Artikel 30.03.2018

Nillson-Throwback! Die allerbesten Platten von 2008-2018: Platz 105 bis 91

In meinen zehn Nillson-Jahren hat sich eine ganz schöne Menge an Lieblingsplatten angesammelt. Die möchte ich gerne in den nächsten Wochen mit euch teilen: Lest hier den vierten Teil über meine 151 besten Alben von 2008 bis 2018.

Ich als Jahrescharts-Spezi war in den letzten zehn Jahren verantwortlich dafür, den Autoren auf die Füße zu treten um eine standfeste Bestenliste zusammenzutragen, auszuwerten und in Rangfolge zu bringen. Das hat mir schon Spaß gemacht, da war ich noch gar kein Teil des Nillson-Teams. Was liegt da näher als die 151 besten Scheiben (plus eine außer Konkurrenz), die mir in der vergangenen Dekade zu Ohren gekommen sind, nun für euch zu ranken?

Ihr findet hier den nächsten Teil einer Liste, die komplett subjektiv und ohne Allgemeinheitsanspruch gilt. So gesehen werden mit Sicherheit einige Platten fehlen, die ihr als einflussreicher, größer oder brillanter erachtet. Dafür könnt ihr euch mit mir erinnern, verlorene und vergessene Schätze bergen und eine kleine Zeitreise unternehmen. Geht los! Lest hier und heute die vierte von zehn Runden und gebt euch die Plätze von 105 bis 91.

Platz 105: Does It Offend You, Yeah - You Have No Idea What You're Getting Yourself Into (2008)

Klaxons oder !!! (Chk Chk Chk) hatten ein Jahr zuvor den Rave Rock wieder salonfähig gemacht, überhaupt war die Gitarrenpop-affine Hörerschaft auch dank den Franzosen vom Ed Banger-Label inzwischen auf den dicken fetten Beat gekommen. Die verspielten Songs der Erstgenannten waren aber nicht so meins: Ich brauchte es direkt und ohne Schnörkel, und da kamen mir Does It Offend You, Yeah? mit ihrem Debüt gerade recht. Songs wie das nach wie vor grandiose „Let’s Make Out“, zu dem Arne und ich beim Hurricane 2008 mit tausenden anderer Begeisterter das Zelt (beinahe) abrissen, machten keine Gefangenen. Ein richtig schön bratziger Beat, ein ganz dicker Bass und ein herrlich simples und dadurch äußerst zupackendes Songwriting sorgen dafür, dass man die Platte noch heute als verkannte Größe bezeichnen muss.

Platz 104: Jonas David - Keep The Times (2011)

Was für ein wundervolles, zeitlos schönes Album das ist. Und wahrscheinlich ist es auch gar nicht schlimm, dass es mich nicht bei seiner Veröffentlichung gleich ansprang - dazu ist es nämlich schlicht zu unprätentiös - sondern erst, nachdem ich Jonas David, den ich bis dato nur als Teil der Supergroup Tour Of Tours (außerdem bestehend aus u.a. Honig, Ian Fisher und Tim Neuhaus) auf dem Zettel hatte, beim Hamburger Küchensessions Festival 2015 live erleben durfte. „Keep The Times“ verwaltet im Wesentlichen das Erbe von Bon Ivers „For Emma, Forever Ago“, klingt äußerst intim und kathartisch, und sowieso erinnert das Falsett Jonas Davids an das von Justin Vernons. Songs wie „Weak Bones“, „Let Me Live“ oder „You In The Fires“ schaffen es aber auch heute noch immer wieder, mich völlig von den Socken und emotional blankgezogen zurück zu lassen.

Platz 103: Damien Rice - My Favourite Faded Fantasy (2015)

Der große irische Barde, der wundervolle Damien Rice, sorgte für mein tatsächlich intensivstes Konzerterlebnis im Jahr 2015, als er ganz alleine die riesige Bühne vom Summer’s Tale füllte und ich mich fragte, wie andere Musiker bei seiner schier unermesslichen Größe überhaupt neben ihm hätten Platz finden sollen. Dass er in diesem Jahr endlich auch sein neues Album „My Favourite Faded Fantasy“, für das er sich immerhin satte acht Jahre Zeit gelassen hatte, veröffentlichte, hatten wohl viele gar nicht mehr zu hoffen gewagt. Weil aber diese Form von Songwriter-Pop so völlig zeitlos ist, war es, als wäre er nie weg gewesen. Qualitativ war das die komplett konsequente Fortführung seines bisherigen Schaffens, sein bester neuer Song war das grandiose Trennungsstück „The Box“. Da ist es eigentlich fast schon egal, wie lange Damien Rice nun für sein nächstes Album braucht.

