Artikel 26.08.2018

Nillson-Throwback! Die allerbesten Platten von 2008-2018: Platz 75 bis 61

In meinen zehn Nillson-Jahren hat sich eine ganz schöne Menge an Lieblingsplatten angesammelt. Die möchte ich gerne in den nächsten Wochen mit euch teilen: Lest hier den sechsten Teil über meine 151 besten Alben von 2008 bis 2018.

In meinen zehn Nillson-Jahren hat sich eine ganz schöne Menge an Lieblingsplatten angesammelt. Die möchte ich gerne in den nächsten Wochen mit euch teilen: Lest hier den fünften Teil über meine 151 besten Alben von 2008 bis 2018.

Ich als Jahrescharts-Spezi war in den letzten zehn Jahren verantwortlich dafür, den Autoren auf die Füße zu treten um eine standfeste Bestenliste zusammenzutragen, auszuwerten und in Rangfolge zu bringen. Das hat mir schon Spaß gemacht, da war ich noch gar kein Teil des Nillson-Teams. Was liegt da näher als die 151 besten Scheiben (plus eine außer Konkurrenz), die mir in der vergangenen Dekade zu Ohren gekommen sind, nun für euch zu ranken?

Ihr findet hier den nächsten Teil einer Liste, die komplett subjektiv und ohne Allgemeinheitsanspruch gilt. So gesehen werden mit Sicherheit einige Platten fehlen, die ihr als einflussreicher, größer oder brillanter erachtet. Dafür könnt ihr euch mit mir erinnern, verlorene und vergessene Schätze bergen und eine kleine Zeitreise unternehmen. Geht los! Lest hier und heute die sechste von zehn Runden und gebt euch die Plätze von 75 bis 61.

Platz 75: Bersarin Quartett - III (2015)

Pure Soundpoesie aus flüssigem Gold, schwarzem Honig und tiefer Melancholie präsentierte Thomas Bücker auf seinem dritten Bersarin Quartett-Album, einen faszinierenden Trip in wolkenweiche Ambient-Texturen und hypnotischen Slow Jazz und damit eine der schönsten Platten für die tiefschwarze Nacht in den letzten zehn Jahren. Zwölf Stücke lang bettete er uns in Watte, gab seinen Trips mystische Namen wie „Verflossen ist das Gold der Tage“, „Sanft verblassen die Geschichten“ und „Hinter uns die Wirklichkeit“ und thematisierte so auf wunderbar philosophische Weise die Endlichkeit allen Seins als Gedankenreise in magentarote Wolkenwelten, ohne ein einziges Wort zu sprechen. So tröstlich kann die Auseinandersetzung mit dem Tod sein: Mit einer warmen Decke wie dieser hier, die alle Sorgen für einen Moment erträglicher macht.

Platz 74: Rocky Votolato - Hospital Handshakes (2015)

Den bereits seit 1995 tolle Alben zwischen Folk und Indierock veröffentlichenden Texaner Rocky Votolato hätte ich gar nicht unbedingt mit dem Glitterhouse-Kontext in Verbindung gebracht, und doch erschien sein „Hospital Handshakes“ 2015 genau dort. Das war auch insofern für mich kurios, weil das bis dahin ja vor allem durch tolle Folk-, Country- und Americana-Releases bekannte Label bis dato nicht unbedingt für die Liebe zum College-nahen Indierock der 90er stand, aber genau die Liebe dazu verkörperte „Hospital Handshakes“ über seine gesamte Laufzeit von fast 40 Minuten. Rocky Votolato spielte allerdings nicht die Punk-Komponente aus, sondern eher die des traditionsbewussten, emotionalen Indierock - weil die Platte voller grandios geschriebener Songs wie „White-Knuckles“ oder „The Hereafter“ steckt, gehört sie bis heute zu meinen meistgespielten.

Platz 73: HVOB - HVOB (2015)

HVOB steht für Her Voice Over Boys und ist die in meinen Augen schönste Veröffentlichung des inzwischen sehr beklatschten Stil vor Talent-Labels. Wäre die Festivalszene nicht so im Wandel und würden nicht immer wieder Techno-Acts gerade auf die späten Slots nach dem Headliner rücken um die tanzwütige Meute noch ein wenig bei der Stange zu halten bzw. durch die Nacht zu begleiten, hätte ich HVOB wohl nie entdeckt, aber beim Appletree Garden bespielten sie nach der mitreißenden Show von FM Belfast noch die kleine Bühne zur Nacht und ich verlor mich in den sanft aufgeschichteten, flächig treibenden Dance-Konstrukten Paul Wallners, die von Anna Müllers Gesang kongenial ergänzt werden. „Hold Your Horses“, „Always Like This“, „Dogs“ und „The Last Song Ever Written“ sind fast schon mehr Pop als Techno und so gut geschrieben, dass die Platte auch Nichtelektronikern wärmstens ans Herz gelegt werden kann.

