Neuigkeiten 12.09.2017

Überbordende Überforderung! Nillson empfiehlt das Reeperbahn Festival 2017

Sooo, liebe Freunde, nun geht’s los: Das Reeperbahn Festival läd vom 20. bis zum 23.9. nach Hamburg ein und lockt wieder mit überbordender Überforderung. 700 Konzerte, alles natürlich parallel, und das Leute treffen dazwischen ist natürlich das Schönste. Was hilft? Ein Plan.

Und das ist gar nicht so einfach. Denn die Genres beim Reeperbahn Festival, Europas größtem Showcase-Event, sind vielfältig; die vielen unbekannten Bands und Künstler entdeckens- und die großen Namen wiedersehenswert. Wo soll man da mit Empfehlungen anfangen? Sie können nur subjektiv sein, und nichts anderes werden wir versuchen, zu erfüllen.

Einen sicherlich höchst stilvollen Festivalbeginn bekommt man am Mittwoch mit dem zeitgenössischen Pianisten Martin Kohlstedt. Der wird um 20:30 eine Festivalneuheit einweihen: Den Festival Dome im neu gegründeten Festival Village. Das steht in diesem Jahr erstmals auf dem Heiligengeistfeld und ersetzt quasi das bunte Treiben auf dem Spielbudenplatz, wo aber nach wie vor die Siebdruck-Poster-Ausstellung und einiges anderes stattfindet. In diesem kuppelartigen Zelt wird Martin Kohlstedt an allen vier Abenden sein neues Programm namens „Currents“ vorstellen, das ein audiovisuelles Happening verspricht: So wird zu Kohlstedts Performance eine 360°-Video-Installation die Innenseite des Festival Domes bestrahlen. Das kann nur toll werden. Das muss man an einem der Abende mal schaffen.

Überhaupt stehen die neuen Komponisten zeitgenössischer Klassik (die Experten nennen das ja auch „Contemporary“) wieder hoch im Kurs beim Reeperbahn Festival: Am Freitagabend wird das immer noch recht frische Berliner Label Neue Meister einen Klavierabend veranstalten und vier verschiedene neue Pianisten vorstellen, darunter Kai Schumacher, dessen Album „Beauty In Simplicity“ gerade bei uns rauf und runter läuft; außerdem John Kameel Farah, Damien Marhulets in Zusammenarbeit mit Marina Baranova und der großartige Federico Albanese, der neben seinen beiden wunderschönen Werken „The Houseboat & The Moon“ und „The Blue Hour“ sicherlich auch einen Vorgeschmack auf sein 2018 erscheinendes, drittes Album mitbringt.

Die zwei größten Namen, die wir auf unserer Liste haben, sind Fink und Maximo Park. Erstere, die Band um den äußerst charismatischen Fin Greenall, sind in diesem Jahr überaus produktiv gewesen. Auf „Finks Sunday Night Blues Club, Vol. 1“ widmeten sich Greenall und seine Band ausschließlich herrlich erdig-bodenständigem Blues (wie der Name schon sagt); an diesem Freitag (15.9.) erscheint außerdem mit „Resurgam“ auch das neue reguläre Album von Fink. Wir erinnern uns noch mit Gänsehaut an unser letztes Zusammentreffen in Hamburg vor zwei Jahren und finden, dass man das gesehen haben muss. Ähnliches gilt pauschal für Maximo Park. Die Briten um Paul Smith haben zwar mit fortschreitendem Dienstalter einiges an Intensität und Faszination eingebüßt - auch das in diesem Jahr erschienene Album „Risk To Exist“ sorgte wieder für mehr Stirnrunzeln als Begeisterung - aber sie sind natürlich trotzdem seit nunmehr über einem Jahrzehnt treue Begleiter in unseren Playlists. Songs wie „Books From Boxes“, „Apply Some Pressure“ oder „Our Velocity“ sind gemacht um live gespielt zu werden, und da ist ein Wiedersehen immer wieder wunderbar.

Was die Geheimtipps angeht, empfehlen wir vor allem ein Konzert der Holländer von My Baby. Die spielen eine Art technoiden Ethno-Psych-Folk-Rock, und das ist genau so abgefahren, wie es klingt. Seit diesem Jahr sind My Baby bei unseren Freunden von Glitterhouse Records gesignt, das steht eh für hohe Qualität. Ebenfalls mehrere Chancen bekommt man auf ein Konzert der neuen britischen Indie-Hoffnung INHEAVEN, die von Strokes-Sänger Julian Casablancas produziert werden und mit „Regeneration“ einen der Indie-Schminie-Tophits des Jahres mitbringen. Super wird auch das Konzert von Courtney Barnett-Freundin Jen Cloher in Angie’s Nightclub - ähnlich intensiv und verschroben schichtet die Dame ihre bedeutungsschwangeren Folksongs auf. Das verspricht ein Fest.

