Artikel 31.08.2016

Unaussprechlich, aber ausgesprochen schön - Nillson beim Alinae Lumr 2016

Es war einmal vor vielen Jahren ein Festival im brandenburgischen Storkow. Das hieß Mamallapuram und spendete einen Großteil seines Erlöses an ein indisches Dorf. Dann zerstritten sich die Organisatoren, der eine zog mit dem Überbleibsel des alten Festivals ein paar Kilometer weiter.

Der andere war aber auch nicht faul, plante im Stillen und kam im vergangenen Jahr mit einem neuen Festival an den alten Ort des Geschehens zurück. Nun gibt es in Brandenburg in unmittelbarer Entfernung gleich zwei schöne und liebevolle kleine Festivitäten. Das eine, das Jenseits von Millionen, findet auf der Burg in Friedland statt und hatte in diesem Jahr unter anderem Die Heiterkeit und Locas In Love zu Gast. Eine Bühne im Burginnenhof wird dort bespielt, dazu gibt es Akustik-Konzerte in der kleinen Kirche des Ortes, dessen Bevölkerung während des Wochenendes ums Doppelte durch die Besucher des Jenseits von Millionen überboten wird. Gecampt wird auf einer nahen Wiese und es ist äußerst sympathisch und freundlich dort.

Eine Burg gibt es auch in Storkow, wo seit dem vergangenen Jahr dem Alinae Lumr (und wie man das ausspricht, bleibt ein Geheimnis) ein Ort geschenkt wurde. Doch bei der Burg bleibt es nicht, gleich der ganze Ort ist mit fünf Spielstätten für zweieinhalb Tage Epizentrum des guten Geschmacks. In den vergangenen zwei Jahren haben wir uns in Friedland beim Jenseits von Millionen (aka Jenseits von Melonen) herumgetrieben, dieses Jahr war der Neuling aus Storkow dran. Und dafür gab es auch mindestens zwei sehr gute Gründe.

Der eine hieß Sometree. Die Band aus Berlin und Hannover, die uns nun so viele lange Jahre begleitet, tut das eigentlich genau genommen nämlich seit 2009 gar nicht mehr in voller Präsenz. Da erschien das bis dato letzte Album der Band namens „Yonder“, das noch einmal alle Stärken aus Postrock und Indiepop, die die Band so einnehmend auf den Punkt bringen konnte, in vollem Glanz und nahe der Perfektion nach außen trug. Doch schon damals im Nillson-Interview zeigte sich die Band skeptisch in Bezug auf die eigene Zukunft: Geld musste verdient werden für die kleinen Familien, die es nun gab, und mit dieser Musik, so viel war klar, war das praktisch unmöglich. Ein gutes Jahr später verkündeten Sometree dann tatsächlich ihre Auflösung - nun sollten sie wiederkommen, für zwei Konzerte, eines in Berlin im Privat Club, das andere, richtig geraten, beim Alinae Lumr in Storkow.

Der zweite gute Grund hörte auf den Namen Tele. Die Band von Francesco Wilking gehörte zur Speerspitze der in Tapete Records‘ Glanzzeiten so hochgelobten, deutschsprachigen Indiepop-Welle; ihr zweiter Longplayer „Wovon sollen wir leben“ gehört nach wie vor zu den meistgespielten Platten in meinem CD-Regal. Leider verlor die Band im Anschluss ein wenig an Substanz: Das Radio sollte es sein, der Wechsel zum Major mit dem Album „Wir brauchten nichts“ folgte, doch das Vorhaben fuhr an die Wand; für das Formatradio war die Band immer noch technisch zu gut und lyrisch zu clever. Sie kehrte zurück zum Mutterschiff Tapete, 2009 erschien mit „Jedes Tier“ das bis dato letzte Tele-Album, das es bis auf wenige Ausnahmen aber auch nicht wieder auf das Niveau ihres frühen Schaffens brachte. Eine wirkliche Auflösung wurde zwar nie verkündet, Francesco Wilking veröffentlichte im Anschluss aber eine Solo-Platte und schloss sich mit Moritz Krämer, Max Martin Schröder (u.a. Der Hund Marie) und Allrounder Felix Weigt (u.a. Kid Kopphausen Band) zu Die höchste Eisenbahn zusammen. In dieser Band schien Wilking ein neues Zuhause gefunden zu haben, erst gerade erschien das zweite Album namens „Wer bringt mich jetzt zu den anderen“. Ende der Geschichte? Nun, nicht ganz: Für ein weiteres Konzert sollte Wilking mit seiner alten Band zu den Wurzeln zurückkehren. Richtig: Beim Alinae Lumr.

