Artikel 25.06.2018

Übersättigung, Hedonismus und alte Helden: Nillson beim Hurricane Festival 2018

Das unverhoffte Wiedersehen mit dem ganz üblen Schietwetter blieb aus; das Hurricane Festival 2018 kam bloß kalt und vernieselt statt schlammig und sintflutartig begossen um die Ecke - man ist mit wenig zufrieden. Für die knapp 65.000 Besucher am Eichenring galt das aber nur begrenzt.

Klar: Am Ende war alles Friede, Freude, Eierkuchen beim Hurricane Festival. Der See you next year-Newsletter spricht von einer unfassbaren Feiermeute und einem legendären Abriss, der seinesgleichen suchte. Fragt man sich, auf welchem Festival wir am Wochenende waren. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Das Hurricane Festival 2018 verlief aus unserer Sicht wieder absolut friedlich und voller Freude. Aber die Begeisterung bei den Konzerten ließ überraschenderweise zu wünschen übrig. Natürlich, vorne zwischen den ersten zwei Wellenbrechern gab es ein einträchtig-wildes Mitsingen und Mithüpfen, aber dahinter war eher der Eindruck einer großen Übersättigung Phase. Dass das Fest (im Gegensatz zum Schwesternfestival Southside, wo allerdings auch „nur“ 60.000 Menschen Platz finden) nicht ausverkauft war, obwohl das Lineup mit Partytouristenfutter wie Marteria, Kraftklub und den Beginnern und alten Helden wie The Offspring, Billy Talent oder The Prodigy sowie nicht ganz so alten, aber für die nächstjüngere Generation nicht minder tonangebenderen Bands und Künstlern wie den Arctic Monkeys, Franz Ferdinand, The Kooks und Arcade Fire eigentlich exzellent besetzt war, lässt schon verblüfft die Augenbraue hochziehen.

Dabei haben die Booker auf den ersten Blick gar nichts falsch gemacht. Bei den großen Festivals sollen die Großen spielen. Aber: Die Großen haben es mittlerweile ein Stück weit hinter sich. Besonders deutlich wird das bei The Offspring. Die Punk-Band um Dexter Holland gehört zu unserer Jugend; wenn die ersten Töne von „Self Esteem“, „Pretty Fly (For A White Guy)“ oder „Why Don’t You Get A Job“ erklingen, leuchten unsere Augen; erinnern wir uns an unsere ersten vom Taschengeld abgesparten CDs, die in unseren Jugendzimmern (oder in den Jugendzentren unserer Heimatdörfer) rauf und runter liefen.

Vor zwei Jahren schon sollte die Band auftreten, das war am legendären 6 Stunden Gewitter-Absage-Samstag. Nun kommen sie doch noch zu der Ehre, und auch wenn es ein schönes Konzert mit viel gutem Kopfkino aus längst vergangenen Zeiten ist: Dexter Holland und seine Band sind alt geworden. Mit Plauze und deutlich spärlicherem Haarwuchs. Das ist gar nicht schlimm. Es ist das Leben. The Offspring sind immer noch schnell und tight, Holland hat auch stimmlich kein bißchen nachgelassen. Die Leute vorne reißt es mit, zurecht, da ist viel Energie. Aber dahinter? Ein Nicken. Kaum ein Klatschen. Der Funke springt nicht über. Die Hits singt man mit. Die kennt man. Doch insgesamt: Hier spielen die Punk-Heroen der 90er - und man nimmt es lediglich zur Kenntnis.

Wen wundert’s? Die Band hat seit Jahren nichts gerissen. Sie ist gut für einen Gedankentrip, nicht für aktuelle Relevanz. Im Gegensatz zu Green Day, die sich eine zweite, popkulturell bedeutsamere Identität zugelegt haben und letztes Jahr in Scheeßel für deutlich größere Begeisterungsstürme gesorgt hatten - trotz massiv schwachem Sound - wohnten The Offspring nur kurze Zeit in der Hitparade. Das ist fast 20 Jahre her. Weitgehend im alternativen Bereich bewegten sich seit jeher NOFX und Pennywise. Die spielen in diesem Jahr aber schon gefühlt zum zwanzigsten Mal beim Hurricane. Es reißt keinen mehr vom Hocker.

