Rezensionen 04.05.2017

The New Year - Snow [Grand Hotel van Cleef / Indigo]

Herrliches Leisetreten, stimmungsvoller Slowcore, irgendwo zwischen entschleunigten Notwist, Savoy Grand und Spain: Die Kadana-Brüder sind nach satten neun Jahren Schaffenspause mit einem wunderschönen neuen Album zurück.

Würde ich behaupten, ich hätte das Erscheinen von „Snow“ förmlich herbeigesehnt, müsste ich lügen, denn The New Year, die brüderliche Kollaboration von Matt und Bubba Kadane, hatte ich bis dato gar nicht auf dem Zettel. Das ist von daher sicherlich kein Wunder, da The New Year sicherlich eine der Bands sind, die man leicht übersieht. Ohne große Geste, in ihrem Stoizismus manchmal beinahe schon kontemplativ, veröffentlichten die beiden zuvor schon drei Alben aus minimal-aufwändigem Americana, emotional, aber eben leise, zurückgezogen und bodenständig. Lauscht man jetzt dem neuen, via Grand Hotel van Cleef (das damit auf brillante Weise an Zeiten anknüpft, in denen man durch das Hamburger Herzenslabel eine gewisse Band namens Death Cab For Cutie mit ihrem Opus Magnum „Transatlanticism“ herangeführt wurde) erschienenen vierten Werk „Snow“ fällt vor allem auf, dass Zeit für manche Musik eine schlicht relative Entität darstellt, so sorgsam aufgeschichtet und bar jeder Einordnung in einen bestimmten Kontext oder ein klar definiertes Bild von Trend und Zeitgeist präsentieren die Kadane-Brüder ihre zehn neuen Mini-Epen. Ein bißchen Pavement-Roughness, die Schwerfälligkeit von Josh Hadens Spain und die tiefe Melancholie von Savoy Grand haben auf den bisherigen Alben „Newness Ends“, „The New Year“ und „The End Is Near“ das Bild bestimmt, und genauso ist es auf „Snow“, das, hat man sich mit dem Backkatalog der Band erst auseinander gesetzt, lückenlos an das bisherige Oeuvre der beiden ansetzt. Die lässig in purem Understatement ruhenden Percussions, die immer so ein wenig dahingestrichen wirkenden Gitarren, die teilnahmslos melancholischen Vocals - das ergibt zurückgelehntes, manchmal in seiner Ruhe fast schon resignatives Werk. Wenn das wunderbare „Myths“ sich aus seinem Slowcore langsam in dezent angefrickelten Jazz erhebt, man sich aus der Trance erweckt fühlt und sich schläfrig die Augen reibt, der Fuß beginnt, langsam zu wippen, singt Matt Kadane nur eine Zeile, um die Richtung von „Snow“ deutlich zu machen: „There’s no reason to celebrate“. Und dann tragen elegische Orgeln das Stück nach Hause. „Myths“ ist das Herzstück der Platte, das mit dem grandios schwelgerischen „The Party’s Over“ und dem für The New Year-Verhältnisse fast schon stürmischen „Recent History“ gleich zwei potenzielle Singles bietet, die in eure diesjährigen Rotwein-Playlists gehören wie Regen zu einem Sofatag. So wunderbar entrückt wie zu diesem Album ließ sich zuletzt zu Rivulets‘ brillantem „I Remember Everything“ aus dem Fenster ins Grau starren, und das ist immerhin schon zwei Jahre her. Man wird den Kadane-Brüdern auch nach diesem Album noch nicht die Welt zu Füßen legen, doch das ist auch gar nicht nötig. Das hier ist Lo-Fi-Slowcore-Americana in stiller Schönheit, die tief betört und nachhaltig beeindruckt.


Text: Kristof Beuthner