Artikel 31.05.2017

Vom Zuhause, von der Angst, von der Straße und der Liebe: Fil Bo Riva im Interview

Ein bewegtes halbes Jahr liegt hinter Fil Bo Riva aus Berlin. Eines, indem sie ihre erste EP veröffentlichten, Club um Club ausverkauften und zu einem der hiesigen hochgeschätztesten zeitgenössischen Indie-Acts wurden. Zeit, Bilanz zu ziehen.

Das tun wir in Hannover, wo Fil Bo Riva - seit kurzem nun auch offiziell vor allem aus Filippo (kurz Fil) und Felix, live ergänzt durch Schlagzeuger Michelle, bestehend - am Abend im (natürlich ausverkauften) Lux ein weiteres Konzert ihrer „If You’re Right, It’s Alright“ spielen werden. So kritisch man dem Konzept EP gegenüberstehen darf: Von diesen fünf veröffentlichten Stücken war einfach jedes - „Like Eye Did“, „Franzis“, „Greeningless“, „Killer Queen“ und „The Falling“ - gnadenlos gut. Tieftraurig, zwischen Soul und Indie-Folk mäandernd, aber eben auch ungeheuer melodiös und mitreißend. Gesegnet mit der unheimlich intensiven, tiefdunklen Stimme Filippos, der nicht wenige eine gewisse Nähe zu der von Henning May von AnnenMayKantereit nachsagen. Beim Reeperbahn Festival in Hamburg spielten Fil Bo Riva in der Woche vor der Veröffentlichung im vergangenen Herbst gleich vier sehr unterschiedliche Konzerte und hätten die ihnen zufliegenden Herzen eigentlich kaum noch zählen können, wenn nicht Fil den Augenkontakt zum Publikum so ungerne suchen würde. Darüber sprechen er und Felix mit uns im Interview, außerdem über den Ort, der ein Zuhause ist, die Erlebnisse als Musiker auf der Straße und alles, was in naher Zukunft von dieser Band so auf uns wartet.

Wie habt ihr das letzte halbe Jahr seit der Veröffentlichung eurer EP so erlebt?

Fil: Wir haben viel erlebt. Vor allem Positives. Sehr viel gespielt, viel aufgenommen, aber das meiste war tatsächlich unterwegs zu sein. Wir waren bestimmt 80% der letzten Monate auf Tour, in Bussen, auf Autobahnen.

Das war ja ein ziemlich großer und ziemlich plötzlicher Popularitätsschub, der da auf euch zu kam.

Fil: Ich muss da ganz ehrlich sagen, dass das gar nicht so wirkt wenn man mitten drin ist. Die Angst vorm Auftreten ist noch da, aber dass man auftritt ist inzwischen irgendwie selbstverständlich geworden. Man denkt auch gar nicht so sehr darüber nach, vor wievielen Leuten man nun spielt oder ob man ein Interview gibt. Auf der einen Seite ist es unser Job, aber eben auch unser absolutes Hobby, und das ist schön.

Felix: Das einzige Ding ist, dass sich das restliche Leben halt so verändert. Dass es da schon vermehrt Freunde gibt, die einen gerne öfter sehen würden, weil wir nicht mehr so oft in Berlin sind.

Ist das tatsächlich immer noch so, dass du, Fil, Angst vorm Auftreten hast?

Fil: Ja, schon. Man gewöhnt sich natürlich auch dran, aber auf der Bühne zu stehen und von so vielen Augen angeschaut zu werden, ist ein schreckliches Gefühl für mich. Das ist eine Charaktersache bei mir: Ich genieße es total, auf der Bühne zu stehen und für Leute zu spielen, aber ich finde es schrecklich, von so vielen Menschen angestarrt zu werden. Aber man trainiert sich eben vor allem auch Techniken an, um damit umzugehen: Bei unseren Shows kommt das Licht jetzt immer von hinten und strahlt auf die Zuschauer. So kann ich sie sehen, aber sie häufig mich nicht richtig. Das funktioniert gut für mich.

Du warst dir mit der Musik aber immer sicher, hast es nie hinterfragt?

Fil: Nein. Das ist einfach auch eine Frage des Selbstbewusstseins. Man möchte natürlich mit seiner Musik etwas erreichen, vor allem die Leute. Aber ist man deswegen auch ein Entertainer auf der Bühne? Live spielen gehört für mich total dazu, aber ich glaube, ich bin nicht wirklich zum Entertainen geboren.

Du hast - bzw. ihr habt - auf der Straße angefangen, Musik zu machen, richtig? Wie war das da? Hat sich das genauso seltsam gefühlt? An so belebten Ecken kommt ja auch eine Menge gar nicht so musikaffine Laufkundschaft vorbei!

Fil: Nee, auf der Straße angefangen haben wir nicht, das hat sich so ein bißchen nebenher entwickelt.

