Artikel 28.04.2018

Nillson-Throwback! Die allerbesten Platten von 2008-2018: Platz 90 bis 76

In meinen zehn Nillson-Jahren hat sich eine ganz schöne Menge an Lieblingsplatten angesammelt. Die möchte ich gerne in den nächsten Wochen mit euch teilen: Lest hier den fünften Teil über meine 151 besten Alben von 2008 bis 2018.

Ich als Jahrescharts-Spezi war in den letzten zehn Jahren verantwortlich dafür, den Autoren auf die Füße zu treten um eine standfeste Bestenliste zusammenzutragen, auszuwerten und in Rangfolge zu bringen. Das hat mir schon Spaß gemacht, da war ich noch gar kein Teil des Nillson-Teams. Was liegt da näher als die 151 besten Scheiben (plus eine außer Konkurrenz), die mir in der vergangenen Dekade zu Ohren gekommen sind, nun für euch zu ranken?

Ihr findet hier den nächsten Teil einer Liste, die komplett subjektiv und ohne Allgemeinheitsanspruch gilt. So gesehen werden mit Sicherheit einige Platten fehlen, die ihr als einflussreicher, größer oder brillanter erachtet. Dafür könnt ihr euch mit mir erinnern, verlorene und vergessene Schätze bergen und eine kleine Zeitreise unternehmen. Geht los! Lest hier und heute die fünfte von zehn Runden und gebt euch die Plätze von 90 bis 76.

Platz 90: Wolke - Teil 3 (2008)

Oliver Minck und Benedikt Filleböck hatten auf bis dorthin zwei Alben den deutschsprachigen Kammerpop zelebriert, stets sehr spärlich arrangiert und zurückgezogen, aber sehr wahrhaftig und schmerzhaft direkt. Mit „Last Christmas“ und „Ich will mich befreien“ („I Want To Break Free“) hatten sich die zwei aber auch als Popdolmetscher etabliert; ihre Version zeigten immer wieder: It’s the singer, not the song. 2008 folgte dann „Teil 3“, der sich nach vorne traute und die Innigkeit ein Stück weit hinter sich ließ. „Hurra“ thematisierte den Hedonismus der Spaßgesellschaft („Wir schlüpfen in unsere Kostüme, ich geh als Deutschland, du als Clown. So wird uns niemand erkennen“) und „Ein guter Plan“ erzählte auf eindrucksvolle Weise vom Verschwinden der Konturen in der heutigen Zeit: „Zu viel Farbe - wir müssen alle viel blasser werden damit man uns übersieht“. Deutschsprachiger Pop war selten so stark wie bei diesen bis heute grandiosen Kölnern.

Platz 89: Shortstraw - Youthless (2015)

In Südafrika sind die Jungs eine große Nummer, hierzulande kennt sie keiner. Weil aber inzwischen dank Spotify Musik von überall problemlos verfügbar ist (ich stehe diesem Overkill nach wie vor kritisch gegenüber und verliere permanent die Übersicht), führten Recherchen über den gerade in Deutschland durchstartenden Jeremy Loops (ebenfalls Südafrikaner) zu seiner Playlist, in denen Shortstraw steckten und mit ihnen eine so große Zahl an wahnsinnig starken Indiepop-Dancefloor-Hymnen, wie wir sie zuletzt 2008 auf dem Wombats-Debüt gehört hatten. Mit „Say Anything“, „Heaps Keen“ oder „Oxygen Supply“ müssten in einer besseren Welt in jeder Indie-Disco laufen. Inzwischen hat es die Band für drei Konzerte nach Deutschland geschafft - ich bin gespannt, was da noch kommt.

Platz 88: Volcano Choir - Repave (2013)

Justin Vernon alias Bon Iver hatte seine Finger in einer ganzen Menge Projekten, und zu den besten gehörte die Band Volcano Choir, die 2013 ihr zweites Album „Repave“ veröffentlichte. Mit einem enormen Spannungsbogen zwischen Folk, Prog-Bombast, synthetischer Flächigkeit und sogar Elementen aus R’n’B und Breitwand-Pop faszinierte die Platte immens durch ihre Vielseitigkeit, und auch Vernons Stimme, die wir durch Bon Iver im Falsett so liebgewonnen hatten, zeigte ganz neue Qualitäten im Brummbass. Mit „Comrade“ hatte die Platte eine Hymne zum Bleiben, die zeigte, auf welchen Füßen „Repave“ stand: Pop, ja, aber eine eben sehr andere Art von Pop, durch all die Ecken und Kanten kaum als solcher zu identifizieren; erarbeitungswürdig, manchmal sogar schwierig, immer aber spannend und faszinierend.

