Artikel 21.03.2018

Nillson-Throwback! Die allerbesten Platten von 2008-2018: Platz 120 bis 106

In meinen zehn Nillson-Jahren hat sich eine ganz schöne Menge an Lieblingsplatten angesammelt. Die möchte ich gerne in den nächsten Wochen mit euch teilen: Lest hier den dritten Teil über meine 151 besten Alben von 2008 bis 2018.

Ich als Jahrescharts-Spezi war in den letzten zehn Jahren verantwortlich dafür, den Autoren auf die Füße zu treten um eine standfeste Bestenliste zusammenzutragen, auszuwerten und in Rangfolge zu bringen. Das hat mir schon Spaß gemacht, da war ich noch gar kein Teil des Nillson-Teams. Was liegt da näher als die 151 besten Scheiben (plus eine außer Konkurrenz), die mir in der vergangenen Dekade zu Ohren gekommen sind, nun für euch zu ranken?

Ihr findet hier den nächsten Teil einer Liste, die komplett subjektiv und ohne Allgemeinheitsanspruch gilt. So gesehen werden mit Sicherheit einige Platten fehlen, die ihr als einflussreicher, größer oder brillanter erachtet. Dafür könnt ihr euch mit mir erinnern, verlorene und vergessene Schätze bergen und eine kleine Zeitreise unternehmen. Geht los! Lest hier und heute die dritte von zehn Runden und gebt euch die Plätze von 120 bis 106.

Platz 120: Health - Get Color (2009)

Ich musste mir da schon tüchtig die Augen reiben: Das sollte eine neue Pop-Hoffnung sein? Vordergründig hatten Health nämlich schon auf ihrem Debüt vor allem Krach gemacht, ein Rauschen erzeugt und Pop bis zur Unkenntlichkeit dekonstruiert. Die Vocals waren eher gespensterhafte Fragmente, wirkliche Gesangslinien gab es, aber es kostete einige Mühe, sich die Wahrnehmung ihrer Stringenz zu erarbeiten. Trotzdem rannte ganz Hipsterville den Kaliforniern die Bude ein. Da musste ich nachfragen und interviewte Health zu ihrem zweiten Album „Get Color“. Die Band schien über das, was da um sie herum passierte, selbst recht amüsiert zu sein. Und für die, die mit der überbordenden Zerstörungswut ihrer regulären Alben nichts anfangen können, stellt sie bis heute sehr viel geradlinigere Remix-Alben mit elektronischen und eingängigeren Versionen ihrer Kunst zur Verfügung. Dass die „Health: Disco“ heißen, ist dann nicht einmal geprahlt.

Platz 119: Foals - Antidotes (2008)

Die britische Indie-Szene, die noch drei Jahre zuvor durch Bands wie Bloc Party, Maximo Park, die Kaiser Chiefs oder Franz Ferdinand in ihrer Blüte stand, musste in der zweiten Welle von Alben ihrer Helden erfahren, dass sich das Schema des tanzbaren New Wave-Hits mit emotionaler Substanz leicht abnutzte. Doch die Bands aus der zweiten Reihe standen schon mit spannenden Debüts parat. Wo die Wombats vor allem mit einer astreinen Pop-Platte um die Ecke kamen, war „Antidotes“ von den Foals schon ein gutes Stück vertrackter: Ebenfalls sehr tanzbarer, mit feinen Bläsersätzen und Mathpop-Elementen versetzter New Wave, und trotzdem versehen mit unwiderstehlichem Pop-Appeal, wie nicht nur die Single „Cassius“ bewies. Beim Hurricane 2008 freute ich mich auf einen Auftritt der Foals, der leider abgesagt werden musste: Düstere Legenden besagten, die Band habe einen Busunfall gehabt und alle Mitglieder wären tot. Gott sei Dank war dem nicht so.

Platz 118: Alvvays - Alvvays (2014)

Die bescheuerte Schreibweise mal außer acht gelassen - was tun Band heutzutage nicht alles für ein wenig Individualität in dem unüberschaubaren Dickicht an vielversprechenden Newcomern - war „Alvvays“ für mich im Jahr 2014 die perfekte Frühlingsplatte. Der Sixties-infizierte Folkpop der Kanadier von Alvvays weckte meine Lebensgeister nach einem langen Winter wieder. Das war fluffig und federleicht, getragen vom unwiderstehlichen Gesang von Molly Rankin und gespickt mit Hits wie dem grandiosen Opener „Adult Diversion“ oder dem sicherlich bis heute bekanntesten Stück der Band, „Archie Marry Me“. Zwischen The Pains Of Being Pure At Heart, Belle & Sebastian und Mazzy Star fanden Alvvays eine kuschelige Wiese mit frisch erblühenden Bäumen. Eine Wonne für die Ohren.