Felix: Dort war eigentlich das genaue Gegenteil der Fall. Wir haben ein paar mal in Kreuzberg in so U-Bahn-Stationen gespielt, wofür man eigentlich eine Erlaubnis braucht. Wir sind dann immer nur so 15 Minuten dort geblieben bis die Leute vom Ordnungsamt kamen und dann weiter gefahren. Und da war es halt eher interessant zu sehen, was für Leute denn überhaupt stehen bleiben und sich das reinziehen. Das waren dann tatsächlich überwiegend die Leute, von denen wir das am wenigsten erwartet hätten.

Ist euch aus der Phase irgendeine Begegnung besonders im Kopf geblieben?

Felix: Das Krasseste war ein - vermutlich - obdachloser Typ, der da Flaschen gesammelt hat und irgendwann stehen geblieben ist und eine ganze Zeit zugehört hat. Dann hat er uns 2 Euro gegeben und hat sich weiter auf die Suche nach Pfandflaschen gemacht. Leute, die aussahen als hätten sie ganz viel Geld, sind immer vorbei gegangen. Wahnsinn zu sehen, was für Leuten die Sache etwas bedeutet und wirklich freiwillig Geld wert ist und welche Leute das überhaupt nicht interessiert.

Habt ihr gemeinsam angefangen, auf der Straße zu spielen und die Band aufzuziehen?

Fil: Ich habe das erstmal alles alleine geschrieben und aufgenommen, währenddessen habe ich Felix aber schon kennen gelernt. So lief das alles auch wieder eher so nebenher. Mal habe ich wieder alleine gearbeitet, dann wieder mit Felix. Unsere Freundschaft wurde dabei immer enger, und so hat es sich dann ergeben, dass Fil Bo Riva ein gemeinsames Projekt wurde.

Felix: Es war auch nie geplant, Straßenmusiker zu sein. Das kam tatsächlich nur daher, dass wir die Songs in einem unvoreingenommenen Rahmen ausprobieren wollten. Einfach mal rauskommen und sehen, wie das ist, wenn man in Berlin als unbekannte Band auf der Straße spielt.

Würdet ihr sagen, dass das Reeperbahn Festival in Hamburg im letzten Herbst der Band Fil Bo Riva einen großen Schub gegeben hat? Ihr habt an den vier Tagen vier sehr unterschiedliche Konzerte an sehr verschiedenen Orten (Mojo, Superbude, Molotow Backyard, St. Pauli-Kirche) gespielt…

Fil: Ja, sehr unterschiedlich. Unser Gig im Mojo Club war meiner Meinung nach der schönste, den wir je gespielt haben. Das ist der Club meiner Träume, genau die richtige Größe, genau das richtige Ambiente. Das Gefühl, das Licht, für mich hat da alles gestimmt. Und es waren so viele Leute da. Klar, auch Branchentypen die ein wirtschaftliches Interesse haben, aber eben auch viele, die echt für uns und unsere Musik da waren.

Wie war speziell der Auftritt in der St. Pauli-Kirche für euch? Ihr seid dort statt stripped down und acoustic zu spielen mit eurer ganz normalen Show aufgetreten.

Fil: Für mich war das genau wie alle anderen Konzerte, nur irgendwie lauter, halliger.

Felix: Alles halt irgendwie viel größer und fetter. Ein toller Abschluss.

Hat sich das nicht komisch angefühlt, mit euren Leoparden-Sakkos und euren sehr persönlichen Texten in einer Kirche zu spielen?

Fil: Schon. Ich bin christlich aufgewachsen. Ob man nun an Gott glaubt oder nicht ist ja egal, aber einen gewissen Respekt vor der Kirche als Ort habe ich früh mit auf den Weg bekommen. Ich fluche zum Beispiel auch nicht in Kirchen. Statt „fuck“ sage ich dann lieber „hell“… oh… nein, das vielleicht auch lieber nicht (lacht).

Felix: Die Leoparden-Jacken waren jedenfalls eher ein Gag. Unser Tourmanager hat die damals im Internet gefunden und gefragt, ob er uns die bestellen soll. Wir haben dann aus Spaß ja gesagt, er hat das aber wirklich durchgezogen. Und dann mussten wir sie natürlich auch anziehen (lacht). Inzwischen tragen wir sie nicht mehr.

Fil, du hast deine Erziehung gerade schon angesprochen. Du bist in Rom aufgewachsen. Auch dort geboren?

Fil: Ich bin in Pescara geboren, zwei Stunden von Rom entfernt. Eine Schande für die Familie. Die waren ganz schön angepisst: Alle aus meiner Familie sind in Rom geboren und ich durch einen Zufall in Pescara, weil wir für ein halbes Jahr dort gelebt haben damals. Heute sagen wir: Pescara gilt nicht. Ich bin auch Römer.

Deine Mama ist Deutsche, dein Papa Italiener. Wie bist du zu den anderen Stationen gekommen, über die man so viel liest? Dublin, Berlin?