Platz 87: Svavar Knutur - Olduslod (2012)

Der isländische Troubadour ist schon eine Marke. Wer ihn mal live erlebt hat, weiß, dass da der Grat zwischen schlapp lachen über seine grandiosen Anekdoten über fliegende Trampoline und ähnliches und Tränen im Knopfloch über seine zutiefst zu Herzen gehenden, sehr intimen und wahrhaftigen Folk-Songs ein schmaler ist. Mit „Olduslod“ erzeugte Svavar Knutur eine unheimlich gewinnende Atmosphäre der Heimeligkeit zwischen isländischsprachigen Glanzstücken und unvergesslichen Songs in englischer Sprache, bei denen er unter anderem Unterstützung von der hochgeschätzten Marketa Irglova erhielt. Die Songs sind in der Regel reduziert auf Stimme und Gitarre bzw. Ukulele: „Marry Me“ sprüht vor Spielwitz, „While The World Burns“ ist ein wunderbares Liebeslied im Angesicht der Apokalypse und „Humble Hymn“ ein goldglänzendes Plädoyer für unsere allzu menschlichen Schwächen: „Without our failures, there’s no redemption“.

Platz 86: Woodworkings - Day Breaks The Morning Shapes We Speak (2013)

Own Records aus Luxemburg begannen im Jahr 2012, ausschließlich auf Vinyl zu veröffentlichen - der Hype ging auch an meinem Lieblingslabel nicht vorbei. Und die edle Aufmachung passte schließlich ganz wunderbar zum qualitativ hohen Output des Labels. „Day Breaks The Morning Shapes We Speak“ hörte ich zum ersten Mal in einer schlaflosen Nacht, als ich um zwei aufstand, mich entschied, doch noch ein Glas Rotwein zu trinken und mir die Kopfhörer aufzusetzen. Ich blieb für ganze drei Durchläufe des neuen Werks von Kyle Woodworth im Sessel sitzen: So einnehmend und tief hatte ich seine an Olafur Arnalds und Nils Frahm erinnernden Abhandlungen über Verlorenes und Existentes nicht erwartet, aber diese feinst ziselierten cineastischen Klanglandschaften weckten den Glauben an die Chance eines Neubeginns - für Woodworth wie für mich.

Platz 85: José Gonzalez - Vestiges & Claws (2015)

Der Schwede mit argentinischen Wurzeln José Gonzalez gehörte schon mit seinem Debüt „Veneer“ von 2005 zur High Class der Folk-Songwriter-Zunft. Nach „In Our Nature“ von 2007 und zwei Alben mit Junip erschien 2015 mit „Vestiges & Claws“ endlich wieder ein Solo-Album, das wirkte, als sei er nie von der Bildfläche verschwunden gewesen. Er machte gar nichts anders als vorher, das reduzierte Gitarrenspiel mit den ganz dezenten Percussions, die Gonzalez durch Taps auf den Gitarren-Korpus selbst erzeugt, sind ein riesengroßes Erkennungsmerkmal des Künstlers, genau wie seine Stimme, die immer ein wenig so wirkt, als sänge er neben seinem Instrument her als dazu - mit Songs wie „Every Age“ oder „The Ink Of A Ghost“ bewies er, dass er sich gar nicht dringend weiter entwickeln muss, bei allem Respekt, sondern in der Lage ist, jedes seiner Alben qualitativ in eine gleichwertige Reihe zu stellen.

Platz 84: Chris Staples - Badlands (2008)

Wieso sollten die Leute kein Geld für Musik-Downloads ausgeben? Dachten sich auch ein paar Typen in den Staaten und kreierten eine Plattform, auf der es acht Alben auf einmal zu einem Spottpreis gab, die man im Package herunterladen konnte - der Download durfte danach weiter verteilt werden, es ging um das Verbreiten wirklich guter Musik zu einer kleinen finanziellen Anerkennung. Alles legal, alles safe. Das probierte ich aus und entdeckte in diesem Zuge „Badlands“ von Chris Staples. Bis heute kenne ich keine andere Musik von dem Typen, es gibt welche, das weiß ich, aber dieses Album war in seiner Großartigkeit genug für mich und eh nicht zu toppen. Aufgenommen in einer Kirche singt der Typ allein zur Gitarre, es hallt wunderschön, die Songs wie „One Became Two“ sind wundervolle kleine Geschichten, sehr intim, eine brillante Nacht-Platte.