Platz 117: Scott Matthew - Unlearned (2012)

Als Folk-Chanteuse Maria Taylor ihren Auftritt beim Orange Blossom Special kurzfristig absagte, sprang Scott Matthew ein. Von dem bärtigen Sänger mit der Engelsstimme hatte ich bereits einiges gehört, „Unlearned“ war schließlich nicht sein erstes Album, aber zum ersten Mal hörte ich ihm nun wirklich zu. Er spielte ein wunderbares Cover-Set, unvergessen seine wundervoll zerbrechliche Version von Simon & Garfunkels „Kathy’s Song“, das es leider nicht auf das später erscheinende Album schaffte, das ausschließlich aus Cover-Versionen bestand. Aber auch wenn Scott Matthew Radioheads „No Surprises“ schmachtet, ja nicht einmal bei Whitney Houstons Evergreen „I Wanna Dance With Somebody“, der durch den Sänger ganz neue Qualitäten entwickelt, kann dein Auge trocken bleiben. „Unlearned“ ist die absolut beste Coverplatte der letzten zehn Jahre.

Platz 116: Hjaltalín - Sleepdrunk Seasons (2009)

Mitten in die (ja nach wie vor) ungebrochene Euphorie über die Tatsache, dass Island trotz seiner geringen Population so eine unglaubliche Zahl talentierter Musiker hervorbringt (und auch eine Reihe scheinbar wirklich guter Fußballspieler, wie wir inzwischen wissen) platzte 2009 eine Kollaboration des Berliner Labels Morr Music mit den Isländern von Kimi Records. Bei beiden hatten Benni Hemm Hemm formidable Folkpop-Platten veröffentlicht. So wurde ich jedenfalls aufmerksam auf Hjaltalín, deren Debüt „Sleepdrunk Season“ via Haldern Pop Recordings auch hierzulande veröffentlicht wurde. Zwischen Seabear, Belle & Sebastian und den Decemberists ergab das ein schier unerschöpfliches Sammelsurium großartiger Folkpop-Songs, von denen „Thu Komst Vid Hjartad I Mer“ bis heute in meinem Herzen eine unantastbare Größe ist.

Platz 115: Malajube - Labyrinthes (2009)

Malajube aus Montreal hatten mit „Trompe L’Oeil“ zwei Jahre zuvor eine der schönsten Platten des Jahres veröffentlicht, eine malerische Mixtur aus Pop, Rock und Prog mit französischem Gesang. Dieses Konzept verfolgte das Trio auch auf dem Nachfolger, dem bei City Slang erschienenen „Labyrinthes“ weiter, getragen von Julien Mineaus eindringlichem Gesang. Eröffnet vom achtminütigen „Ursuline“ und mit Hits wie dem bildschönen „Porte Disparu“ oder den nicht minder brillanten „Luna“ und „Dragon de Glace“ schufen Malajube ein weiteres Mal einen höchst faszinierenden Klangkosmos, qualitativ auf allerhöchstem Niveau und mit unantastbarer Dringlichkeit. Leider verlor ich die Band wie so viele andere vielversprechende Neuentdeckungen danach aus den Augen - es war dann wohl insgesamt doch nicht mehr drin gewesen.

Platz 114: Mono - Rays Of Darkness / The Last Dawn (2014)

Die japanischen Postrocker von Mono rückten mit ihrem Doppelalbum von 2014 verstärkt in meinen Fokus. Es kam mir gut zu Pass, weil sich mein Augenmerk immer mehr auf zeitlose Musik voll epischer Strukturen, vornehmlich aus den Bereichen Postrock, Neoklassik, Drone und Ambient zu verschieben begann - und Mono füllten die Lücke, von der ich vorher gar nicht wusste, dass sie da war. „Rays Of Darkness / The Last Dawn“ markierte für Mono eine Trendwende; der orchestrale Bombast der Vorgängeralben wich direkteren, aber auch wesentlich düstereren Arrangements, und dass „Rays Of Darkness“ das positiver gestimmte der beiden sein soll, erschließt sich mir bis heute nicht. Mono spielen allumfassend brillanten Postrock und fallen damit in die tiefsten Tiefen - das macht dieses Doppelalbum nicht unbedingt zu einem Hörgenuss, aber definitiv bis heute zu einem sehr eindringlichen Erlebnis.