Platz 72: Desiree Klaeukens - Wenn die Nacht den Tag verdeckt (2014)

Desiree Klaeukens ist für mich bis heute die beste deutschsprachige Interpretin seit ich-weiß-nicht-wann, und dafür brauchte sie nur dieses eine Album. „Wenn die Nacht den Tag verdeckt“ bringt zu ganz dezent arrangierten Folkpop-Arrangements eine Unzahl an wunderbaren Wahrhaftigkeiten auf den Punkt, dargeboten ohne theatralischen Kieks, sondern mit bodenständiger Erdigkeit und hoher lyrischer Finesse, selbst in den einfach klingenden Sätzen: „Ich hab […] gesehn, der Wolf ist ein Hund, und alles, was krank war, wird wieder gesund“ aus „Warm in meinem Herz“ zum Beispiel, das für einen Neuanfang steht und ungeheuer Mut macht, oder, noch am allermeisten „Bring mich ins Bett, sei einfach da. Du weißt am besten, wie das geht. Und ich bin ein kleines Kind, verliebt in dich“ aus „Verliebt in dich“ - schöner kann man eine Liebeserklärung kaum machen.

Platz 71: Erlend Oye - Legao (2014)

Der Norweger kann und darf einfach alles: Vom absoluten Leisetreter-Folk seiner Kings Of Convenience führte der Weg Erlend Oyes über tanzbare House-Tunes („Unrest“) und den noch viel tanzbareren Elektro-Pop von The Whitest Boy Alive über den Italo-Pop seiner Zwischen-Single „La Prima Estate“ schließlich zu einer lupenreinen Reggae-Platte. Nun sind Reggae und Norwegen nicht unbedingt zwei Welten, die man zwingend zusammen führen würde - dass das Experiment trotzdem gelingt, ist vor allem Oyes Stärke als Songwriter zu verdanken. Seine weiche Stimme liegt wie ein Samtteppich über den hervorragend entspannten Arrangements seiner Band The Rainbows, Songs wie „Peng Pong“ oder „Fence Me In“ sind gleichsam relaxt und mitreißend. Was Erlend Oye anpackt, macht er richtig: „Legao“ ist ein durch und durch wundervolles Sommer-Album.

Platz 70: Tomte - Heureka (2008)

„Heureka“ mag das insgesamt schwächste Tomte-Album sein - es ist allemal gut genug, um wunderbare Geschichten damit zu verbinden. Weil es Thees Uhlmann inzwischen gut geht (nicht zuletzt durch die Geburt seines Kindes), sind die Songs auf Tomtes fünfter Platte deutlich positiver geprägt, ein Weg, der sich schon mit „Buchstaben über der Stadt“ andeutete - und der natürlich die brüskierte, die das seelische Innenleben Uhlmanns, das er auf „Hinter all diesen Fenstern“ so schonungslos offen gelegt hatte, zu ihrer eigenen Katharsis gemacht hatten. „Heureka“ mit Stücken wie „Der letzte große Wal“ oder „Küss mich wach, Gloria“ etablierten Tomte endgültig in der Bundesliga der deutschsprachigen Indie-Bands, verstärkt übrigens durch Simon Fronzeck, der den inzwischen von der Band geschiedenen Timo Bodenstein ersetzte. Es sollte das bisher letzte Tomte-Album bleiben: Im Anschluss öffnete sich Thees Uhlmann mit zwei Solo-Platten seiner Liebe zum euphorisch-umarmenden Heartland Rock.

