IDER, die Freitag direkt hintereinander spielen, klingen mit ihren verhuschten Frontfrauen zu sphärischer Elektronik schlicht zu gleich und darin leider viel zu wenig zwingend, als dass sie Eindruck hinterlassen könnten. Parcels gelten zwar als ganz heißes Eisen, aber ihr romantischer Synth-Pop zwingt einfach nicht. Die Australier von Confidence Man sind mit dem Gehampel ihres Front-Duos, er in weißem Miami Vice-Sakko zu kurzen Hosen, sie im frechen weißen stilisierten Cheerleader-Kostüm mit girlie-haften, gewollt niedlichen Vocals, sogar schlicht nervig. Richtig stark sind Confidence Man immer erst dann, wenn ihre Sänger sich zum Kostümwechsel zurückziehen und die Bühne nur den mit schwarzem Tuch behangenen übrigen Bandmitgliedern an Keyboard und Drums gehört. Dann spielt die Band einwandfrei organischen Techno, der in die Beine geht und Spaß macht. Dann wird wieder gekreischt und gehampelt. Schade. Und auch die Bad Sounds liefern so gar keine Argumente, sich nachhaltig mit ihnen zu beschäftigen. Sie kommen um den Status der frühen Nachmittagsbeschallung nicht herum.

Abstriche machen muss man bei Her, deren Geschichte tragisch ist: Vor zwei Jahren spielten die Franzosen noch als Duo beim Appletree Garden, doch Simon Charpentier starb im letzten Jahr nach langer Krankheit. Victor Solf führt das Projekt nun alleine weiter, er läutet am Samstag den Festivalausklang nach der großen Olli Schulz-Party mit atmosphärischen Elektronik-Pop-Tracks ein, die zwar für sich kein Alleinstellungsmerkmal aufweisen, aber für Andächtigkeit und viel Romantik sorgen. Außerdem ist Victor Solf, der aus den traurigen Hintergründen seines Projekts keine große Sache macht, ungeheuer sympathisch anzuschauen. Sein Partner mag nicht mehr bei ihm sein, aber er ist noch da und darf die Menschen mit seiner Musik begeistern, und umso wertschätzender für das Leben und seine Möglichkeiten wirkt er.

Aber auch die großen Headliner-Namen halten ihr Versprechen nicht. Whomadewho sind am Freitagabend stilsicher und entfalten einen nachvollziehbaren Fluss, aber die Tracks der Dänen sind in sich zu ähnlich und es fehlen die Hits. Und der am meisten illustre Name des Lineups, Grizzly Bear, spielt am Samstagabend sukzessive den Bereich vor der Hauptbühne leer, weil ihr Indie-Rock zwar faszinierend, aber für diesen Zeitpunkt und die noch einmal mächtig feierwütige Menge schlicht zu verkopft ist. Das ist ein wenig schade, aber ein Headliner sollte in der Lage sein dürfen, für ein Publikum zu spielen, dass in Zahl und Begeisterung einem Nachmittags-Act durchaus ebenbürtig ist. Auch hier fehlen die Hits, hier fehlt die Mitsingfähigkeit. Da waren in den vergangenen Jahren Bands wie FM Belfast, Tocotronic oder die Crystal Fighters deutlich besser eingesetzt worden, und auch Olli Schulz hätte als Festivalabschluss eine gute Figur gemacht.

Nach vielen schönen und erinnernswerten Konzerten - Kakkmaddafakka-Sänger Pish mit sommerlich-leichtem Indiepop, Rhys Lewis mit mitreißendem Soul, Sam Vance-Law mit einer umarmenden Reise ins Homotopia und Lucy Rose mit schwelgerischem Americana sollten dabei nicht vergessen werden - geht das Festival schließlich mit einem letzten Highlight zu Ende, der minimalistischen Show der Grandbrothers im überraschenderweise knallvollen Zelt nachts um 1, die ihren Piano-Sound mit Live-Electronics veredeln und statt andächtigem Staunen für tanzende Füße sorgen. Kurz an die Luft. Durchatmen. Ein letzter Blick auf die strahlende Pracht der Lampions, Lichterketten und Scheinwerfer, auf den Diamanten über dem Spielplatz und die schwirrenden Leuchtkugeln unter ihm. Dann ist das Appletree Garden 2018 Geschichte.