Die Lust am Event ist größer als die an der Musik. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Weil die alten Helden aber immer älter werden, die Hurricane-Crowd aber nicht mitaltert, wächst man auseinander. Bei den Beginnern mag das noch nicht so ins Gewicht fallen. Die haben immerhin vor nicht allzu langer Zeit ein neues Album herausgebracht, das deutlich aufgehübscht in die heutige Zeit passt. „Ahnma“ holte die Fans vom zeitgenössischen Rap genauso ab wie die mit einer Vorliebe für den alten Flow. „Advanced Chemistry“ dürfte den ein oder anderen auch heiß auf die „Bambule“-Klassiker gemacht haben. Hier stimmt und funktioniert alles. Die Show ist knallig und farbenfroh. A propos Advanced Chemistry: Die legendären Torch und Toni L dürfen mit auf die Bühne, ihr ungebrochen starkes „Wir waren mal Stars“ performen und „Mikro in der Hand“ begleiten. Schöner Move, tolles Konzert.

Oder bei The Prodigy, da klappt es auch gut. Ihr erinnert euch an das „Firestarter“-Video von 1996, den wahnsinnigen Keith Flint mit seiner Teufelshorn-Frisur, mit dunklen Augenringen, gepierct, wie aus einem Albtraum? Der Mann ist auch gealtert und stattlich geworden, performt aber immer noch wie ein Derwisch. Weil The Prodigy den Abriss mit ihrem Mix aus Techno und Punk in Reinform zelebrieren, tobt das Publikum. Allein: Das letzte wirklich relevante Album der Band ist auch schon neun Jahre alt. Ewig wird das so nicht bleiben.

Und auch die Helden der 00er kommen in die Jahre. Franz Ferdinand, die Arctic Monkeys, die Kooks: Sie alle leben von der Magie ihrer Debütplatte. Bei den Schotten um Alex Kapranos erschien diese 2004, bei den Kooks 2005, bei den Arctic Monkeys 2006. Zu Hits wie „Take Me Out“ oder „This Fffire“, „She Moves In Her Own Way“ oder „Naive“, „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ oder „When The Sun Goes Down“ lässt sich nach wie vor toll abfeiern, aber man wartet allein auf sie, dazwischen verkommt vieles zur puren Füllmasse. Wenn Kooks-Frontmann Luke Pritchard voller Stolz das noch dieses Jahr erscheinende fünfte Album der Band ankündigt, sorgt das nicht für die sichtlich erwarteten Begeisterungsstürme. An den neuen Werken der Arctic Monkeys und von Franz Ferdinand scheiden sich die Geister, wie an allen Debüt-Nachfolge-Alben zuvor.

Auch andere einst wichtige Bands wie Maximo Park und Bloc Party verschwinden zunehmend in der vollständigen popkulturellen Irrelevanz. Und: Sie alle verkörpern nicht (mehr) den Eventcharakter, den sich die immerhin für ein solches Großfestival viel Geld bezahlende Masse sich für ihre Knitze wünscht. Sich allein auf über zehn Jahre alte Erfolge zu verlassen und sich darüber einen Platz im Lineup der Big Player zu verdienen, kann nicht mehr unbegrenzt lange klappen. Die Indie-Kindies von damals sind heute junge Eltern und schauen sich ihre Lieblingsbands lieber in der familienfreundlichen Atmosphäre von A Summer’s Tale oder dem Rolling Stone Weekender an.

Anders sieht es bei Arcade Fire aus: Die Kanadier haben es geschafft, sich klanglich immer wieder neu zu erfinden. Vom schwülstigen Trauer-Folk ihres Debüts „Funeral“ von 2005 über den Disco-Funk von „Reflektor“ bis hin zum ausladend-tanzbaren Pop von „Everything Now“ klingt jede Platte anders, aber stets hochklassig - und deswegen zeitlos, weil Arcade Fire sich nie einen bestimmten Zeitgeist zu eigen gemacht haben. Win Butler und die tatsächlich beeindruckend vielköpfige Band (bei zehn habe ich aufgehört zu zählen) spielen ein wahnsinnig schönes Konzert mit einer imposanten Video-Installation - während der ersten halben Stunde allerdings vor einer förmlichen Geisterkulisse. Was sicherlich daran liegt, dass viele sich am Sonntagabend schon auf der Rückreise befinden; mehr jedoch dürfte der Grund sein, dass sich das Konzert um eine halbe Stunde mit dem von Kraftklub überschneidet.