Zwei hochnostalgische Konzerte innerhalb von zwei Tagen also: Wenn das keine Reise wert war. Aber auch sonst konnte sich das Lineup des Festivalsommerneulings mehr als gut sehen lassen; bot einen schönen Querschnitt aus in der Szene bekannten und weniger bekannten Bands und entbehrte durch die Verpflichtung vom Pianisten Federico Albanese auch dem Seitenblick auf die gerade so kräftig florierende Neoklassik nicht.

Dass es noch weit mehr Gründe geben würde, an diesem Wochenende hier zu sein - daran besteht schon zum Zeitpunkt unserer Ankunft kein Zweifel mehr. Denn neben der bemerkenswerten Tatsache, dass wir es wettertechnisch zum ersten Mal in diesem Festivalsommer vielleicht sogar etwas zu dicke haben - immerhin zeigt das Thermometer satte 35 Grad an, was fast schon wieder des Guten zu viel ist, aber wer will denn meckern? - ist es im kleinen Storkow rund ums Alinae Lumr tatsächlich traumhaft schön. In sattes Grün gebettet liegt das Örtchen mit seinem historischen Stadtkern, durchflossen von einem malerisch durch die Landschaft gestrichelten Kanal. Es gibt einen nahen Badesee, der für dieses Wochenende die dringend benötigte Erfrischung verspricht, und zusätzlich zu Burg und Kirche (wie auch beim Jenseits von Millionen) kommen mit dem Burgsaal, dem Marktplatz und einer wirklich pittoresken Mini-Bühne am Mühlenfliess gleich drei weitere Stages, die nur in den allerseltensten Fällen parallel bespielt werden.

Der Campingplatz könnte ebenfalls hinter den riesigen Trauerweiden und umsäumt von höhen Bäumen, die bei der irren Hitze wohltuenden Schatten spenden, kaum idyllischer gelegen sein, läge er nicht direkt an der Hauptstraße, die durch Storkow führt. Das ist ein Gegenentwurf zur typischen Festivalwiesencamperei auf Acker XY, doch es fällt eigentlich nicht weiter ins Gewicht, so still ist es hier. Die Bürgersteige sind früh hochgeklappt hier, und neben der bemerkenswerten Tatsache, dass wir für ein Festival, das immerhin mitten im Ortskern stattfindet, überhaupt kaum Einheimische zu sehen bekommen, fährt nachts bis in den wochenendlichen Morgen hinein eigentlich kaum nenneswert Verkehr die Straße entlang, die eine etwaige Nachtruhe ernsthaft stören könnte.

Weil wir Akklimatisierungszeit brauchen, erst einmal alle Bühnen begutachten und ein erstes Bier trinken müssen (ein kleines Hoch an die Veranstalter, mit Quartiermeister eine Berliner Indie-Brauerei zu supporten; das Zeug schmeckt richtig lecker), ist die erste Band des Wochenendes ein Jazz-Postrock-Dreier namens Trio Schmetterling, die im Burgsaal noch auf recht wenig Zuspruch stoßen, was sicherlich an der Hitze und der gemächlichen Ankunft der Besucher, die sich noch im See abgekühlt haben, liegt und weniger an der stilvollen und spannenden Musik.

Bei moderateren Temperaturen im Burginnenhof warten Keoma auf uns, die eine absolute Auffälligkeit des Wochenenden auf den Punkt bringen: Als sie fragen, wer denn wohl alles aus Berlin käme, und sich bis auf uns der komplette Innenhof meldet, stellt die Sängerin fest, dass man sich den Trip nach Storkow ja dann auch hätte sparen können und das Festival gleich in Neukölln hätte stattfinden können. Nein, das ist natürlich alles nur halbernst zu nehmen. Das Alinae Lumr ist hier für alle ganz deutlich spürbar ein sehr gern genommener Anlass für einen Ausflug ins Grüne, und das ist auch gut so.