Platz 83: Vampire Weekend - Vampire Weekend (2008)

Ein echt starkes Debüt von Ezra Koenig und seinen Jungs. Wobei es Bescheidwisser eigentlich nicht überraschen durfte, und auch mein Papa winkte damals dankend ab: „Das hat mir bei Paul Simon wesentlich besser gefallen“. Es stimmt schon: „Vampire Weekend“ zelebrierte eine Art Fortsetzung zu Simons legendärem „Graceland“-Album, da war unwiderstehlicher Pop, gepaart mit zappeligem Afrobeat, aber das hatte 2008 in der Musiklandschaft ein Alleinstellungsmerkmal, und die Folge war ein total verständlicher Hype. Denn die Songs waren über jeden Zweifel erhaben: „A-Punk“, „Oxford Comma“, „Mansard Roof“ oder „Cape Cod Kwassa Kwassa“ zeigten deutlich, dass man gerne alten Wein in neuen Schläuchen servieren durfte, solange die Qualität derart hohen Standart hatte.

Platz 82: Razz - With Our Hands We'll Conquer (2015)

Die Hoffnung der Indie-Szene dieses Landes liegt auf der Jugend: So war es bei Beat! Beat! Beat!, dann bei This Void, bei AnnenMayKantereit und ganz aktuell bei den Giant Rooks, und zwischendrin selbstverständlich auch bei den vier Emsländern von Razz, die schon vor Veröffentlichung ihres Debüts die Festivalszene rauf und runter gespielt hatten und für ihre Jugendlichkeit wahnsinnig reif und versiert klangen. Gespeist aus Zutaten des Retro-Rocks der Kings Of Leon und Editors-Postpunk entstand ein Album, das eine hohe Bandbreite von Musikhörern abholen konnte, vor allem aber verdammt starke Songs wie „Black Feathers“ am Start hatte. Trotz der hörbaren Reife der Jungs war gerade „Youth & Enjoyment“ das beste Stück, ein Song, der ihre Jugend zelebrierte und die Stärke von Razz als Floorfiller bewies.

Platz 81: Witxes - A Fabric Of Beliefs (2013)

Ein irrsinnig starker Soundtrack für den immer stärker einsetzenden Verlust des Lichts in der kalten Jahreszeit - das schrieb ich damals über das zweite Album der französischen Witxes, und das trifft immer noch den Kern. Großflächige Ambient-Scapes, neblig-gotisches Flair, gekonntes Changieren zwischen Lethargie und Lautstärke, zwischendurch ein die Schuhe ausziehendes Gitarren-Riff, das mit ungeheurer Drastik Unheil herauf beschwört: Die cineastische Epik, die „A Fabric Of Beliefs“ errichtet, ist im Gesamt-Oeuvre des fantastischen Denovali-Labels unvergleichlich. Allein der dreigeteilte Opener „Through Abraxas“ hätte schon für sich veröffentlicht ein tolles Album ergeben, da geht die Reise dann aber noch neun weitere Tracks. Für Musikfans mit Special Interest ist „A Fabric Of Beliefs“ nach wie vor die reinste Offenbarung.

Platz 80: Borko - Celebrating Life (2008)

Beim Release von Borkos „Celebrating Life“ auf Morr Music Anfang 2008 stellte ich in meiner Review die Frage in den Raum, ob Island möglicherweise gar eine schwebende Insel sei, anders wäre das mit diesen weltfernen, traumwandlerischen Sounds ja wohl nicht zu erklären. Im weitesten Sinne ein zwischen Ambient und Folk mäandernder Hybrid, punktete „Celebrating Life“ tatsächlich durch exzellentes Songwriting und eine hohe instrumentale Bandbreite, die über elektronische Soundflächen bis hin zu Glockenspielen, Schellen und Rasseln, dröhnende und flirrende Klangtupfer und allerlei klassisches, analoges Instrumentarium einen irren Trip offenbarte. „Celebrating Life“ war das beste Efterklang-Album, das Efterklang nicht geschrieben hatten - und wir durften uns glücklich schätzen, die anschließende Tour von Borko, gemeinsam mit Seabear, zu präsentieren.

