Artikel 07.10.2018

Nillson-Throwback! Die allerbesten Platten von 2008-2018: Platz 45 bis 31

In meinen zehn Nillson-Jahren hat sich eine ganz schöne Menge an Lieblingsplatten angesammelt. Die möchte ich gerne in den nächsten Wochen mit euch teilen: Lest hier den achten Teil über meine 151 besten Alben von 2008 bis 2018.

Ich als Jahrescharts-Spezi war in den letzten zehn Jahren verantwortlich dafür, den Autoren auf die Füße zu treten um eine standfeste Bestenliste zusammenzutragen, auszuwerten und in Rangfolge zu bringen. Das hat mir schon Spaß gemacht, da war ich noch gar kein Teil des Nillson-Teams. Was liegt da näher als die 151 besten Scheiben (plus eine außer Konkurrenz), die mir in der vergangenen Dekade zu Ohren gekommen sind, nun für euch zu ranken?

Ihr findet hier den nächsten Teil einer Liste, die komplett subjektiv und ohne Allgemeinheitsanspruch gilt. So gesehen werden mit Sicherheit einige Platten fehlen, die ihr als einflussreicher, größer oder brillanter erachtet. Dafür könnt ihr euch mit mir erinnern, verlorene und vergessene Schätze bergen und eine kleine Zeitreise unternehmen. Geht los! Lest hier und heute die achte von zehn Runden und gebt euch die Plätze von 45 bis 31.

Platz 45: John K. Samson - Winter Wheat (2016)

Der Weakerthans-Sänger hatte bereits auf „Provincial“ ein durch und durch starkes Werk als Fortführung seines Bandsounds vorgelegt; auf „Winter Wheat“ zog er die Bremse ein wenig an und präsentierte sich klanglich reduzierter und in punkto Songwriting und Spielwitz in absoluter Hochform. Es geht immer noch um das Lieben und Scheitern in Winnipeg, der Stadt, die er nachweislich gleichzeitig liebt und hasst. Die Songs auf „Winter Wheat“ sind Folk-Kleinodien oberster Güteklasse; sein Gespür für einprägsame Melodien wie auf dem wunderschönen „The Oldest Oak At Brookside“ ist immer noch unnachahmlich, und Samson serviert auch langjährigen Fans einen roten Faden, wenn die Katze Virtute im abschließenden „Virtute At Rest“ abermals zu Ehren kommt. Ein wunderbar zurückgelehntes, in der kalten Jahreszeit Trost spendendes Album.

Platz 44: Kettcar - Ich vs. Wir (2017)

So lange es in Marcus Wiebuschs Augen niemanden gab, der auf die Unwegbarkeiten der politischen Lage in Deutschland mit entsprechendem Song-Material reagierte, konnte er nicht schweigen. So ist „Ich vs. Wir“, das nach fünf Jahren erste Kettcar-Album, ein dringliches Statement für Solidarität und offene Augen. Der Hit „Sommer 89“ stellt eine Fluchtgeschichte kurz vor dem Mauerfall der nach wie vor andauernden Flüchtlingswelle so plastisch gegenüber, dass es einem die Tränen in die Augen treibt; „Wagenburg“ feindet den schmalen Grat zwischen Eigenbrötlertum und Massendynamik an, „Mannschaftsaufstellung“ ist eindeutig ein Schlag ins Gesicht der AfD und auf „Ankunftshalle“ genießt es die Band, die sich wieder treffende Menschen am Flughafen beobachtet, dass manchmal die anderen nicht einfach nur irgendeine wild gewordene Meute, sondern für einen kurzen Moment dann doch wieder ihre Leute sind. Kein musikalischer Meilenstein, vielleicht, aber in seiner Strahlkraft und Haltung ein unverzichtbares Album, das dringend aufgesaugt werden sollte.

Platz 43: Mumford & Sons - Sigh No More (2008)

Wenn es im Neo-Folk eine Platte gab, auf die sich wirklich alle einigen konnten, dann war das „Sigh No More“ von Mumford & Sons. Denn der Pop-Appeal, mit dem Marcus Mumford und seine Band hier Zutaten wie entfesselte Drums, ein noch viel wilder tobendes Banjo und glockenhelle Harmoniegesänge zu unvergesslichen Songs verquickten, war ohne Gleichen und thronte in seiner Konsequenz über den Schönspielern Fleet Foxes und Nachahmern wie Stornoway. Stücke wie „The Cave“, vor allem aber das grandiose „Little Lion Man“ sind inzwischen zu Evergreens geworden, die Band war karohemdsärmelig und nahbar, aber gerade so wenig retro, dass sie eine ganz famose Gegenthese zum neonleuchtenden NuRave dieser Zeit darstellte und in ihrer Erdig- und Bodenständigkeit mit dem Habitus eines veritablen Kumpels auf der ganzen Welt die Herzen eroberte.