Die Chemnitzer stehen beinahe sinnbildlich für das, was das Hurricane-Publikum im Jahr 2018 will: Simple, zu keinem Zeitpunkt fordernde Texte. Schnelle, tanzbare Riffs. Glatte Animation. Und - zugegeben - enorme Schauwerte. Die große Rock'n'Rap-Show. Ein paar Musiker, die ihre Instrumente spielen und in ein Mikrofon singen, sind heute nicht mehr genug. Die Band hat einen riesigen Chor auf der Bühne, der auch noch zu jedem Song die passende Choreographie bietet. Dennoch, es bleibt dabei: Alles, was Kraftklub machen, ist mir zu prollig und zu bratzig. Gut allein ist, dass Sänger Felix Brummer sein Standing auf der Bühne nutzt, um allen Nazis und AfD-Idioten die klare Ansage zu machen. Das darf in den heutigen Zeiten nicht zu kurz kommen. Dass mir die Band nicht schmeckt, mag insofern auch mein Problem sein, dass mir der Duktus der Truppe zu jugendlich ist und meinem Lifestyle nicht mehr entspricht. Mich beeindruckt das nicht. Die Simplizität der ganzen Kiste und der Erfolg, den das einfährt, ärgert mich sogar. Ich bewege mich mit Riesenschritten auf einen Platz in der gestrigen Generation zu - so viel Selbstkritik muss sein.

Marteria spielt eine starke Show und füttert die Eventlust des Publikums mit großer Video-Wall, Neonlicht und einer Menge Hits. Das funktioniert auch deswegen, weil es zu keinem Zeitpunkt weh tut, sondern schlicht gute Laune macht. Einen besseren Freitagabend-Ausklang kann man sich kaum wünschen. Allein, das immer wiederkehrende Konzept, die Show zwischendrin kurz zu unterbrechen, damit Marten Laciny sich in sein grünes Marsimoto-Kostüm zwängen kann um mit gepitchter Stimme den spacy Kifferboy zu geben, ist zwar - noch - das eigentliche Highlight eines Marteria-Konzerts, nutzt sich aber genauso ab wie das Show-Finish, in dem Laciny immer und immer wieder zu wummernden Techno-Beats die „allerletzten 20 Sekunden“ ausruft. Das haben wir schon vor acht Jahren so gesehen. Dieses Mal zeigt die Videowand dazu kopfnickende neonfarbene Alpacas, die Einhörner 2k18. Der Mann versteht seine Crowd. Dass Marteria kein Ende findet, sich am Ende die Klamotten vom Modelkörper reißt und sich inklusive Stagediving im Schulterschluss mit dem Publikum und dem gegenseitigen Abfeiern förmlich suhlt, gibt der Sache einen seltsam narzisstischen Nachgeschmack.

Überhaupt ist Rap der Gewinner des Wochenendes. Verirrte sich dereinst beim Hurricane nur der ein oder andere Hiphop-Act ins Aufgebot, kann man sie 2018 mit zwei Händen nicht mehr zählen. Über die Beginner und Marteria sprach ich schon, zu ihnen gesellen sich mit Samy Deluxe, Dendemann, RIN, Chefket, Audio88 & Yassin, Bonez MC & Raf Camora, Juse Ju, MHD, Prinz Pi, Swiss & Die Andern und Romano noch elf andere Genrefreunde. Ferner war das Hurricane dem angestaubten Status als Rockfestival nie. The times, they are a-changing.