Platz 69: HAIM - Days Are Gone (2014)

Ich habe es immer gesagt: Wenn es Popmusik sein soll, dann muss sie bitte genau so klingen wie auf dem Debüt der drei HAIM-Schwestern. Irgendwo zwischen 80s-Referenzen und Fleetwood Mac-Folk legte das Trio ein nahezu perfektes Debüt vor, das die Band sowohl für Indie-Puristen als auch für Radio-Hörer interessant machte, ohne dass Anbiederung und Einfachheit Phase waren. Songs wie „Falling“, „The Wire“ oder „Don’t Save Me“ waren und sind enorme Hits; letzteres fand durch Remixes sogar den Weg in die Herzen von Fans elektronischer Musik. Die fluffigen Gitarren und die mit hohem Wiedererkennungswert gesegneten Vocals verleihen HAIM in der derzeitigen Musiklandschaft eine Art Alleinstellungsmerkmal, so geht gut produzierter Pop. Schade, dass das 2017 veröffentlichte zweite Album das hohe Niveau des Debüts nicht halten konnte.

Platz 68: Hammock - Everything And Nothing (2016)

Kaum zu glauben, dass dieses Postrock-Duo so lange an mir vorbei gehen konnte, aber „Everything & Nothing“ war tatsächlich im Jahr 2016 meine erste Berührung mit den fantastischen Hammock. Wobei der Begriff Postrock hier eher im weitesten Sinne greift: Vergleichbar vor allem mit den unerreichten Sigur Rós zelebrierten Hammock hier eher eine fortgeschrittene Form von Ambient Rock, kontemplativ und vor allem tieftraurig. Das Album behandelt das langsame Voranschreiten aus der Welt der Lebenden in eine Art Zwischenwelt vor dem Tod, ein mystisches Hinübergleiten und die damit verbundenen Gedankenwelten derer, die einen geliebten Menschen zurück lassen. Dass Hammock dieses Thema ein Jahr später auf schmerzhafte Weise sogar noch intensivieren sollten, ist eine nicht minder düstere Randnotiz.

Platz 67: Desaparecidos - Payola (2014)

Conor Obersts Side-Projekt neben seinen Bright Eyes erlebte eine überraschende Renaissance. Nachdem die Desaparecidos in den Jahren zuvor mit diversen 7“-Veröffentlichungen eigentlich schon ihr komplettes Comeback-Album peu a peu vorweg genommen hatten, erschien mit „Payola“ im Jahr 2014 die grandiose Zusammenfassung und brachte Conor Oberst nach Beendigung der Bright Eyes und einigen eher mittelmäßigen Solo-Alben zurück in die Spitzenklasse der Songwriter. Mit drückendem Punk und immenser politischer Angepisstheit, die in jedem Ton von Stücken wie „The Left Is Right“, „Te Amo Camilla Vallejo“ oder „MariKKKopa“ fühlbar wurde, entstand ein wichtiges und spürbar befreiendes Album - und da war Donald Trump noch gar nicht US-Präsident. Wer weiß, was uns von den Desaparecidos diesbezüglich noch bevorsteht.

Platz 66: Spain - The Soul Of Spain (2012)

Nach satten zehn Jahren veröffentlichten Josh Haden und seine Band endlich ein neues Album und landeten damit (im Endeffekt völlig folgerichtig) bei Glitterhouse. Mit komplett neu formiertem Aufgebot und Hadens weicher, sonorer Stimme entstanden neue Songs, die sich lückenlos an den bisherigen Output der Band anschlossen und die den Slowcore mit dezenten Jazz-Verweisen zelebrierten. Beinahe schon stoisch, vor allem aber komplett tiefenentspannt wirkten die neuen Stücke um die Single „Because Your Love“, „The Only One“ oder das trotz seiner Langsamkeit als dringliches Statement zu wertende „I’m Still Free“. Ich hatte damals die große Freude, Haden und seine Band zu interviewen - ein ruhiger, nachdenklicher Zeitgenosse präsentierte sich mir da, und mir wurde klar, wie sehr die Musik von Spain dem Charakter Josh Haden entsprach.

Platz 65: Seabear - We Built A Fire (2010)

Die Isländer um Sindri Mar Sigfusson und die später als Solistin in jeder Hinsicht überzeugende Soley legten mit „We Built A Fire“ ein Album vor, das den introvertierten, zärtlichen Folkpop des Debüts „The Ghost That Carried Us Away“ in einer deutlich zupackenderen, direkteren Form präsentierte. Zu den wesentlich kraftvoller gespielten, klassischen Folk-Instrumenten gesellten sich jetzt auch elegische Bläsersätze wie in dem schaurig schönen „Cold Summer“, die gehauchten Vocals von Sigfusson auf den Singles „Lion Face Boy“ oder dem Titeltrack bekamen tatsächlich eine Art treibende Percussion spendiert - immer noch nicht tanztauglich, klar, aber eben weitaus offensiver als zuvor. Es sollte leider das letzte Seabear-Album bis heute werden, in der Folge konzentrierten sich die beiden Bandköpfe auf ihre Solo-Karrieren, Soley mit Piano-Geisterpop und Sigfusson unter dem Alias Sin Fang mit ambitioniertem Art-Folk.

