Artikel 22.03.2018

Vom Verändern, dem Tod und den Wirren der Welt: The Boxer Rebellion im Interview

Dass The Boxer Rebellion hierzulande trotz bereits fünf veröffentlichten Alben immer noch als Geheimtipp gehandelt werden, mag daran liegen, dass die Band auf keiner Platte klingt wie auf der davor. Das ändert sich auch mit „Ghost Alive“, Longplayer Nummer 6, nicht.

Das liegt vor allem daran, dass „Ghost Alive“ die bisher wohl persönlichste Platte des Quartetts aus London ist. Nicht, dass es zuvor unemotional zugegangen wäre bei The Boxer Rebellion: Zwischen starken Postpunk-Hymnen und Verweisen auf Sigur Rós und Coldplay (die frühen, die guten!) war bisher alles dabei; mit „Soviets“, „Flashing Red Light Means Go“ oder „Diamonds“ hat die Band Tränenzieher für die Ewigkeit geschaffen. Auf „Ocean By Ocean“ entdeckte Nathan Nicholson, dessen bis ins Falsett immer klare und stark erinnernswerte Stimme das einzige wirklich verbindende Element der bisherigen fünf Boxer-Alben darstellt, den Synthesizer als dominierendes Instrument für sich - das mag man finden wie man will, Fakt ist, dass Stagnation bei The Boxer Rebellion die Sache nicht ist.

„Ghost Alive“ aber ist nun fast vollkommen akustisch gehalten, und dieser deutlich intimere Klang passt zum lyrischen Duktus der Platte, die neben den Wirren der derzeitigen Weltlage unter anderem den Tod von Nicholsons Vater thematisiert, hervorragend. Ich habe mich mit Nathan Nicholson und Schlagzeuger Piers Hewitt vor dem Pre-Release-Konzert im Hamburger Knust getroffen und über viele Dinge gesprochen: Wie man seine inneren Dämonen in einen Song transformiert, was Donald Trump mit „Ghost Alive“ zu tun hat und wo diese Band in der Zukunft eigentlich noch hin will.

Eure Deutschland-Tour zum neuen Album beginnt heute, ohne dass die neue Platte schon veröffentlicht wurde. Wie ist es für euch, die neuen Songs für ein Publikum zu spielen?

Nathan: Gestern waren wir schon in Groningen, das war wirklich sehr gut. In den Niederlanden haben wir viele Fans, sie behandeln uns fast wie Rockstars.

Piers: Wir haben sogar Songs auf Anfrage gespielt! Das machen wir sonst nie, aber das war eine wirklich starke Erfahrung, wie der Austausch mit den Fans funktioniert.

Nathan: Von der neuen Platte haben wir erstmal nur vier Stücke gespielt. Inzwischen haben wir so viele Songs geschrieben, dass wir wirklich eine große Auswahl für unsere Setlist haben. Wir versuchen, vor allem die Songs zu spielen, die uns selbst viel bedeuten oder die uns am meisten Spaß machen. Das Album haben wir so gesehen gar nicht so sehr angekündigt. Aber wir verkaufen es natürlich schon nach den Shows, obwohl es noch nicht erschienen ist.

Wie kam es denn eigentlich dazu? Ist es nicht normalerweise eher andersherum - du bringst ein Album raus und dann gehst du dazu auf Tour?

Nathan: Ja, und so hatten wir es auch ursprünglich geplant. Aber dann kam leider etwas dazwischen…

Piers: Ich finde auch, dass das so auch sein Gutes hat. Ich meine: Normalerweise ist alles sofort streambar, sobald es veröffentlicht ist. Ich finde es schön, wenn es mal andersherum funktioniert und die Fans das neue Album auch als Dankeschön vor dem Release bekommen können, dafür, dass sie zu unseren Konzerten kommen und uns unterstützen.

Nathan: Richtig. Und es ist vielleicht wieder eine ganz neue Erfahrung für den ein oder anderen: Du findest noch keinen Song von „Ghost Alive“ in irgendeiner Playlist, es plätschert nicht von irgendeinem Streaming-Dienst vor sich hin - wenn du es vorab hören willst, tust du das auf eine klassische, fast schon vergessene Art, aber so, wie es gedacht war: Als Album am Stück.

Wie sind denn die Reaktionen der Leute auf „Ghost Alive“ bisher gewesen?

Nathan: Viele Fans kommen nach den Konzerten zu uns und erzählen uns von ihren ersten Eindrücken, das ist schön und wichtig. Wir spüren, dass Songs wie „Love Yourself“ oder „Here I Am“ die Leute sehr ansprechen, wahrscheinlich, weil sie sehr persönlich sind und etwas in ihnen auslösen.