Platz 42: Fatherson - I Am An Island (2015)

Was für ein gigantisches Konzert damals beim Hamburger Reeperbahn Festival: Im kleinen Grünen Jäger sorgten die Schotten von Fatherson dafür, dass man sich in einer großen Halle wähnte, oder wie ein Kumpel sagte: „Die schreiben Songs für große Hallen, ohne in großen Hallen zu spielen“ - stimmt auch. „I Am An Island“ war das dazugehörige und überaus brillante Album, das die melodische Direktheit von Biffy Clyro mit der emotionalen Roughness von We Were Promised Jetpacks paarte. Und diese Stimme von Ross Leighton, klagend und umarmend zugleich. Und diese Songs: „James“, „I Like Not Knowing“, der Titeltrack, „Hometown“ oder „Dust“ - auf „I Am An Island“ findet sich im Grunde überhaupt kein Füllmaterial, es ist ein Album, das sich am besten in Gänze genießen lässt - und die Empfehlung für eine Live-Show der Band sei hiermit noch einmal ausdrücklich erteilt.

Platz 41: Young Rebel Set - Curse Our Love (2011)

Wem der Sprigsteen-eske Heartland-Punk vom Gaslight Anthem zu herzlich war, bekam von dieser damals unverschämt jungen Band zwei kratzbürstige britische Ellenbogen ins grinsende Gesicht. „Curse Our Love“ war damals ein echter Meistercoup der Hamburger vom Grand Hotel van Cleef, die sich das Young Rebel Set aufs Label geholt hatte. Neben Folk-Preziosen wie „If I Was“ kam auch wütender Punk-Drive mit Songs wie „Lion’s Mouth“ auf der Platte nicht zu kurz; mit „Measures Of A Man“ hatte die Band auch noch eine Extraklassen-Hymne mit am Start. „Curse Our Love“ war 2011 eine Art Indierock-Allrounder, die allen, die gediegenen Gitarrenpop vermisst hatten, eine neue Lieblingsband bescherte. Matt Wildes biergetränkte Lyrik übertrug sich emotional per Selbstverständnis auf sein Publikum: Taumelnde Liebeslieder wie diese hatten die Schwere der Nacht und pintweise Kaltgetränke im Blut.

Platz 40: The Boxer Rebellion - Promises (2013)

„I’m no good next to diamonds. When I’m too close, they start to fade. Are you angry with me now? Are you angry cause I’m to blame?“ - Nathan Nicholson und seine Band haben einen ihrer All Time Greatest auf ihrer vierten Platte untergebracht. Nach dem eher mediokren „The Cold Still“ klangen The Boxer Rebellion so, als wollten sie dem Albumtitel „Promises“ alle Ehre machen: Eben vielversprechend, uplifiting, aber immer wieder auch zweifelnd und mit der gewohnten und ihnen so eigenen intensiven Nachdenklichkeit. Das große Plus der Band, die ihr Heil auf „Promises“ eher im Indie- und Bombastpop denn im früheren, Postpunk-nahen Sound sucht, ist aber immer noch die Stimme ihres Sängers, der vom Falsett bis hin zu sonorer Klarheit eine Range beherrscht, die tief berührt und das eigene Leid nah- und miterfahrbar macht.

Platz 39: The White Birch - The Weight Of Spring (2015)

Nach ganzen neun Jahren kehrte Ola Flottum mit seinem hochgeschätzten Projekt The White Birch zurück ins dezent gedimmte Scheinwerferlicht. Die Songs, die er hinterlassen hatte, waren in ihrer Strahlkraft noch keinesfalls verklungen, bei so viel zeitloser Schönheit zwischen Folk und Ambientpop ist das auch nur schwer möglich - und trotzdem waren die Stücke auf „The Weight Of Spring“ eine kleine Offenbarung. „Das Gewicht des Frühlings“ stellt im Lebenszyklus ein neues Erwachen dar, über dessen Endlichkeit (im Herbst) und dessen endgültiges Begraben im Winter Flottum uns Hörer zu keinem Zeitpunkt im Zweifel lässt. Das lässt Sonnenstrahlen zu, ist aber von tiefer Traurigkeit und Introspektive geprägt. Die Folgen: Tiefste Ergriffenheit, seltsame Glückseligkeit. Und für Glitterhouse Records einer der in meinen Augen schönsten Releases aller Zeiten.