Platz 113: And The Golden Choir - Another Half Life (2015)

Schon 2009 hatte ich das Projekt von Klez.e-Kopf Tobias Siebert live erleben dürfen, im Vorprogramm von Sometree war das damals, und schon da war ich fasziniert. Siebert trat nämlich live allein mit einer Gitarre auf und spielte den Bandsound, den er übrigens komplett selbst aufgenommen hatte, über ein großes goldenes Grammophon ein. Ein total spannendes Konzept, das natürlich enormen Aufwand erfordert, und so ist es auch kein Wunder, dass ich auf das erste Golden Choir-Album noch sechs Jahre würde warten müssen. Was sich aber natürlich lohnte: Tobias Siebert zelebriert hier Kammerpop vom Allerfeinsten, mal intim und mal ausladend arrangiert, dann mit überbordendem Get Well Soon-Bombast und jeder Menge Katharsis. Wer sich da noch an den gelegentlichen religiösen Verweisen störte, konnte kein Herz haben. Eine riesengroße Platte.

Platz 112: The Wombats - A Guide To Love, Loss & Desperation (2008)

Als Nachzügler zu den die Tanzböden der mittleren 00er bestimmenden New-New-Wave-Bands konnten die Wombats eigentlich nicht gezählt werden. Erstens hatten die Popmusik studiert und zweitens… hatten die Popmusik studiert. Was man ihrem Debüt auch anhörte, so perfekt reihten sie hier Superhit an Superhit, und wenn man nicht den jugendlichen Leichtsinn aus all diesen Superhits herausgehört hätte, man hätte „A Guide To Love, Loss And Desperation“ niemals für ein Erstlingswerk gehalten. Stücke wie „Kill The Director“, „Let’s Dance To Joy Division“, „Backfire At The Disco“ und „Moving To New York“ sind auch heute noch von keiner Indie-Party wegzudenken. Ein riesengroßes Pop-Album voll denkenswerter Momente - und sagte ich schon Superhits?

Platz 111: Elektro Willi & Sohn - Diamanten (2008)

„Du bist das Knacken in der Rille. Das Organum meiner Planung, bist der Knopf an meinem Kittel. Bist das Verbum, ich Artikel“. „Ohne Helm geh ich nicht aus dem Haus. Im Autoscooter ein paar Runden drehn“. „Du hast mir Töne in mein Haar geschmiert. Du hast mich bis ins Mark blamiert“. Alles Zeilen aus dem Debüt der tatsächlich in Aachen praktizierenden Haushaltselektronikverkäufer Elektro Willi und Sohn, die immer noch zitiert werden, wenigstens in meinem engeren privaten Dunstkreis, und warum auch nicht? Knackige Elektrobeats trafen auf formvollendete Gaga-Lyrik, so lakonisch vorgetragen, dass es einfach viel zu unwiderstehlich war, als dass man sich darüber wundern konnte. Obwohl man das in Wirklichkeit natürlich musste. Ein total bescheuertes und gerade deswegen so geniales Album war „Diamanten“ und ist es bis heute.

Platz 110: Wind und Farben - Das Entzünden einer Kerze ist das Ende eines Wals (2013)

2013 war mein Jahr für deutschsprachigen Screamo und Alternative. Adolar, Käfer K, Zinnschauer und dann eben auch Wind und Farben, über deren Debüt der Kollege Niklas Baschek auf plattentests.de damals völlig allumfassend sagte: „Das Debüt von Wind Und Farben kommt aus mit zwei Worten und dem Abgrund dazwischen: Ich _ Du“ fanden den Weg in mein Plattenregal. Dieses fantastische Album höre ich heute noch gerne, weil es… ja, warum eigentlich? Weil mich die starke Lyrik der Nordlichter auf Songs wie „Frag jeden deiner Freunde“, „999544“ und „Phoneutria“ einfach abholte, nehme ich an. Ziemlich klug und ziemlich direkt kamen die Jungs dabei mit ihrem adoleszenten Lebens- und Leidensweisheiten um die Ecke, und es ist eine Schande, dass es immer noch keinen Nachfolger gibt.