Ihr wolltet den Leuten eine neue Seite von euch präsentieren mit dem neuen Album…

Piers: Es ist klanglich so anders als alles, was wir vorher gemacht haben. Das wollten wir ausprobieren. Wir haben den Druck herunter geschraubt - ich habe meine Drums vorher noch nie ohne Sticks gespielt. Wir haben zum ersten Mal überhaupt Bläser auf einer Platte. Wir sind sehr stolz, dass wir nun schon sechs Platten veröffentlicht haben, aber fast noch stolzer sind wir, dass sie alle unterschiedlich klingen. Ich nehme an, wenn wir zwei oder drei Alben rausgebracht hätten, die alle gleich geklungen hätten, würden wir jetzt nicht mehr hier sitzen.

Nathan: Eigentlich wollten wir eine Acoustic-EP aufnehmen, eine Art Best Of. Aber dann gefiel uns die Idee mehr und mehr, ein richtiges Album mit diesem akustischen, organischen Sound aufzunehmen.

Gibt es Veränderung in eurem Bühnen-Lineup?

Nathan: Live klingen die neuen Stücke dann schon größer, weil wir nicht vorhatten, unser ganzes Stage-Instrumentarium auszutauschen.

Piers: Wir haben einen Cellisten dabei. Einen Multi-Instrumentalisten, wirklich. Er kann alles spielen. Es ist schön, dass er bei uns ist; fühlt sich fast an, wie ein fünftes Bandmitglied - obwohl wir uns eigentlich einig waren, dass wir kein fünftes Bandmitglied haben wollten (lacht).

„Ghost Alive“ gilt vorab als eine sehr persönliche Platte - wobei ich immer fand, dass eure Musik sehr persönlich klingt. Nathan, findest du, dass du dich mit dem neuen Album noch mehr geöffnet hast als vorher?

Nathan: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Sicherlich beschäftigt sich „Ghost Alive“ ein wenig mehr mit meinen Gedanken um den Tod - was zum Beispiel daran liegt, dass mein Vater gestorben ist, bevor wir anfingen, die neuen Songs zu schreiben. Also, es handelt ja kein Song direkt davon, aber die Platte wurde ganz stark davon beeinflusst. Ich habe während der Aufnahmen gemerkt, wie die Songs durch die Texte und unterschiedliche Stimmlagen, in denen ich sie singe, mit mir darüber sprechen - so wie ein Dialog mit mir selbst.

Piers: Wir spüren auch, dass wir in einer Zeit leben, in der die Menschen so etwas brauchen. Dass man offen ist, ihnen sagt, worum es geht, was gerade los ist. Das gibt ihnen Halt. Wir waren immer eine nahbare Band, haben immer nach Konzerten mit den Leuten gesprochen. Die wussten, wann wir Väter wurden und haben uns gratuliert, wir hatten immer ein gutes Verhältnis. Über die Themen zu sprechen, die „Ghost Alive“ behandelt, und da offen zu sein, empfinden wir auch als logischen Schritt in unserer Beziehung zu den Leuten, die uns zuhören.

Wie verwandelt sich ein so existenzielles Ereignis wie der Verlust eines geliebten Menschen in einen Song? Ist das erklärbar?

Nathan: Nein, ich glaube nicht wirklich. Du fühlst dich auf eine bestimmte Art und Weise, und du hast ja im Unterbewusstsein, was für Musik du hörst, wenn du dich so fühlst. Ich beginne, ein paar Akkorde zu spielen, egal auf welchem Instrument, und ich spüre, wie sich daraus ein Dialog zwischen meinem Innenleben und der Musik ergibt… verstehst du, was ich meine? Die Texte kommen dann meist ganz von allein.

Ist es eigentlich schwer für dich, über deine schlimmen Erlebnisse zu sprechen, zum Beispiel in einem Interview wie diesem hier?

Nathan: Tatsächlich nicht. Ich versuche mich, wenn ich Songs schreibe, umzuperspektivieren und die Geschichten so zu erzählen, als handelten sie von jemand anderem, der es genau so erlebt hat wie ich. So verschaffe ich mir eine Art Außenblick - das hilft mir sehr, die Dinge richtig einzuordnen. Bei „Ghost Alive“ ist es natürlich durch die Ereignisse in meinem Leben etwas anders - aber auch das ist ein Teil von mir.

Gibt es auf „Ghost Alive“ einen Song, den du tiefer empfindest als alle anderen? Der auch für dich eine besondere Rolle spielt?

Nathan: Das wäre „Here I Am“. Den Song gab es schon, bevor mein Vater starb - aber ich denke, jeder, der jemanden verloren hat, wird verstehen, warum dieser Song mir viel bedeutet, und im Idealfall bedeutet er auch anderen viel.

Mal ganz was anderes - ich habe gelesen, die Platte wurde indirekt auch durch die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten beeinflusst. Inwiefern findet sich das denn wieder?

(beide lachen)
Nathan: Es geht dabei tatsächlich eher um die Veränderungen in der Gesellschaft, nicht um Trump per se. Die Welt muss gerade so sehr kämpfen - die Menschen gehen nicht gut miteinander um, und Staatschefs wie Trump sind da wirklich kein gutes Vorbild. Der Song „What The Fuck?“ ist da schon als eine Art Kommentar von uns zu verstehen: What the fuck are you doing there? Es wird Zeit, mit der Scheiße aufzuhören!