Platz 38: Gisbert zu Knyphausen - Gisbert zu Knyphausen (2008)

Als vor zehn Jahren das Debüt des grandiosen Gisbert erschien, kanzelte es die Presse stiefmütterlich als Liedermacher-Folk ab. Das wurde dieser unnachahmlichen Wahrhaftigkeit, die der Typ mit dem umständlichen Namen (sein Papa, Baron Knyphausen, unterhält ein wunderbares Weingut, das inzwischen sogar einmal im Jahr zu einem traumschönen kleinen Festival einlädt), in keinster Weise gerecht. Wie Gisbert zu Knyphausen in allzumenschliche Tragik und Wahrhaftigkeit einsteigt, wie er textet, das macht in Deutschland kein Zweiter, vielleicht noch Moritz Krämer. Und auch wenn seine Folgewerke die Intensität höher schraubten als sein wundervolles Debüt, Songs wie „Wer kann sich schon entscheiden“, „Sommertag, „Erwischt“ oder „Neues Jahr“ sind für die Ewigkeit geschrieben, zeitlos schön zwischen Folk- und Indiepop schwankende Perlen voll Zerbrechlichkeit und immens starker Beobachtungsgabe.

Platz 37: Leif Vollebekk - Twin Solitude (2017)

Unvergessen bleibt das Konzert beim Hurricane Festival, als dieser Kanadier alleine, bei (wirklich) strömendem Regen und vor lediglich 50 Leuten (maximal) um 12 Uhr mittags die zweitgrößte Bühne füllte. Dezent angejazzte, getragene Americana mit sagenhaft guten Texten (man nehme mal das zutiefst berührende „Eulogy“ als Paradebeispiel) und einer Stimme, die Erinnerungen an den großen Bob Dylan weckt - Leif Vollebekk hat eine ganze Menge zu bieten, für das es sich lohnt, sich ihm und seiner Kunst zu verschreiben. Und „Twin Solitude“ hatte noch mehr solcher Songs im Gepäck, packt einen schon mit dem Opener „Vancouver Times“ behutsam in Watte und träufelt einem Honig ins Ohr, während man dem Weg der Wassertropfen am Fenster folgt. Ein großes, ein durch und durch wahrhaftiges und ein fulminantes zweites Album.

Platz 36: Klez.e - Vom Feuer der Gaben (2009)

Mit ihrem dritten Album erfand sich die Band um Tobias Siebert neu. Flankiert von einem spannenden Konzept - befreundete Künstler hatten zu jedem der Songs auf „Vom Feuer der Gaben“ ein eigenes Bild gefertigt, die Werke wurden auf einer Vernissage ausgestellt und im in Leinen gebundenen Booklet zur CD veröffentlicht - bestimmten plötzlich opulente Theatralik und rauschender Bombast die phantastischen und ziemlich stark gesellschaftskritischen Texte über Größenwahn, Vereinzelung und die Apokalypse das Bild. „Vom Feuer der Gaben“ ist ein berauschendes Vollkunstwerk, dem gar nicht so leicht zu folgen ist. In reduzierter arrangierten „Variantionen“ der Platte, mit der Klez.e später noch touren sollten, kamen Stücke wie „Der Welt ein Ort“, „Madonna“ oder „Der Garten“ dann zwar direkter, aber keineswegs weniger dringlich.

Platz 35: Heyrocco - Teenage Movie Soundtrack (2015)

Wer wie ich mit College-Flicks à la „American Pie“ und den dazugehörigen Soundtracks, die Bands wie Blink 182, Sum 41 oder Third Eye Blind den Weg in den Mainstream Pop bahnten, aufgewachsen ist - für den konnte ein Album wie „Teenage Movie Soundtrack“ nur ein riesengroßes Revival-Fest sein. Zu knackigen drei Akkorden und mit ungeheurer Eingängigkeit präsentierte das amerikanische Trio Heyrocco uns das Seelenleben eines Teenage Losers und erzählten vom zu früh kommen, der heißen Mom des Kumpels und dem verkorksten ersten Mal so herrlich naiv und rotzig, dass man dieses Album einfach lieben musste. Während ihrer Show beim Reeperbahn Festival schüttete der Sänger sich komplett zu, zog sich schließlich bis auf den weißen Feinripp-Schlübber aus und vögelte seine Gitarre, so als hätte er die Wirkung von Alkohol in seinem Teenage Leichtsinn komplett unterschätzt. Da tat das Aufwachen am nächsten Morgen uns gleich mit weh.