Platz 102: This Void - Crystals (2013)

Klar bin ich da irgendwie voreingenommen. Ich habe immerhin ein halbes Jahr als Manager dieser Band zugebracht, was ganz klar eine der schönsten Phasen der letzten zehn Jahre war. Aus einer guten Idee wurde eine tolle Freundschaft zu fünf extrem tollen Jungs - aber wäre die Musik nicht gut gewesen, hätte ich mich wohl kaum darauf eingelassen. Mit „Crystals“ ließen sie die jugendliche Unbedarftheit ihres in Eigenregie entstandenen Debütalbums zum Teil hinter sich - dafür wurde das Songwriting noch stärker, die Strukturen noch bemerkenswerter in ihrem spielerisch leicht wirkenden Ideenreichtum. Der Titelsong, „Them Guns“ oder „Forever“ sind nach wie vor richtig starke Nummern, extrem tanzbar und in einer ganz eigenen Nische zwischen Metronomy, The Whitest Boy Alive und Portugal. The Man. Als das Album erschien, war ich schon nur noch als Freund mit im Boot - dass es This Void inzwischen gar nicht mehr gibt, ist immer noch todtraurig.

Platz 101: Toundra - IV (2015)

Ihr dürft raten, das wievielte Album der madrilenischen Postrock-Band Toundra „IV“ ist… ah, richtig! Das vierte. Und es ist ein Konzeptalbum über zwei Füchse, die aus dem brennenden Wald, ihrer Heimat, fliehen müssen. Soweit, so gut - es ist schon klar, dass der Verlust der Heimat der Tiere metaphorisch für die 2015 brandenden Flüchtlingswellen steht. Dabei deckt die Platte so ziemlich alle darin enthaltenen Gefühlsgemengelagen ab, die Düsternis, die Hoffnungslosigkeit, aber auch die Euphorie über eine (scheinbare) Rettung, wenn in „Viesca“ schwelgerische Mariachi-Trompeten Einzug halten. „IV“ ist eine in jeder Hinsicht großartiger, weil eben äußerst vielseitiger Vertreter des so oft als eindimensionalen Postrock-Genres; ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie wertvoll diese Spanier für ihre Szene sind.

Platz 100: Delphic - Acolyte (2010)

Synthie-Pop, der absolut nicht nach Synthetik klingt; Rave Rock, der nicht knallt, sondern treibt; Indiepop, der Gitarren nur als unterstützendes Beiwerk bei sich hat und nicht als dominante Konstante: Alles das bot das fantastische Debüt von Delphic aus Manchester, dem nächsten Next Big Thing aus UK, das sich letztlich leider als Eintagsfliege herausstellen sollte - aber als was für eine. Denn die beinahe schon hypnotische Tanzbarkeit, die Delphic in der Schnittstelle zwischen den Klaxons, New Order, Bloc Party und Hot Chip da aufs Parkett legten, war über jeden Zweifel erhaben. Eine unvergessliche Live-Show beim Dockville 2011, ein paar brillante Hits („Doubt“! Der flirrende Titeltrack!) - ob One Hit Wonder oder nicht, einen Sommer lang und bis heute ist diese Platte ein Gedicht.

Platz 99: Pianos Become The Teeth - Keep You (2014)

Die ehemals für ausladende Lärmigkeit bekannten Pianos Become The Teeth aus Baltimore entdeckten mit ihrem ersten Album auf Epitaph die Melancholie als tragendes Element ihres turmhohen Emo-Core. Womöglich war das genau der Punkt, den es brauchte, damit ich ansetzen konnte. Weil hier jetzt nicht mehr nur noch geschrien wurde, sondern die Songs wie aus einem Guss als emotional schwer beladenes, mal wütendes, mal ruhendes Monster wirkten; weil aus die Emotionalität der Band sich nun eher in zwar tieftraurig, aber doch gerade heraus geäußerten Gedanken offenbarte und die Verzweiflung der Zustandsbeschreibung wich. Das machte „Keep You“ zwar nicht weniger schwer verdaulich, aber Kyle Durfey und seine Jungs erlaubten sich eben genau diese Portion Nahbarkeit, die dann einfach noch stärker nachhallte.