Ein weiterer Gewinner des Hurricane-Wochenendes ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Während der Großbild-Übertragung des WM-Spiels gegen Schweden auf dem Campingplatz ist es auf dem Festivalgelände gähnend leer. Ich werde zwar nie verstehen, warum man bei einem Musikfestival zwei Stunden lang auf Musik verzichtet um Fußball zu schauen, aber wenigstens habe ich Platz vor der Bühne. Und zugegeben, mir ist es so lieber als 2006, als Nada Surf wegen des großen Andrangs - da spielte ebenfalls Deutschland gegen Schweden! - nur die Halbzeitpause bespielen durften, weil das Spiel plötzlich auch auf den Großbildleinwänden neben der Bühne laufen musste. Ach, Nada Surf. Was hätte ich die gerne hier!

Dass die „echten“ Rockbands dabei nur noch ein Schattendasein fristen, ist bei aller Hochklassigkeit der Konzerte von Thrice oder dem Black Rebel Motorcycle Club ein Jammer. Die einen abgeschoben auf die Red Stage, die nur bei Portugal. The Man so richtig gut besucht wirkt; die anderen vor drei Jahren noch Headliner ebendort, nun auf den undankbaren 15.00 Uhr-Slot auf der Green Stage abgeschoben; zwar tight wie eh und je, aber inmitten von all der Feierwut seltsam angestaubt.

Langsam werde ich wohl mit den Bands, die mich geprägt haben, alt. Ich ziehe ihnen hinterher. Die Alten verlieren Haare und kriegen Bauch. Die Jungen zelebrieren ihre Jugend und ihren hemmungslosen Hedonismus. Das Hurricane ist ein Spiegelbild des Lebens. Und das ist manchmal auch ganz schön hässlich. Wie der Typ, der im Hawaii-Hemd und mit Deutschland-Iro über das Festivalgelände läuft. Die Hose offen, den Lörres und das Gehänge draußen, um den Hals ein Schild mit einem Pfeil nach unten und dem Satz: „Der wird noch größer“. Ein Mädel kotzt sich die Seele aus dem Leib, der viele Alkohol fordert seinen Tribut. Der Kollege stellt sich neben sie und wedelt mit dem Schniedel, die Hände in der Luft. Weniger denn je will ich mit diesen Leuten zu tun haben. Es schreckt mich ab, es ekelt mich an. Ist das lustig? Versteh ich da was nicht? Seine Mama ist bestimmt tüchtig stolz.

Überhaupt: Der Kostümtaumel, die Einhörner, das Komasaufen: Es irritiert mich zunehmend. Ich kann mich nicht erinnern, auf einem Festival zuvor den Mageninhalt von so vielen fremden Leuten gesehen zu haben. Jeder Dritte hat einen Penis auf seinen Körper, sein T-Shirt oder seinen Hut gemalt. Ich mag mir nicht ausmalen, wie trist der Alltag dieser Menschen sein muss, wenn sie auf so absurd fordernde Weise Freidrehen auf Peace, Love and Harmony und gute Musik mit Ballermann-Prollo-Kultur verwechseln müssen, um ein richtig geiles Wochenende gehabt zu haben.

Was dennoch nicht verschwiegen werden darf: Manchmal ist es aber auch richtig schön. Wie beim Konzert von Angus & Julia Stone vor mal wieder recht wenig Interessierten, die aber still und andächtig diesen herrlichen Folk-Weisen lauschen, die ungeheuer sympathisch dargeboten werden. Gegenüber all dem Knall, der Farbe und dem Licht ist das Konzert der australischen Geschwister, das sogar ohne das obligate Background-Banner auskommt, eine wahrlich willkommene Abwechselung. Oder bei Jeremy Loops im Zelt, wenn der südafrikanische Surferboy samt gewohnt hochsympathischer wie versierter Band sein gesamtes Publikum vor lauter Begeisterung auf und ab springen lässt, den Gesang der glücklichen Fans mit seiner Loop Station sampelt und am Ende strahlende Gesichter zurück lässt. Oder bei den Australier von DMA’s, die wie britische Vorstadt-Kids aussehen und wie Oasis klingen. Warum zum Henker ist diese Band nicht längst eine feste Größe?

