Artikel 14.08.2017

Schietwetter und Ostfriesen-Eistee: Nillson beim Großefehn Open Air 2017

Im Jahr 2013 starb mit Omas Teich eine ostfriesische Festival-Institution. Aber seit zwei Jahren gibt es wieder Hoffnung: Beim Großefehn Open Air ist alles klein und endlich wieder da, wo bei einem Festivalwochenende der Spaß aus sich selbst heraus entsteht.

„Wie geil das ist“, beginnt einer der zentralen Sätze des Wochenendes, „für einige fängt hier und heute Geschichte an“. Geschichte - oder Geschichten. Vom ersten Festivalrausch, von Papa hingebracht und abgeholt, vom auf den Geschmack kommen, vom Stroh werfen, vom im Matsch waten, vom Abstürzen und sich an die letzten drei Bands nicht mehr erinnern können und von der Liebe zu einem Lebensgefühl. Das Großefehn Open Air ist eines dieser Festivals, die ein perfekter Startschuss sein können.

Das war schon beim Vorgänger - offiziell oder inoffiziell, wie man eben mag - so. Das Omas Teich Festival war eine Institution im ostfriesischen Großefehn. Weil eben das alles passiert ist: Weil es für viele, die auf dem platten Land mit ihrer Liebe zur alternativen Musik allein waren, weil es kaum noch Rockschuppen gibt in denen man moshen und springen kann, einfach nie die Gelegenheit gab, sich mal auszuleben. Bis die Abi-Party von ein paar guten Typen plötzlich zum Festival wurde und von da ab immer größer, erst langsam und plötzlich viel zu schnell, bis man auf einmal, vielleicht vernebelt von Hype und Hybris, dachte, man könnte in Großefehn ein zweites, kleineres Hurricane schaffen. Doch was die Jungs und Mädels von Lake Entertainment nicht ahnten: Die Masse an Menschen, die für Bands wie Wir sind Helden, Deichkind, am Ende sogar Maximo Park und die Editors nach draußen reisen wollten, war so groß nicht. So sehr das Festival wuchs, umso teurer musste es werden, zwangsläufig und klar, aber am Ende kamen einfach zu wenige. Man versuchte die Kooperation mit der Agentur, die in Berlin auch das Greenville vor die Wand fuhr - und die letzte Omas Teich-Ausgabe im Jahr 2013 starb wegen ausgebliebener Gagenzahlungen und dann doch deutlich zu wenig verkaufter Karten einen Tag vor dem Festival. Lake Entertainment war bankrott. Omas Teich war Geschichte.

Ein Festival, das vor allem durch seine Bodenständigkeit Aufmerksamkeit erregt hatte; das so natürlich und geerdet war wie die Menschen in Ostfriesland; das genau darin seinen Reiz hatte, dass man hier aus den nahen Orten gebracht und geholt werden konnte, wenn man nicht zeltete, was oft aber sogar schöner war, denn alle aus dem Abi-Jahrgang oder dem Jugendzentrum waren ja dabei, aber der Weg in das sichere Jugendzimmer mit den Rise Against-Postern an der Wand war nah, die Eskalation eine sichere, behütete. In „Omas guter Stube“ konnte nach den Konzerten mit den Bands Tee mit Kluntje getrunken und über das Leben philosophiert werden, und ein Ticket fürs Teichwochenende war vom Taschengeld absolut bezahlbar. Als ich 2005 zum ersten Mal kam, hießen die bekanntesten Bands Smoke Blow, Olli Schulz und der Hund Marie und Blackmail. 2013 hätte die Bloodhound Gang spielen sollen. Das Omas Teich verlor seinen Charme und seine Gäste. Und doch: „Es ist eine Schande, dass es nicht mehr da ist“ - das sagt an diesem Wochenende im August 2017 auch der Sänger der Hamburger Punkband Montreal, die 2009 zum ersten Mal am Teich waren, als das Festival noch auf dem alten, dem kleinen und muggeligen Gelände stattfand. Und selbstverständlich völlig absoff, denn auch das gehörte zu Omas Teich: Dass die Regengüsse die Äcker in Großefehn innerhalb kürzester Zeit und knietiefe Schlammwüsten verwandelten und diese ersten, elementaren Festivalerfahrungen zu einer echten Odysee machten, von der man am Ende froh und glücklich erzählen konnte, dass man sie überstanden hatte.

Bei all dem, was sich seither im Festivalmarkt bewegte, bei all dem Hype, den der Besuch eines Musikfestivals bei jungen Menschen in den Jahren davor ausgelöst hatte und bei all den emporgeschossenen hippen Festivals, die ihren Fokus auf den Eventcharakter legten oder sich mit großen Namen überboten, ohne jemals eine Seele entwickelt zu haben, fehlte ein Festival wie das Omas Teich, das originell war und unabgehoben, aber trotzdem noch über ein ausgezeichnetes Booking verfügte - im Kleinen, versteht sich, ohne aber allein auf JuZ-Punkbands zu bauen (obwohl die auch dazugehörten wie der Matsch und die Teichgames). Für Großefehn sowieso, für die Region ganz besonders.