Wir wandern zurück in den Ort, wo wir auf dem Marktplatz noch ein paar letzte schwere Riffs von Girlie erwischen, von denen wir gerne mehr gesehen hätten. Doch in der Kirche wartet das Einar Stray Orchestra und damit ein erstes Highlight, mit dem wir in dieser Form gar nicht gerechnet hätten. Als die Norweger zu Pfingsten am Sonntagabend das Orange Blossom Special beschlossen, waren wir uns einig gewesen, dass der elegische Quintett-Breitband-Pop zwar schön anzuhören, im großen Ganzen aber dann auch nicht mehr als nur nett ist. Doch hier in der beruhigend bläulich ausgeleuchteten Kirche wartet Mr. Stray nur in Triobesetzung mit Piano, Cello und Violine auf uns und schmeichelt uns erstmal ein so waidwund-sehnsüchtiges, cineastisch-trauriges Instrumentalstück ins Ohr, das wir uns sofort verlieren. In dieser Reduktion gelangen die Songs zurück an ihren Kern, und das tut ihnen absolut gut. Wir sind mehr als betrübt, das wir nach nur drei Stücken abbrechen müssen, denn der Marktplatz lockt und das Wiedersehen mit Sometree geht jetzt vor.

Wir finden uns vor der Bühne ein und treffen dort auf einen Fan, der uns erzählt, er besuche heute schon sein zweiundzwanzigstes Sometree-Konzert, hat aber - und das ist die wichtige Info - aus erster Hand die Information, dass dies hier heute das wirklich absolut letzte Konzert in der Bandgeschichte sein werde. Ob das stimmt, können wir nicht ermessen, und es wird auch während der gesamten Show kein Wort darüber verloren, doch es gibt uns den Hauch des Gefühls, hier Bestandteil von etwas letztem Großen zu sein, und das fühlt sich noch erhabener an, als es sowieso schon ist wenn man fünf Stunden im Auto gesessen hat um eine Band zu sehen, die man seit sieben Jahren so schmerzlich vermisst.

Als Sometree die Bühne betreten, ist der Marktplatz gut gefüllt, und es ist sofort wieder alles da. Das gute Gefühl. Die immense Größe. Die überbordende Grandezza, die tonnenschwere Traurigkeit, der ohrenbetäubende Lärm. Oh ja, diese Band hat uns gefehlt. Sie schickt uns eine Stunde lang durch alle Gefühlslagen, spielt ein Set, das mit wirklich guter Songauswahl einen ansehnlichen Querschnitt durch die Bandgeschichte bietet und ist dann plötzlich nach zwei Zugaben wieder verschwunden. Eine Stunde gab es sie wieder, diese Symbiose, dieses mit geschlossenen Augen lauschen, dieses nicht wissen, ob man man gerade gestoßen oder gehalten wird - wahrscheinlich nichts davon und beides zugleich. Es bleibt ein seltsamer Mix aus einem leeren und einem hochzufriedenen Gefühl. Es war ein fantastisches Konzert.

Niemand kann uns jetzt besser runterbringen als die beiden isländischen Schwestern von Pascal Pinon, die den Tag am Mühlenfliess zu Ende singen. Der elfengleiche Pop der Band, die kürzlich mit „Sundur“ ihr drittes Album veröffentlicht hat, ist immer noch so träumerisch wie bittersüß; die Harmonien sind perfekt, die Stimmen verschwimmen weltfern und zeitgleich verspielt, und weil sich die beiden immer mal wieder nicht einig sind, was als nächstes passieren soll, hat das Ganze auch noch einen süßlich unbeholfenen Touch, der den Sympathiefaktor nur noch mehr in die Höhe treibt. So können wir schlafen gehen heute, wirklich und wahrhaftig.

Und weil es so schön war, den Tag mit diesem isländischen Elfenfolk zu beenden, beginnen wir den nächsten gleich mit selbigem. Da spielen Pascal Pinon nämlich noch ein zweites Konzert, diesmal allerdings in der Kirche. Nachdem wir der heute noch unmenschlicheren Hitze auf eine schattige Bank am Kanal entfliehen, wo wir vorbeifahrende Bootsfahrer grüßen und einem irritierten Schwan winken, sichern wir uns erfolgreich einen platz in der zweiten Kirchenbank und erleben, wie der Eindruck vom Vorabend sogar noch getoppt wird. In der Kirche bekommt die Musik des Duos einen noch feierlicheren, noch intensiveren Touch. Zwar sind wir uns im Anschluss einig, das beide Konzerte was Ambiente und Gefühligkeit angeht, eigentlich nicht vergleichbar sind, doch für mich hat die Kirche hier die Nase vorn.