Platz 98: Birds Of Passage - Without The World (2011)

Als ich im Herbst 2014 eine Operation über mich ergehen lassen musste, äußerte ich einen Wunsch: Ich wollte meinen Mp3-Player bei mir haben und in dem Moment, in dem die Wirkung der Narkose nachließ, wollte ich dieses Album hören. Denn genau in diese Zwischenwelt aus Wach und Schlaf gehört die Musik der Neuseeländerin Alicia Merz - der Sound, den sie unter dem Alias Birds Of Passage kreiert, ist so schwer fassbar, so als würde jemand deinen Kopf mit Watte einwickeln und von fern Gedanken in dein Ohr streicheln. Minimalst instrumentiert und mit zerbrechlich-zarter Stimme haucht Alicia Merz ihre Songs heraus, und ein Stück wie „Pray For A Sunny Day“ steht da programmatisch für ihr ganzes Schaffen. In der Welt von Birds Of Passage kann es eigentlich nur Nebel geben, immerwährenden Nebel. Das ist, nach wie vor: Hochfaszinierend.

Platz 97: Robag Wruhme - Thora Vukk (2011)

Ex-Wighonomy-Brother Gabor Schablitzki veröffentlicht seit 2004 auch Alben unter dem Alias Robag (rückwärts für Gabor, aufgemerkt!) Wruhme. Meistens mit irgendwelchen Gaga-Titeln wie zum Beispiel „Wuppdeckmischmampflow“ oder „Wuzzelbud“, und eben auch „Thora Vukk“, auf dem Schablitzkis Liebe zum elektronischen Chillout sehr deutlich wird. „Thora Vukk“ ist experimentell und sanft fließend, minimal illustriert und sehr entspannt, stimmungsvoll und herrlich leise. Alles kommt wie aus einem Guss, fast verschwimmen die Grenzen zwischen den zwölf Tracks (die teilweise auch nur anderthalbminütige Klangcollagen sind), und mit dem Closer „Ende“ hat der Maestro dann auch noch einen sehr herzerwärmendes Finale im Gepäck, in dem seine kleine Tochter sich mit einem piepsigen „Tschüss, Gabor“ für dieses Album verabschiedet.

Platz 96: AnnenMayKantereit - Alles nix konkretes (2015)

Klar verbinden mich mit AnnenMayKantereit eine ganze Menge toller Erinnerungen, vom Gig auf der OBS-Minibühne mit völlig begeistertem Publikum, dass den drei Kölnern danach den Merch leer kaufte über das legendäre Appletree-Schlammwochenende, an dem AMK zum ersten Mal am Wochenende die Sonne herauslockten bis hin zu zwei sehr inspirierenden und tollen Interviews. Da hat sich eine tolle Beziehung entwickelt zwischen mir und den Jungs, man trifft sich halt immer wieder. Wie gute Bekannte sind auch all die Songs, die jeder schon vorher auswendig konnte, bevor sie Anfang 2015 endlich auf einem regulären Longplayer zu bekommen waren - das selbstbetitelte, in Eigenregie entstandene Debüt war da längst vergriffen. „Oft gefragt“, „Es geht mir gut“, „Pocahontas“, und, und, und - alles durch Henning Mais unvergleichliche Reibeisenstimme getragene Evergreens, die gekommen sind um lange zu bleiben.

Platz 95: Sun Kil Moon - Benji (2015)

Ich möchte nicht unbedingt wissen, was Mark Kozelek privat für ein Mensch ist - definitiv ist er aber ein ganz formidabler Musiker, den ich schon lange verfolge und dessen abermals sehr intimes, dieses Mal aber auch erfrischend offen privates Familienalbum „Benji“ sein bis dato bestes Album darstellt. 2015 war ja überhaupt ein ganz gutes Jahr für solche Alben von Singer-Songwritern, zu Sufjan Stevens werde ich zu einem späteren Zeitpunkt noch etwas schreiben. Auf „Benji“ öffnete Kozelek seine Seele bis ins Unerträgliche, singt in „Carissa“ über seine tote Cousine, nennt Stücke „I Can’t Live Without My Mother’s Love“ oder „I Love My Dad“. Der meiner Meinung nach schönste Song dieser grandiosen Platte ist allerdings das sechsminütige „Micheline“ - aber da wird jeder einen anderen Schwerpunkt haben.