Platz 64: Caspian - Waking Season (2012)

Die Postrock-Giganten aus Boston erfanden sich mit „Waking Season“ ein Stück weit neu, vertrauten erstmals einem externen Produzenten und öffneten die Klanggrenzen. Infolgedessen offenbarte „Waking Season“ fast schon Pop-Strukturen, mit dem wunderschönen „Gone In Bloom And Bough“ befindet sich auf der Platte tatsächlich so etwas wie ein Hit, was im vor allem Struktur zelebrierenden Postrock-Genre ein rar gesätes Gut ist - aber auch das stampfende „Hickory ´54“ konnte die überzeugen, denen das ewig gleiche Laut-Leise-Spiel schlicht zu langatmig und -weilig war. Die in sich schlüssigste Caspian-Platte war wesentlich breitwandiger und epischer inszeniert, verfügte über einen tollen Spannungsbogen und etablierte die Band zwischen Explosions In The Sky und Mogwai endgültig in der Postrock-Spitzengruppe.

Platz 63: Niels Frevert - Du kannst mich an der Ecke rauslassen (2008)

Der ehemalige Nationalgalerie-Sänger veröffentlichte mit „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ sein bis dato bestes Album, eine fast perfekte deutschsprachige Pop-Platte, nicht seine erfolgreichste leider, aber mit schlichtweg nicht einem einzigen schlechten oder bloß weniger guten Song darauf. Zwischen Kammer- und Indiepop sang Frevert zu sehr warmem, purem Instrumentarium über das Leben auf Tour („Der Typ der nie übt“), verlorene Freundschaften („Niendorfer Gehege“) oder unerträgliche Einsamkeit („Waschmaschine“) unsagbar kluge Texte mit warmem Timbre, ergänzt durch herrlich nostalgische Streicher-Arrangements. In einer besseren Welt hätte das damals jeder lieben müssen.

Platz 62: Klez.e - Desintegration (2017)

Was für ein Faszinosum, die aktuelle Klez.e-Platte, ganze acht Jahre nach ihrem dritten Album „Vom Feuer der Gaben“. Da schwelte etwas in Tobias Siebert und seiner Band: Die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft in Deutschland, ausgehend vom Mauerfall - Siebert selbst ist im Osten geboren, er hat diese Zeit des Umbruchs aktiv miterlebt und steht nun als weitgehend fassungsloser Beobachter vor den Zuständen im Jetzt. „Desintegration“ ist eine Hommage, auch an The Cure, die einst ein gleichnamiges Album veröffentlichten - vor allem im Sound, was Klez.e kurioserweise in den Fokus eines ganz neuen Publikums rückte. Mit live umgebauten Neuinterpretationen ihrer Klassiker stellten Klez.e zudem klar, dass sie immer schon eine politische Band waren; Stücke wie „Der Garten“ und sogar der Hit „Strandlied“ fügten sich plötzlich lückenlos in den anklagenden Duktus der neuen Songs um „Mauern“, „Drohnen“ oder „Flammen“ ein.

Platz 61: Midlake - The Courage Of Others (2010)

Die texanischen Folker von Midlake hatten sich auf ihren bisherigen zwei Alben mit ziemlich abgefahrenen Arrangements zwischen purem Folk und dezenter Elektronik sowie der Vermischung beider Komponenten einen Namen gemacht, „The Courage Of Others“ schlug einen ganz anderen Weg ein. Das dritte Midlake-Kunstwerk war wesentlich trauervoller und klanglich puristischer als seine beiden Vorgänger, die Drums spröde, die Bläser wenig Hoffnung spendend und der Gesang klagend und andächtig wie nie zuvor. „The Courage Of Others“ - die anderen sollen den Mut haben, aus Midlake scheint er gewichen. Trotzdem - oder gerade deswegen - wirkt diese Platte auch heute noch sehr trostspendend. „Small Mountains“ ist ihr Herzstück, wunderbar intensiv und elegisch, tiefschürfend und aufwühlend. Definitiv: Midlakes beste.


Texte: Kristof Beuthner