Im Anschluss hätten wir gerne einen uns bis dahin unbekannten jungen Songwriter namens Chris Yohei Tokunaga am Mühlenfliess besucht, doch der spielt aus unerfindlichen Gründen nicht. Also machen wir kurz am Marktplatz bei Bannerman halt. Die haben wir dereinst als Support der tollen Neuseeländerin Tiny Ruins für gut befunden, um kurz darauf festzustellen, dass ihr Sound auf Platte bei weitem nicht an die Live-Erfahrung heranreicht. Doch das ist für jetzt ja egal. Ihr zurückgelehnter, countryfizierter Indie-Sound passt mit seiner Entspanntheit ganz ausgezeichnet zum Warten auf die untergehende Sonne, denn an bewegen ist eigentlich kaum zu denken.

Me & My Drummer sind inzwischen ein recht großer Name, und entsprechend gut ist der Platz vor der Bühne auf dem Burginnenhof gefüllt. Das Duo wird tatsächlich live immer besser, strahlender, dringlicher. Wir sehen ein gutes Konzert und genießen, dass wir zum ersten Mal am Tag nicht das Gefühl haben, dem Hitzekoller vorbeugen zu müssen. In den Saal zu den Trucks treibt uns trotzdem noch nichts. Lieber testen wir das vielfältige Foodtruck-Angebot, das natürlich auch in Storkow am Start ist.

Eine kleine Enttäuschung sind dann, wieder im Burginnenhof, Die höchste Eisenbahn, die sicherlich dafür verantwortlich ist, dass Francesco Wilking einem Tele-Auftritt offen gegenüberstand - wenn er doch sowieso schon mal da ist? Auf dem ersten Album der Allstar-Band gab es ein deutliches Gleichgewicht aus den lebensklugen Betrachtungen Wilkings und der pointierten Intensität Moritz Krämers, doch bei den Stücken der neuen Platte scheint letzterer in den Hintergrund zu geraten. Auf der Bühne ist Francesco Wilking nicht nur in den Ansagen präsenter, auch die neuen Songs klingen weit mehr nach dem, was man an Tele auch zuletzt schon nicht mehr so gerne sah. Irgendwie zu humorig, zu lifestylish, zu Berlin (wenn man das im Gesamtzusammenhang des Festivals tatsächlich kritisieren darf).

Aber auf uns wartet ja, das ahnen wir schon, sowieso ein weiterer Höhepunkt, wieder in der Kirche. Und das ist Federico Albanese, dessen aktuelles Album „The Blue Hour“ Anfang des Jahres auf dem frischen Klassik-Label „Neue Meister“ erschien und ein wunderbarer Nachfolger des grandiosen „The Houseboat And The Moon“ von 2014 ist. Der Mailänder sitzt an einem Flügel und tupft seine dunkelblauen Betrachtungen der stillen Phase zwischen Tag und Nacht, zwischen Tatendrang und Lethargie, mit unheimlich viel Intensität in unsere Ohren; es ist ein wunderschöner Moment, der auch nicht dadurch getrübt wird, dass einer Besucherin beim zweiten Stück die Handtasche von der Empore fällt und ein Großteil der Besucher noch vor bzw. während der Zugabe geht - es ist eben ein Festival, bei dem auch andere Bands spannend sind, nur fällt das Gehen in einer Kirche natürlich gleich noch mehr auf. Neben Sometree ist Federico Albanese dennoch das Festival-Highlight, sorgt für ein Innehalten und ein Fallenlassen nach diesem viel zu heißen Tag.

Der ist freilich noch nicht vorbei. Den Marktplatz mit ANN und Fenster lassen wir Marktplatz sein und schauen uns Zoot Woman auf der Burg an, doch deren exhaltierter Dance-Pop ist nach all der Elegie jetzt eher mit Kopfschmerz verbunden - was aber eine rein subjektive Empfindung ist, die Leute tanzen und feiern zum ersten Mal an diesem Wochenende richtig ausgelassen. Die Band gehört schon genau jetzt genau hier hin, macht für uns aber den Unterschied nicht aus.

Ja, und Tele? Über Tele hätte ich gerne was erzählt. Doch weil die Veranstalter die Band in den Saal geplant hat, sehen wir uns schon nach kurzer Zeit des Anstehens unseren Grenzen gegenüber. Der Saal ist nämlich schnell so voll, dass keiner mehr rein darf, und bei Temperaturen, die immer noch bei 30 Grad liegen, ist die Motivation zum Drängeln gering. Allein: Es würde die beeindruckenden Konzerte von Sometree, Pascal Pinon und Federico Albanese wohl auch nicht getoppt haben. Von außen lauschen wir und vernehmen primär Material der letzten Platten, was uns die Schlange am Getränkestand weiteren Mühen vorziehen lässt. Jemand wird mir später sagen, dass es ein toller Auftritt mit vielen Bandklassikern war. Vielleicht möchte ich das nicht hören.