Es bewahrheitet sich immer mehr, dass die wahre Schönheit der Festivallandschaft dieses Landes im Kleinen und Liebevollen liegt. Immer wieder schnappe ich Gespräche auf von Menschen, die beim Hurricane gewesen sind oder beim Deichbrand, und die deren hedonistische Pöbel-Mallorca-Party-Gesellschaft einfach nicht mehr ertragen. Die Bühnen groß, die Acts ebenfalls, aber wo bleibt die Liebe? Vor allem, wo bleibt die Liebe zur Musik? Gerade im Ausklang des scheidenden Festivalsommers 2018 wirken diese Fragen präsenter denn je.

Und die Musikliebhaber, sie fliehen. Sie wollen nicht sein, wo alles gleich aussieht; sie haben verstanden, dass man sie dort als Musikliebhaber gar nicht braucht, sondern dass sie lediglich zum zahlenden Kunden in der Eventtourismusmaschine geworden sind. Sie haben immer mehr die Nase voll von stinkbesoffenen Kiddies, die ihnen vor die Füße kotzen und die Party auf dem Campingplatz über den Genuss von zwei Dutzend bemerkenswerter Bands, ob alte Bekannte oder verheißungsvolle Neuentdeckungen, stellen.

Im Appletree Garden erleben diese Leute eine Oase der hingebungsvollen Festivalkultur, und das nun schon seit 18 Jahren. Wer einmal hier war, kommt gerne wieder. Selbst als ich vor zehn Jahren debütierte, es nur eine Bühne gab und die JuZ-Kapelle Omas ganzer Stolz das Festival eröffnete, hatte mich die Aura des wunderschönen Geländes für sich gewonnen; dabei fing all der Farbenglanz und all das Märchenhafte erst zwei Jahre später so richtig an, in den Fokus zu rücken. Je größer das Appletree Garden wurde (und wir reden immer noch von einer durchaus bescheidenen Größe), umso mehr erwuchs eine immer überbordendere Kreativität und eine immer größere Liebe zum Detail. Das wissen, das spüren die Leute. Und sie geben es zurück.

Durch die Freundlichkeit, mit der sie den Bands und Künstlern hier gegenüber treten. Durch die Hilfsbereitschaft, mit der sie aufeinander aufpassen und ein gutes Auge dafür entwickeln, wenn jemand mal Hilfe braucht, und das kommt an diesem heißen Wochenende nicht selten vor - Alkohol und Hitze vertragen sich eben nicht so gut. Durch die Gemütsruhe und Gelassenheit, mit der sie auf dem Spielplatz und an der Schminkstation (!) alle wieder zu Kindern werden. Wer zwischen den letzten Bands eines Appletree-Abends (oder währenddessen) unter den Bäumen sitzt und inne hält, erlebt ein Schauspiel aus beseelten, entspannten, fröhlich-freudigen, begeisterten Menschen, die eine unvergessliche Zeit ohne Alltag erleben, ohne in dröhnenden, alkoholschwangeren Proll-Eskapismus zu verfallen. Da ist so viel Liebe. Überall wird geknutscht, die Leute liegen sich in den Armen. Es kann einen nicht kalt lassen. Man kann den Blick nicht abwenden. Es ist schlicht wunderschön.

In einer immer stärker aufkeimenden Szene aus kleinen und liebevollen Festivals behauptet das Appletree Garden seinen Stand als feste Größe. Wir haben uns an diesem Wochenende fallen gelassen, in kindlicher Freude haben wir neue (vielleicht?) Lieblingsbands entdeckt, haben gespielt und entspannt, getanzt und gefeiert. Es gibt nichts, was man sich von einem Festivalwochenende mehr wünschen kann.

Und es gibt nichts, womit das Appletree Garden uns als Gäste glücklicher machen könnte. Denn nichts ist schöner als das.


Text: Kristof Beuthner
Fotos: Christina Schoh