Piers: Wir waren während der Wahl in Tennessee, Nathans Heimat, und hatten die Eindrücke dieses bescheuerten „Brexit“ noch frisch im Kopf. Das waren ziemlich seltsame Zeiten. Wir würden keinen Song direkt über Donald Trump schreiben, so eine Band sind wir nicht, das würde nicht zu uns passen. Aber was da passiert ist, dass dieser Typ gewählt wurde, hat uns absolut sprachlos zurück gelassen. Das darf eigentlich gar keinen kalt lassen, und die Auswirkungen auf die Gesellschaft - oder was das alles über die Gesellschaft erzählt - sind nicht zu leugnen.

Nathan: Es hatte noch eine andere Sache zur Folge. Weißt du, ich liebe meine Heimat, aber so viele Leute haben dort für Trump gewählt, eine große Mehrheit. Ich fühlte mich plötzlich meiner Heimat so fremd.

Piers: Wir fühlten uns einen Tag nach der Wahl wie der Typ aus „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Hatten wir so eine Scheiße nicht gerade erst in Großbritannien erlebt? Unsere einzige Reaktion war dann wirklich: „What the fuck“?

Ihr habt damals eine größere Rolle im Film „Verrückt nach dir“ (OT: Going The Distance) gespielt. Nun befindet sich wieder ein Song auf der Platte, der ursprünglich für einen Hollywood-Film gedacht war, dann aber dort doch nicht benötigt wurde…

Piers: Das ist „Here I Am“, tatsächlich. Wir arbeiten schon länger mit Filmproduzenten zusammen, wir wurden damals auch gefragt, ob wir einen Song für „Twilight“ hergeben würden - wozu es dann auch nicht kam. Aber da ensteht ein Austausch, der uns echt viel Spaß macht.

Nathan: Bei dem Film, für den „Here I Am“ gedacht war, hat sich dann die Leitung für das Soundtrack-Konzept geändert, und der neue Composer wollte den Song doch nicht haben. Es war eine unglaublich traurige Szene, ein Vater findet darin seine kleine Tochter, die gestorben ist, und er trägt sie in seinen Armen. Ich erinnere nicht viel mehr von der Handlung, aber um diese Szene sollte es gehen, und so schrieb ich diesen Song dafür, denn das Thema… nun ja, es bedeutete mir etwas, auf schmerzliche Weise.

Piers: Der Film wurde trotzdem gemacht und hat ziemlich schlechte Reviews bekommen (lacht).

Wie glücklich seid ihr denn eigentlich mit dem Ruf bzw. dem Stand von The Boxer Rebellion in der internationalen Music Community? Gibt es etwas, das ihr unbedingt noch erreichen wollt...?

Nathan: Ich weiß gar nicht, wie unser Ruf in der internationalen Musikszene ist. Darüber denke ich eigentlich auch nicht nach. Ich merke, dass ich mich wundere, wenn Leute sagen, dass sie uns cool finden - denn wir sind eigentlich das genaue Gegenteil von cool, finde ich.

Piers: Ich habe das Gefühl, wir werden respektiert. Vielleicht auch dafür, dass wir nie versucht haben, irgendetwas in unserer Karriere als Band zu erzwingen. Du glaubst gar nicht, wie oft wir nach Konzerten oder in Mails oder in Posts den Satz hören: „Ihr müsstet eigentlich VIEL größer sein…“

…darauf wollte ich hinaus, denn das ist auch der Satz, den ich über euch immer wieder lese…

Piers: …fast auf jedem Konzert: I can’t believe you’re not bigger than you are. Ich habe mich aber von diesem Denken schon lange wegbewegt. Es ist nicht so, dass wir uns diese Frage nicht auch schon gestellt haben, für einen kurzen Moment vielleicht. Aber ich glaube, dass unsere Freiheit, kreativ zu sein und das zu machen, was wir gerade wollen, unsere größte Stärke ist. Ich weiß nicht, ob das auch so wäre, wenn wir sehr früh sehr erfolgreich gewesen wären, wie zum Beispiel die Editors in Großbritannien. Der klassische Weg: Du spielst erst die kleinen Venues, und die werden immer größer, und dann sind sie irgendwann richtig groß - aber dann musst du auch abliefern, um dieses Niveau zu halten! Weißt du, ich bin echt stolz auf das, was gewesen ist und was nun ist. Du musst als Band erstmal sechs Alben durchhalten! Dafür arbeiten wir hart, physisch, emotional, zeitlich. Aber das, was wir davon haben, ist auch so unendlich belohnend, vielleicht das Belohnendste der Welt - abgesehen davon, Kinder zu haben.

Nathan: Das Gute ist, dass wir uns bislang keine Sorgen machen müssen. Die Leute kommen zu unseren Shows, das ist großartig, wir sind häufig ausverkauft, dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin nicht größenwahnsinnig. So, wie es jetzt ist, ist es doch total gut.


Text und Interview: Kristof Beuthner

Foto: Tracey Morter