Als vor zwei Jahren eine Firma namens Ubben Events das Großefehn Open Air ins Leben rief, gab es  noch zusehends Skepsis, gepaart allerdings auch mit unheimlichem Wohlwollen und immenser Vorfreude. Denn die Richtung ging back to the roots: Eine Bühne. Super Preise. Fünf Bands, darunter Jupiter Jones, die den Vorgänger gut kannten, und die Großefehner Institution Fat Belly, ebenfalls teicherfahren; im Jahr darauf konnte man mit Turbostaat noch eine Band verpflichten, die damals am Teich zu den Dauergästen zählte. Die Tickets konnte man, wollte man sie nicht zuhause drucken, in der Gaststätte Tinis Kroog in Spetzerfehn, der Rockkneipe Schlappohr oder beim Verkehrsverein Aurich erwerben. In Großefehn gab es plötzlich wieder ein Festival aus dem Ort und für die Jugend dort und im Umland.

Nun - im August 2017 - ist es endlich auch für mich soweit. Die Überschneidungen des Festivalsommers hatten mich immer vom Zurückkommen abgehalten, dieses Jahr passt die Reise in die Heimat wieder in den viel zu engen Zeitplan. Und sofort fühle ich mich wieder wie damals, 2005, bei meinem ersten Omas Teich. Ein Papa bringt vier Jugendliche mit dem Auto, sie tragen Shirts von Punkbands, deren Namen ich nicht kenne, und kaum ist Papa um die Ecke gebogen, ziehen sie die heimlich (und vermutlich aus dem Kühlschrank der Eltern stiebitzten) Bierflaschen aus der Tasche und grinsen sich bedeutungsvoll an. In der Bändchenschlange werden Treffpunkte für nachts vereinbart, denn einen richtigen Campingplatz gibt es nicht, diese Option fällt also flach, und egal wie dieser Abend endet, es wird im eigenen Bett sein, aber bis dahin ist Freidrehen und Ausbrechen die Devise.

Mein Trupp an Verrückten von vor zwölf Jahren fällt mir wieder ein; wir hatten uns aus Lustigkeit „Punk’s not Dad“-Shirts gedruckt und kriegten Sprüche, aber das war uns egal, denn wir hatten diese zwei Tage und den Matsch und den Sound, und den Matsch, den gibt es auch beim Großefehn Open Air, weil es, typisch für Ostfriesland, natürlich in den Tagen davor sattes Schietwetter gegeben hatte und Sintfluten niedergegangen waren, so dass die Gummistiefel hier der wertvollste Besitz sind, weil das Gelände längst eine Matschwüste ist. Ich warte im Gedränge auf den Einlass und steuere erstmal die nächste Bierbude an - das Lebenselixier des Festivalisten kostet hier 2 Euro. Völlig aus der Zeit gefallen. Völlig gut. Cola-Korn gibt’s natürlich auch, wir sind hier nicht in der Stadt, Diggi. Das Highlight ist der Ostfriesen-Eistee, der mit echtem Ostfriesentee und Zitronenlimo angesetzt ist und unfassbar lecker schmeckt. Ick bün to huus.

Wo überall die Foodtrucks aus dem Boden schießen um organisch, biologisch und nachhaltig sehr leckeres und ausgefallenes, aber eben auch sehr teures Essen an den Festivalbesucher zu bringen, ist hier in Großefehn die Zeit irgendwie stehen geblieben. Bei der Ostfriesen-Räucherei gibt es total bezahlbare Fischbrötchen, der Campen Grill verkauft Pulled Pork-Burger (insofern ist das Großefehn Open Air durchaus im Jetzt gelandet) und den „Ostfriesen-Döner“ und Pizza gibt es beim großen Wagen vom „Kirmes Ristorante“, der zusammen mit den guten Typen vom Champignon-Stand vermutlich sonst eher Halt auf den Schützenfesten in der Umgebung macht. Nur ein Foodtruck hat sich hierhin verirrt; vom sehr teuren „Madsen Burger“ aus Black Welsh-Rindfleisch spendet der Headliner 2017 pro verkauftem Burger einen Euro an die bessere Versorgung von Schulkantinen. Das ist nicht hip, das ist nicht trendy, aber das ist alles großartig und schmeckt vorzüglich.