Statt dessen lassen wir uns von den Franzosen von Mermonte nach Hause bringen. Die Band hat auf der Bühne fast die Stärke einer Fußballmannschaft, klingt aber nicht danach, was schon ein wenig verwundert. Das soll aber den Gesamteindruck nicht schmälern: Der Indierock mit Postrockelementen, der uns hier um die Ohren gehauen wird, ist auf beeindruckende Weise energetisch und zwingend und somit ein ganz wunderbar geeigneter Abschluss für den Samstagabend. Es wird auch klar, warum Mermonte und Tele nicht hätten die Bühnen tauschen können: Mit so vielen Menschen hätten die Franzosen wohl kaum in den Saal gepasst.

So geht ein tolles neues Festivalerlebnis für uns in großem Soundbombast zu Ende. Am Sonntag liest noch Heinz Strunk am Mühlenfliess aus seinem Werk vor, doch das erleben wir schon nicht mehr. Als das Zelt morgens um acht beginnt, sich auf abermals unerträgliche Weise aufzuheizen und das Schlafshirt am Körper klebt, packen wir unsere Siebensachen und machen uns glücklich und zufrieden auf den Heimweg.

Mit dem Fazit, dass das ein tolles Wochenende war und eine absolut lohnenswerte Neuentdeckung im so prall gefüllten Festivalsommer-Schedule. Das Konzept, den Ort auf so allumfassende Weise in das Festival mit einzubeziehen, ist klasse, denn man fühlt sich nicht isoliert, sondern bleibt auch durch die Nutzung der fünf Spielstätten ständig in Bewegung, ohne die Zivilisation aus den Augen zu verlieren. Die Konzerte auf dem Markt und am Mühlenfliess - sofern man vom Geländer aus zuschaute - waren zudem für die Bewohner Storkows frei zugänglich. Wie gut das angenommen wurde, war nicht ganz zu ermessen, doch die Idee, eine große Gemeinschaft zu schaffen und Szene und Dorf miteinander zu verbinden, funktioniert ja auch in Haldern seit geraumer Zeit ziemlich gut. So sind die Festivalbesucher auch nicht dazu gezwungen, ihr Geld an den zugegeben sehr gut ausgewählten Foodtrucks zu lassen, sondern für einen Snack den lokalen Pizzabäcker oder Dönermann zu unterstützen. Das angeblich beste Eis der Welt gibt es in der Eisdiele, Frühstück im gemütlichen Café.

Weil es in Storkow und Umgebung so idyllisch ist, fühlt man sich die ganze Zeit über pudelwohl und gut aufgehoben. Das Festivalteam arbeitet mit hohem Einsatz und ist ständig mit dem Fahrrad zwischen den Bühnen unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. Die Gäste sind - klar - Berliner Szenepublikum, aber das ist wenigstens geschmackssicher und respektvoll. Betrunkene Vollidioten gibt es hier nicht. Der Umgangston ist durchweg freundlich, überall sieht man lächelnde Gesichter.

So kommt man nicht umhin, aus dem Streit der Mamallapuram-Gründer von einst den ganz klaren positiven Nutzen zu ziehen, dass es nun eben zwei wunder- und liebevolle kleine Festivals in Brandenburg gibt, die in sich bei aller durchaus vorhandenen Ähnlichkeit aber doch wieder so unterschiedlich sind, dass man sie einfach beide besuchen sollte. Das Alinae Lumr könnte eine Herzensangelegenheit werden - wenn die Menschen, die das Festival an diesem Wochenende fast ausverkauften, den Machern weiter so viel von dem wohlverdienten Vertrauen und Wohlwollen schenken und über kleine, ganz menschliche und am Ende in jeder Hinsicht verschmerzbare Macken gerne hinwegsehen.

Wir haben Konzerte gesehen, an die wir noch lange denken werden und ein großartiges, friedvolles Festivalwochenende verlebt. Das ist das, was man von einem solchen Sommerausflug erwartet.

Wir haben uns das angeschaut. Wir werden das wieder tun. Bis zum nächsten Jahr, Alinae Lumr! Vielleicht können wir bis dahin auch deinen Namen richtig aussprechen. Sofern uns jemand verrät, wie das geht.


Text und Fotos: Kristof Beuthner