Platz 94: Locas In Love - Winter (2008)

Als ich mich um den Jahreswechsel 2008/2009 während meines Studiums in einer kleinen Sinnkrise befand, richteten mich diese Worte der Kölner auf: „Ich bin keine Maschine. Ich werde nicht funktonieren. Das geht nicht gut, ich bin keine Maschine“. Nicht, dass die Locas In Love nicht auch vorher schon mit jedem Album mindestens fünf tätowierfähige Zeilen und Zitate geschaffen hatten. „Winter“ war ein Konzeptalbum über denselben und ging weitaus sanfter zu Werke als die Durchbruchsplatten „Lemming“ und „Saurus“, die einen festen und höheren Platz in dieser Liste hätten, wären sie früher erschienen. Björn Sonnenberg und seine Band klingen hier winterlich sanft, ruhig und besinnlich, aber mit genau der gleichen, ihnen so eigenen Beobachtungsgabe, die gestochen scharf freilegt, was falsch läuft und nicht falsch laufen darf. Immer noch: Groß!

Platz 93: William Fitzsimmons - Gold In The Shadow (2011)

Mit meiner Zeit bei Nillson erschien auch der inzwischen ja wirklich weltberühmte Langbart William Fitzsimmons auf der Bildfläche. „Gold In The Shadow“ war dann 2011 der vorläufige Höhepunkt seines Schaffens, bevor er sich später mit „Lions“ noch einmal selbst übertreffen sollte. Fitzsimmons spielt eine so sanfte Version von Songwriter-Folk, dass man glauben möchte, er sei alleine für die Quiet is the new loud-Bewegung verantwortlich gewesen, auch wenn die zu diesem Zeitpunkt schon vorbei war. Mit „Beautiful Girl“, „The Bird Of Winter Prey“ oder „Winter From Her Leaving“ finden sich einige der besten Fitzsimmons-Stücke auf dieser tollen Platte, mein Highlight war allerdings „Psychasthenia“, ein Song, auf dem William Fitzsimmons plötzlich mit dezenter Elektronik um die Ecke kommt, die seiner butterweichen Stimme ganz vorzüglich steht.

Platz 92: The xx - Coexist (2012)

The xx (nur echt mit den beiden klein geschriebenen „x“) brachten mit ihrem Debüt von 2009 eine Art geisterhafte Ruhe nach Hipsterville: Die Leute waren müde getanzt vom Rave Rock Revival des Vorjahres. Die gespenstisch-entrückten Vocals von Romy Madlin Croft und die grandiosen Beats von Jamie XX erweckten immer den Eindruck, dass wenig passiert bei The xx - aber gerade diese unterkühlte Sterilität des dezent elektrifizierten Indie Pop des britischen Trios war ein essentieller Gänsehaut-Garant. Das zweite Album „Coexist“ machte da weiter wo das erste aufgehört hatte und lieferte wieder elf wundervolle kleine Dark Pop-Epen, mit „Chained“, „Sunset“ oder „Unfold“ mindestens drei für die Ewigkeit. Eine exakte Fortführung einer tollen Erfolgsgeschichte, die sich mit dem 2017 erschienenen „I See You“ für meinen Geschmack dann etwas zu sehr im Pop verlor.

Platz 91: Pascal Pinon - Pascal Pinon (2011)

Meine absolute Winterplatte des Jahres 2011 bestach durch ihre unfassbare Einfachheit. Denn die damals noch vier Mädchen aus Island erfüllten so ziemlich jedes Klischee des Unprätentiösen. Zahnspangen, Strickpullover, Unfrisuren: Die Videoclips von Pascal Pinon zeigten das Quartett in einer isländischen Holzhütte bei Kerzenschein, draußen schneite es und Kinder drückten sich an den Fensterscheiben die Nasen platt. Der Sound? Wunderschöne, aber auch sehr bodenständige Gesangsharmonien, mal englisch, mal isländisch zu akustischer Gitarre und Glockenspiel, ergänzt durch eine Lotusflöte - und ich hätte echt nie gedacht, dass das wirklich funktioniert, aber „Pascal Pinon“ war pure Wintergemütlichkeit und passte gerade durch seine Simplizität zum prasselnden Feuer im Kamin und zur eisigen Kälte da draußen.


Texte: Kristof Beuthner