Das Lineup gerät bis auf wenige Ausnahmen eigentlich zur Nebensache; für mich jedenfalls. Es ist Zugpferd eines jeden Festivals, das ist sonnenklar, und mit der Verpflichtung von Madsen, die einfach eine unheimlich gute Liveband sind und ein Greatest Hits-Set im Gepäck haben, das wirklich jeder hier Zeile für Zeile mitsingen kann, haben die Großefehner einen echten Coup gelandet. Die Jungs sind auch damals schon beim Teich gewesen, genau wie Montreal, genau wie die Spinner (im positiven Sinn!) von Knallfrosch Elektro, die mit einer fulminanten Show und einem anschließenden DJ-Set das Großefehn Open Air dieses Jahr nach Hause bringen. Tonbandgerät spielen Indiepop mit sehr einfachen Texten und greifen etwas zu fokussiert ans Radio-Airplay, aber sie tun das äußerst sympathisch und feuern am Ende sogar eine Konfetti-Kanone ab. Massendefekt spielen genau den breitbeinigen Punkrock, den man auf solchen kleinen Festivals hören will (auch wenn man’s zuhause eher nicht tut). Mit den Giant Rooks hat man sogar einen der derzeitigen Indiepop-Überflieger gebucht; die immer noch unverschämt jungen Jungs brauchen aber leider zu lange für den Soundcheck und müssen sich durch ihr Set beeilen, aber das tun sie mit dem gewohnten Charme und jeder Menge Spaß dabei. Die einzige Fehlbesetzung sind Lion’s Head, die man aus dem Radio kennt („I Hope You’re Here When I Wake Up“, einen der nervtötendsten „Hits“ des letzten Jahres) und deren Dancepop irgendwie so gar nichts verloren hat hier und heute. Aber sonst? Floppy Dee haben den Bandcontest um den Opening Slot gewonnen, Grillmaster Flash und Anchors & Hearts sind genau wie Until The Moment Comes super Bands, die den Spirit eines solchen kleinen und unprätentiösen Festivals mit ihrem Rocksound jeglicher Lesart auf unvergleichliche Weise tragen. Jede Band, die hier auf der Bühne steht, verbreitet tolle Stimmung, macht Spaß, hat Bock. Alles richtig gemacht.

Klar: Omas Teich ist noch in aller Munde. Die, die dabei waren, kommen wieder, weil es sie zurückbringt in eine Zeit, in der die Welt hier in Großefehn noch in Ordnung war. Als es hier noch keinen Stand von Mario’s Pizza gab und keine Kaiser Chiefs. Genau wie ich. Die vielen, vielen jungen Menschen - wir haben mal nachgefragt - kommen aus Großefehn direkt, aus Aurich, aus dem Raum Leer (wo es einst das tolle und ebenso herrlich bodenständige Rock am Deich gab, das schon 2006 das Zeitliche segnete, zu seiner letzten Ausgabe aber immerhin neben Madsen und The Robocop Kraus die damals als next big thing gehandelten Briten von Art Brut am Start hatte). Und, um auf den eingangs zitierten Satz zurückzukommen: Sie schreiben hier Geschichte, sogar Madsen sagen das in einem ihrer bekanntesten Songs. Wenn es ihr erstes Festival ist, möchte ich in den Stunden der Ausnüchterung nicht in ihrer Haut stecken, kann mir aber die vielen Anekdoten und Döntjes von diesem Tag auf den nächsten Geburtstagsparties sehr gut vorstellen. Viele kennen (das sieht man deutlich am Outfit) das Hurricane schon, aber beim Großefehn Open Air ist alles viel privater und heimeliger, das ist der berühmte „Kleine“, den man sich neben einem Besuch bei den Big Playern gut noch leisten kann, genau wie es früher war.

Und auch, wenn das mit dem „früher“ jetzt so nostalgisch klingt: Es ist gut so. Ein anderer toller Satz in einem der vielen Bierstand-Gespräche ist: „Schlimmer als Durst ist nur Heimweh“. Als Omas Teich damals starb, schrieb ich einen langen Artikel über die neuen Orientierungen am Festivalmarkt, die Eventwerdung so vieler liebgewonnener Reiseziele, die Selbstüberschätzung und den Fluch des Vergessens, von wo man kam. Damals schrieb ich: „Vielleicht muss man den Rückschritt planen. Sich konsolidieren und mit dem alten Publikum versöhnen, es zurück holen, sich auf das Wesentliche besinnen.“ Ob das Großefehn Open Air nun der offizielle oder der inoffizielle Nachfolger von Omas Teich ist: Genau das, der Start bei null (na ja, nicht ganz bei null, lebt das Festival doch deutlich von den Gedanken an Omas Teich), das Konsolidieren, das Versöhnen und Zurückholen des alten Publikums (oder besser: Des Publikums, das genauso denkt wie damals) und das Besinnen aufs Wesentliche, all das ist gelungen, all das ist hier zu finden.

Festivals wie diese sind nötig und wichtig, um zu zeigen, worum es dabei eigentlich geht: Freiheit, Ausbruch, Musik und Bier. Kein Yoga, kein Matcha-Tasting, kein Riesenrad, keine Campresorts. Es ist wunderbar, dass Ostfriesland sein Festival zurück hat. Ich schrieb damals auch, dass nun, wo Omas Teich gestorben war, ein Wochenende im Sommer traurig und leer bleiben wird. Ich darf mit Freude verkünden: Es kann wieder gefüllt werden.

Oder, um es mit den Worten der Sportfreunde Stiller zu sagen: „Und das Schöne daran ist, dass es all das wirklich für mich gibt. Wer hätte das gedacht - es ist ein Heimatlied“.


Text und Fotos: Kristof Beuthner