Fil: Dublin ergab sich durch die Schule. Ich wollte total gerne in ein Internat dort, das, was die dort angeboten haben, klang damals total geil für mich. Nach Berlin bin ich dann zum Studieren gegangen, weil es dort vom Lebensstandart günstiger ist als in Rom.

Wie gefällt es dir in Berlin?

Fil: Puh. Es ist schon irgendwie schrecklich. Aber auch charmant. Dreckig. Als ich zum ersten Mal dort war, war es Winter. Perfekte Inspiration um traurige Songs zu schreiben.

Hat jeder deiner Orte, an denen du gelebt hast, für dich ein Gefühl von Zuhause inne?

Fil: Hmm. In Dublin war ich jetzt seit sieben Jahren nicht mehr. Es hat mir da sehr gut gefallen, ich habe viele Freunde dort, aber ich war lange nicht da. Rom hat das aber auf jeden Fall. Berlin schon durchaus auch.

Wie ist denn das bei Berlin dann doch noch gekippt? Hast du doch noch gelernt, die Stadt zu lieben?

Fil: Nein, ich liebe Berlin nicht. Es ist - sagen wir - eine Hassliebe. Es ist mir einfach zu schmutzig dort. Wenn ich einen anderen Job hätte, würde ich sofort woanders hinziehen. Aber wie ich schon sagte, mir ihrer deprimierenden Aura inspiriert mich diese Stadt auch ungeheuer. Im Sommer kann die Stadt auch wunderschön sein! Aber der Sommer in Berlin fängt nicht so an wie woanders, sondern erst wenn er es möchte. Darauf muss man manchmal sehr lange warten.

Reist du auch gerne?

Fil: Wenn es um Urlaub geht, reise ich sehr gerne. Um Konzerte zu spielen zu reisen habe ich früher gehasst. Inzwischen ist es aber etwas komfortabler für uns. Wir können uns jetzt auch mal ein kleines Hotel leisten, sind nicht mehr so darauf angewiesen, bei Freunden auf der Couch zu pennen. Dadurch können wir uns auf Tour auch mal kleine Auszeiten erlauben. Das macht es doch deutlich entspannter.

Hast du einen Lieblingsort auf der Welt?

Fil: Rom. Ganz klar. Immer und immer wieder Rom.

Ihr arbeitet gerade an eurem ersten Album. Fil, du hast vorhin gesagt, die Songs der EP hast du erstmal allein geschrieben. Wie ist das bei der Platte, seid ihr beim Entstehungsprozess der Songs gleichberechtigt?

Fil: Die Hälfte der Songs schreiben wir zusammen, die andere Hälfte mache ich alleine. Schon die letzten zwei Stücke, die für die EP entstanden sind, habe ich mit Felix im Proberaum weiter entwickelt, zum Beispiel „Killer Queen“.

Die fünf Stücke der EP sind nach einer gescheiterten Beziehung entstanden. Ist die für das Album noch Thema oder werden die Songs von anderen Dingen erzählen?

Fil: Das kann ich irgendwie schwer beurteilen. Ich schreibe immer über Liebe, andere Sachen erlebe ich nicht, mehr zu erzählen habe ich nicht. Und ich kann ja nur über die Sachen schreiben, die ich auch erlebe. Und gerade bin ich unterwegs und verliebe mich. Aber ich finde, die neuen Sachen klingen anders als auf der EP. Klingen besser! (lacht)

A propos klingen - Wie viele Leute haben dir eigentlich geschrieben: „Alter, du bist doch in Wirklichkeit Henning von AnnenMayKantereit“?

Fil: Viele, tatsächlich. Ich habe damals auch bei denen solo im Vorprogramm gespielt, Felix war nur zur Unterstützung dabei, wir hatten zusammen noch kaum geprobt. Da standen die aber selbst noch relativ am Anfang und machten so zum ersten Mal die Clubs mit 200 Leuten oder so voll. Ich war damals aber noch derartig aufgeregt vor den drei Konzerten, dass ich glaube ich live nur geschrieen habe und gar nicht gesungen, das haben nach den Konzerten auch viele aus dem Publikum so bestätigt. Da gab es glaube ich noch keine Verwechselungsgefahr. Ich hätte ansonsten auch sicherlich niemanden als Support geholt, wenn eine so große stimmliche Ähnlichkeit bestehen würde.

Typische Elternfrage: Was macht denn dein Studium als Produktdesigner? Läuft das noch?

Fil: Ja, ich stecke jetzt seit anderthalb Jahren in Urlaubssemestern, aber ich kann mir total vorstellen, dass ich wenn ich von der Musik eine Auszeit brauche, damit weiter mache bzw. es zu Ende bringe. Das ist ja auch eine künstlerische Betätigung für mich, das macht mir viel Spaß. Das gebe ich definitiv nicht auf.



Interview: Kristof Beuthner und Christina Schoh

Fotos: Juliane Spaete