Ganz besonders freuen wir uns auch auf die Leoniden, die ebenfalls gleich mehrfach im Timetable stehen. Am besten gibt man sich diese losgelöste, freigedrehte und hochenergetische Mixtur aus Indierock, Soul, Jazz, Elektronik und Pop gleich am Mittwochabend im Mojo. Zeal & Ador spielen Black Metal mit afrikanischen Elementen - das klingt abgefahren, und das ist es auch. Die ganze Weite isländischen Postrocks mit Hang zu Metal-Brachialität eröffnen uns Solstafir am Samstag; Arcane Roots stellen ihr neues Album „Melancholia Hymns“ vor, das seinem Namen alle Ehre macht, und auch The Districts haben eine neue Platte am Start, die wieder auf herrlichste Weise und schön Lo-Fi grandiose Melodien und 90er-Grunge miteinander verquickt. Die werden uns am Samstag einen grandiosen Festivalabschluss bescheren - wenn man nicht noch zur Techno-Blaskapelle MEUTE in der Großen Freiheit abzappeln geht (was aber ebenfalls wärmstens empfohlen werden kann).

Ja, und wer das alles nicht schafft, der lässt sich einfach treiben, von hier nach da und von hüben nach drüben. Der darf mal die Blicke ein bißchen schweifen und sich inspirieren lassen. Denn nirgendwo anders als beim Reeperbahn Festival geht das besser. Also: Lehnt euch zurück, entspannt euch, lest unseren Plan, genießt es. Wir sehen uns dort!

Karten wird es übrigens natürlich immer noch in unterschiedlichen Konstellationen am Ticket Counter im Festival Village geben. Ein Vier-Tages-Ticket kostet 95 Euro. Ein Drei-Tages-Ticket von Donnerstag bis Samstag liegt bei 85 Euro. Möchte man nur Freitag und Samstag kommen, bezahlt man 75 Euro. Tageskarten kosten für Mittwoch 30 Euro, für Donnerstag 35 Euro, für Freitag 40 Euro und für Samstag bei 50 Euro. Nicht inkludiert sind darin übrigens die erstmals auch in der Elbphilharmonie stattfindenden Konzerte (u.a. von Dillon und Owen Pallet), denn dafür hätte man sich vorher anmelden müssen - was natürlich alle schon gemacht haben. Aber auch sonst gibt es ja herrlich viel zu sehen, da sollte das nicht so schwer ins Gewicht fallen.

Unser Reeperbahn-Festival-Laufplan, mit Genre dazu:

Mittwoch, 20.9.2017

20:30 - 21:30, Festival Village/Dome: Martin Kohlstedt performing „Currents“ (Neoclassical)
22:00 - 22:50, Angie’s Nightclub: Jen Cloher (Folk)
22:45 - 23:45, Kaiserkeller: Skinny Lister (Folkpunk)
23:30 - 00:15, Mojo: Leoniden (Abriss)

Donnerstag, 21.9.2017

16:30 - 17:00, Molotow: My Baby (Ethnofolktechno)
20:00 - 21:00, Knust: Zeal & Ador (African Black Metal)
21:40 - 22:40, Knust: Arcane Roots (Grandezza)
23:10 - 00:20, Docks: Maximo Park (Indierock)

Freitag, 22.9.2017

12:00 - 12:30, Molotow Backyard: Steve Smyth (Blues)
12:30 - 13:00, Molotow: Joel Havea Trio (Sommerfolk)
13:30 - 14:00, Molotow: Gold Class (Postpunk)
14:30 - 15:00, Molotow: Tinpan Orange (Folk)
15:00 - 15:30, Molotow Backyard: Dean Lewis (Surferboy)
15:30 - 16:00, Molotow: The Lazys (Rock)
19:15 - 19:55, Sommersalon: Egopusher (Jazz/Elektro)
20:00 - 21:10, Große Freiheit 36: Fink (Blues/Folk)
21:15 - 22:00, Resonanzraum: Damien Marhulets (Neoclassical)
22:30 - 23:15, Resonanzraum: Federico Albanese (Neoclassical)
22:50 - 00:00, Uebel & Gefährlich: Timber Timbre (Folk)
00:40 - 01:30, Uebel & Gefährlich: Omar Souleyman (Syrian Techno)

Samstag, 23.9.2017

15:00 - 15:30, Molotow Backyard: INHEAVEN (Indierock)
16:00 - 16:30, kukuun: Old Cabin (Folk)
19:30 - 20:15, Knust: Dangers Of The Sea (Folk)
20:30 - 21:30, Mojo: Songhoy Blues (African Blues)
21:20 - 22:40, Uebel & Gefährlich: Solstafir (Post-Metal)
00:00 - 01:00, Grünspan: The Districts (90's Rock)
00:45 - 02:00, Große Freiheit 36: MEUTE (Bläsertechno)


Text: Kristof Beuthner

Titelbild: Screenshot reeperbahnfestival.de