Artikel 22.12.2015

Still um Mutter – ein Konzertrückblick

Um eine der noch immer verfolgenswertesten Bands auf dem wuchernden Feld deutschsprachiger Gitarrenmusik herrschte in diesem Jahr fast komplette Stille. Nach der Veröffentlichung ihres Albums »Text und Musik« im vergangenen Jahr und der dazugehörigen Tour haben Mutter 2015 lediglich zwei Konzerte (in Berlin und in Hamburg) gespielt. Ansonsten war wenig von der Band zu hören. Da Mutter zu den Bands gehört, die deutschsprachiger Musik in den 90ern und danach neue Formen und Inhalte gegeben haben und, unter anderem auch deswegen, ihre Musik Musik ist über die gesprochen werden sollte, folgt hier ein Rückblick auf das Mutter-Konzert am 21.05.2015 im Berliner Westgermany. Deutschsprachige Musik entwickelt sich auch auf anderen Ebenen noch weiter als denen, über die im Laufe dieses Jahres vornehmlich geschrieben wurde.

Mit den sieben neuen Songs, die Mutter in den fast anderthalb Stunden aufgeführt haben, bewegt die Band sich einen Schritt weg von dem, was auf »Text und Musik« zu hören war. Der Titel »Text und Musik« schien banal, doch war die Rückbesinnung auf klassischen Formen – der Songtexte, der Melodien – alles andere als das. Im Kontext des restlichen Werkes der Band betrachtet, waren die Stücke auf »Text und Musik« überraschend einfach in ihren Beobachtungen und schön. Der Titel passte zu den Songs auf dem Album, insofern als Mutter dort versucht haben, tatsächlich einfach Lieder zu schreiben – mit Text und Musik als den einzigen beiden Operationsbereichen, in denen anstatt viel zu experimentieren, eher versucht wurde sauber und gewissenhaft zu arbeiten und die textlichen und musikalischen Ergebnisse in Einklang zu bringen.

 

Auf die neuen Songs, die Mutter im Mai im Berliner Westgermany präsentiert hat, träfe der Titel »Text und Musik« in anderer Weise zu, mit Betonung auf der in ihnen ausgedrückten Verknappung nämlich: das Herunterbrechen und Minimalisieren von Text und Musik anstatt ihres In-Einklang-Bringens. Wie bei früheren Songs der Band werden die wenigen Song-Elemente der neuen Lieder ewig wiederholt; Gitarre, Bass oder Keyboard brechen dabei immer wieder aus in freies Spiel, während der Rest der Gruppe stoisch fortfährt und Max Müller um seine wenigen Textzeilen kreist. Beim ersten Stück besteht der Text sogar nur aus einzelnen ausgestoßenen Silben Müllers – Phoneme, die nichts direktes Bedeuten, aber Indikatoren für die neue alte Wortpraxis Müllers sind: Wiederholung und Unbestimmtheit erzeugen die Wirkung der Worte: Am Ende eines Songs etwa wird nach der Textzeile »du hast keine Ahnung, / wer du gewesen bist« der Satz »das bist du nicht« endlos oft wiederholt.

Die Zeilen werden insgesamt wieder weniger, die Wortwahl beschränkt sich auf einfache Begriffe und die Anrede ist in den meisten Liedern das direkte Du. Das erzeugt eine Uneindeutigkeit, die fragen lässt, auf welche Textzeilen Max Müller sich festlegt, welche also seine eigene Haltung repräsentieren und welche der Zeilen nur Beobachtungen sind, die als wertend erscheinen könnten, falls man sie als Künstleraussagen liest, aber nicht zwingend solche sind. Die Textzeilen werden erst im Hörer und in der Hörerin zu Botschaften. (Außer vielleicht wenn Max Müller im Intro eines Songs von der Schönheit von Hilfsbereitschaft im Alltag erzählt und man das als ehrlich verstehen muss. Wie zuletzt sind die Texte, soweit sie zu verstehen waren, zunehmend hoffnungsvoller.) Was an Mutter bei diesem Konzert beeindruckt, war ihr stures Sich-Einschränken – in seiner konsequenten Ausführung und den Wirkungen, die es mit sich bringt.

 

Dass Mutter für ihre vergangenen Alben immer eine gewisse Aufmerksamkeit (im Feuilleton) bekommen haben und dass sie aber trotzdem Konzerte in kleinen Läden wie dem Westgermany spielen, zu denen offenbar kaum jemand, der*die die Band nicht sowieso schon länger hört, kommt, spricht möglicherweise wohl gegen das, was vor längerer Zeit einmal möglich gewesen zu sein schien (und heute vielleicht noch ein Stück weit im Deutschrap möglich ist): mit deutschsprachiger Musik noch eine Relevanz zu erreichen, die über die eigene Kreise hinausreicht. Wer die Band nicht sowieso schon als mögliche Instanz für eine Aussage, die mich/dich/uns irgendwie ansprechen könnte, anerkennt, dem*der wird wohl auch nichts verlorengehen, wenn er*sie Mutter kein Gehör schenkt. Diejenigen, die es wissen, hören sowieso schon zu. Was wahrscheinlich auch Max Müller weiß, wenn er die meiste Zeit mit dem Gesicht nicht zum Publikum, sondern zur Band auf der Bühne gewendet steht.


Text: Aiva Kalnina


Am 26. Februar 2016 spielen Mutter anlässlich der Schließung des Antje Øklesunds in Berlin das allerletzte Konzert dort:

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Mutter sind:

Julie Miess, Michael Fröhlich, Florian Koerner von Gustorf, Olaf Boqwist und Max Müller

 

Mutter – Homepage

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