Platz 109: You Blew It! - Keep Doing What You're Doing (2014)

Als ich noch relativ scheu Ende 2014 meine neue Liebe zu amerikanischem Emo-Rock der guten alten Schule von Jimmy Eat World oder Sunny Day Real Estate entdeckte, veröffentlichte die Visions eine Liste der besten Emo-Alben vom Ursprung bis heute, die ich mir peu à peu zusammenkaufte. Dabei war neben Werken von Braid oder Joie de Vivre auch dieses grandios vertrackte Album von You Blew It! aus Orlando, die großartigerweise einige Zeit zuvor das komplette blaue Weezer-Album unter dem Titel „You Blue It“ gecovert hatten. Die Melodieverliebtheit von College Rock und die Straightness von Emo-Punk waren die Stützpfeiler dieser immer wieder rhythmische und strukturelle Haken schlagenden Großartigkeit, die mit „You & Me & Me“ auch noch eine grandiose Single im Gepäck hatte.

Platz 108: Arliss Nancy - Greater Divides (2016)

Mit „We’re gonna run this town or this is gonna be the way they say they found us“ und „I had a friend and I lost him, that’s how it is, that’s how it goes, well I guess it’s life“ hatte allein das famose „Bar Of The Century“ schon zwei unvergessliche Zeilen am Start. Arliss Nancy spielten auf „Greater Divides“ eine völlig mitreißende Version von Heartland Punk, wie ihn The Gaslight Anthem in zunehmend verkitschter und Frank Turner in weitaus kumpelig-hemdsärmeliger Form schon zuvor zelebriert hatten, aber auf dieser Platte holte mich die Band auch für dieses Genre ins Boot. Der Sound dieser Band war genau wie die Stimme von Cory Gall einfach genau das gute Stück erdinger und schmutziger, was „Greater Divides“ ein gutes Stück mehr Lebensehrlichkeit verlieh - zu meinem bis heute großen Gefallen.

Platz 107: Holmes - Have I Told You Lately That I Loathe You (2010)

Klarer Fall von Spätzünder: Diese Platte erhielt ich zum Besprechen, gab ihr keinen Raum, fand sie langweilig, verschenkte sie, verpasste den Auftritt der Band um Kristoffer Bolander beim Orange Blossom Special, bekam die durch Zufall Jahre später noch einmal zu Gehör, verfiel ihr und musste sie sofort neu kaufen. Tja, so kann es gehen. Und ich verstehe mich da bis heute nicht, denn genau dieses Evozieren von melancholischen Stimmungswelten im Spannungsfeld zwischen Americana und Folkpop skandinavischer Prägung ist ja eigentlich so total meins, zumal wenn das Ganze bei aller Katharsis so herrlich schützend für den Hörer in sich selbst ruht. Genau die richtige Prise Pathos, genau die richtige Form von umarmendem Bombast: „Have I Told You Lately That I Loathe You“ ist eine perfekte Platte für Lieblingssessel und -rotweine, für Kopfhörer und das kurzzeitige Gefühl, dass alles in Wirklichkeit gar nicht so schlimm ist.

Platz 106: Carlos Cipa - The Monarch & The Viceroy (2012)

Bei der Fülle an neuen Pianisten gibt es immer wieder welche, die durch ihre besondere Art des Klavierspiels hervorstechen, und genau zu denen gehörte 2012 der junge Münchner Carlos Cipa, mit dessen Debüt sich das traditionell im Drone, Dark Jazz und Experimental wohlfühlende Denovali-Label auch in Richtung Neoklassik öffnete. „The Monarch And The Viceroy“ orientierte sich merkbar an den verspielten Träumereien eines Claude Debussy oder eines Eric Satie, war zutiefst romantisch und betörend schön, außerdem kenne ich nur wenige Pianisten, deren Klavierspiel über eine so bildhafte Sprache verfügt, wie das von Carlos Cipa. Ich erinnere mich an einen denkwürdigen Auftritt im Tonstudio beim Haldern Pop im Jahr 2014, als ich die Freude hatte, den Pianisten kennen zu lernen - so ehrlich freundlich wie ich Carlos Cipa erlebte, so umarmend und innig wirken auch seine Soundscapes, die ohne jedes elektronische Beiwerk in ihrer puren Klarheit immer noch schwer berühren.


Texte: Kristof Beuthner