Es bleiben die löblichen, umarmenden Ausnahmen auf einem Festival, das in diesem Jahr erstmals nachdrücklich den Eindruck erweckt, als wären seine Besucher satt von der Musik als Leitkultur. Zu konturlos der Pop von George Ezra oder James Bay, zu sehr in die Jahre gekommen der ewige Punk von Offspring, NOFX oder Pennywise.  Man mag bewundern, dass der Einfallsreichtum der 65.000 Hurricane-Gäste so groß ist, dass sie ihr Entertainment aus der Selbstinszenierung als Festival-Act für sich ziehen - Leute kucken auf dem Hurricane ist bei aller Seltsamkeit auch immer ein bißchen wie der Besuch eines Pandemoniums des Abseitigen, was zugegeben nicht eines gewissen Reizes entbehrt. Die Liebe zur Eventkultur bringt aber nunmal ein zunehmendes Desinteresse für die Sache an sich mit - dass wir uns darüber einig sind, dass zum Beispiel all die Deutschland-Schlachtenbummler nicht zwangsläufig mit Fußballfans gleichzusetzen sind, muss an dieser Stelle wohl kaum noch besprochen werden. Der Verzicht auf Musik fällt den Schland-Kuckern während eines Festivals wohl auch deshalb so leicht, weil zur gleichen Zeit am anderen Ort die größere Bespaßung wartet.

Kaum einer wird aber vom Hurricane wegfahren, ohne eine gute Zeit gehabt zu haben und sich auf das nächste Jahr zu freuen, die Tickets für 2019 gehen direkt in den Verkauf; man muss die Suppe löffeln, so lange sie noch heiß ist. Vielleicht ist meine eigene Konstitution in diesem Jahr nicht so gut gewesen, dass all der Zinnober der freidrehenden Crowd mir mehr ausmachte als vorher. Womöglich war ich selbst zu nüchtern, um über Witze lachen zu können, die sämtliche Geschmacksgrenzen mit Anlauf ausbremsen.

Froh bin ich über die vielen, guten politischen Statements, nicht nur von Kraftklub, auch natürlich von den Beginnern, von Madsen und wie sie alle heißen. Sie stehen auf einer guten Seite, die es tatsächlich immer mehr in den Vordergrund zu rücken lohnt, weil ihre Selbstverständlichkeit leider nicht mehr vorausgesetzt werden kann in diesen Zeiten. Das Einstehen gegen Faschismus, Rassismus und soziale Gerechtigkeit sollte ein wesentlich präsenterer gemeinsamer Nenner sein, weniger die Sauferei und das kollektive Abspacken zu höher-schneller-weiter.

Spaß habe ich gehabt mit den guten Leuten, die ich an diesem Wochenende getroffen habe, und mit denen ich mir meine Zeit nach meiner persönlichen Façon gestaltet habe. Beim Ausblick über das Festivalgelände und den Campingplatz vom - zugegeben fragwürdigen - Riesenrad aus, trotz Höhenangst. Und bei den schönen Konzerten, die in ihrer Simplizität, ihrer Strahlkraft und ihrem funktionierenden Anachronismus für ein gutes Gefühl gesorgt haben.

Das Hurricane Festival bleibt wie die anderen Großfestivals eine ambivalente Geschichte zwischen Größenwahn, Eventtourismus und Popkultur, an der sich die Geister scheiden mögen. Es zeigt, dass die Musikszene im Wandel ist, dass das Land langsam aber sicher neue Helden braucht, die die verdienten Allrounder zuverlässig ablösen - und dass die Jugend ihr eigenes Ding benötigt; mehr Bands mit einem eigenen Lifestyle beläd, die tragfähig für ein ganzes Wochenende sind. Das Kosmonaut-Festival, bezeichnenderweise kuratiert von den unvermeidbaren Kraftklub, zeigt, wie eine solche Bewegung ausschauen könnte.

So bleibt mir das Wochenende als eine Gratwanderung im Gedächtnis, die mich die kleineren Festivals mit klarem, aber liebevollem Konzept noch stärker schätzen lässt. Um große Bands zu sehen, bleibt das Hurricane Festival zwingend die erste Adresse - wie lange das noch wichtig sein wird, muss die Zeit zeigen.


Text und Fotos: Kristof Beuthner