Platz 34: Frames - In Via (2012)

Eine der allerstärksten Postrock-Platten der letzten zehn Jahre kam von den Frames aus Hannover bzw. Berlin, nicht zu verwechseln übrigens mit der Band von Glen Hansard. Eingerahmt vom wundervollen „Stufen“ von Hermann Hesse, dessen erste Hälfte im Intro und dessen zweite im grandiosen Closer „Coda“ rezitiert wird, lässt das Quartett malerische Landschaften und suggestive Gedankenstreifzüge vorbeistreichen und einstürzen, präsentiert sich mal schwelgerisch-ruhend und mal brachial-bombastisch und reflektiert in einem ansonsten rein instrumentalen Klangtrip die einzelnen Lebensschritte vom ersten Augenaufschlag bis zum letzten. Im Interview in der Lila Eule in Bremen verhandelte ich mit der Band im Interview die Aussagekraft von Post Rock, für mich bis heute ein Gespräch, an das ich gern zurück denke. Was die Aussagekraft von „In Via“ anbelangt, bleiben die Frames bis heute nichts schuldig - man verzeiht ihnen sogar, dass seitdem ein neues Album auf sich warten lässt.

Platz 33: We Were Promised Jetpacks - These Four Walls (2009)

Was für ein fulminantes Debüt der Schotten, und trotzdem eines, das in vielen Jahresbestenlisten dann doch nicht auftauchte - warum eigentlich? Zum Übersehenwerden war „These Four Walls“ schlicht zu laut. Die emotionale Tiefe von We Were Promised Jetpacks auf Glasgow stand Landsleuten wie The Twilight Sad oder Biffy Clyro in nichts nach, in punkto Komplexität und Vielseitigkeit war „These Four Walls“ ebenfalls auf der richtig guten Seite. Starken Indiepop-Nummern wie „Quiet Little Voices“ oder „It’s Thunder And It’s Lightning“ standen Stücke wie „Conductor“ gegenüber, die gekonnt mit den verwöhnten Hörererwartungen spielten. Und dann gab es da noch „Keeping Warm“, dieses siebenminütige Post-Rock-Indiepop-Monster, dessen atmosphärische Dichte anschwillt bis zum Bersten, als die Musik fast ganz verschwindet und Adam Thompson singt „Chances of being born are so small, so keep warm, keep warm“. So geht ganz großes Kino.

Platz 32: Vampire Weekend - Contra (2010)

Die Indie-Darlings um Ezra Koenig hatten bereits zwei Jahre zuvor mit ihrem grandiosen Debüt die Gourmets mit tanzbarem Afrobeat-Indiefolk verzaubert und für sich gewonnen. „Contra“ legte noch eine Schippe drauf, ohne die Erfolgszutaten des Erstlings bloß zu variieren: „Horchata“ erging sich in eklektischem Calypso-Swing, auf „White Sky“ erreichte Koenigs Stimme exhaltierte Höhen, „Holiday“ war ein Floorfiller par excellence und bei „Cousins“ suchte man bei jedem neuen Hören, den Punkt, an dem sich dieser Song doch vor lauter Spielfreude nun wirklich hätte überschlagen müssen - er hielt die Balance, so wie Vampire Weekend auf diesem ihrem besten Album ihren liebestollen, höchst charmanten Indie-Pop in seiner verspieltesten, variantenreichsten Form präsentierten - und in den langsameren Stücken wie „Taxi Cab“ verneigten sie sich dann doch ein weiteres Mal vor ihrem offensichtlichen Mentor, dem großen Pop-Genie Paul Simon.

Platz 31: Heimatt - With You I Will Dance... (2015)

Also der Vollständigkeit halber: Dieses Album heißt „With You I Will Dance All The Way Through The Night. I Will Tie Your Hands And Go Blind If You Just Let Me“. Das sind auch die ersten Zeilen des eröffnenden Titeltracks, und schon ist es um einen geschehen. Der ganz entfernt an Mumford & Sons erinnernde Indie-Folkpop von Magnus Grilstad und seiner Band mag nicht neu und innovativ sein, seine Darbringung ist umso liebevoller und sympathischer. Die Dänen von Heimatt bieten hier eine ganze Fuhre unvergesslicher Hits, von den tanzbaren „Dandelions“ über das unwiderstehliche „Everyone’s A Sinner“ bis hin zu den langsameren Songs wie „Below The Bells“ und „Comforting Love“, die Grilstads leicht nöliges Organ als tragendes Element verbinden. Unvergessen bleibt Heimatts Deutschland-Debüt in der Hasenschaukel beim Reeperbahn Festival, die aus den Nähten platzte - wir erlebten ein atemberaubendes Konzert von der Fensterbank aus, fast auf der Bühne sitzend, die wegen der vielen Bandmitglieder um eine Holzplatte auf einem Tisch erweitert werden musste.


Text: Kristof Beuthner