Platz 79: Mando Diao - Infruset (2012)

Nachdem sich Mando Diao mit ihrem Kirmes-Hit „Dance With Somebody“ für Indie-Puristen auf schmerzhafte Weise unmöglich gemacht hatten, muss ich zugeben, dass auch ich mit ihnen irgendwie fertig war. Nur aus alter Verbundenheit hörte ich mir „Infruset“ dann doch an, und aus Interesse an der spannenden Prämisse. Denn die Platte sollte nicht dort anknüpfen wo „Give Me Fire“ aufgehört hatte, sondern bot in schwedischer Sprache gesungene Folk-Vertonungen von Gedichten Gustav Frödings die so ziemlich unwahrscheinlichste Fortführung ihres Band-Oeuvres. Aber diese Unberechenbarkeit sollte sich als Stärke herausstellen; die Rückkehr zu naturbelassenen Song-Arrangements war das beste, was dieser Band passieren konnte. Es überrascht nicht, dass die Platte kein großer Erfolg hierzulande war, trotzdem ist es für mich das beste Mando-Diao-Album seit dem Durchbruch mit „Hurricane Bar“.

Platz 78: Get Well Soon - Love (2016)

Ihr viertes Album war zugleich ihr am wenigsten starkes - so muss man das formulieren, denn von Schwäche zu sprechen, wird Konstantin Gropper einfach nicht gerecht. Ja: „Love“ war anders, zeigte die Liebe in all ihren Facetten auf und nicht nur in ihrer Zerstörungswut, jubilierte, schwelgte in himmlischen Sphären - und wirkte dann dadurch eben nicht immer so intensiv nach wie seine drei Vorgänger. „It’s Love“, „It’s A Catalogue“ oder „33“ sind aber im Gesamtkatalog von Get Well Soon inzwischen unverzichtbare Größen, und gerade die drei herauszupicken, zeigt die Stärke von „Love“ ganz gut auf: Die Malaise mit der Liebe, wenn sie krankhafte Züge annimmt (wie in dem grandiosen Video mit Udo Kier), das himmelhoch Jauchzende, dass sie evoziert und das Weinen im Taxi sind nur drei Facetten, die Groppers Band hier plastisch darstellt. So ist „Love“ trotzdem völlig wundervoll.

Platz 77: Die höchste Eisenbahn - Schau in den Lauf, Hase (2013)

Ursprünglich bestand das Projekt Die höchste Eisenbahn aus Teles Francesco Wilking, Moritz Krämer und Gisbert zu Knyphausen, und man mag sich gar nicht vorstellen, wie großartig „Schau in den Lauf, Hase“ geworden wäre, wenn letzterer dann immer noch beteiligt gewesen wäre. So wurde die Band um Wilking und Krämer von Alleskönner Max Martin Schröder und Tausendsassa Felix Weigt ergänzt und bot in einer ungeheuren musikalischen Bandbreite zwischen Folkpop, Funk und 80s-Referenzen Songs aus der Feder ihrer beiden Köpfe, mal gemeinsam, mal schon vorher in Einzelarbeit entstanden, wie Moritz Krämers fantastisches „Aliens“, das Außerirdischen, die auf der Erde landen, anhand eines an einem Bahnhof entstandenen Handy-Videos die Menschheit erklären: „Da war so viel Freude und alle waren so schön, sie hatten Kinder und einen Ort wo sie herkamen und einen neuen, wo sie hingehen - und was wir, was wir haben wollen, es liegt vor uns“.

Platz 76: Kid Kopphausen - I (2013)

Zu den tragischsten Toden von Musikern in den letzten zehn Jahren gehörte ohne Frage der von Finks Nils Koppruch, der an einer verschleppten Grippe viel zu jung verstarb und ein riesengroßes Loch hinterließ. Unmittelbar vorher hatte Koppruch sich noch mit dem großen Gisbert zu Knyphausen für das gemeinsame Projekt Kid Kopphausen zusammen getan, sie hatten ein fantastisches Album namens „I“ veröffentlicht, auf dem sie ihre Liebe für verschroben-innige Lyrik zu rumpeligem Folk und Country frönten und wollten auf Tour gehen, sie hatten mit „Das Leichteste der Welt“ eine so schöne Hymne für die Menschlichkeit geschrieben, die mir immer noch Gänsehaut bereitet („Es gibt Menschen, die diese Welt durchaus rechtfertigen, die durch ihr bloßes Dasein anderen Menschen leben helfen - die lieben und lieben und lieben und lieben und lieben, als wär’s das Leichteste der Welt“). Es sollte Nils Koppruchs Vermächtnis sein, er wird nach wie vor schmerzlich vermisst.


Texte: Kristof Beuthner